15.10.1984

FRANKREICHLe Waldsterben

Die Sorge um den Wald hielten die Franzosen für deutsche Hysterie. Jetzt sind auch sie betroffen. *
Die Einwohner von Aubure wollten ein Zeichen setzen. Zwei Kilometer hinter dem Dorfausgang, an der Departementsstraße 11 nach Sainte-Marie-aux-Mines, legten sie einen Wanderweg an: 90 Minuten quer durch den Vogesenwald.
Das besondere an der mit einem orangeroten Kringel markierten Route: Sie trägt den Namen "Jammerpfad", und der Jammer ist unübersehbar: überall kahle Tannen, fahlgelbe Fichtentriebe, "Storchennester" um die Baumspitzen. "Von den 330 Hektar unseres Gemeindewaldes", sagt Bürgermeister Christian Kletty, "sterben 300 ab."
Es läßt sich nicht mehr bestreiten: Das Waldsterben, von den Franzosen in der Regel als typisch deutsche Übertreibung abgetan, findet auch westlich des Rheins statt, und die Aktion der "Arbeitsgruppe für die Rettung des Waldes" im 300-Seelen-Dorf Aubure zeigt, daß sich das bisher Undenkbare langsam auch herumspricht.
Mitleidig lächelten viele Franzosen, wenn von saurem Regen, kahlen Bergen oder anderen Ökokatastrophen die Rede war. Niemand schien um das biologische Gleichgewicht eines Landes zu bangen, das riesige Wälder hat: die Vogesen etwa, das gering besiedelte Zentralmassiv oder das Waldgebiet im großen Loirebogen, die Sologne. Im Vergleich zur Bundesrepublik ist das Land viel weniger industrialisiert.
Warum sich die deutschen Nachbarn um ihre Wälder sorgten, war schnell ausgemacht. Hatten sie nicht schon immer ein besonders inniges Verhältnis zu tiefem Tann und wiegenden Wipfeln? Suchte die romantische deutsche Seele nicht immer schon ihren Quell in der Tiefe des unsterblichen Waldes?
Das französische Herz schlägt viel höher beim Anblick eines Weizenfeldes als beim Gang durch den Wald. Wohlstand und Kultur entstanden schließlich durch Rodung des Waldes und Ausbreitung der Landwirtschaft. So bleibt den meisten Franzosen völlig unverständlich, wie sich Bürgerinitiativen, Politiker oder gar ganze Parteien zum Schutz von Bäumen mobilisieren können.
Völlig gelassen bleibt die französische Öffentlichkeit, wenn sie von Gebieten mit notorisch bekannten Waldschäden in Frankreich hört, etwa im unteren Seinetal, wo die geballte Industrie rund um Rouen Giftwolken ausstößt, oder in der Maurienne, einem Alpental in Savoyen, wo eine Aluminiumfabrik seit Jahrzehnten für schwere Fluorschäden in der umliegenden Flora verantwortlich ist.
Daß die Montanindustrie im Gebiet des lothringischen Saint-Avold die Wälder schädigt, beunruhigte bisher genausowenig wie ähnliche Schäden bei Lacq, am Fuß der Pyrenäen, wo die Ausbeutung von Erdgaslagern große Mengen Schwefel freisetzt.
Man kennt die Ursache und stellt nur begrenzte Flächenwirkung fest. Zudem: Was sind schon ein paar Hektar bedrohter Bäume? Schließlich stehen in Frankreich rund 15 Millionen Hektar Wald, doppelt soviel wie in der Bundesrepublik.
Der Franzose lebt in dem beruhigenden Gefühl, daß in seinem Land viel mehr Platz für Natur bleibt als in dem zersiedelten Westdeutschland. Dort ist die Bevölkerungsdichte zweieinhalbmal so groß wie in Frankreich. Zudem lebt ein Fünftel der Franzosen in und um Paris - ganze Landschaften sind nur dünn besiedelt.
Umweltschutz erscheint da vielen als überflüssig. Und für die letzten Zweifler haben die Spezialisten ein scheinbar sicheres Argument zur Hand: Die (dank der Nähe zum Atlantik) vorherrschenden Winde blasen alle Schadstoffe in Richtung Osten außer Landes.
Dazu hält sich in Frankreich die Emission gerade jener schädlichen Stoffe in Grenzen, die sich im sauren Regen wiederfinden. So wurden 1982 in Frankreich 2,4 Millionen Tonnen Schwefeldioxid in die Luft geblasen, in der Bundesrepublik 3,5 Millionen Tonnen. Noch eindeutiger ist die Differenz bei Stickoxiden: Während die deutschen Werte bei 3 Millionen Tonnen im Jahr liegen, sind es in Frankreich nur 1,3 Millionen - bei doppelt so großer Fläche.
Diese unterschiedliche Belastung beider Länder liegt vor allem an dem hohen Anteil von Kernkraftwerken an der französischen Energieerzeugung. So sind in
der Bundesrepublik für den Ausstoß von Schwefeldioxid zu 60 Prozent die Wärme-Kraftwerke verantwortlich, in Frankreich dagegen nur zu gut einem Drittel. Und die Franzosen wollen den Anteil des Atomstroms an der gesamten Stromerzeugung von heute schon 50 Prozent (Bundesrepublik: 19 Prozent) noch höher schrauben.
An dem französischen Glauben, gegen Umweltschäden fast immun zu sein, rührte vor einem Jahr der Donaueschinger Professor Günther Reichelt - und erntete totales Unverständnis. Reichelt nach ausgedehnten Untersuchungen zwischen April und August 1983: "Der Glaube, das Waldsterben in Frankreich verschone irgendeine Ecke des schönen Landes, ist eine Illusion."
Im Raum Lyon, so Reichelt, sei die Zerstörung der Nadelbäume sogar schon weiter fortgeschritten als im (besonders hart getroffenen) Fichtelgebirge. Auch die windgepeitschte Bretagne sei vom Waldsterben eingeholt.
Wütend reagierte Paris auf die Hiobsbotschaft. Rene Souchon, Staatssekretär für Waldwirtschaft: "Die bis heute in Frankreich festgestellten Schäden bleiben begrenzt. Maßlose Formulierungen ... werden von allen seriösen wissenschaftlichen Informationen widerlegt, über die wir gegenwärtig verfügen."
Doch zum gleichen Zeitpunkt hatten auch die Franzosen in den Vogesen "alarmierende Indizien" (so der Forstwissenschaftler Pierre Bouvarel) für das Phänomen gefunden, das bis dahin in der eigenen Sprache noch gar nicht benannt war. Die Franzosen sprachen von "le Waldsterben".
Die Fachleute sahen sich gezwungen, die relativ bequeme Erklärung aufzugeben, nach der vor allem das Dürrejahr 1976 für hier und dort anzutreffende kranke Nadelbäume verantwortlich sei. Der saure Regen, bis dahin eher ein deutsches Hirngespinst, wurde als "pluie acide" nun auch französische Realität.
Das war vor einem Jahr - und auch heute wissen die französischen Forstleute angeblich noch kaum Genaues über den Stand des Waldsterbens. Ende 1983, so schätzt Bouvarel, der bei Nancy ein staatliches Forschungsinstitut leitet, zeigten einige tausend Hektar Nadelwald in den Vogesen "beunruhigende, schwer erklärbare Symptome" für ein Absterben.
Seitdem hat die Seuche weiter um sich gegriffen und schätzungsweise 20 000 Hektar erfaßt. Am deutlichsten gezeichnet: der Osthang des Ballon d'Alsace und der Südhang des Donon in den Vogesen.
Um erst einmal eine Schadensinventur vorzunehmen, besannen sich die französischen Forstleute auf ihre guten Beziehungen ins benachbarte Baden-Württemberg und baten um Hilfe. Deutsche Beamte zogen mit ihren französischen Kollegen durch die Vogesen und legten - genau wie zuvor im Schwarzwald - entlang einer Ost-West-Achse Untersuchungsflächen an.
Ende 1983 wurde in den elsässischen Staatsforsten an 157 Stellen der Krankheitsstand kontrolliert: nach Dichte und Farbe der Nadeln, genau wie auf der anderen Seite des Rheins.
"Wann kommt die Vogesen-Wüste?" fragte in Paris provozierend der linke "Nouvel Observateur". Umweltministerin Huguette Bouchardeau legte ein "Weißbuch über den sauren Regen" vor, und bei der Präsentierung rang sie sich zu der zaghaften Einsicht durch: "Seit einigen Monaten hat das Übel nun auch in Frankreich die Vogesen erreicht."
Im übrigen hat Madame Bouchardeau ein gutes Gewissen. Denn die Regierung in Paris einigte sich im Februar auf das Ziel, bis 1990 die Emissionen an Schwefeldioxid auf die Hälfte des Wertes von 1980 zu drücken.
Das wird kein Kunststück sein. Seit 1979 sind die SO2-Werte ohnehin stark rückläufig und liegen heute schon unter dem Niveau von 1970.
Daß es noch besser wird, dafür sorgt vor allem der staatliche Strommonopolist Electricite de France (EdF): "Dank der Kernkraftwerke, die eine große Zahl klassischer Kraftwerke ersetzen, werden wir 1990 sechsmal weniger Schwefeloxid in die europäische Luft ablassen als 1980."
Für Maßnahmen, die wehtun, fehlt noch die Katastrophenstimmung. So bleiben die gut 23 Millionen Kraftwagen tabu. (In der nur halb so großen Bundesrepublik fahren fast 26 Millionen Autos.) Zwar soll auch hier die "größtmögliche Reduzierung der Umweltverschmutzung" (Bouchardeau) angestrebt werden. Doch wie das geschehen soll, darüber wird nicht diskutiert.
Noch vor ein paar Monaten argumentierte der damalige Peugeot-Boß Jean-Paul Parayre, Autos hätten nichts mit Waldsterben zu tun. Im übrigen sollten die Deutschen mehr Kernkraftwerke bauen, statt den Leuten den Spaß am Autofahren zu verderben.
Kein Wunder also, daß die Einführung von bleifreiem Benzin und von Katalysatoren vorerst in Frankreich kein Thema ist. Nach dem Beschluß des Bundeskabinetts, einen zaghaften Schritt in diese Richtung zu tun, war das Protestgeschrei bei Frankreichs Autobauern entsprechend groß. Ihr Verband wetterte über den Bonner Alleingang: "Die deutschen Maßnahmen begünstigen das Eindringen japanischer Autos, zum Schaden aller europäischen Konstrukteure."
Nur in den Vogesen scheinen es die Leute etwas eiliger zu haben. "Unsere industrielle Zivilisation tötet den Wald", überschrieben die Begründer des "Jammerpfades" von Aubure ein Flugblatt. Und dem Wanderer geben sie noch einen dringenden Rat mit auf den Weg: "An uns liegt es, die Politiker zu Entscheidungen zu drängen."

DER SPIEGEL 42/1984
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