11.03.1985

OPTIKERSchnell wieder trüb

Ein Brillengroßhändler sorgt für Aufregung unter den Optikern - er ließ seine Ware vom TÜV prüfen. *
Die Idee war ungewöhnlich, der Erfolg erstaunlich: Brillengroßhändler Manfred Schermuly aus Wetzlar ließ seine Waren vom TÜV testen.
Die Prüfer gingen gründlich zu Werke. Sie sprühten 240 Stunden lang trübe Salznebel auf die Brillen, die Schermulys Vertriebsfirma Argenta Optik ihnen überließ. Sie benetzten die Gestelle mit künstlichem Speichel und Schweiß, verdrehten Scharniere und Bügel und warfen die Brillen aus 1,80 Meter Höhe auf harten Boden.
Alle getesteten Modelle der "Collection Charme" überstanden die Tortur. Der TÜV Hessen verlieh ein Prüfzeichen, und Schermuly machte damit Reklame. Seither gibt es Krach in der Branche.
Das "TÜV-Siegel", wetterte Landesinnungsmeister Heinz Kessler, würde alle anderen Fassungen abwerten. Überdies könne ja jedes Produkt, "sei es ein Plastikpapierkorb oder ein Rasenmäher", ein solches Prüfzeichen bekommen.
Kaum auszudenken, wenn sich nun jeder Hersteller oder Großhändler "seinen eigenen TÜV" zulegen würde, assistierte Engelbert Rünz vom Arbeitskreis Brillenfassungen im DIN-Normenausschuß. Und überhaupt, so rüffelte Rünz den TÜV: "Woher haben die Prüfingenieure ihre Fachkenntnisse über Brillenfassungen?"
Der Düsseldorfer Zentralverband der Augenoptiker (ZVA) verfaßte eine Resolution: Die Aktion sei "unseriös", befand der Vorstand einstimmig. Verbraucher würden irregeführt, Optiker verunsichert, und der Wettbewerb werde verzerrt.
Das war noch lange nicht alles. Nun meldeten sich Verbandsjuristen und Abmahnhaie. Eine "Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs" schickte Schermuly eine Strafandrohung samt Kostenrechnung über 5160 Mark ins Haus.
So hatte sich Marketing-Fachmann Schermuly den Einstieg in die Branche nicht vorgestellt, als vor vier Jahren die Argenta Optik gegründet wurde. Er hatte übersehen, daß sich das Optiker-Gewerbe schon immer verbissen gegen Neuankömmlinge auf dem Markt gewehrt hat. Billiganbieter wie das Versandhaus Quelle, der Hamburger Branchenschreck Fielmann oder der Landauer Preisbrecher Werner Saipt hatten das bereits zu spüren bekommen.
Schermuly wollte auch gar nicht mit Billigware dabeisein. Die Mehrzahl der Optiker handelt in einem nahezu konkurrenzlosen Markt, das hatte der Hesse weitsichtig erkannt; die Gewinnspannen sind stattlich. So lieferte Schermuly gediegene Gestelle "made in Germany" aus der Schmuckstadt Pforzheim.
Daß der Brillenverband nun gar gegen teure Qualitätsware angeht, mochte Schermuly zunächst gar nicht glauben: "Ich war völlig überrascht."
Tatsächlich orientiert sich das Gewerbe - ähnlich wie Apotheker - eher an Standesregeln als an Marktgesetzen. Jede Transparenz im Wettbewerb, das ist fast schon ein optisches Gesetz, wird schnell wieder trüb.
Die Optiker nämlich verkaufen nicht nur gern teure Modelle, sondern oft genug auch Pfusch. Als einmal die Staatliche Materialprüfungsanstalt der Universität Stuttgart zehn ausgewählte Kassenbrillen testete, zeigten sieben davon "gravierende Mängel".
Es waren fast ausschließlich Fassungen, die von der Leistungsgemeinschaft Deutscher Augenoptiker stammten. Schlagzeilen verbreiteten das Ärgernis: "Brillen rosten auf der Nase."
Gerade deshalb aber erscheint vielen Optikern der Kampf ihres Düsseldorfer Verbandes gegen den forschen Wetzlarer Neuling recht widersinnig. Sie verstehen das TÜV-Zeichen als eine Chance, ihr angekratztes Bild in der Öffentlichkeit wieder blank zu putzen. Als "eine wohltuende neue Tendenz" lobte das Fachblatt "Optikerbericht" den TÜV-Test.
Ähnlich urteilten nach einer Umfrage des Branchendienstes "markt intern" die meisten Optiker. Schermulys Vorstoß sei "ein Ansatz, an dem sich andere Lieferanten ein Beispiel nehmen können" - 81 Prozent der Befragten begrüßten
die TÜV-Prüfung für Brillengestelle. Einige hängten eine Argenta-Urkunde in ihren Laden: "Dieser Meisterbetrieb führt TÜV-geprüfte Brillenfassungen."
So bestärkt, zog Schermuly vor das Limburger Landgericht und verbat sich die Abmahnerei. Jetzt gewann er den Prozeß.
Den Düsseldorfer Standesverband hat das Urteil indes kaum beeindruckt. Nun warnen die Verbandsanwälte ihre Mitglieder, die mit der Urkunde von Argenta und dem Prüfzeichen werben. Aus dem Gerichtsurteil sei nämlich auch abzulesen, daß diese Werbung durchaus "Irrtümer erregen" könne.
Beim Verbraucher würde der Eindruck entstehen, so hatten die Richter in der Tat gemeint, daß alle Brillen in einem Geschäft, das mit dem TÜV-Zeichen werbe, geprüft seien. Unter dem Schutzschild des Qualitätszeichens von Argenta könnte mancher Optiker auch brüchige und rostende Ramschware von anderen Anbietern absetzen.
Das aber will Schermuly nicht: "Dann mache ich ja noch für meine übermächtige Konkurrenz Reklame."

DER SPIEGEL 11/1985
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