11.02.1985

FUSSBALLAngriff über links

Auf dem Listenplatz sechs der Friedensliste kandidiert der Mönchengladbacher Fußball-Profi Ewald Lienen am 12. Mai für den Düsseldorfer Landtag. *
Als Ewald Lienen im April vorigen Jahres durch sein Tor in der letzten Spielminute die Mönchengladbacher vor einer Heimniederlage gegen Frankfurt bewahrt hatte, dankte ihm die Frau des Vereinspräsidenten gerührt: "Öko, du bist ein Schatz."
Seit der Fußball-Profi Lienen, 31, jedoch weniger vom Baumsterben redet als von den "Atomsprengköpfen, die täglich unser Leben bedrohen", ist die Klubführung auf Distanz gegangen.
Zu Lienens Kandidatur für die Friedensliste bei den nordrhein-westfälischen Landtagswahlen am 12. Mai erklärte Helmut Beyer, Präsident von Borussia Mönchengladbach: Der Spieler habe seinen Pflichten als Angestellter des Vereins nachzukommen, jede Interessenkollision zu vermeiden und sich während der Dienstzeit mit Meinungsäußerungen zurückzuhalten.
Eine politische Diskussion ist am Arbeitsplatz Bundesliga nicht erwünscht, das war schon immer so. Zwar durfte sich Karl-Heinz Rummenigge in München ebenso ungerügt zur CSU bekennen wie Harald ("Toni") Schumacher in Köln zur CDU, doch das gesellschaftspolitische Spielfeld links von der Mitte gilt als Abseits. Die durchweg konservativ gesonnenen Vereinsbosse wollen nicht riskieren, daß die potenten Geldgeber aus der Industrie durch linke Spieler-Sprüche verprellt werden.
Paul Breitner hat erfahren: "Politische Aktivitäten der Spieler werden unterdrückt, weil den Vereinen das zu gefährlich ist."
Die rund 370 Bundesliga-Profis passen sich in absoluter Mehrheit an. Vor der Bundestagswahl 1983 ermittelte die "Sport-Illustrierte" in einer Umfrage ihr Wahlverhalten: 60,7 Prozent bekannten sich zu CDU/CSU, 33,3 Prozent zur SPD. Eine Majorität von 40,2 Prozent hielt Franz Josef Strauß für den "zur Zeit fähigsten Politiker in Deutschland".
Wer aus der Tiefe des Raumes über links kommt, wird zurückgepfiffen. So mußte sich Stefan Lottermann, seinerzeit Fußball-Profi bei Eintracht Frankfurt, öffentlich kritisieren lassen, weil er Flugblätter gegen den Bau der Startbahn West verteilt hatte. Breitner haftete das Image des politischen Querkopfs an, seit er sich in jungen Jahren unter einem Mao-Poster ablichten ließ und Sympathien für Che Guevara bekundete. Als die Bayern 1973 zum Europacupspiel in Dresden waren, giftete der von Breitners nicht im Trend liegenden Ansichten genervte Münchner Präsident Wilhelm Neudecker: Er solle am besten gleich dableiben.
Auch Lienen wurde nach Niederlagen auf dem Spielfeld von seinem Trainer Jupp Heynckes im ersten Zorn schon vorgehalten: Er solle sich mehr um den Beruf und weniger um seine Mönchengladbacher Ortsgruppe "Sportler für den Frieden" kümmern. Doch Heynckes hat, immerhin, erkannt: "Lienen braucht die Bestätigung außerhalb des Fußballs. Sie wirkt sich auf seine psychische Verfassung positiv aus."
Die engagiert betriebene politische Arbeit ist, so Lienens eigene Erkenntnis, auch Kompensation. Ein bißchen, bekannte der Profi mit dem Jahreseinkommen von rund 250 000 Mark, habe er ja doch ein schlechtes Gewissen: "Die Bundesliga lenkt mit ihrer Präsentation in den Medien die Menschen von den wirklichen Problemen ab. Da kommt Rudi Völlers Grippe eine größere Bedeutung zu als Hochrüstung und Massenarbeitslosigkeit."
Vor vier Jahren wollte er aussteigen, sein nach drei Semestern abgebrochenes Studium der Erziehungswissenschaften fortsetzen. Er konnte es sich nicht leisten, weil ausgerechnet er sich - zum schadenfrohen Gelächter in der Branche - verspekuliert hatte: "Ich habe mir überteuerte Bauherrenmodelle andrehen lassen, eine Maklerin hat mein Barvermögen von 150 000 Mark veruntreut, ich war pleite."
Obwohl es der Fußballspieler Lienen nie zu einer Berufung in die A-Nationalelf brachte, wurde er bundesweit bekannt. Durch politisch eingefärbte Kollegenschelte wie: "Die Probleme der Leute auf der Straße sind dem Rummenigge egal. Den interessieren seine Millionen, und da ist er bei der CSU bestens aufgehoben", mehr aber noch durch das Fernsehbild, das Brutalität vermittelte wie kein zweites in der Bundesliga-Geschichte: Mit den Stollen seines Fußballschuhs hatte Norbert Siegmann von Werder Bremen Lienen den rechten Oberschenkel 26 Zentimeter lang aufgeschlitzt - heute überkommen den Gepeinigten noch Ängste, wenn er sich erinnert.
Für die Friedensliste kandidiert Lienen auf Listenplatz sechs, Spitzenkandidaten sind die Theologieprofessorin Uta Ranke-Heinemann und der einstige SPD-Linksaußen Karl-Heinz Hansen. Der parteilose Lienen, der "zuletzt mit Bauchschmerzen grün und davor mit noch mehr Bauchschmerzen sozialdemokratisch" gewählt hat, leugnet nicht, daß er sich von seiner Popularität einen Bonus bei den Wählern erhofft.
Aber, so Lienen, "ich kandidiere nicht, damit die Bewegung ein Zugpferd hat. Ich stehe mit meiner ganzen politischen Überzeugung dahinter."
Er könne Oskar Lafontaines These von der "ökologisch angepaßten Ökonomie" sofort über nehmen, doch "die Friedensfrage ist die Schlüsselfrage, danach kommen Umwelt und Arbeitslosigkeit". Er habe sich nicht den Grünen angeschlossen, weil "sie andere Prioritäten setzen", und zudem habe er bei der gemeinsamen Arbeit in der Friedensbewegung wie zum Beispiel beim Sammeln von Unterschriften festgestellt: "Die Grünen entwickeln streckenweise elitäre Strukturen." Mit Kommunisten - auch DKP-Mitglieder sind auf der Friedensliste vertreten - arbeite er hingegen gut zusammen: "Berührungsängste kenne ich nicht."
Im "Morgenmagazin" des Westdeutschen Rundfunks schlug der rhetorisch gewandte Lienen am Mittwoch voriger Woche bereits so forsch Wahlkampftöne an, daß der um öffentlich-rechtlichen Ausgleich bemühte Moderator bremste: Er argumentiere wie der geborene Politiker.
An den Aufstieg am 12. Mai glaubt Lienen selber nicht, "ich bin ja kein
Phantast". Bei der Europawahl kam die Friedensliste bundesweit auf 1,3 Prozent der Stimmen, "drei bis vier Prozent", so Lienen, "wären für uns in Nordrhein-Westfalen ein hervorragendes Ergebnis".
Zwar hat Heynckes dem Wahlkämpfer Lienen angedroht: "Falls du in den nächsten Monaten schlechter spielst, haue ich mit dem Holzhammer drauf", doch der Trainer ist auch ein bißchen stolz auf seinen mündigen Bürger in kurzer Hose. "Wenn ein Cowboy und Schauspieler", so Heynckes, "Präsident der Vereinigten Staaten sein kann, dann kann ein politisch so engagierter Mann wie Ewald Lienen ja wohl für den Landtag kandidieren."
Lienens Mönchengladbacher Fußballer-Kollegen reagierten branchengerecht. Als sich die Nachricht von der Kandidatur herumgesprochen hatte, fragten sie als erstes: "Sag mal, Ewald, was kann man denn als Landtagsabgeordneter so verdienen?"

DER SPIEGEL 7/1985
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