17.12.1984

DDRSchwebender Geist

Eine westdeutsche Design-Ausstellung stößt in Ost-Berlin auf reges Interesse. *
Die ersten Besucher kommen schon morgens um halb neun, eineinhalb Stunden vor Einlaßbeginn. Am Nachmittag steht eine geduldige Menschenschlange 200 Meter weit vor dem Hochhaus des Internationalen Handelszentrums in Ost-Berlin, gleich neben dem Bahnhof Friedrichstraße.
So gern wollen DDR-Bürger eine Ausstellung aus der Bundesrepublik sehen, die den hochtrabenden Titel trägt: "Design: Vorausdenken für den Menschen".
Fast andächtig bestaunen die Besucher Hifi-Turm und Munddusche, das BMW-Motorrad K 100 oder eine Kaffeemaschine im Astronautenlook. "Da könn' unsre noch wat lernen", meint ein junger Mann im Parka, "det ist nich so piefig." Und seine Begleiterin bedauert: "Ankucken könn' wa, aba koofen is neese."
Dabei wirken die 180 Ausstellungsstücke, vom Rat für Formgebung in Darmstadt ausgewählt und vom Amt für industrielle Formgestaltung der DDR präsentiert, eher wie ein zusammengewürfeltes Sammelsurium kapitalistischer Produktionskunst. Da steht der Teppichkehrer neben zwei Schreibtischleuchten, der Fernseher neben einer Nähmaschine, ein hypermoderner Zahnarztstuhl hinter dem Personalcomputer. "Kenn' ick allet schon aus'm Westfernsehen", murmelt ein Besucher enttäuscht.
Vorgestellt werden die Segnungen westlicher Formgestalter obendrein mit Texten, deren Formulierung eher barock als neuzeitlich erscheint: "Schwingender Körper, schwebender Geist, federnder Stuhl, pulsierende Bewegung. Strahlende Erscheinung, stimulierendes Erlebnis, sphärische Transparenz, dynamische Intelligenz", verheißt eine Tafel - tatsächlich beschreibt sie einen Stuhl aus lackiertem Eisenrohr.
Wichtiger als das Vorzeigen futuristischer Quarzuhren oder Toaster ist denn auch der Ort der Ausstellung und ihr Zustandekommen. DDR-Staatssekretär Martin Kelm, Leiter des Amtes für industrielle Formgestaltung, wertet das ausdrücklich "als positiv, zumal in einer Zeit, da die internationale Situation zu ernster Sorge Anlaß gibt". So denkt auch Bonns Ständiger Vertreter in Ost-Berlin, Hans-Otto Bräutigam, über die Schau: "Die Tatsache, daß sie stattfindet, zeigt, daß politische Schwierigkeiten und Turbulenzen diese normalen Aktivitäten nicht mehr beeinträchtigen."
Wichtig ist die Ausstellung vor allem für DDR-Designer, die sich seit Jahren mühen, in der Gestaltung ihrer Produkte Anschluß an westliches Niveau zu finden. Die DDR-Wirtschaftsplaner sehen das ganz nüchtern: "Die Formgestaltung gewann beträchtlich an Bedeutung, und zwar vor allem auf Grund des steigenden Konkurrenzdruckes auf dem Weltmarkt, des harten Kampfes um Absatzmärkte" (Staatssekretär Kelm).
Ein Blick auf die eher biederen Produkte der staatseigenen Elektronik- oder Möbelindustrie, der Küchengeräte-Hersteller oder Textilien-Schneider in den staatlichen Läden und Kaufhäusern macht den Nachholbedarf der DDR deutlich. Dabei wurde schon Mitte der 70er Jahre das Amt für industrielle Formgestaltung gegründet, das den Produkten des Sozialismus zu besserem Aussehen, mithin auch höherer Nachfrage verhelfen soll.
Mittlerweile gibt es Filialen in Dresden, Erfurt, Halle, Karl-Marx-Stadt und Magdeburg, die Firmen ohne eigene Design-Abteilung beim Entwurf neuer Produkte beraten sollen. Zusätzlich verleiht das Amt ein Prädikat "Gutes Design", das heiß begehrt ist, weil die Hersteller für das ausgezeichnete Produkt höhere Gewinnspannen einkalkulieren dürfen.
371mal wurde der Adelstitel für gutes Aussehen bis Anfang 1984 verliehen. Besonders stolz sind die Designer auf die Entwicklung einer Gläserserie "Karat" der Lausitzer Glasproduzenten. Die modischen Trinkgefäße waren im Ausland so erfolgreich, daß die Firmenmanager die Preise gegenüber dem Vorgängermodell um 50 Prozent anheben konnten. Der kapitalistische Merksatz von Angebot und Nachfrage gilt auch im realen Sozialismus, jedenfalls für den Export.
Gute Form indes ist nicht das einzige Anliegen der staatlichen Produktgestalter. "Unsere Rohstoff- und Materialsituation ist bekannt, ebenso die Tatsache, daß wir nicht nach Herzenslust importieren
können. Das zwingt zu gewissen Konsequenzen", räumt Kelm ein. Und Klaus Walde, Abteilungsleiter der Staatsdesigner in Ost-Berlin, ergänzt: "Formgestaltung wird immer mehr zu einem ökonomischen Faktor."
So sehen die Erzeugnisse oft aus. Da sich in der DDR noch immer jeder Kühlschrank und jede Stereoanlage unabhängig von ihrer Gestalt verkaufen lassen, dominieren in den Entwurfsabteilungen Fragen der Materialeinsparung oder der günstigsten Fertigungsmöglichkeiten. "Wir sehen Design im volkswirtschaftlichen Gesamtrahmen", sagt zur Erklärung Michael Blank, Abteilungsleiter in Kelms Formenamt.
Was er damit meint, erläutert Blank an einem Beispiel aus der Automobilproduktion. "Der Kampf um den niedrigsten cw-Wert würde in der DDR nie geführt werden. Erstens darf man bei uns sowieso nur höchstens 100 Stundenkilometer fahren, und zweitens fährt man doch nur zu höchstens fünf Prozent mit Höchstgeschwindigkeit. Warum also sollten wir unsere Autos, etwa noch zu Lasten des Innenraums, besonders windschlüpfrig konstruieren?"
Vielleicht, weil's Energie sparen würde?
Wie sehr die Staatsgestalter manchmal mit ihren Produkten danebenliegen, macht eine Kritik der "Lausitzer Rundschau" an einer Stehlampe der "VEB Wohnraumleuchtenbau Berlin-Köpenick" deutlich. Die neue Lampe, "ein gebogener Metallbügel und oben dran übereinandergesetzt drei Blechteller", wird, so fürchten die Redakteure, "wegen fehlender Käufer noch sehr lange im Angebot des Handels zu finden sein".
Immerhin habe die Leuchte auch einen Vorteil: Sie sei "ungeheuer energiesparend", denn "den Anblick dieses Lampenunikums erträgt man am besten bei totaler Finsternis".

DER SPIEGEL 51/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DDR:
Schwebender Geist

  • Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus
  • Nahende Buschfeuer: Sydney versinkt im Rauch
  • Finnlands neue Ministerpräsidentin: "Denke nicht an Alter oder Geschlecht"
  • Mögliches Impeachment gegen Trump: "Er hat seinen Eid gebrochen"