11.03.1985

ARBEITSZEITHeißeste Runde

Die Unternehmen der Metallindustrie wehren sich gegen einheitlich verkürzte Arbeitszeiten - mit wechselndem Erfolg. *
Jeden Freitag, 13 Uhr, greifen die Tarifexperten in den Bezirksleitungen der IG Metall zum Telephon - alle gleichzeitig. Eine Stunde lang sind sie dann über eine Konferenzschaltung mit der Zentrale in Frankfurt verbunden.
Dort sitzt Hans Janßen in seinem Vorstandsbüro und wartet auf die Meldungen
von der Basis. Woche für Woche will Janßen, im Vorstand der IG Metall für Tarifpolitik zuständig, genau Bescheid wissen, wie die Kollegen in den Betrieben die kürzeren Arbeitszeiten durchgesetzt haben.
Im Juni vergangenen Jahres war der neue Tarifvertrag unterzeichnet worden. Doch nach sieben Wochen Streik und Aussperrung hatten sich die Gewerkschafter mit den Arbeitgebern nur auf ein schwammig formuliertes Rahmenabkommen einigen können.
Danach soll vom 1. April an die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit 38,5 Stunden betragen. Sie kann aber auch für einzelne Arbeitnehmer oder ganze Abteilungen anderthalb Stunden über oder unter diesem Schnitt liegen. Einzelheiten sollen die Firmenchefs mit den Betriebsräten aushandeln.
Damit wurde die heißeste Tarifrunde seit Bestehen der Bundesrepublik vom Verhandlungstisch in die Betriebe verlagert. Zum ersten Mal war keine feste Arbeitszeit vereinbart worden, die für jeden der gut drei Millionen Metaller in den rund 10 000 Betrieben gilt. Wer wie lange arbeitet und wie das Unternehmen auf durchschnittlich 38,5 Stunden in der Woche kommt - darüber muß in der Mehrzahl der Fälle noch geredet, gefeilscht und gestritten werden.
Der Streit um die Arbeitszeit ist zum Glaubenskrieg zwischen Gewerkschaftern und Arbeitgebern geworden. Die einen reden, als ginge es um die Zukunft der Arbeiterbewegung, die anderen führen sich auf, als stünde die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auf dem Spiel.
Im Kern geht es dabei nur um eine Frage: Was verhilft den Arbeitslosen - inzwischen 2,6 Millionen - wieder zu Jobs? Die IG Metall möchte die Unternehmen zwingen, neue Leute einzustellen. Wenn ein Teil der Arbeitnehmer deutlich kürzere Arbeitszeiten hat, dann können - so das Gewerkschaftskalkül - Schwankungen in der Auftragslage nicht so leicht durch Entlassungen oder durch Mehrarbeit ausgeglichen werden.
Die Arbeitgeber dagegen wehren sich gegen allzu straffe Zeitpläne. Nur in Unternehmen, die flexibel auf die Auftragslage reagieren könnten, gäbe es Chancen für Neueinstellungen.
Die IG Metall, meint Vorstandsmitglied Janßen, hielte sich bei der Auseinandersetzung um die Arbeitszeitverkürzung in den Betrieben "besser als erwartet". Gut 90 Prozent der Metaller werden nach Janßens Strichliste von April an einheitlich 38,5 Stunden in der Woche arbeiten. Nur in 29 von 359 Unternehmen, deren Betriebsvereinbarungen bei der IG Metall registriert sind, haben die Arbeitgeber unterschiedliche Arbeitszeiten zwischen 37 und 40 Wochenstunden durchsetzen können.
Viele Firmen machen es sich - zum Ingrimm der Arbeitgeberfunktionäre - ganz einfach. Um Ärger zu vermeiden, halten sie sich an eine der drei von der IG Metall empfohlenen Mustervereinbarungen.
Selbst Unternehmer, die schon des guten Beispiels wegen die neuen Freiheiten bei der Arbeitszeit voll ausschöpfen müßten, haben das in ihren eigenen Betrieben nicht geschafft. Robert Lavis zum Beispiel, Vorsitzender der hessischen Metallarbeitgeber und Inhaber einer Stahlbau-Firma in Offenbach, hat sich mit seinen 500 Beschäftigten auf einheitlich 38,5 Stunden verständigt.
Noch peinlicher ist für die Arbeitgeber, daß nicht mal ihr Vizepräsident und Chefunterhändler in seinem Unternehmen flexible Arbeitszeiten durchgedrückt hat. Gerhard Müller mußte als Generalbevollmächtigter der Drägerwerk AG in Lübeck die 38,5-Stunden-Woche für jeden Mitarbeiter akzeptieren. "Eine phantastische Leistung des Betriebsrats", lobt Metaller Janßen.
Dieter Kirchner, Hauptgeschäftsführer bei Gesamtmetall, ist entsprechend vergrätzt. Es sei ein "Mangel an Phantasie", wenn es ein Unternehmer nicht schaffe, dem Betriebsrat flexible Arbeitszeiten schmackhaft zu machen.
In einigen Großbetrieben haben die Manager bereits gezeigt, was mit Phantasie
zu schaffen ist. Bei Daimler-Benz etwa einigten sich Personalvorstand Manfred Gentz und Betriebsratsvorsitzender Herbert Lucy bereits im Herbst über eine großzügig bemessene Vorruhestandsregelung für ältere Mitarbeiter.
Im Februar verständigten sich Gentz und Lucy dann darauf, daß 87 Prozent der Belegschaft 38,5 Stunden arbeiten sollen; etwa sechs Prozent, Führungskräfte bis runter zum Meister, werden bei 40 Stunden bleiben. Der Rest soll freiwillig auf 37 Stunden gehen.
Auch bei Bosch in Stuttgart und bei BMW in München wurden die Betriebsräte mit Vergünstigungen für ältere Mitarbeiter gelockt. Bei Bosch brauchen die 58jährigen künftig fürs gleiche Geld nur noch 37 Stunden zu arbeiten. "Das konnten wir uns doch nicht entgehen lassen", meint Betriebsratsvorsitzender Richard Rau.
Bei BMW arbeiten 1336 Beschäftigte über 55 Jahre nur noch 38 Stunden, 653 über 58 Jahre nur noch 37 Stunden in der Woche (siehe Graphik Seite 69). Dafür bleibt in der Führungsschicht und in den Entwicklungsabteilungen bei Bosch und BMW alles beim alten. Beide Firmen kommen deshalb mit einigen hundert Neueinstellungen aus.
Bei BMW hat sich das Management noch etwas anderes ausgedacht, um die Kosten des neuen Tarifvertrages möglichst gering zu halten: Die Brotzeitpausen werden zu einem Drittel auf die Arbeitszeitverkürzung angerechnet. Statt neun kommen dadurch nur noch sechs Freischichten im Jahr zusammen.
Rabiat macht der Computer-Hersteller IBM einen Teil der Arbeitszeitverkürzung wieder wett. Der Sonderurlaub für längergediente Angestellte wurde einfach gestrichen.
Mit einem "üblen Trick" operiert nach Ansicht der Stuttgarter IG Metall der Verband der Metallindustrie Baden-Württemberg (VMI). Etwa 90 000 Metaller in Drei-Schicht-Betrieben sollen überhaupt keine kürzere Arbeitszeit erhalten, weil sie nämlich jetzt schon zum Ausgleich für die Wechselschicht weniger als 38,5 Stunden arbeiten. So vermeiden die Arbeitgeber höhere Kosten.
Das sei ein "unwürdiges Spiel", was VMI-Vorsitzender Hans Peter Stihl mit den Schichtarbeitern inszeniere, meint Bezirksleiter Ernst Eisenmann. Das werde in den Betrieben noch "zu großer Entrüstung" führen.
In manchen Betrieben - in Zweigwerken von Krupp und Bosch, bei Olympia, bei Orenstein & Koppel - ist Entrüstung bereits laut geworden. Es gab Warnstreiks, weil die Beschäftigten mit den Flexibilisierungsplänen ihrer Chefs nicht einverstanden waren.
Die Beschäftigten sperren sich vergebens. Schließlich hat die IG Metall die Flexibilisierung durch den neuen Tarifvertrag akzeptiert. Danach sollen die Maschinen weiterhin 40 Stunden in der Woche laufen, auch wenn die Arbeitnehmer nur noch 38,5 Stunden damit arbeiten.
Auf diese Weise wollte die Gewerkschaft Neueinstellungen erzwingen. Es sollte vermieden werden, daß den Beschäftigten die gleiche Leistung in 38,5 statt 40 Stunden abgefordert wird.
Wie leicht das geht, hat die IG Metall selbst vorgeführt. Vom April an gilt nämlich die 38,5-Stunden-Woche auch für die 2500 Beschäftigten der Gewerkschaft. Donnerstags können dann die 570 Angestellten der Vorstandsverwaltung in Frankfurt ihre Büros eine halbe, freitags eine ganze Stunde früher verlassen.
Neue Mitarbeiter aber werden nicht eingestellt.
[Grafiktext]
BMW DAS NEUE BMW-MODELL Von den 38 587 BMW-Beschäftigten arbeiten vom 1. April 1985 an pro Woche 40 Stunden Mitarbeiter: aus den Bereichen Entwicklung und Technik 38 Stunden im Alter von 55 Jahren bis unter 58 Jahren 37 Stunden im Alter von 58 Jahren und älter 38,5 Stunden Normalschicht und Angestellte 38,5 Stunden Wechselschicht
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 11/1985
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