11.03.1985

„Ich habe nichts als meine Pflicht getan“

Gerhard Mauz über Verteidigung in Vergewaltigungsprozessen *
Der Verteidiger beantragt die Inaugenscheinnahme von Photos. Er tut das auf ungewöhnliche Weise, denn er begnügt sich nicht damit, dem Gericht die Photos zu überreichen. Er beschreibt vielmehr die Photos in seinem Antrag detailliert und verliest diesen in der Hauptverhandlung (in öffentlicher Sitzung), bevor er ihn zusammen mit den Photos dem Vorsitzenden Richter übergibt. Der Verteidiger trägt also vor:
"In der Strafsache gegen Engelbrecht beantragen wir Inaugenscheinnahme folgender Photoaufnahmen. Silvia Hantke hält bei entblößtem Oberkörper den erigierten Penis eines Mannes in der linken Hand, eins; Silvia Hantke liegt mit entblößtem Oberkörper mit lachendem Gesicht unmittelbar vor dem erigierten Penis, den ein nackter Mann in seiner rechten Hand hält, zwei; Silvia Hantke liegt mit entblößtem Oberkörper auf dem Rücken, vor ihr auf dem Bauch sitzt mit gespreizten Beinen und erigiertem Glied ein nackter Mann, drei; Silvia Hantke liegt lachend mit entblößtem Oberkörper auf einer Couch, über ihrem Oberkörper kniet ein Mann, der seinen erigierten Penis zu dem Busen der Zeugin hält, vier ..."
Silvia Hantke ist in dieser Hauptverhandlung vor einer Großen Strafkammer des Landgerichts Düsseldorf das Opfer der angeklagten Taten. Angeklagt sind die Eheleute Dieter und Helma Engelbrecht. Sie sollen die zu Beginn der Tat 16jährige vom 10. Februar 1982 bis zum 23. Mai 1983 gefangengehalten, körperlich mißhandelt, sexuell genötigt und vergewaltigt haben. Silvia Hantke (ihr Name wird hier genannt, da er nicht mehr geschützt werden kann) vertritt in ihrer Rolle als Nebenklägerin der Düsseldorfer Rechtsanwalt Axel Weiss.
Der sagt später in seinem Plädoyer zu diesem Antrag auf Inaugenscheinnahme: "Die Lichtbilder eines Strafverfahrens sind für die Beteiligten gedacht, nicht für die Zuhörer und nicht für die Presse. Üblich ist - und so hat es die Verteidigung auch zunächst gehalten -, die Bilder zu überreichen mit dem Antrag, sie in Augenschein zu nehmen. Die angeblichen Pornophotos der Nebenklägerin wurden jedoch nicht so überreicht. Zunächst wurde ein Antrag verlesen, in dem die Photos Stück für Stück, Position für Position beschrieben sind. Das ist zulässig. Nur muß - wer so vorgeht - sich fragen lassen: Was ist obszöner? Die Photos oder deren öffentliche Beschreibung?"
Der Verteidiger, der die Inaugenscheinnahme beantragt, indem er die Photos "Stück für Stück" beschreibt, begründet seinen Antrag damit, die Nebenklägerin habe als Zeugin auf die Frage, ob es Pornophotos von ihr gebe, geantwortet: "Photos existieren. Es handelt sich dabei um Nacktbilder. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß Pornos von mir existieren. Ich glaube nicht daran, ich weiß nichts davon, ich müßte es wissen, wenn es solche Photos geben würde. Ich kann mich nicht erinnern."
Der Verteidiger ist der Düsseldorfer Rechtsanwalt Dr. Günter Tondorf, ein Mann von kleiner, zierlicher Gestalt, der sich gepflegt trägt und gibt und auch politisch aktiv ist. Er hat einmal als SPD-Mitglied für den Landtag kandidiert. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Juristen des Unterbezirks Düsseldorf. Um das Ende des Gerichtsärztlichen Ausschusses des Landes Nordrhein-Westfalen, eines in der Bundesrepublik einmaligen Greuels, hat er sich nächst dem SPD-Landtagsabgeordneten Albert Klütsch verdient gemacht. Und im "Strafverteidiger", einer für die Qualität und Kultur der Verteidigung immer wichtiger werdenden Zeitschrift, finden sich Beiträge von ihm.
Nach seiner Verteidigung im Engelbrecht-Prozeß muß der Rechtsanwalt Tondorf nun sich selbst verteidigen. Der Juso-Vorsitzende Ulf Skirke forderte den Ausschluß Tondorfs aus der SPD. Denn er habe "in skandalöser Weise" versucht, "das Opfer zum Täter umzukonstruieren", und "in unnachahmlicher Weise eine juristische Sex-Show veranstaltet". Rechtsanwalt Tondorf hielt dem entgegen: "Ich habe nichts anderes als meine Pflicht getan und verbitte mir aufs schärfste solche unzulässigen Eingriffe in meine Berufsausübung."
Die Verteidigung in Vergewaltigungsprozessen ist wieder einmal Anlaß zu Podiumsdiskussionen, Minister-Erklärungen, Stellungnahmen von Parteien und Vereinigungen und Reformvorschlägen.
Wieder einmal - denn Anlässe, darüber nachzudenken, wie in derartigen Prozessen verteidigt werden kann, hat es ständig gegeben. Doch nur selten, und es
bedurfte dazu jedesmal besonderer Umstände, wurde einer dieser Anlässe wahrgenommen, ohne daß jedoch aus den Erörterungen etwas herausgekommen wäre.
Der besondere Umstand, der die Aufmerksamkeit auf die Verteidigung im Düsseldorfer Engelbrecht-Prozeß lenkte, war die Tatsache, daß das Opfer nicht nur länger als ein Jahr gefangengehalten und vergewaltigt, sondern auch zusätzlich gequält worden war; ein Umstand, der die interessierten Druckerzeugnisse in Ekstase fallen ließ.
Und es kam hinzu, daß bereits im vergangenen Jahr in West-Berlin ein Vergewaltigungsprozeß stattgefunden hatte, der die Probleme der Verteidigung in derartigen Strafverfahren vor Augen führte und über den die Diskussionen noch nicht abgeschlossen, genauer: noch nicht, wie üblich, versandet waren.
In West-Berlin wurden im September vergangenen Jahres zwei Ärzte der Universitäts-Frauenklinik wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung einer ärztlichen Kollegin zu je 27 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Das noch nicht rechtskräftige, von den Verurteilten mit der Revision beim zuständigen, in West-Berlin residierenden 5. Strafsenat des Karlsruher Bundesgerichtshofes angefochtene Urteil war das Ergebnis einer Hauptverhandlung, die sich seit dem Juni 1984 qualvoll hingezogen hatte.
"Ärztin von Ärzten vergewaltigt?" - das war der besondere Umstand, der gerade diesem Vergewaltigungsprozeß Aufmerksamkeit verschaffte. Über diesen Prozeß wurde noch diskutiert, als der Engelbrecht-Prozeß in Düsseldorf Ende Januar 1985 mit dem Urteil zu Ende ging. Über die Verteidigung in Vergewaltigungsprozessen finden nun Erörterungen auf einer breiteren Basis als sonst statt. Vielleicht trägt das dazu bei, daß die Diskussionen nicht wieder ergebnislos versanden. Und dazu könnte auch beitragen, daß zwischen den beiden Prozessen - was die Verteidigung betrifft - Parallelen bestehen.
So wie sich in Düsseldorf der Rechtsanwalt Tondorf als Verteidiger einem Zorn überantwortet sieht, der weder zu seinem Selbstverständnis als Jurist noch zu seinem politischen Engagement passen will, lieferten sich im West-Berliner Vergewaltigungsprozeß des vergangenen Jahres zwei Rechtsanwälte einer Empörung aus, die nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, daß man gerade von ihnen einen anderen Verteidigungsstil erwartet hat.
Der Rechtsanwalt Dr. Peter Danckert hat gestern bei der Wahl in West-Berlin für die SPD kandidiert. Die Zeitschrift "Strafverteidiger" erscheint unter Mitwirkung des Rechtsanwalts Gerhard Jungfer. In den Lehrgängen der Deutschen Anwaltsakademie spielen im Bereich des Strafrechts die Rechtsanwälte Danckert und Jungfer eine erhebliche Rolle, und man hat sie aus guten Gründen hinzugezogen. Sie sind ausgezeichnete Juristen, sie haben große Erfahrung, sie verstehen vorzutragen.
Im West-Berliner Vergewaltigungsprozeß dominierten die Rechtsanwälte Danckert und Jungfer unter vier Verteidigern, doch was man von ihnen erlebt und gehört hat, war nicht zu fassen (SPIEGEL 33, 38/1984). Und genauso wie ihr Kollege Tondorf sind sie der Überzeugung, nichts anderes als ihre anwaltliche Pflicht getan zu haben. Sie begreifen nicht, warum man sie kritisiert. Und den Zorn, der über sie gekommen ist, verstehen sie schon gar nicht.
Die Überzeugung, ein aufgeschlossener, sensibler und fortschrittlicher Anwalt zu sein, kann, wie jede Selbstüberzeugung in jedem Beruf, zur Falle werden. Man kann in 99 Fällen aufgeschlossen, sensibel und fortschrittlich handeln - und im hundertsten verblendet, gefühllos und ein Reaktionär sein. Wer dahin gerät, seine Berufsausübung mit dem ethischen Fundament seines Berufs zu erklären, sollte darin ein Alarmsignal für sich selbst sehen.
Der Rechtsanwalt Jungfer verliest als Verteidiger im West-Berliner Vergewaltigungsprozeß innerhalb eines Beweisantrags ein komplettes, von der Verteidigung beschafftes Gutachten, in dem sich ein Psychologe, der an einem Tag der Hauptverhandlung anwesend war, über die Glaubhaftigkeit des Tatopfers, der Nebenklägerin, äußert. Da heißt es beispielsweise, und der sonst sensible Rechtsanwalt Jungfer trägt das vor (der Name der Nebenklägerin wird durch ein X ersetzt):
"Nachdem Frau X aufs Bett geworfen wurde, wird in der Anzeige vom 5. Januar 1984 geschildert, daß Dr. H. ihren Oberkörper hart festhält, während Dr. S. versucht, ihre Vagina zu küssen, was wegen ihrer Abwehr nicht gelingt. Demgegenüber steht ihre Aussage vom 17. Januar 1984, hier hält Dr. S. sie fest, Dr. H. spielt mit dem Finger in ihrer Scheide und will sie küssen, dann leckt Dr. S. ihre Scheide."
Dieser Verlesung eines "Gutachtens" innerhalb eines Beweisantrags entspricht die Beschreibung der Photos im Beweisantrag des Verteidigers Tondorf in Düsseldorf. Und das eine wie das andere - soll anwaltliche Pflichterfüllung sein und nur einem dienen: dem Mandanten.
Bevor darüber nachgedacht wird, was dafür geschehen kann, daß Vergewaltigungsprozesse die Tatopfer nicht endgültig zugrunde richten, daß jedoch andererseits die Rechte des Angeklagten nicht Schaden leiden, ist an Dinge zu erinnern, zu deren Berücksichtigung im Interesse des Mandanten es keiner Reform bedarf.
Die Rechtsanwälte Danckert und Jungfer waren im Februar Dozenten einer Veranstaltung der Deutschen Anwaltsakademie _(Rechts: der Braunschweiger OLG-Präsident ) _(Wassermann, während einer ) _(Podiumsdiskussion über Verteidigung in ) _(Vergewaltigungsprozessen in Düsseldorf. )
in Gelsenkirchen, die das Thema "Von der Mandatsübernahme bis zur Hauptverhandlung" hatte. Die Übernahme des Mandats ist fast der heikelste Punkt in der Beziehung zwischen Verteidiger und Beschuldigtem beziehungsweise bereits Angeklagtem.
In Hans Dahs'' "Handbuch des Strafverteidigers" heißt es: "Ein Kollege mit großer Erfahrung - aber auch mit Neigung zum Zynismus - gab mir als jungem Anwalt den Rat: ''Betrachten Sie Ihren Mandanten immer als Ihren künftigen Prozeßgegner, dann behandeln Sie ihn richtig.''"
Das ist gewiß nicht das letzte Wort zur Beziehung Verteidiger/Mandant, doch es weist in eine Richtung, in der die Strafverteidigung fast noch bei Null steht. Bevor man Gelegenheit hat, dem wohlverstandenen Interesse des Mandanten zu dienen - kann man sich bereits in eine Situation begeben haben, in der man für den Mandanten nichts mehr tun kann. Der Mandant, der von A bis Z zu Unrecht beschuldigt wird, ist die - nahezu glückliche - Ausnahme. Die Regel ist ein Mandant, der zu dem, was ihm vorgeworfen wird, in einer Beziehung steht, die eine sinnvolle Verteidigung sehr schwer macht.
Der Mandant will so glimpflich wie möglich davonkommen, doch er kann sich in einer Situation befinden, die das nicht zuläßt, die von ihm verlangt, daß er sich zumindest auf eine Verurteilung in einigem Ausmaß einrichtet. Der Verteidiger, der dem Mandanten nicht klarmachen kann, wo sein Bedürfnis, freigesprochen oder milde verurteilt zu werden, an eine unüberwindbare Grenze gerät, läßt sich auf ein Unternehmen ein, in dem zuletzt er selbst eine Grenze überschreitet und dem Mandanten dadurch nicht nutzt, sondern schadet.
Der unbedingte Einsatz für den Mandanten setzt voraus, daß diese Grenze erkannt und über sie Einverständnis mit dem Mandanten erzielt wird. Nichts ist so gefährlich für einen Angeklagten wie ein Verteidiger, der sich auf die Einlassung seines Mandanten bedingungslos einläßt. Am nüchternsten hat der Verteidiger die Situation zu prüfen, wenn er nicht von Anfang an beteiligt ist.
In der gegenwärtigen Diskussion über Verteidigung in Vergewaltigungsprozessen taucht auch die Frage auf, ob man Männer, denen Vergewaltigung vorgeworfen wird, überhaupt verteidigen darf. Jede Mandatsübernahme ist eine persönliche Entscheidung. Sie mag einmal so, ein andermal anders ausfallen. Und es mag auch einer für seine Person eine grundsätzliche Entscheidung treffen. Doch ein Bann gegen eine Gruppe von Angeklagten - ist unannehmbar.
Wie heikel auch die persönliche, grundsätzliche Entscheidung sein kann, belegt ein Bericht von Vera Gaserow in der "Tageszeitung" vom 1. Oktober 1984 über eine Diskussion des Republikanischen Anwaltstags in West-Berlin,
in der es um die Verteidigung von Vergewaltigern ging:
"Grundsätzlich dürfe man keinem Angeklagten die Verteidigung verweigern. Daß sie von diesem Prinzip dann doch Ausnahmen machen, erklären viele Redner nur im Nebensatz: Naziverbrecher, ja das wäre etwas anderes. Naziverbrecher würden sie nicht verteidigen. Auch Rechtsanwalt Jungfer erklärte - mit ein wenig Stolz über sein politisches Engagement in der Stimme -, Naziverbrecher würde auch er nicht vertreten, denn gegen die habe er ja mal selber demonstriert, da wäre eine Verteidigung unglaubwürdig ..."
Deutlicher und schrecklicher läßt sich nicht belegen, wie wenig geklärt die Beziehung zwischen Verteidiger und Mandanten nach wie vor ist. Da wird um ein Fetzchen Möglichkeit zur Identifikation gefeilscht ... Auf dieser Basis kann man eigentlich nur noch den verteidigen, den man entgegen der Anklage für völlig unschuldig hält - es sei denn, man sieht in der Vergewaltigung und anderen Tatbeständen nicht mehr als ein Rascheln des Windes in den Bäumen.
Es ist nicht zu diskutieren, es sei denn, man möchte in Wahrheit das Gespräch zum Versanden bringen, ob der Vergewaltigung angeklagte Männer überhaupt verteidigt werden dürfen. Es geht - vor allen gymnastischen Vorführungen des Gewissens und mit der Planierraupe betriebenen Reformerwägungen - um ganz banale Fragen, etwa darum, wann man ein Mandat noch übernehmen kann, das zunächst von einem anderen Anwalt wahrgenommen wurde.
Das Mandat Dieter Engelbrecht in Düsseldorf übernimmt der Rechtsanwalt Tondorf (zusammen mit seinem Partner, dem Rechtsanwalt Lothar Böhm) erst vier Wochen vor dem Prozeß. Bis dahin ist auch die Sozietät Rolf Bossi, München, tätig gewesen. (Ihre Rolle, nachdem Tondorf und Böhm in die Verteidigung eingetreten sind, bleibt unklar. Jedenfalls stellte der Vorsitzende Richter in Düsseldorf zu Beginn der Sitzungen für Helma Engelbrecht das Nichterscheinen des Verteidigers Bossi fest). Es wird sich nicht mehr klären lassen, in welcher Richtung die Sozietät Bossi beraten hat.
Wie auch immer - die Rechtsanwälte Tondorf und Böhm übernehmen eine vielfältig vorgeformte Verteidigung. Sie geraten an eine bereits eingeschliffene Vorstellung, wie man sich einzulassen hat, um leidlich davonzukommen. Hätten sie diese Situation distanziert analysiert, so wären sie vielleicht zu dem Ergebnis gekommen, daß für eine Verteidigung, die den Tatbestand anerkennt, zu dem der Mandant stehen muß, wenn er seine Situation nicht heillos verschlechtern will, kein Spielraum mehr vorhanden ist.
Dieter Engelbrecht, der sich nach seiner Verurteilung zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe erhängte, hat zu einem Sachverständigen
gesagt: "Es gibt nichts, was nicht geht. Es geht alles!" Nach dieser Devise hat er als Unternehmer Erfolg gehabt, ist er Millionär geworden. Dieser Satz erläutert sein Schicksal, seine trostlose Einstellung zu Frauen. Doch dieser Satz kann nicht den Kurs seiner Verteidigung bestimmen.
Unstreitig ist, daß Silvia Hantke gefangengehalten wurde, daß sie, da sie sich nicht entziehen konnte, vergewaltigt worden ist und daß man sie mißhandelt hat. Tätowierungen, Verletzungen an der Brust und der Scham lassen sich nicht aus der Welt verteidigen. Vor allem aber führt der Versuch, den Nachweis dafür zu bringen, daß das Opfer keines ist, weil es hätte entkommen können und weil es, zumindest von irgendeinem Zeitpunkt an, einverstanden war, in die Katastrophe.
Eine junge Frau, die gefangengehalten und sexuell mißbraucht wird, unterliegt Ängsten, die sie Fluchtmöglichkeiten nicht wahrnehmen oder nicht ergreifen lassen. Und sie muß denen gegenüber, die sie gefangenhalten und mißbrauchen, schließlich ein Verhalten zeigen, das ihre Situation nicht verschlechtert. Der Versuch, dieses erzwungene Verhalten als Einverständnis zu deuten, mußte scheitern.
Zuletzt hat sich die Verteidigung Dieter Engelbrechts darangemacht, nachweisen zu wollen, daß Silvia Hantke eine verwahrloste junge Frau sei, der man nicht glauben kann. Dieser Versuch, vom Gericht in der mündlichen Urteilsbegründung eine "Demontage der Persönlichkeit" genannt, ruinierte den Angeklagten und seine Verteidiger endgültig. Er arbeitete nur heraus - wer die junge Frau ist, der Unsägliches angetan wurde. Er machte sichtbar, daß einem beschädigten Menschen Schäden zugefügt worden sind, die möglicherweise nicht mehr geheilt werden können.
Am 1. März 1984 wurde in West-Berlin die Anklageschrift gegen die beiden Frauenärzte, die eine Kollegin vergewaltigt haben sollten, ausgefertigt. In dieser Anklageschrift werden die Rechtsanwälte Danckert und Jungfer noch nicht als Verteidiger genannt. Sie haben ihre Mandate erst zu einem Zeitpunkt übernommen, zu dem ihr Spielraum schon erheblich eingeschränkt war. Rechtsanwalt Danckert in "III nach neun" am 26. Oktober 1984: "Wenn mir mein Mandant sagt, ob es nun die Ärzte sind oder irgend jemand sonst, ich bin unschuldig, dann hat er einen Anspruch darauf, optimal verteidigt zu werden!"
Ja, aber der Verteidiger muß noch die Möglichkeit haben, mit seinem Mandanten darüber zu sprechen, was seiner Unschuld entgegensteht oder ihren Nachweis sehr schwer machen wird. Als die Rechtsanwälte Danckert und Jungfer die Verteidigung übernahmen, war der Brei von Gerüchten und Parteinahme bereits am Überkochen. Es war bereits der juristisch völlig sinnlose und die Unschuldsbehauptung demolierende Versuch unternommen worden, "die ganze Sache" dadurch "aus der Welt zu schaffen", daß man eine Verlobung zwischen der Ärztin und dem von den beiden Ärzten stiftete, der unverheiratet ist, "eine Regelung wie in Tirol". Und hinzu kam die verheerende Tatsache, daß die beiden Ärzte, die sich selbst in das Bereitschaftszimmer ihrer Kollegin eingeladen hatten - eine scheußliche Dreierszene durchaus einräumten, doch selbstverständlich mit Einverständnis, ja sogar auf Betreiben der Ärztin.
Eine distanzierte Analyse der Situation hätte ergeben, daß in diesem Fall ein voller Erfolg, ein Freispruch, nur über die Leiche der Frau zu erzielen war, die behauptete, vergewaltigt worden zu sein. Vielleicht hat man analysiert, doch dann hat man nicht in Rechnung gestellt, was einem Angriff mit diesem Ziel bereits entgegenstand; was ihn zu einem Angriff machen mußte, der die Angeklagten und ihre Verteidiger um jedes Verständnis bringen würde. Eine Verteidigung, die unter pathetischer Beschwörung ihrer Verantwortung für den Mandanten dreist und brutal vorgeht, riskiert, daß sich das Gewicht dessen, was gegen ihren Mandanten steht, potenziert.
Der Verteidiger hat auch die Pflicht, dem Mandanten zu sagen, was der von ihm behaupteten Unschuld entgegensteht - und was den Versuch, sie zu beweisen, zu einem selbstmörderischen Unternehmen machen kann. Die Verteidigung der beiden Ärzte in West-Berlin hat es nicht einmal mit der subjektiven Verkennung der Situation durch ihre Mandanten versucht, nicht grundlos: Die hat lange zu Freisprüchen geführt, weil die Verkennung der Situation der vergewaltigten Frau zur Last gelegt wurde. Doch da bahnt sich endlich eine andere Beurteilung an.
Und die Verteidigung wollte ja auch einen totalen Freispruch. Darum trat sie den Marsch von der angeklagten Tat weg in die Biographie der vergewaltigten Frau an.
Es hat in West-Berlin und in Düsseldorf in diesen beiden Vergewaltigungsprozessen Beweisanträge der Verteidiger gegeben, die grausam gegenüber den Opfern - und tödlich für die Mandanten waren. Pflicht des Verteidigers ist es auch, dem Mandanten zu sagen, wovor er ihn wahrscheinlich nicht bewahren kann. Ob man ein Mandat übernimmt, das Unmögliches, Unmenschliches von einem verlangt - ist eines jeden eigene Entscheidung.
Der Rechtsanwalt Axel Weiss, der in Düsseldorf Silvia Hantke als Nebenklägerin vertrat, hat nach dem Prozeß eine Erklärung abgegeben, in der es heißt: "Die Folgen dieser Art von Verteidigung sind bereits abzusehen: Das Bundesjustizministerium bereitet weitere Einschränkungen von Verteidigerrechten vor. Mußte es soweit kommen? Zu leiden unter diesen kommenden Beschränkungen haben alle Verteidiger und alle Angeklagten. Verantwortlich dafür sind allerdings nur wenige, denn Verteidigung heißt nicht ''Demontage der Persönlichkeit'' des vergewaltigten Opfers. Das wissen viele Verteidigerkollegen."
Dazu sollten sich alle bekennen. Es gibt bislang, was die Vergewaltigung angeht, nur eine Forderung, die endlich ohne weitere Diskussion zu erfüllen ist: Jeder Frau, die den Mut und die Kraft hat, eine Vergewaltigung anzuzeigen, muß von Anfang an ein Rechtsanwalt zur Seite stehen. Sie muß auch - in jedem Fall - die Möglichkeit haben, sich als Nebenklägerin vertreten zu lassen. Das werde zu teuer werden, heißt es. Zu teuer, ach ja.
Rechts: der Braunschweiger OLG-Präsident Wassermann, während einer Podiumsdiskussion über Verteidigung in Vergewaltigungsprozessen in Düsseldorf.
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 11/1985
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