11.03.1985

VIDEOWeit vorn

Die Kameras werden leichter, die Kassetten kleiner - mit einem neuen Video-System will Sony neue Käufer gewinnen. *
Jahrelang lief der Trend gegen Sony: Die Käufer von Videorecordern, die unter drei Systemen wählen können, entschieden sich vor allem für die Konkurrenz, die VHS-Geräte. Sonys Betamax sowie das europäische Video 2000 fielen weit zurück.
Nun soll der Markt neu aufgeteilt werden. Sony, einer der führenden japanischen Elektronikhersteller, möchte in Europa verlorenes Terrain zurückgewinnen - über ein viertes Videosystem.
"Mit großem Bahnhof" will Jack Schmuckli, Geschäftsführer der Sony Deutschland, am 21. März den deutschen Videofreunden eine Kamera mit
greifbaren Vorzügen vorstellen: Sie ist besonders leicht, die Kassetten sind besonders schmal, kaum größer als Tonbandkassetten.
Die Kamera, die schon Ende April zu haben sein wird, wiegt betriebsbereit nur 2,3 Kilogramm, ein Kilo weniger als das bisher leichteste vergleichbare Sony-Gerät, die Betamovie. Das verwendete Magnetband ist nur noch acht Millimeter breit, während die gängigen Videokassetten stets noch Bänder von einem halben Zoll (12,7 Millimeter) Breite benötigen. Dennoch soll die Kassette bis zu 90 Minuten laufen.
Das Gerät, mit einem Monitor zur Kontrolle der Aufzeichnung ausgestattet, wird etwa 4000 Mark kosten. Es soll später durch einen Tuner (rund 600 Mark) ergänzt werden, damit die Käufer des neuen Systems auch Fernsehfilme auf Acht-Millimeter-Kassetten aufzeichnen können.
Mit dieser Entscheidung wagt sich Sony weit vor. Zwar wurde die Norm für die Acht-Millimeter-Kassette bereits vor zwei Jahren von 122 Firmen aus aller Welt als künftiger Videostandard beschlossen. Doch die Einführung des neuen Systems wurde immer wieder verschoben.
Nur die amerikanischen Photofirmen Kodak und Polaroid, die auf ihren angestammten Märkten mit immer größeren Absatzschwierigkeiten zu kämpfen haben, setzen sich - bisher allerdings ohne nennenswerten Erfolg - für die neue Technik ein. Die Photofirmen, so Schmuckli, "haben mit dem Video-Acht-Format nichts zu verlieren, sondern alles zu gewinnen."
Mit Argwohn dagegen verfolgen die Hersteller des international führenden VHS-Formats die jüngste Entwicklung. Vor allem der Matsushita-Konzern, zusammen mit seiner Tochterfirma JVC der bedeutendste Recorderhersteller der Welt, sorgte durch seine Modellpolitik dafür, daß der Start der Acht-Millimeter-Bänder immer wieder verzögert wurde.
Erst brachten die JVC-Techniker für die Hobby-Filmer eine stark verkleinerte Kassette heraus (VHS-Compact), die nur über einen Adapter auf dem VHS-Recorder abzuspielen ist. Dann bot Matsushita eine Kamera an, die gleichzeitig als Recorder für normale VHS-Kassetten verwendet wird.
Dadurch wurde auch für die Videokamera eine Spieldauer von vier Stunden möglich; bei der Compact-Kassette waren es nur 30 Minuten. Matsushita zeigte deshalb immer weniger Interesse an der Acht-Millimeter-Norm.
Die Sony-Leute dagegen, die zuwenig Lizenzen für ihr Beta-System vergeben hatten, verloren immer mehr an Marktanteilen. Nicht einmal jeder zehnte im vergangenen Jahr in Deutschland verkaufte Videorecorder arbeitete mit der Sony-Technik. "Auf dem europäischen Videomarkt", räumt inzwischen auch Schmuckli ein, "haben wir einige Probleme."
Sony möchte jedoch nicht einfach zu dem erfolgreichen VHS umschwenken, wie es die gleichfalls abgeschlagenen Konkurrenten Philips, Grundig, Sanyo und Toshiba getan hatten. So sahen die Sony-Manager keinen anderen Ausweg, als in die Offensive zu gehen.
Jetzt sollte, so Sony-Präsident Norio Ohga am 8. Januar in Tokio, "eine neue Ära in der Videounterhaltung zu Hause" beginnen. Schon 14 Tage später war das Gerät für die neue Ära, die Acht-Millimeter-Kamera, in Japan zu kaufen.
Mit der neuen Kamera habe Sony, so die Japaner, auf Anhieb neue Käuferschichten erschließen können. Jeder zweite Käufer habe bisher entweder überhaupt keinen Videorecorder besessen oder ein Modell der Konkurrenz bevorzugt.
Um die angeblich rasch steigende Nachfrage befriedigen zu können, hat Sony bereits seine Produktionskapazität ausgeweitet - von zunächst 30 000 auf nun 40 000 Geräte pro Monat. Zum Jahresende sollen bereits 80 000 bis 100 000 Video-Acht-Kameras vom Band gehen. Sony will gleichzeitig die bisher angebotenen Beta-Recorder weiter produzieren. "Solange es die Halb-Zoll-Technik gibt", behauptet Schmuckli, "stellen wir Beta garantiert nicht ein."
Das macht vorerst auch Sinn. Denn noch steht das neue System recht wacklig da. Ohne eine größere Zahl von Systempartnern läßt sich eine neue Videotechnik nicht durchsetzen - wie Sony ja im Falle Betamax erfahren mußte.
Den Bandherstellern fällt es am leichtesten, in die neue Technik zu investieren. Außer Sony werden in den nächsten Monaten alle bekannten Marken wie TDK und Maxwell (Hitachi), Agfa oder BASF mit der neuen Norm dabeisein.
Schwerer tun sich dagegen die Gerätehersteller. Bislang hat kein Elektronickonzern erkennen lassen, daß er bald Kameras und Aufzeichner für die neue Bandbreite anbieten will. "Wir sehen in den nächsten Jahren", so heißt es lakonisch beim Marktführer Matsushita, "keinen Bedarf für Acht-Millimeter-Video."
Sony-Manager Schmuckli demonstriert inzwischen Optimismus. Er will schon zur Berliner Funkausstellung im Herbst einen Acht-Millimeter-Recorder für drei Stunden Spielzeit präsentieren. "Bis 1990", so Schmuckli, "hat sich Video-Acht als Weltstandard etabliert."
Mag sein. Aber die Entscheidung fällt nicht bei Sony in Köln, sondern bei Matsushita in Osaka. _(Zum Vergleich: rechts herkömmliche ) _(Musikkassette. )
Zum Vergleich: rechts herkömmliche Musikkassette.

DER SPIEGEL 11/1985
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