11.03.1985

DDRPositiver Ansatz

Ein Erdbeben wurde zum deutschdeutschen Politikum. *
Um 14.17 Uhr geschah es: Schornsteine wackelten, Mauern rissen, Bilder schaukelten an den Wänden, Blumenvasen fielen um - zehn Sekunden lang bebte die Erde, vor allem im westlichen Deutschland.
Das Lufthansa-Hochhaus in Köln (95 Meter hoch) geriet derart ins Schwanken, daß es geräumt werden mußte. Im 39 Stockwerke hohen Universitätsturm in Frankfurt stürzten Akten aus den Regalen und sprangen Türen auf. Etwa 1000 Universitätsbedienstete und Studenten mußten das Gebäude zu Fuß verlassen, die Fahrstühle waren ausgefallen.
Seismographen erwiesen sich als unbrauchbar: Die Nadeln waren aus der Halterung geschlagen. In einer Brauerei in Peine schwappte das Bier plötzlich zentimeterhoch in den Bottichen.
Noch heftiger ging es im Zentrum des Bebens zu, im deutsch-deutschen Grenzgebiet an der Werra, wo auf beiden Seiten, bis zu 900 Meter tief unter der Erde, Kalisalze abgebaut werden. Im westdeutschen Philippsthal wurde ein Schornstein gespalten, in Bebra und in der Kirche von Ausbach gab es Wandrisse. Verängstigt liefen Menschen ins Freie. Und die Bewohner von Ransbach glaubten, "daß der Berg zusammenbricht".
Das Beben am 23. Juni 1975 erreichte auf der 12stufigen Mercalli-Skala den Grad sieben bis acht: "sehr stark, Menschen rennen auf die Straße, Zerstörungen an Häusern beginnen". Es war, so der Kölner Geologieprofessor Ludwig Ahorner, "für deutsche Verhältnisse beachtlich" - beachtlich sind bis heute auch die Folgen dieses Ereignisses.
Westdeutsche Erdbebenforscher dachten damals gleich, wie die Ransbacher, an einen "Gebirgsschlag", an einen Einsturz im Kalibergbau. Sie gaben die Vermutung aber bald wieder auf, weil ihnen die Erschütterungen für einen Hohlraumeinsturz zu heftig erschienen - voreilig.
Denn heute sehen westdeutsche Geologen, dank genauerer Kenntnisse, im ostdeutschen Kalibergbau den Auslöser des Bebens. Beim Abbau der Salze, aus denen Kali für Düngemittel gewonnen wird, entstehen unter Tage kilometerlange Flöze. Um einen Einsturz zu verhindern, läßt die westdeutsche Kali und Salz AG hüben etwa 35 Prozent des Salzes als Pfeiler stehen. Das VEB Kombinat "Kali" drüben beutet mehr aus; dort bleiben nur 18 bis 20 Prozent als Stützmasse zurück.
An jenem 23. Juni wurde in der DDR-Grube bei Sünna mittags, zum Schichtwechsel, gesprengt - kurz darauf brach der Berg zusammen. 1800 Pfeiler waren in einer Kettenreaktion zu Bruch gegangen, auf einer Fläche von 3,3 Quadratkilometern krachte das Deckgebirge ein.
Die Wellen dieses Gebirgsschlags wurden noch in Kölner oder Frankfurter Hochhäusern als Erdbeben empfunden. Nachträgliche Berechnungen in Westdeutschland ergaben, daß ein solcher Einsturz exakt die registrierten Erschütterungen ergibt. "Dennoch", sagt Ludwig Ahorner, "haben wir keinen juristisch einklagbaren Beweis, daß es so war."
Die DDR sah denn auch alles ganz anders. Sie leugnete nicht nur jede Verantwortung, sondern drehte den Spieß um und erklärte, die westdeutsche Kali und Salz AG sei dafür verantwortlich. Anders als der DDR-Betrieb, der zum Ärger der Umweltschützer die stark salzhaltigen Endlaugen einfach in die Werra leitet, versenkt die Kali und Salz AG diese Abwässer im porösen Gestein. Das, so die DDR-Argumentation, habe zu Verschiebungen im Gebirge geführt, die schließlich das Beben ausgelöst hätten.
Zwei Jahre verhandelten Bundesrepublik und DDR, auf Wunsch Ost-Berlins vertraulich, über die Verantwortlichkeiten, sieben Verhandlungsrunden lang stand Meinung gegen Meinung. "Es war", erinnert sich ein Teilnehmer, "alles ziemlich unerfreulich."
Weil das Problem nicht zu klären war, ließen Ost- und Westdeutsche das Thema erst einmal ruhen. Drei Jahre später machten sie einen neuen Anlauf - diesmal mit "positivem Ansatz" (so ein Bonner Unterhändler).
Die Bonner klammerten, um weiteren unfruchtbaren Streit zu vermeiden, die Schuldfrage aus und schlugen der DDR vor, sich lieber darüber zu verständigen, wie sich derlei Katastrophen künftig vermeiden ließen - und zugleich die deutsch-deutsche Umweltqualität verbessert werden könnte: Sie wollten Fortschritte bei der Entsalzung der Werra.
Sekunde für Sekunde transportiert der Fluß 152 Kilogramm Salz über die Grenze. 19 Kilogramm kommen hier noch
einmal dazu, auch die westdeutsche Bergbaufirma leitet einen Abwasserrest in das Gewässer, in dem je nach Wasserstand bis zu 40 Gramm Salz pro Liter gemessen werden (Nordsee: 18 Gramm).
Längst ist die Werra ein toter Fluß. Süßwasserarten können in der Lake nicht überleben. Tonnenweise starben die Fische in den letzten Jahren. Aber auch Salzwasserfische konnten nicht angesiedelt werden - an Feiertagen sinkt der Salzpegel rapide. Und zur Trinkwasseraufbereitung taugt der Weser-Quellfluß schon gar nicht: Dann dürfte er nur 0,2 Gramm Salz pro Liter enthalten.
Viereinhalb Jahre lang, seit September 1980, haben Experten in Bonn und Ost-Berlin sondiert, wie die Salzbelastung reduziert werden könnte. Jetzt endlich, scheint es, sehen sie klar. Bis Jahresende, so hoffen die westdeutschen Unterhändler, werden die Verhandlungen abgeschlossen sein.
Zwei Methoden, das Salz gar nicht erst in den Fluß zu leiten, stehen zur Auswahl. Die bundesdeutschen Kaliwerke Wintershall und Hattorf benutzen ein Trockenverfahren, die "elektrostatische Abscheidung", die eine Trennung der verschiedenen Salzmineralien ermöglicht. Als Alternative gibt es das Flotationsverfahren, bei dem die Kalilaugen aufgeschäumt werden. Dann läßt sich das Salz herauslösen. Nach der Trennung wird es zu riesigen Halden aufgetürmt. Bis zu 75 Prozent der Salzfracht ließen sich so beseitigen, der Rest könnte in einem Pufferspeicher aufgefangen werden. Noch hat sich die DDR nicht auf ein bestimmtes Verfahren festgelegt.
Aufschluß über die von Ost-Berlin favorisierte Lösung soll die nächste Verhandlungsrunde im kommenden Monat bringen. Dann geht es auch um die Finanzierung, und die ist, kein Wunder bei der Devisenknappheit der DDR, natürlich umstritten. Die Bundesregierung beruft sich auf das Verursacherprinzip, das der DDR die Hauptlast der Kosten auflädt. Die DDR hält das Nutznießerrecht dagegen. Da ihre Kalibergwerke direkt an der Grenze liegen, profitieren vor allem die Bundesdeutschen von einer entsalzten Werra.
Dies leuchtet offensichtlich auch den Bonnern ein. Sie wollen sich an den Kosten beteiligen und haben etwa 200 Millionen Mark für die Werra-Reinigung veranschlagt. Die Hälfte davon will der Bund aufbringen, mit den anderen 100 Millionen werden die vier Anrainer-Länder Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen dabeisein. Westdeutsche Experten rechnen nicht mehr mit Schwierigkeiten: "Auch die DDR ist an einem Abschluß interessiert."
Das haben bereits die Erfolge bei anderen Verhandlungspunkten gezeigt. Im vergangenen Dezember wurde eine Vereinbarung über den grenznahen Kaliabbau unterzeichnet, die den Hessen erlaubt, auch in Thüringen Salz abzubauen und umgekehrt den Thüringern das Schürfen in Hessen gestattet. Die Grenze zerschnitt das früher einheitliche Kalirevier, nun ist sie - unter Tage - begradigt worden. Seit dem Jahreswechsel sprengen bereits DDR-Kumpel auf bundesrepublikanischem Gebiet.
Und selbst die in den vergangenen Jahren strittige Beseitigung der Abwässer ist offensichtlich kein Problem mehr. Inzwischen hat auch die DDR einen Speicher ausfindig gemacht, in den sie die salzhaltige Lauge ohne Schaden für die Umwelt verpressen kann.
Sogar die Erdbebengefahr scheint gebannt. Die DDR-Kumpel, so erfuhren westdeutsche Kollegen, lassen inzwischen mehr Salz als bisher für die Abstützung der Stollen stehen. Ein Gebirgsschlag wie 1975 dürfte, so hoffen Experten, sich nicht wiederholen.
[Grafiktext]
Weser Göttingen Kassel Werra Fulda Bebra Philippsthal Ausbach Ransbach Fulda Ulster Sünna 23. Juni 1975: Gebirgsschlag Eisenach Erfurt THURINGER WALD Kartenausschnitt DDR Köln Frankfurt BUNDES-REPUBLIK
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 11/1985
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