11.03.1985

„Das Meer ist das Fruchtwasser“

Buchheims „Boot“ - Presserummel um einen Fernseh-Hit *
Kein Fernsehwerk sonst, weder "Dallas" noch "Denver", hat in den letzten Jahren Einschaltquoten in vergleichbarer Höhe gehabt: Bis zu 60 Prozent der Zuschauer haben Wolfgang Petersens dreiteilige TV-Fassung von Lothar Günther Buchheims Kriegsbuch "Das Boot" gesehen. In der letzten Folge steigerte der "Straßenfeger" ("Die Welt") die Erfolgsquote auf 23,9 Millionen Zuschauer. Die Zeitungen, "Bild" voran, fegten mit.
"Warum hatten die Männer Pickel im Gesicht?" sorgte sich das Blatt nach Folge Nummer zwei um die Besatzung von U 96 und verwies auf die Ökologie der gefeierten Stahlröhre: "Zu wenig Vitamine, selten an der frischen Luft." Tags drauf tauchten Springers Blätter tief ins Seelenleben der Nation.
"Wer möchte ich sein? Wie hätte ich reagiert?" ließ "Bild" im Namen seiner vermuteten Leser fragen - der "einsame Wolf" und "Alte" Jürgen Prochnow; oder lieber doch "sensibel, vorsichtig" wie Buchheims anderes Ich, Kriegsberichter Herbert Grönemeyer. Für den nämlich gelte: "Sie kommen an." "Unter den Waffen ist das U-Boot dem Mythischen am nächsten", schwärmte "die Zarah Leander des deutschen Journalismus" (so Fritz J. Raddatz in der "Zeit"), "Welt"-Chefredakteur Herbert Kremp nämlich: "Ein Fisch voller Menschen."
Ein "Wust von Gefühlen" befiel nach fünf "Boot"-Stunden die "Süddeutsche Zeitung". Zwar reiche der "erschütternde Antikriegsfilm" an die Großkunst-Werke von Milestone ("Im Westen nichts Neues") und Pabst ("Westfront 1918") heran. Bei manchen Kamera-Totalen vom Boot unter Wasser aber erkannte die Rezensentin auf Kunstfehler: "Der Zuschauer sitzt außen" - was die "FAZ" wiederum ganz anders sah: "Boat people, gleichgültig welcher Herkunft, Bildung oder politischer Couleur drängten sich bei schummriger Notbeleuchtung in 'Das Boot' U 96."
Die Fernsehfassung half, den Bucherfolg von Buchheims Werk noch mal kräftig anzuheizen. Der Münchner Piper-Verlag, der seit 1973 knapp 190 000 "Boot"-Bücher vom Stapel hatte laufen lassen, legte weitere 50 000 Exemplare zu je 26 Mark drauf und registrierte bis Anfang voriger Woche knapp 40 000 Neuverkäufe. Auch der Deutsche Taschenbuch Verlag konnte seit Anfang Januar dieses Jahres noch mal 35 000 "Boot"-Taschenbücher loswerden, was den Gesamtverkauf auf 330 000 Stück brachte.
Die Fernsehfassung übertraf, zumindest an Eindringlichkeit, sogar Petersens Kinoversion, ebenfalls ein Bestseller. In den Vereinigten Staaten rückte "Das Boot" mit sechs "Oscar"-Nominierungen (doch ohne Oscar) auf Platz zwei unter den meistbesuchten Auslandswerken vor und schaffte einen Kassenumsatz von zwölf Millionen Dollar.
Ob in Kino-, Buch- oder Fernsehversion - an Buchheims "Boot" machten Rechte und Linke gleichermaßen fest. Nach dem Filmstart (1981) marschierten beim Bayerischen Fernsehen zur Talk-Show des Moderators und ehemaligen Waffen-SS-Angehörigen Franz Schönhuber zwei Unterwasser-Veteranen ein und verneigten sich "in Ehrfurcht und Demut" vor dem Führer-Nachfolger und Großadmiral Karl Dönitz. "Das Boot", lotete bei Gelegenheit die DDR-Soldatenzeitung "Volksarmee" aus, lasse den "Geist der Nazi-Wochenschauen über die Leinwände flimmern" - lange, bevor überhaupt eine Fernsehfassung vorlag, die den Ungeist in die DDR hätte per Ausstrahlung transportieren können.
Der jetzt ausgestrahlte Fernsehfilm hat, mehr noch als die Kinofassung, die Meinungen weiter polarisiert. Bemerkenswert: Mit der Langfassung (mehr als 300 Minuten) hat sich sogar der "ewig motzende Buchheim" (Buchheim über sich selbst) versöhnt, der die Kinoversion des Regisseurs Wolfgang Petersen eben noch als "Kungfu-Klamauk" und "Salzwasser-Western" geschmäht hatte.
Trotzdem hat Autor Buchheim, Teil seines Verwertungsvertrags, am vorigen Montag mit "Zu Tode gesiegt" eine eigene Dokumentation zu "Boot" und U-Boot-Krieg im Fernsehen präsentiert.
Dabei ist die endgültige Antwort auf die Frage nach der tieferen Wahrheit des "Boot" längst gegeben, von der "berühmten Psychologin Christa Meves". Ihr stellte "Bild" die Frage, warum so viele Frauen nachts weinten, wenn sie beim "Boot" mal wieder in die Röhre geguckt hätten. Frau Meves sah den mütterlichen Beschützerinstinkt für die U-96-Babys erwachen: "Schiffe sind symbolisch der Uterus (Gebärmutter)." Und, logisch: "Das Meer ist das Fruchtwasser."

DER SPIEGEL 11/1985
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