08.04.1985

ENERGIEWohin damit?

Münchens SPD-Oberbürgermeister Kronawitter müht sich vergeblich, die Stadt vom teuren Atomstrom abzukoppeln. *
Diesmal war alles ganz anders: Der Vorstand des Stromkonzerns Bayernwerk AG, der bei jeder Gelegenheit die Atomenergie preist, wollte vom gelobten Strom nichts wissen. Mehr Kernkraft, so die Manager, könnten sie nicht gebrauchen, "nicht einmal geschenkt".
Die barsche Abfuhr galt einem Angebot der Stadt München. Oberbürgermeister Georg Kronawitter hatte mit dem Bayernwerk, dem Bauherrn des Kernkraftwerks Isar 2, ins Geschäft kommen wollen: Die Landeshauptstadt offerierte dem Stromproduzenten ihren 25prozentigen Anteil an dem Atommeiler, der 1989 ans Netz gehen soll.
Das Nein des Bayernwerks blieb nicht die einzige Absage. Wo immer Kronawitter auch vorsprach, stieß der Sozialdemokrat auf Ablehnung. Ihre Planungen seien so abgestimmt, erklärten die Isar-Amperwerke, daß "jedes Mehr an Leistung" nicht zu verkraften sei. Auch die Lech-Elektrizitätswerke sträubten sich gegen "eine Leistungsmehrung".
"Ein Ausstieg aus dem Atomprojekt", stellte Kronawitter am Ende resigniert fest, "ist nicht möglich."
Da war es seinem Parteifreund Klaus von Dohnanyi in Hamburg noch besser ergangen. Der hatte im vorigen Jahr seine Beteiligung am Kernkraftwerk Brokdorf teilweise verkaufen können.
Der Fall Isar 2, wie zuvor schon Brokdorf, ist ein Paradebeispiel für das Dilemma, in dem sich die Kommunen als Großkunden der E-Werke heute befinden: Sie müssen gemäß alten Verträgen mehr Strom abnehmen, als sie benötigen.
Das Grundübel der verzwickten Situation: Die Stromkonzerne verfügen über stattliche Überkapazitäten. Rund ein Drittel der vorhandenen Kapazitäten von über 85 000 Megawatt ist Reserve und wird nicht einmal bei strengem Frost wie zu Jahresbeginn benötigt.
Mit Horrorszenarien von ausgehenden Lichtern und abgeschalteten Fabriken hatten die Manager in den siebziger Jahren eine drohende Versorgungskatastrophe prophezeit. Sie setzten damit im ganzen Land ehrgeizige Atomkraft-Projekte durch.
Für die Fehlplanungen der Elektrizitätskonzerne müssen nun, wie auch das Beispiel München zeigt, die Verbraucher einstehen. Denn für Strom gelten nicht die Gesetze der Marktwirtschaft. Die Energie aus der Steckdose wird durch Überfluß nicht billiger - im Gegenteil. Die wenigen, den Markt beherrschenden Konzerne drückten sogar beträchtliche Verteuerungen durch.
Für den Preisauftrieb ist, wie eine Forschungsgruppe für die Stadt München analysierte, der unkontrollierte
Ausbau der Atomenergie verantwortlich. Bayerns Landeshauptstadt müsse, rechneten die Wissenschaftler aus Freiburg, Münster und Zürich vor, für den Strom aus Isar 2 jährliche Mehrkosten, einschließlich Entsorgung, von über 500 Millionen Mark einkalkulieren.
Viel Geld für Energie, die nicht benötigt wird. Wenn München Ende des Jahrzehnts an das Kraftwerk in Ohu bei Landshut angeschlossen wird, hat die Isarmetropole rund ein Drittel zuviel Strom. Münchens SPD-Fraktionschef Dietmar Keese beklagt den teuren Überfluß: "Wo sollen wir damit hin?"
München wird mit dem Einschalten des Reaktors in Ohu, so prophezeien die Gutachter, "rund ein Drittel Strom im Netz haben, der wesentlich teurer ist" als der aus den bisherigen Bezugsquellen.
Der Atomstrom aus Isar 2 wird laut der Studie inklusive Entsorgung im günstigsten Fall zu einem Einkaufspreis von 30,97 Pfennig je Kilowattstunde zu haben sein. Bei einem Alternativ-Programm ohne den Strom aus Ohu könnte der Preis hingegen auf 13,90 Pfennig gedrückt werden.
Voraussetzung dafür allerdings wäre, daß die Stadtwerke den Ausbau von Heizkraftwerken vorantreiben. Solche Fabriken liefern neben Strom auch noch Wärme für die Zentralheizungen in Büros und Wohnungen. In München gibt es schon heute eine Reihe von Heizkraftwerken. Ihre Zahl reicht aber für eine alternative Versorgung nicht aus.
Ein weitgehend aus kleineren Heizkraftwerken bestehendes Versorgungssystem hätte nach Meinung der Gutachter den Vorteil, daß es jederzeit vorübergehend abzuschalten ist. Dann könnte München "in viel stärkerem Maße von den äußerst billig im europäischen Netz angebotenen Stromüberschüssen im Sommerhalbjahr profitieren".
Atommeiler hätten dagegen einen Fixkostenanteil von über 60 Prozent. Anders ausgedrückt: Sie sind teuer, gleichgültig ob viel oder wenig Strom fabriziert wird. Für eine flexible Einkaufspolitik seien diese Stromerzeuger deshalb nicht geeignet.
Auch aus Gründen der Luftverschmutzung, so meinen die Wissenschaftler, ist es für die Münchner schlecht, daß sie den Strom aus Ohu nehmen müssen. Wohnungen nämlich, die mit dem Atomstrom beleuchtet würden, brauchten ihre Ölheizung zum Wärmen.
Beim Ausbau eines alternativen Kraftwerksprogramms hingegen hätten in München rund 130 000 Wohnungen an bestehende und noch zu errichtende Fernwärmenetze angeschlossen werden können. Emissionen durch Hausbrand, die den Anteil von Kohlenmonoxid und Kohlenwasserstoffen in der Luft um bis zu 30 Prozent erhöhen, wären dann weggefallen.
Gegen ein derart umweltfreundliches Stromprogramm sperren sich aber die Münchner Stadtwerke. Weil sie zusammen mit dem Bayernwerk vor Jahren schon voll auf Kernkraft setzten, sind ihre Konzepte auf Isar 2 fixiert.
Von den Stadtwerken würde, vermutet daher die Münchner SPD in einem Energiepapier, die sinnvolle Nutzung bereits vorhandener Kraftwerke "hintertrieben".
Aufschlußreich für die Strategie der Stadtwerke erscheint den Sozialdemokraten, wie über die weitere Verwendung von zwei innerstädtischen Kohlekraftwerken entschieden werden soll. Mit der Prüfung beauftragt wurde "ausgerechnet der Erbauer von Isar 2", die Siemens-Tochter Kraftwerk Union (KWU). Da passe ins Bild, meinen Sozialdemokraten und Gutachter, wie die Stadtwerke mit dem Bayernwerk und der KWU bei der Kostenrechnung für Isar 2 zusammenspielten. Die Stadt sei dabei vermutlich von dem Trio ausgetrickst worden.
So habe die KWU für Isar 2 nur eine Bauzeit von sechs Jahren zugrunde gelegt. Bei Atomkraftwerken dieser Größenordnung müsse dagegen bis zur Fertigstellung mit "acht und mehr Jahren" gerechnet werden.
Mit der knappen Bauzeit und den damit niedrigen Kosten habe man die Stadt München als Gesellschafter und Großkunden ködern wollen.
Genauso geschah es: München hatte gerade unterschrieben, da schnellten die Kosten in die Höhe. Bereits in der fünfjährigen Planungsphase bis 1982 stieg der Kostenanteil der Stadt von 840 Millionen Mark auf 1,274 Milliarden
Mark. Bezahlen muß die Mehrkosten am Ende der Stromkunde.
Die Studie habe klar gezeigt, will Mitautor Jürgen Franke ermittelt haben, daß die Kernenergie "nur einen gewichtigen Vorteil" habe - nämlich "eine stattliche Gewinnspanne für Stromkonzerne und Baufirmen".

DER SPIEGEL 15/1985
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