11.03.1985

RÜCKSIEDLERNichts wie weg

Mit einer psychologischen Kampagne will die DDR ihren Bürgern die Lust auf die Ausreise nehmen. *
Der Anruf kam von drüben, wo Carla-Maria Horn, 24, herstammt. Onkel und Tante in Frankenberg bei Karl-Marx-Stadt wollten die Nichte in Bonn "nur fragen", ob sie denn nun tatsächlich aus dem Westen zurückkomme, in die DDR.
Die Verwandten hatten die News aus dem "Neuen Deutschland" ("ND"). Onkel Hermann entdeckte den Namen seiner Nichte in der Mittwoch-Ausgabe des Blattes - als eine von "über 20 000 Ehemaligen", die ihren Auszug in den Westen angeblich so bitter bereuen, daß sie in die DDR zurückkehren möchten.
"Hier steht", so Onkel Hermann am Telephon, "daß dich die realen kapitalistischen Verhältnisse in der BRD enttäuscht haben." Die Bonner Neubürgerin war verblüfft. "Ich dachte, das ist ein Scherz", sagte sie später.
Carla-Maria ist zufrieden im Westen. Sie hat eine "recht ordentliche Wohnung", ist als Pharma-Referentin bei einer Schweizer Firma angestellt und fährt einen nagelneuen Audi. "Niemals", sagt sie, wolle sie zurück. Das "Neue Deutschland" habe ihren "Namen mißbraucht".
Es waren genau 113 Namen, mit denen das Zentralorgan am vergangenen Mittwoch die ganze Seite 3 füllte: Namen "Enttäuschter", die, arbeitslos und voller Heimweh, angeblich nichts wie weg in die DDR wollen. In der großzügigen Ankündigung, man werde die Rückkehranträge von Familien mit Kindern "vorrangig" prüfen, gipfelte der bislang beispiellose Versuch der DDR, den massenhaften Drang nach Westen als großen Irrtum zu entlarven.
Bis zum Wochenende konnten westdeutsche Zeitungsleute und Rundfunkreporter 57 dieser 113 angegebenen Personen befragen. Danach liegt das "Neue Deutschland" ziemlich schief oder, bei wohlwollender Beurteilung, genau halb richtig: In jedem zweiten "ND"-Fall wollen die Übersiedler nicht in die DDR zurückkehren. Die "ND"-Angaben sind teils falsch, teils überholt, unvollständig oder beruhen auf Fehlinterpretationen.
Typisch der Fall Carla-Maria Horn. Die junge Frau, eine gelernte Apothekenhelferin, kam Anfang letzten Jahres mit ihrem Bruder, einem Pharmazie-Ingenieur, in die Bundesrepublik. Später kam auch die Mutter nach. Weil der Sohn erhebliche Eingewöhnungsschwierigkeiten hatte, war sie allerdings bereit, mit ihm in die DDR zurückzukehren; Mutter und Sohn stellten einen Antrag bei der Ständigen Vertretung der DDR.
Mutter Rosemarie Horn: "Dieser Antrag wurde abgelehnt. Unterdessen geht es meinem Sohn besser, und er will hierbleiben. Ich selbst wäre ohnehin nur wegen meines Sohnes zurückgegangen. Meine Tochter hat nie in die DDR zurückkehren wollen. Alles in allem ist die ganze Angelegenheit eine verworrene Geschichte."
Kein Zweifel besteht daran, daß von den knapp 40 000, die 1984 aus der DDR in die Bundesrepublik gekommen sind, manche zurückkehren würden, wenn man sie nur ließe. Neben denen, die sich hier rasch eingewöhnen (SPIEGEL 36/1984), gibt es auch solche, die partout nicht zurechtkommen - weil sie arbeitslos sind, sich isoliert fühlen oder weil sie Schwierigkeiten mit sich selber haben.
Daß es über 20 000 sein sollen, wie das "Neue Deutschland" schreibt, erscheint Bonner Ministerialen allerdings als "pure Phantasie". Warum die ostdeutsche Staatspartei jetzt die Mär vom mächtigen Drang in die DDR verbreiten läßt - dafür gibt es nur eine plausible Erklärung: Es ist ein weiterer Versuch, den Ausreisedruck in der DDR zu mildern.
Erich Honeckers Hoffnung, diesen Druck dadurch zu verringern, daß er im vergangenen Jahr Bürger scharenweise gen Westen ziehen ließ, hat sich nicht erfüllt. Diejenigen, die zurückbleiben müssen, empfinden ihre Situation um so schmerzlicher - zumal die Flucht über westdeutsche Auslandsmissionen seit der Botschaftsbesetzung in Prag, als die DDR keine Ausreisegarantie mehr gab, wirksam gestoppt scheint.
Die Kampagne im Zentralorgan der SED deutet darauf hin, daß die DDR das Ausreiseproblem mit einem neuen Konzept angeht: statt harter Pression nun psychologische Beeinflussung.
Wer früher ausreisen wollte, mußte mit rüder Behandlung rechnen. DDR-Behörden verweigerten die Annahme von Ausreiseanträgen und stellten Strafen in Aussicht. Bekehren ließen sich dadurch die wenigsten. Sie verloren dann häufig ihren Arbeitsplatz oder bekamen demütigende Ersatzposten angeboten - ein Ost-Berliner Redakteur etwa eine Stelle als Putzhilfe.
Die Einsicht der SED-Führung, daß sich mit Pressionen allein die Ausreisewelle kaum eindämmen lasse, deutete sich erstmals im Herbst 1983 an. Am 15. September erließ der DDR-Ministerrat eine "Verordnung zur Regelung von Fragen der Familienzusammenführung und der Eheschließung zwischen Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik und Ausländern".
Dieser Ukas schuf für einen Teil der Ausreisewilligen eine legale Grundlage und entzog ihre Anträge der Willkür von Beamten und Funktionären. Danach muß zwar nicht, aber "kann" die "zuständige staatliche Behörde" Ausreiseanträge zur Zusammenführung von Eltern und Kindern sowie bei Heiraten genehmigen.
SED-Chef Honecker ging Anfang des Jahres noch einen Schritt weiter. Er wies die Behörden des Inneren an, künftig die Anträge ausreisewilliger Bürger im Regelfall zu bearbeiten (SPIEGEL 8/1985).
Zu dieser internen Direktive passen die "Empfehlungen", die der DDR-Staatsrat am Montag letzter Woche "zur Arbeit der örtlichen Volksvertretungen mit den Eingaben der Bürger" verabschiedete. Einige Passagen lesen sich wie eine Handlungsanweisung für den Umgang mit ausreisewilligen DDR-Menschen - und wurden so wohl auch verstanden. Beispiel: _____" Überall gilt es, offen und kameradschaftlich mit den " _____" Bürgern über ihre Eingaben zu " _____" sprechen, die Probleme zu beraten, gemeinsam nach den " _____" besten Lösungen zu suchen und Veränderungen " _____" herbeizuführen, wo es möglich und notwendig ist. "
Die "Empfehlungen" standen am Dienstag im "Neuen Deutschland". Tags darauf brachte das Zentralblatt die Story über die "20 000 Ehemaligen", die vom goldenen Westen schon wieder die Nase voll hätten. Und fast beiläufig teilte die SED bei der Vorstellung rückkehrwilliger Auswanderer mit, daß sie eine weitere Kurskorrektur vorgenommen hat.
Vor einem Jahr war im SED-Zentralblatt noch zu lesen, zwar hätten "zahlreiche ehemalige DDR-Bürger" die Rückkehr in ihr Land beantragt, doch könne "einer solchen Bitte, so verständlich sie auch ist, nicht entsprochen werden". Letzte Woche aber schrieb das "ND": "Das Außenministerium der DDR ist beauftragt, die Anträge zu prüfen."
Die Agitatoren der SED haben offensichtlich dazugelernt: Manch einer, der zurückkehrt, wird der SED willkommener Zeuge sein für jenes Horrorbild, das ihre Propaganda tagtäglich von der Bundesrepublik zeichnet: eine rücksichtslose Ellenbogen-Gesellschaft, die immer mehr Menschen erst in Arbeitslosigkeit und dann in bittere Armut stößt.
Nach diesem Muster waren auch jene 113 angeblich rückkehrbereiten Bürger ausgewählt, die das "ND" namentlich vorstellte. Dabei zeigte sich freilich, wie schwer es der sonst auf schiere Ideologie spezialisierten SED-Publizistik fällt, mit soliden Angaben aufzuwarten.
So konnten denn auch DDR-Bürger im West-Fernsehen die empörten Dementis angeblich Rückkehrwilliger verfolgen. "Um Gottes willen, lieber sterbe ich, als daß ich wieder rübergehe", erklärte in Berlin vor Fernsehkameras die 19jährige Steffi Zielinski, die als Serviererin "sehr, sehr gutes Geld" verdient.
Geradeso entschieden für den Westen votieren Bernd und Regina Moosrainer aus Treuchtlingen, über die das "ND" vermeldet hatte: "Sie möchten in die DDR zurück ... da sie einen ständigen beruflichen und sozialen Abstieg erleben." Bernd Moosrainer verdient 2900 Mark und bewohnt "eine wunderschöne Wohnung".
Seit drei Jahren ist der Kaufmann Hans-Dieter Wallbach mit Frau und zwei Kindern in Münden zu Hause: "Wir fühlen uns sehr wohl hier - ich weiß wirklich nicht, wie die an unseren Namen kommen."
Umfragen bei 57 von 113 Genannten ergaben, daß 29 tatsächlich zurück in die DDR wollen. 28 der Befragten fühlen sich mittlerweile so wohl, daß sie hierbleiben möchten; 18 davon waren früher anderen Sinnes: Sie hatten Rückreiseanträge bei der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn gestellt.
"Für einen Moment der Schock, weil man keine Arbeit hatte", brachte so Johanna Kalms aus Gießen dazu, für sich und die Familie einen Rückkehrantrag
zu stellen - inzwischen meint sie: "Wir packen es hier schon."
Eine "Anfrage, mehr oder weniger, ob ich eventuell zurück kann", stellte letzten Juli der Bad Kreuznacher Dreher Bernd Motz - "es war halt am Anfang ein bißchen schwierig, wie es für jeden Menschen ist".
In einigen Fällen löste auch die Absage aus der Bonner DDR-Vertretung ("Wir sehen keine Notwendigkeit für eine Rückübersiedlung") erst den Mut zum Erfolg im Westen aus.
Der Arzt Wilfried Weber, 41, war in seiner neuen Heimat in Groß Umstadt in Hessen so ratlos, daß er sich sogar mit einem Hilferuf an seinen ehemaligen DDR-Arbeitgeber, eine Poliklinik im Erzgebirge, wandte - erfolglos. Jetzt hat er eine erfolgreiche Praxis im Westen: "Es geht aufwärts."
"Lieber heute als morgen" will hingegen der Dreher Reinhard Oehme, 44, zurück, der vor einem Jahr von Dresden nach Vellmar in Hessen kam. Oehme ist insoweit ein typischer Fall: Drüben war er als Arbeiter anerkannt und ordentlich bezahlt - hier findet er mit über vierzig keine Arbeit mehr. "Das System hier habe ich begriffen", sagt er, "in meinem Alter kann man nur noch als Hausmeister gehen, ohne Rentenversicherung und Krankenkasse."
Fast alle diejenigen, die wieder nach drüben wollen, sind weit über vierzig. Das beste, was einer 45jährigen, die in Karl-Marx-Stadt Industriekaufmann war, im goldenen Westen angeboten wurde: ein Montagejob für neun Mark die Stunde.
Soziale Problemfälle sind es vornehmlich, die der DDR nun wieder ins Haus stehen - Familien wie die des arbeitslosen Tierpflegers Manfred Hill, 43, der mit seiner Frau und drei Kindern in der Mansarde eines Obdachlosenasyls in Berlin-Spandau lebt. "Die Betten standen noch nicht, da war schon der Gerichtsvollzieher hier", weiß eine Mitbewohnerin, ebenfalls aus der DDR, zu berichten.
"In unserem Alter sollte man so etwas nicht mehr machen", kommentiert Marga Trentzsch, 46, die mißlungene Übersiedlung aus Dresden. Frau Trentzsch und ihr Mann Manfred, 53, leben noch in einem Übergangswohnheim in Philippsburg in Baden-Württemberg. Er ist krank und kann nicht mehr arbeiten. Sie hat im Westen 25 Pfund abgenommen: "Ich leide grausam."
So sind unter denen, die sich in die schützenden Arme des Sozialismus werfen wollen, vorwiegend jene, die Honeckers DDR einst am leichtesten hat ziehen lassen: die Alten und Mutlosen, die Kranken, sozial oder psychisch Anfälligen.
Wie massiv die DDR die schätzungsweise 500 000 ausreisewilligen Bürger psychologisch traktiert, machte eine weitere "ND"-Veröffentlichung deutlich. Drei Tage nach der Rückkehrerliste veröffentlichte das Blatt am Freitag 31 Leserbriefe - vorgeblich Volkes Stimme.
Der parteiamtlich zusammengeschnittene Tenor über die "Glücksritter, die beim Kapitalismus ihren persönlichen Vorteil suchten und dabei gesetzmäßig scheitern mußten", ist eindeutig: Die sollen "bleiben, wo der Pfeffer wächst".

DER SPIEGEL 11/1985
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