11.03.1985

Mal fröhlich sein

Deutsche TV-Chefredakteure enthielten den Zuschauern eine Lachnummer vor. *
Ein Thema, mit dem sich die Macher des Ersten Programms Anfang vergangener Woche in Stuttgart zu befassen hatten, war ernst genug: der "unterhaltende Journalismus im Abendprogramm".
Daran fehlt's ja heute im Ersten. An den in Stuttgart versammelten TV-Chefredakteuren aber hätten die Zuschauer ihren Spaß gehabt - ein Jammer, daß keine Kamera lief.
So blieb flüchtige Episode, was sich am Montagabend in der Bibliothek der Villa Reitzenstein, dem Amtssitz des baden-württembergischen Regierungschefs, zutrug; dorthin hatte Lothar Späth (CDU) die TV-Oberen geladen, um Emil Obermann vom Süddeutschen Rundfunk zu verabschieden, den dienstältesten Chefredakteur der ARD.
Nur die Anwesenden konnten sich daran erheitern, wie der scheidende Chefredakteur ("Pro und Contra") den "sehr verehrten Bürgermeister Späth" begrüßte - einer der irren Gags, die Obermann so unterlaufen.
Und als sich dem Tisch, an dem die Chefredakteure Manfred Buchwald (Hessischer Rundfunk), Ulrich Kienzle (Radio Bremen) und Peter Staisch (Norddeutscher Rundfunk) beisammensaßen, auch Wolf Feller vom Bayerischen Rundfunk näherte, war die Runde derer, die was vom Abend hatten, noch kleiner.
Denn der Bremer Kienzle, gebürtiger Schwabe, links und lebensfroh, und der Bayer Feller, laut "Quick" ein "schwarzer Sheriff", führten im kleinen Kreis vor, wie ausgefallen die ARD sein kann. Mit am Tisch: etliche Flaschen "Großbottwarer Trollinger".
Etwas matt war noch, womit sich der Bremer Fernsehchef einführte: "Feller, Sie sind ein Westentaschen-Fouche!" Dem fiel daraufhin auch nur die schwache Nummer ein, er werde sich bei seinem Programmdirektor beschweren. Doch die beiden steigerten sich.
Kienzle zu Feller: "Sie sind ein Kretin!" Feller zu Kienzle: "Du Wurschtl, ich war sieben Jahre Skilehrer, dich misch' ich auf!"
Sprach's, griff nach der nächsten Weinflasche und warf sie Kienzle an den Kopf - Slapstick live, der in keinem Programm zu sehen war. Auch nicht, daß die Flasche, nach Beobachtung eines Mittrinkers "noch dreiviertel voll", den Bremer seitlich an der Nase traf.
"Streifschuß", improvisierte der Schwabe aus Bremen, "da sieht man, daß Sie keinen Stil haben, Trollinger schmeißt man nicht, den trinkt man." Derweil floß das schwäbische Nationalgetränk unter einem Ölbild von Ex-Regierungschef Filbinger auf ein Biedermeier-Sofa.
Das Ende des lustigen Beisammenseins ist einigen, die dabei waren, nicht mehr ganz erinnerlich. Am folgenden Morgen, als die Konferenz sich wieder dem "unterhaltenden Journalismus" zuwandte, hatte Kienzle jedenfalls eine dicke Nase.
Der Bremer behielt seinen Part bei ("Man muß doch auch mal fröhlich sein") und stufte den voraufgegangenen Abend als "besondere Variante des bayrischen Terrorismus" ein. Und als Feller sich in der Konferenz zu Wort meldete, hielt Kienzle ein selbstgefertigtes Plakat in die Runde, Aufschrift: "Feller ist und bleibt ein Kretin."
Der Nord-Süd-Dialog gefiel den Chefredakteuren so gut, daß sie in einem fort kicherten. "Ohne Kamera", sagt Hamburgs TV-Chef Peter Staisch, "sind wir eben viel munterer."

DER SPIEGEL 11/1985
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