15.10.1984

„Sinken auf eins-null-tausend ...“

Der Todesflug des Korea-Jumbo (IV) / Von Wilhelm Bittorf und Anthony Sampson *
Im Flughafen Kimpo der südkoreanischen Hauptstadt Seoul öffnen Zoll und Paßkontrolle punkt sechs Uhr früh, die Sonne geht gerade erst auf. Sie wollen die übernächtigten Passagiere der beiden Jumbo-Jets der Korean Airlines aus New York und Los Angeles in Empfang nehmen, die kurz nach sechs nacheinander eintreffen sollen. Es ist der 1. September 1983.
In der langen Ankunftshalle des neuen Gebäudes - Prunkstück des koreanischen Wirtschaftswunders - warten trotz der unkommoden Stunde an vierhundert Abholer. Für die Koreaner, die so lange auf ihrer Halbinsel isoliert und seßhaft waren, sind weite Reisen ihrer Angehörigen noch immer ungewöhnlich und nicht recht geheuer. Außerdem sind es bis nach Seoul hinein fast 50 Kilometer - eine teure Taxifahrt.
Auch eine früh geweckte Abordnung der amerikanischen Botschaft ist erschienen, um vier Parlamentarier aus der Heimat willkommen zu heißen: Mit Flug 015 aus Los Angeles werden die Senatoren Jesse Helms und Steven Symms sowie der Kongreßabgeordnete Carrol Hubbard erwartet. Mit Flug 007 soll der ehrenwerte Lawrence ("Larry") P. McDonald kommen, äußerster Rechtsaußen des Kongresses, Mitglied des Streitkräfte-Ausschusses und Lieblingsparlamentarier des Pentagon: die Jastimmen, die er auf dem Capitol-Hügel abgibt, gelten vorwiegend den Rüstungsvorlagen Caspar Weinbergers.
Sie alle wollen, zusammen mit einer Falken-Vierergruppe aus dem Pentagon und dem US-Außenministerium, an einer zweieinhalbtägigen Konferenz über "nordwestpazifische Sicherheitsstrategie" mitwirken, die von zwei rüstungsorientierten Forschungsinstituten in Seoul veranstaltet wird. Auch Larry McDonald hat zugesagt, einen Vortrag zu halten. Titel: "Republik Korea - Alliierte der freien Welt an vorderster Front".
Aber nur Flug 015 landet pünktlich in Kimpo. Flug 007 wird auf den Anzeigetafeln als "verspätet" gemeldet. Wachsende Unruhe unter den wartenden Angehörigen, als nach über einer Stunde von der Maschine nichts zu sehen ist und das dicht umlagerte Bodenpersonal der Fluggesellschaft keinerlei Auskunft geben kann.
Gerüchte kommen auf: Der Jumbo von Luftpiraten gekidnappt. Einem Sprengstoff-Attentat zum Opfer gefallen. Von den gefürchteten nordkoreanischen Brüdern abgeschossen.
Viele Frauen und Männer weinen und schluchzen angstvoll und ratlos in der Ankunftshalle, da tönt, kurz vor 10 Uhr Japan/Korea-Zeit, aus den Lautsprechern eine Durchsage: Korean Airlines habe aus zuverlässiger amerikanischer Quelle die Mitteilung erhalten, der vermißte KAL-Flug 007 sei im sowjetischen Luftraum über der Insel Sachalin von den Sowjets abgefangen und zur Landung gezwungen worden. Die Maschine habe mit ihren Passagieren die Erde unbeschädigt erreicht. Alles weitere hoffentlich bald.
Freudengeschrei und Händeklatschen in Kimpo nach fast vier Stunden immer schrecklicherer Ungewißheit, Jubel über die gemeldete Unversehrtheit des KAL-Fluges 007, der in Wirklicheit schon sechseinhalb Stunden vorher für alle 269
Menschen an Bord tödlich geendet hat: Um 3 Uhr 26 und 22 Sekunden Japan/ Korea-Zeit hat der von einer japanischen Abhöranlage belauschte Sowjetjäger mit der Kennzahl 805 seiner Bodenstelle auf Schalin durchgesagt, daß mindestens eine seiner Raketen im "Ziel" explodiert ist: "Ziel vernichtet ... Breche Angriff ab."
Das "Ziel", das der russische Pilot bis zuletzt für eine womöglich bewaffnete US-Militärmaschine hält, sein nachfolgender Kamerad sogar für einen "Bomber" - weshalb sich keiner nahe genug herantraut, um es in der Dunkelheit einwandfrei zu identifizieren -, dieses "Ziel" ist der KAL-Jumbo gewesen.
Das japanische und das amerikanische Militär-Radar bei Wakkanai an Japans Nordspitze, kaum 140 Kilometer vom Ort des Desasters entfernt, haben den erst kreisenden, dann steilen Absturz des Jumbos verfolgt - doch hätten sie in diesem Moment die Identität dieser Maschine auch nicht gekannt, erklären die Japaner später.
Im selben Moment aber, 3 Uhr 27, reißt bei der zivilen Flugkontrolle Tokio der Sprechfunk-Kontakt mit 007 unter durchdringenden Störgeräuschen ab. Der Airliner hat sich noch einmal gemeldet und einen unverständlichen Ruf gesendet. (Er wird erst später entziffert. 007 meldet: "Rapider Druckverlust ... sinken auf eins-null-tausend ...") Dann hört der Lotse in Tokio auf seine Kontaktversuche hin nichts mehr: _____" TOKIO RADIO: Korean air null-null-sieben " _____" unverständlich ... unverständlich. Radioprobe auf " _____" eins-null-null-vier-acht. 007: (keine Antwort) TOKIO " _____" RADIO: Korean air null-null-sieben Tokio 007: (keine " _____" Antwort) TOKIO RADIO: Korean air null-null-sieben Tokio " _____" 007: (keine Antwort) "
Um 4 Uhr 05 Japan/Korea-Zeit, eine halbe Stunde nach Kontakt-Abbruch, meldet die Flugkontrolle Tokio "Ungewißheit" über den Verbleib von 007. Der Ruf geht an die anderen nordpazifischen Luftverkehrs-Kontrollzentren Anchorage und Honolulu.
Um 4 Uhr 22 ruft die Flugkontrolle den Notfall aus. Der Ruf geht auch an die Zentrale der militärischen Luftraum-Überwachung Japans in Yokota. Das Rettungs-Koordinationszentrum Tokio ist bereits eingeschaltet und schickt bald darauf Schiffe und Flugzeuge des See-Sicherheitsdienstes zur falschen Stelle: zur letzten Soll-Position von 007 auf der Flugroute "Romeo 20".
Doch kurz vor 10 Uhr vormittags meldet das südkoreanische Staatsfernsehen unvermittelt, der vermißte Airliner sei auf Sachalin gelandet. James Kim, Korrespondent der Nachrichtenagentur United Press International (UPI) in Seoul, hört die Neuigkeit, läßt sie sich vom koreanischen Außenministerium bestätigen und telext sie an UPI New York;
dort ist noch immer 31. August, kurz nach 21 Uhr.
Bald darauf schicken sowohl UPI wie Associated Press (AP) die "Sicher auf Sachalin"-Nachricht um den Globus. Sie erreicht noch sämtliche Morgenausgaben der US-Presse für den 1. September und wird Spitzenmeldung in den Spätnachrichten der TV-Sender, die früher am Abend alle berichtet haben, ein koreanischer Jumbo sei verschollen.
In Europa, lange nach Mitternacht, kommt die Nachricht zu spät für die Zeitungen, ist jedoch in den Frühnachrichten des Rundfunks am 1. September zu hören. Unter der Zeile "Südkoreanische Verkehrsmaschine von Sowjets zur Landung gezwungen" verbreitet die Deutsche Presse-Agentur um 6 Uhr 42 deutscher Ortszeit, zehn Stunden nach dem Abschuß, eine Meldung, die behauptet, das koreanische Flugzeug sei "auf dem Jusno-Sachalinsk-Flughafen auf der Insel Sachalin" gelandet.
Doch Cho Choong Kun, Vizepräsident von Korean Airlines, ist von der Richtigkeit der Landungsnachricht so überzeugt, daß er sofort nach Tokio fliegt, um an den von Japan zu vermittelnden Freigabe-Verhandlungen mit den Sowjets mitzuwirken - der Frontstaat Südkorea hat keine diplomatischen Beziehungen zu Moskau. Denn diese Falschmeldung entspringt nicht - wie amerikanische Offizielle später behaupten - dem Wunschdenken der Koreaner. Sie ist auch kein Trick der Fluggesellschaft, die verstörten Angehörigen in der Ankunftshalle loszuwerden.
Die Falschmeldung, nur soviel ist zunächst klar, kommt aus amerikanischer Quelle und wird zur gleichen Zeit wie in Korea und Japan auch in Washington verbreitet. Das Fernsehen in Seoul erklärt ausdrücklich - und übereifrig -, die Nachricht stamme vom US-Geheimdienst CIA.
In Washington herrscht mehr Diskretion. Dort überbringen Außenministerium und Pentagon die unwahre Frohbotschaft an die Mitarbeiter Larry McDonalds in der US-Hauptstadt und an die Familienangehörigen des Abgeordneten in seinem Heimatstaat Georgia.
"Man hat uns inoffiziell gesagt, das Flugzeug wäre zur Landung gezwungen worden", erklärt McDonalds Pressereferent, Tommy Toles, der Nachrichtenagentur UPI gegen 21 Uhr 30 Washingtoner Ortszeit. Basis dieser Mitteilung seien "zuverlässige Berichte".
Frederic N. Smith ist Assistent McDonalds im Streitkräfte-Ausschuß des Repräsentantenhauses und geht im Pentagon ein und aus. Er hat sich auf die "Airliner vermißt"-Meldung direkt an das "National Military Command Center", die zentrale Befehlsstelle der US-Militärmacht in ihrem Tiefbunker unter dem Pentagon gewandt. Dort erzählt man ihm bei einem "briefing" am Abend gleichfalls von "Hinweisen" auf eine erzwungene Landung auf Sachalin. Smith bestätigt dies gegenüber AP.
Harold McDonald, Larrys Bruder in Atlanta, erhält die falsche gute Neuigkeit per Ferngespräch aus Washington und erklärt AP auf Anfrage: "Wir haben gerade vom State Department (Außenministerium) gehört, daß das Flugzeug gelandet ist und die Passagiere anscheinend in Sicherheit sind." Auch McDonalds Frau Kathryn in ihrem Heim in Marietta/Georgia empfängt von einem Beamten des State Department telephonisch diesen trügerischen Bescheid.
Amerika geht beruhigt schlafen. Doch in Tokio und Seoul, wo schon der Nachmittag des 1. September begonnen hat, wird bald klar, daß die Landungsnachricht nicht stimmt. Auf Anfrage erfährt die japanische Botschaft in Moskau von einem ungenannten Sowjetoffiziellen definitiv, was der innerste Kreis der Regierung Nakasone in Tokio freilich längst weiß: Ein südkoreanisches Flugzeug ist weder auf Sachalin noch sonstwo auf UdSSR-Boden niedergegangen.
Gegen 14 Uhr 30 Japan/Korea-Zeit, elf Stunden nach dem Abschuß, erklärt der Seouler Informationsminister Lee Jin Hie, es sei nun doch "fast sicher", daß der KAL-Jumbo "attackiert und abgeschossen" worden sei, und zwar "by a third country", "durch ein Drittland" (er meint wohl "ein anderes Land").
Von Journalisten bedrängt, wen er denn meine, erwidert Lee, sowohl die Sowjet-Union wie Nordkorea kämen als Täter in Frage, aber wer von den beiden es gewesen ist, sei noch ungeklärt.
Die Japaner übernehmen diese Verschleierungstaktik, um auch ihre Öffentlichkeit hinzuhalten. Außenminister Shintaro Abe spricht noch am Abend (20 Uhr Ortszeit) in Tokio nur von der "großen Wahrscheinlichkeit" des Abschusses und läßt die Täterfrage offen wie Lee - sechzehneinhalb Stunden nach dem Ende von 007.
Wie Pausenclowns halten Koreaner und Japaner das globale Publikum in Spannung, bis der Morgen des 1. September über Asien, Europa und den Atlantik hinweg endlich auch nach Nordamerika kommt. Sie überbrücken die Zeit und bereiten die Menschheit vor auf den großen Auftritt von George Shultz, Außenminister der USA. Um 10 Uhr 45
Washingtoner Zeit erscheint Shultz vor den Kameras und Mikrophonen. Grimmig enthüllt der Außenminister die Untat der Sowjet-Union und läßt nicht den Schatten eines Zweifels. Endlich, so scheint es, Klarheit und Wahrheit und Licht in der Finsternis: "Die Vereinigten Staaten", so Shultz, "reagieren mit Abscheu auf diesen Angriff ... Wir können keine wie immer geartete Entschuldigung für diese entsetzliche Tat erkennen."
Diese Worte fallen mehr als zwanzig Stunden nach dem Abschuß. Zwölf Stunden sind vergangen, seit ein Beamter von George Shultz der Witwe Larry McDonalds erzählt hat, die Passagiere von 007 seien wohlauf. Woher die Irreführung? Woher jetzt scheinbar völlige Klarheit und Präzision? _____" Hochgestellte Regierungsbeamte machten uns glauben - " _____" und wir machten Sie glauben -, daß das Flugzeug sicher " _____" auf sowjetischem Territorium gelandet sei. Traurig, daß " _____" dies nicht wahr war. "
Ted Koppel, respektierter Moderator der Spätsendung "Nightline" der TV-Gesellschaft ABC, entschuldigt sich am Abend des 1. September mit diesen Sätzen bei seinen Zuschauern für die Falschmeldung vom Vorabend. Doch Koppel, der für seine pfeilspitzen Fragen gefürchtet ist, nimmt die Desinformation durch "hochgestellte Regierungsbeamte" mit bedauerndem Achselzucken einfach hin.
Nicht nur Koppel, alle großen Namen im amerikanischen Journalismus vergessen jäh und kollektiv das Fragenstellen, als wagten sie es nicht, die erhebende Wallung amerikanischer Selbstgerechtigkeit durch kleinlich-peinliches Nachhaken zu stören. Sie lassen die Falschmeldung im Empörungsorkan der folgenden Tage und Wochen untergehen, obwohl sie zu Skepsis und Nachforschung herausfordert; obwohl sie der Faden ist, der hineinführt in ein ganzes Labyrinth unbeantworteter Fragen nach all dem, was sich in den langen zwanzig Stunden zwischen dem Abschuß des Airliners und dem Auftritt von George Shultz hinter verschlossenen Türen in Washington, in Tokio und zwischen beiden Hauptstädten abgespielt hat.
Wann hat wer was gewußt? Wann hat wer wem was mitgeteilt, was verheimlicht? Wie sieht die Rolle Ronald Reagans aus, der in dieser Zeit auf seiner Bergranch in Kalifornien Ferien macht? Ist es mangelnde Information oder ein bewußter Beschluß der verantwortlichen Amerikaner gewesen, den Abschuß nicht als schrecklichen Irrtum und Fehlschlag der Sowjets, sondern als wissentlichen und gewollten Mord an unschuldigen Zivilisten hinzustellen?
Wenn es regnet, und das tut es oft, vibriert die Luft vom Trommeln der Tropfen auf all den grünen, blauen und rostroten Blechdächern. Sie decken viele hundert Häuser, meist aus Holz, die sich in langen Reihen um eine weite Bucht mit einem flachen, tangbedeckten Sandstrand herumziehen. Bahngleise führen an Fabrik- und Lagerschuppen vorbei und enden an einem betriebsamen Fischereihafen.
Das ist Wakkanai, Japans nördlichster Ort. Vom Kap Soya auf der anderen Seite der Bucht sind es nur 43 Kilometer bis zur Insel Sachalin, deren Südhälfte, im japanisch-russischen Krieg von 1905 durch Japan erobert, von den Sowjets 1945 zurückgewonnen wurde. Wenig mehr als hundert Kilometer entfernt ist der KAL-Jumbo ins Meer gestürzt: Relikte der Katastrophe - Wrackfetzen, Schuhe, Plastikausweise, auch unidentifizierbare Menschenstücke - sind in den Wochen danach beiderseits von Wakkanai angespült worden.
In einer entsprechend nahen und günstigen Position zum Geschehen befinden sich, früh am 1. September, die zahlreichen grauen Kuppeln und bizarren Drahtgebilde, die auf und zwischen den Hügeln hinter Wakkanai stehen: Radarkuppeln aller Größen, Antennen jeder Art und Raffinesse, schlank und hoch, eckig und gedrungen, bis hin zu "Elefantenkäfigen" - kreisrunden, hohen Antennenzäunen von bis zu hundert Metern Durchmesser. Denn dies, eine Tempelstadt der Elektronik, ist die Radar- und Abhöranlage, mit der Japaner und Amerikaner besonders tief in das fernöstliche Stützpunkt- und Kommunikationsnetz der Sowjets hineinspähen und vor allem hineinlauschen.
Japans Militär betreibt einen Teil der Installationen mit mindestens 1200 Spezialisten - Technikern und Russischkennern - im Schichtbetrieb rund um die Uhr. Der andere, extra abgezäunte Teil _("New York Post" vom 1. September 1983. )
der Anlagen mit den neuesten Geräten dient unmittelbar den Amerikanern, die im isolierten Wakkanai freilich nur einen kleineren Stab mit Wartungspersonal unterhalten.
Was ihre Antennen und kreisenden Radar-"Schüsseln" dort auffangen, geht per Leitung direkt nach Misawa im Norden von Japans Hauptinsel Honschu. Auf dem Gelände einer Großbasis der US-Luftwaffe arbeitet in Misawa die umfänglichste Empfangs- und Auswertungszentrale, die der militärische Nachrichtendienst Amerikas, NSA ("National Security Agency"), außerhalb der Vereinigten Staaten besitzt. _____" "Nichts fliegt fort von, über oder nahe Sachalin, was " _____" wir nicht erfassen", sagte ein Pentagon-Offizier. Die " _____" Überwachungsarbeit schließt routinemäßig das Abhören des " _____" sowjetischen militärischen Sprechfunk-Verkehrs - vom " _____" Boden in die Luft und umgekehrt - durch die US- und die " _____" japanische Aufklärung ein. "
Das Zitat stammt aus einem Hintergrundbericht der amerikanischen Presseagentur AP vom 1. September 1983. Ein Air-Force-Offizier rühmt mit Recht die Fähigkeiten der US-Aufklärung. Er hat offenbar noch nicht begriffen, daß man im Falle des Airliner-Abschusses äußerst vorsichtig sein muß mit dem, was man davon hat mitbekommen können - und wann. Sonst könnte die Öffentlichkeit fragen, warum das US-Militär die Katastrophe nicht verhindert hat, wenn es alles, was da draußen passiert, so genau verfolgt und mithört.
Der Pentagon-Offizier dagegen gibt, ehe die Nachrichtensperre zu diesem Thema wirksam wird, dem AP-Korrespondenten weitere Einzelheiten zur Abhörpraxis in Misawa: _____" Die US-Lauscher sind Absolventen militärischer " _____" Ausbildungsgänge für die russische Sprache in " _____" Monterey/Kalifornien und auf dem " _____" Goodfellow-Luftstützpunkt in San Angelo/Texas. Die " _____" meisten von ihnen sind Unteroffiziere. " _____" "Sie hören alles mit. Sie horchen 24 Stunden am Tag, " _____" jeden Tag", sagte der Offizier. "
Auch die Japaner in Wakkanai haben solche Kenner des Russischen - vielleicht nicht der Sprache Puschkins, doch des Stummeljargons militärischer Verständigung. Sie horchen nicht pausenlos, doch es ist immer ein "Linguist" in Bereitschaft, in den sowjetischen Funkverkehr direkt hineinzuhören, wenn etwas Auffälliges geschieht - wie in der Nacht zum 1. September.
Aber auch die Japaner haben ihre eigene Version des Hergangs, die sie möglichst arglos, unwissend und damit unangreifbar aussehen läßt. Danach haben die Horcher in Wakkanai zwar den aufgeregten Funkverkehr der Sowjet-Luftverteidigung von und nach Sachalin bemerkt. Auch die Alarmstarts sowjetischer Düsenjäger seien ihnen nicht entgangen. Doch sie hätten dies alles als eine Übung betrachtet.
Bei dieser Einschätzung sei es geblieben, als die japanischen Radar-Wächter dann ein "unidentifiziertes" großes Flugzeug über Süd-Sachalin hinwegfliegen sahen, dem drei kleinere Radarpunkte folgten.
Die Beobachter hätten das für ein sowjetisches Transportflugzeug und für Sowjetjäger gehalten, die einen "Übungsalarm" veranstalten und den Transporter dabei als willkommenes "Übungsziel" benutzen. Die Beobachter hätten dies auch dann noch geglaubt, als die große Maschine überraschend wieder vom Radarschirm verschwunden sei.
Erst als die zivile Flugkontrolle in Tokio den KAL-Flug 007 bald darauf vermißt meldet und über die Militär-Leitstelle Yokota eine direkte Anfrage in Wakkanai eintrifft, sei den Wächtern der Verdacht gekommen, die "Übung" über Sachalin könnte blutiger Ernst gewesen sein. Zum Glück im Unglück aber habe man alles auf Band gehabt - die Radarpunkte ebenso wie die Funksprüche der Sowjetpiloten über das rätselhafte "Ziel".
So gipfelt die japanische Version in der packenden Szene, wie die wachgerüttelten Spezialisten in Wakkanai schon sechzig Minuten nach dem Abschuß fieberhaft ihre Aufzeichnungen analysieren und Tonbänder abhören; wie sie auf unheilkündende russische Vokabeln stoßen, auf "rakety" und "pusk" ("Schuß"), und sich ihnen aus den Worten des Piloten mit der Kennziffer 805
Stück für Stück das grausige Geheimnis der Radar-"blips" erschließt.
Doch diese adrette Geschichte überspielt mindestens einen wunden Punkt. Sie erklärt nicht, warum die Radar-Späher, wie die offizielle Version behauptet, den Jumbo erst um 3 Uhr 12 Japan-Zeit, also nur vierzehn Minuten vor dem Abschuß, auf ihre Schirme bekommen haben. Bei den Dimensionen und der Leistungsfähigkeit der Anlage ist das unglaubwürdig - zumal die verantwortlichen Japaner zwei hervorragende Gründe haben, ihren Mitschnitt des Verhängnisses zu verkürzen.
Gäben sie zu, daß sie die "unidentifizierte" KAL-Maschine statt nur vierzehn Minuten vierzig Minuten lang auf dem Schirm hatten, könnten sie der Frage nicht aus dem Weg gehen, warum die Station Wakkanai nicht wenigstens versucht hat, die Situation mit Hilfe der zivilen Flugkontrolle zu klären, auch wenn die militärischen Beobachter dazu nicht verpflichtet sind.
Vor allem fallen bei der Kurzfassung ab 3 Uhr 12 die beiden Kurven des Jumbos unter den Tisch, die die Sowjets mit ihrem Radar um 3 Uhr 02 und 3 Uhr 09 Japan-Zeit gesehen haben wollen. Der Sowjetjäger, der den Jumbo verfolgt, bestätigt seiner Bodenstelle in dem japanischen Abhör-Protokoll um 3 Uhr 09 sogar ausdrücklich, das "Ziel" habe "gedreht".
Trifft das zu, und sind die Rechts- und die Linkskurve des KAL-Jets, dieses "Hundebein" vor Sachalin auf dem japanischen Radar-Magnetband zu erkennen, dann ist das ein unanfechtbares Indiz, daß der Jumbo von seinen Piloten tatsächlich bewußt und gezielt dahin gesteuert worden ist, wo er endete.
Um 5 Uhr, also 90 Minuten nach dem Abschuß, berichtet die Station Wakkanai ihre Erkenntnisse bereits an den Bereitschaftsdienst des Verteidigungsministeriums in Tokio, das sich wörtlich "Selbstverteidigungs-Agentur" nennt.
Zwanzig Minuten später melden sich die japanischen Verbindungsoffiziere aus der US-Aufklärungszentrale Misawa beim Bereitschaftsstab der Luftwaffe: Die Amerikaner hätten den Abschuß mit ihren eigenen Anlagen unabhängig auch gesehen und mitgehört.
Kazuo Tanikawa, politischer Chef der "Selbstverteidigungs-Agentur" in der Regierung Nakasone, wird aus dem Bett geklingelt. Er ordnet an, daß eine Expertengruppe aus Nachrichtendienstlern und Militärs sofort das Beweismaterial prüft, das von Wakkanai nach Tokio telekopiert wird: Original plus Rohübersetzung der Sprechfunk-Protokolle und die auf eine Landkarte übertragenen Flugbahnen der abgestürzten Maschine und ihrer Verfolger.
Gegen 8 Uhr Tokio-Zeit (gleich 19 Uhr Washingtoner Zeit am Vorabend) gibt es für die japanischen Experten kaum noch einen Zweifel. Kurz darauf unterrichtet Verteidigungschef Tanikawa, die graue Eminenz der japanischen Regierung, den Kabinettssekretär und Regierungssprecher Masaharu Gotoda beim Frühstück. Gotoda ruft Premier Nakasone an, der für 9 Uhr 30 eine Sitzung mit seiner engsten Kabinettsrunde und seinem Nachrichtendienst-Verbindungsmann Kamakura einberuft.
Doch als dieser Kreis sich trifft, hat Washington schon gesprochen. Per "backchannel", inoffiziell also, aber um so dringender werden Premier Nakasone und Außenminister Shintaro Abe aufgefordert, in Sachen Airliner nur im strikten Einvernehmen mit der US-Regierung zu reden und zu handeln.
Vor allem solle in Verlautbarungen über die vermißte Maschine bis auf weiteres ein Abschuß durch Sowjets oder Nordkoreaner nur als eine Möglichkeit unter anderen erwähnt werden. Zugleich verlangt das US-Außenministerium ungestüm nach den japanischen Aufzeichnungen des sowjetischen Sprechfunks. Obwohl der amerikanische Nachrichtendienst in Misawa denselben Funkverkehr besser und ausführlicher auf Band genommen hat - nämlich mit den Befehlen der Jäger-Leitstellen auf Sachalin, die in den Aufnahmen der Japaner fehlen.
Washington in der Affäre den Vortritt zu lassen, fällt Premier Nakasone und seinen Beratern nicht schwer: Man drängt sich keineswegs danach, der erste zu sein, der Moskau die Untat vorwirft. Die Abhör-Aufzeichnungen indes sollen den Amerikanern nur unter Bedingungen ausgehändigt werden: daß das Tonband-Protokoll nur mit japanischer Erlaubnis veröffentlicht wird und daß auch die Amerikaner ihr Material publik machen. Aber Washington wird, zum Zorn der Japaner, das japanische Band veröffentlichen, das eigene Material jedoch geheimhalten.
Shunji Taoka, Militärkorrespondent der Tokioter Zeitung "Asahi Shimbun", weiß trotz der Schweige-Order aus Washington bereits kurz nach 9 Uhr 30 von dem Abschuß. So früh es die Höflichkeit gestattet, hat er auf die "Vermißt"-Meldung im Radio hin seine Quellen in der Selbstverteidigungs-Agentur angezapft und erfahren, was geschehen ist.
"Mir war klar, daß diese Tragödie das Wettrüsten in unserem Teil der Welt weiter anheizen könnte", sagt Taoka. Er will an diesem Morgen seinen bitteren Knüller gerade an seine Chefredaktion weiterreichen, als die Meldung kommt, der verschollene Korea-Jumbo sei auf Sachalin gelandet.
Damit war Shunji Taokas "scoop" geplatzt: "Keine Zeitung oder Rundfunkanstalt konnte den Abschuß auf eigene Faust melden, solange noch eine Möglichkeit bestand, daß die ''Sicher gelandet''-Nachricht stimmt. Wir mußten auf eine amtliche Klarstellung warten."
Ein anderer Tokioter Journalist mit guten Verbindungen, der für den staatsnahen Rundfunk- und Fernseh-Riesen "NHK" arbeitet, hat an diesem Morgen gleichfalls von dem Abschuß erfahren. Von der Falschmeldung argwöhnisch gemacht, _(Im Hintergrund: sowjetisches ) _(Patrouillenboot. )
gelingt es ihm am späteren Vormittag, Kabinettssekretär Gotoda zu erreichen. Auf die Frage, was die Meldung zu bedeuten habe, antwortet Gotoda "lachend": "Jemand versucht, den Nachrichtenfluß zu kontrollieren."
Dieser Jemand in Washington, das ist den Eingeweihten in Tokio sogleich bewußt, will Zeit gewinnen und verhindern, daß die ungeheure Neuigkeit "scheibchenweise bei uns ans Licht kommt, während Amerika schlafen geht und Europa schläft", wie es der NHK-Journalist formuliert. "Jemand" ist offenkundig entschlossen, mit dem Airliner-Unheil zu einer günstigeren Sendezeit groß herauszukommen.
Nirgends in Japan ist deshalb an diesem Morgen die Verwirrung größer als am Hafen von Wakkanai. Um 8 Uhr 30 Ortszeit hat die "Selbstverteidigungs-Agentur" den Absturz des Jumbos und die richtige Absturzstelle an den See-Sicherheitsdienst gemeldet, dessen Rettungsschiffe, von der Flugkontrolle Tokio alarmiert, immer noch mit Höchstfahrt in Richtung Flugroute "Romeo 20" brausen, wo die zivilen Lotsen die verschollene Maschine zunächst vermuteten. Die fünf losgeschickten Seenot-Flugzeuge suchen schon seit Tagesanbruch entlang "Romeo 20" das Meer ab.
Der See-Sicherheitsdienst ruft seine Flottille zurück und schlägt Alarm bei seiner Außenstelle Wakkanai. Selbst wenn es Überlebende gegeben hätte, wären sie jetzt, fünf Stunden danach, im kalten Wasser der Tatarenbucht zwischen Sachalin und dem sibirischen Festland erfroren.
Seenotkreuzer und Fischereischutzboote laufen trotzdem aus. Es ist ein grauer Tag ohne Trennungslinie zwischen Himmel und Meer.
Kurz nach Mittag langen die beiden schnellsten Fahrzeuge der Japaner in Höhe der kleinen russischen Insel Moneron an. Sie finden eine sowjetische Fregatte und Minensuch- und Fischerboote, die aus dem kleinen Hafen Newelsk an der Westküste Sachalins kommen und offenbar schon seit vielen Stunden die See dort durchforschen.
Die Sowjetkommandeure, böser Ahnungen voll, wollen endlich wissen, was sie da haben abschießen lassen; denn schon im Morgengrauen hat das Rettungszentrum Tokio bei der Flugkontrolle und der Rettungsstelle im ostsibirischen Chabarowsk dringend nach dem Verbleib eines gewissen südkoreanischen Verkehrsflugzeugs gefragt.
Fort Meade liegt auf halbem Weg zwischen Washington und Baltimore hinter dichtem Laub- und Kiefernwald. Im amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865 angelegt, sollte es verhindern, daß die Rebellen aus den Südstaaten Washington, die Haupt- und Frontstadt des Nordens, umzingeln und erobern.
Heute umzingelt Washington von Fort Meade aus die Erde im Namen der Sicherheit: Auf dem ausgedehnten Militärareal, umzäunt und bewacht wie kaum ein anderer Komplex im hauptstädtischen Machtapparat, residiert die Zentrale des größten Überwachungs-, Nachrichtensammel- und Auswertungsdienstes der Vereinigten Staaten, der "National Security Agency" (NSA).
Sie ist dem Pentagon angeschlossen, operiert mit militärischem Personal - weltweit mit einer Kopfstärke von nahe zu 70 000 -, und ist, anders als der Publicity-geplagte politische Geheimdienst CIA, fast unbekannt geblieben.
NSA ist die Herrin aller Horchantennen und "Elefantenkäfige" zwischen dem nordbayrischen Herzogenaurach und Wakkanai. Sie dirigiert und bedient die Flotte der RC-135, die das Strategische Luftkommando für sie fliegt. Sie sitzt auf den Spionageschiffen der Navy. Sie kontrolliert die Herde der Elektronik-Satelliten, die den Funkverkehr und die Radar-Impulse des Gegners auffangen. Mit allen technischen Finessen des Empfangs, der Dechiffrierung, des Code-Brechens in die Kommunikationswege der ganzen Welt, vor allem aber in die Sowjet-Union einzudringen, ist ihre Mission.
Funksprüche und Signal-Impulse aller Art, von den fliegenden, schwimmenden und erdgebundenen Vorposten rings um die UdSSR aufgefangen und vor Ort grob analysiert, werden, wenn sie "kritisch" sind, binnen Sekunden über ein eigenes Satelliten-Kommunikationssystem nach Fort Meade weitergeleitet. Dort entscheidet sich, ob es notwendig ist, die Erkenntnisse sofort den Spitzen des nationalen Sicherheitsapparats mitzuteilen: dem Pentagon-Kommandozentrum; dem Direktor der CIA; und, wenn es nichts rein Militärisches ist, dem Außenminister oder einem seiner Assistenten, der das Vertrauen der Geheimdienste besitzt und nicht als diplomatischer Schlappschwanz gilt.
"Wir wollen wissen, was geschieht, bevor es geschieht", sagt Admiral Robert ("Bobby") Inman, Vorgänger des heutigen NSA-Chefs, des Air-Force-Generals Lincoln Faurer. Die NSA will möglichst schon die Befehle hören, die an sowjetische Streitkräfte ergehen, nicht erst ihre Ausführung sehen.
Deshalb sind Nachrichtendienst-Kenner im Dunstkreis von Fort Meade in Sachen Korea-Jumbo von widerstrebenden Empfindungen erfüllt. Die Behauptung der Regierung, in der US-Führung habe man erst Stunden nach dem Abschuß erfahren, was geschehen sei, und, schlimmer noch, nur anhand der japanischen Aufzeichnungen habe man
den Hergang rekonstruieren können - diese Version kränkt den professionellen Stolz nicht nur der NSA-Leute.
Zwar liegt ihnen daran, ihre Fähigkeiten zu verheimlichen, um dem Gegner nicht auf die Sprünge zu helfen. Aber als Trottel dazustehen, weil das gerade ins Kalkül der Regierung paßt, das schmeckt ihnen auch nicht: Durch diesen Zwiespalt ist herausgesickert, was wir bis heute über die Rolle der NSA in der Airliner-Affäre wissen.
Sie ist dabei in dieser Nacht. Von dem Augenblick an, als das Sowjet-Radar auf Kamtschatka den Jumbo vor der Küste erfaßt, verfolgen die NSA-Vorposten den Funkverkehr und die (verspäteten) Alarmstarts der Sowjetjäger in Echtzeit. Sie bekommen mit, wie die Jäger den "Eindringling", den sie für eine "RC-135" halten, über Kamtschatka nicht finden können. Sie registrieren die Endphase über Sachalin.
Aber die NSA bleibt unter sich, ganz wie das Sowjetmilitär auf der anderen Seite. Sie berichtet niemandem außerhalb der eigenen Organisation von ihren Wahrnehmungen, weder den Spitzen in Washington noch der Flugsicherung.
Dabei weiß sie, anders als die Sowjets, ganz genau, daß sie keinen RC-135-Aufklärer über Kamtschatka hat. Sie könnte also sehr viel eher auf den Verdacht kommen, dies sei ein Verkehrsflugzeug. Sie könnte selbst dann darauf kommen, wenn sie den Jumbo nicht die ganze Zeit in ihrem elektronischen Gesichtsfeld hätte.
Aber nichts, keine Regung, kein Wort. So wenig den Russen einfällt, wegen des "Luftraumverletzers" bei den Amerikanern rückzufragen, so wenig denken die NSA-Offiziere von Misawa bis Fort Meade daran, sich auch nur an die eigene Flugsicherungsbehörde zu wenden. Es hätte genügt, wenn das Kontrollzentrum Anchorage die wenigen Jets auf der Flugroute "Romeo 20" aufgefordert hätte, ihre Position zu überprüfen, weil einer vielleicht vom Weg abgewichen sei. Fliegt Kapitän Chun seinen Falschkurs unwissentlich, hätte das schon die Rettung sein können.
Aber nichts. Die Ausrede zunächst auch hier: Man habe den Alarm auf Kamtschatka für eine Übung gehalten. Man habe die Identität der angeblichen RC-135 nicht ermitteln können. Doch schon zwei Wochen nach dem Abschuß ringen sich "Nachrichtendienst-Beamte" dem "New York Times"-Korrespondenten Philip Taubman gegenüber zu mehr Offenheit durch: _____" Selbst wenn genügend Informationen beschafft und " _____" analysiert worden wären, um den Airliner rechtzeitig zu " _____" warnen, wäre das schwierig gewesen, weil es kein " _____" Verfahren gibt, das nachrichtendienstliche Netz der " _____" Vereinigten Staaten mit zivilen Luftfahrtbehörden zu " _____" verbinden. " _____" Die Beamten sagten, daß der in diesen Fall " _____" involvierte Nachrichtendienst, die National Security " _____" Agency ... keinen Mechanismus besitze, " _____" nachrichtendienstliche Informationen rasch an zivile " _____" Luftfahrt-Dienststellen weiterzuleiten. " _____" "Es gibt kein System, die Alltagsarbeit der " _____" Nachrichtendienste mit der Alltagsarbeit der " _____" Luftverkehrs-Kontrolleure zu verschmelzen", erklärte ein " _____" hochrangiger Nachrichtendienst-Beamter. "
Nicht "Verschmelzung" war gefragt, nur eine Warnung, die 269 Menschenleben hätte erhalten können. Doch was die Informanten der "New York Times" erklärten, bestätigen andere Eingeweihte: Technikern, Linguisten und NSA-Offizieren vor Ort ist schon aus Geheimhaltungsgründen streng untersagt, mit irgend jemand außerhalb der NSA, zu welchem Zweck auch immer, Kontakt aufzunehmen. Was sie hören und erkennen, können sie nur an ihre Oberen weitergeben.
Nur hohe NSA-Chargen in Fort Meade sind befugt, Informationen an andere Geheimdienste, Militär- und Regierungsstellen zu übermitteln. Aber wenn das so ist, warum haben die NSA-Bosse dann der Flugkontrolle nicht binnen Sekunden Bescheid gesagt?
NSA-Kenner James Bamford, die Informanten der "New York Times" und frühere Geheimdienstler stimmen in ihrer erschreckenden Antwort überein: Wenn Flug 007 ein ungeplanter Irrflug war, dann haben die hohen NSA-Chargen womöglich gar nicht rechtzeitig vor dem Abschuß davon erfahren. Nur "clear emergencies", "eindeutige Notfälle" kommen den NSA-Oberen im Blitztempo auf den Tisch: Zum Beispiel, wenn die Sowjetführung den Einmarsch in Afghanistan befiehlt.
Ein Airliner, der mit all diesen Passagieren an Bord in den sowjetischen Luftraum eindringt, ist aber nach NSA- und Pentagon-Maßstab keine "clear emergency". Er ist, was Nachrichtendienstler "a target of opportunity" nennen, ein "Gelegenheits-Ziel": ein "Ziel", das den Spähern und Lauschern eine unverhoffte Gelegenheit bietet, Erkenntnisse über
die sowjetische Luftabwehr zu gewinnen - Erkenntnisse, die nur zu haben sind, wenn ein Eindringling tatsächlich über das mit Militärobjekten gespickte Territorium von Kamtschatka und Sachalin hinwegfliegt, und wenn das obendrein so überraschend abläuft, daß die Sowjets gar nicht mehr wissen, woran sie sind.
Das Resultat ist entsprechend aufschlußreich. Eine Woche nach dem Abschuß erklärt Charles A. Gabriel, Stabschef der US-Luftwaffe: _____" Wir haben eine ziemlich gute Schilderung bekommen, " _____" was in den zweieinhalb Stunden geschehen ist, in denen " _____" der Weg des Airliners über Kamtschatka, das Ochotskische " _____" Meer und Sachalin von den Sowjets verfolgt worden ist. " _____" Was wir dabei erfahren haben, gibt uns ein wenig mehr " _____" Vertrauen in die Fähigkeit der U.S.-Air Force, die Abwehr " _____" des Gegners, wenn nötig, zu überwinden. "
Daß die NSA-Männer den Jumbo um eines solchen Aufklärungserfolges willen ohne Bedenken in die Gefahr hätten fliegen lassen, dafür hat James Bamford die Erklärung, man habe bei der NSA ja nicht mit dem Äußersten rechnen müssen: "Die Präzedenzfälle ließen erwarten, daß der Airliner schlimmstenfalls zur Landung auf einem sowjetischen Flugplatz gezwungen würde."
Und wenn sie den Jumbo abschießen - um so schlimmer für diese menschenverachtenden Russen, denen Reagan am Tag nach dem "Massaker" entgegenhält: _____" In der zivilisierten Welt ist es Tradition, Seeleuten " _____" und Piloten, die sich verirrt haben oder in Not geraten " _____" sind, Hilfe anzubieten. Wo das Menschenleben ein hoher " _____" Wert ist, werden außerordentliche Anstrengungen gemacht, " _____" es zu bewahren und zu beschützen. "
Richard Burt ist eine bestechende Erscheinung - groß, schlank, schlaksigsportlich im maßgeschneiderten Nadelstreifenanzug, mit kühlen dunklen Augen, mit grauen Strähnen im widerspenstigen Haarschopf und einem Gewinner-Charme, den er an- und ausknipsen kann wie einen Scheinwerfer.
Nicht einmal die gestrengen Herren der "New York Times" konnten ihm widerstehen. Sie machten den 1947 Geborenen - noch nicht 30jährig - zu ihrem sicherheitspolitischen Korrespondenten, und Richard Burt, mit besten Verbindungen zum Pentagon und zu den Geheimdiensten, ließ aus den Spalten der moderaten "Times" geschickt den Ruf nach Rüstung und Stärke ertönen, der den konservativen Sturmlauf zur Macht in Washington begleitete.
Der Lohn blieb nicht aus. Kaum 34jährig wird Richard Burt in der Reagan-Administration erst Chef des "Büros für politisch-militärische Angelegenheiten" im Außenministerium, dann, unter George Shultz, "Assistant Secretary of State for European Affairs", also "assistierender Minister", zuständig für ganz Europa.
Doch damit steht es zur Lunchzeit am 31. August 1983 nicht zum besten. Es rumort unter einigen Völkerstämmen seines Verantwortungsbereichs in der Alten Welt. Aufruhr regt sich unter den Nachfahren der Bataver in den Niederlanden, sogar bei den biederen Belgiern und am ärgsten bei den einst so todesmutigen West-Germanen.
Zu Hunderttausenden protestieren die deutschen Friedensfreunde gegen die neuen Atomraketen, Spitzenprodukte der US-Technologie namens "Pershing 2", die ihnen die Nato zu ihrem Schutz zugedacht hat. Doch die sinnverwirrte "Friedensbewegung" glaubt nicht mehr ans Abschrecken. Sie verniedlicht die Russen, verteufelt das Pentagon und beißt in Amerikas schützenden Arm.
Die Lage ist ernst: Vom folgenden Tag, 1. September, an wollen bundesdeutsche Protestkohorten unter Vorantritt des Nobelpreisträgers Böll sogar die Pershing-Basis Mutlangen in Württemberg umlagern und blockieren. Doch noch am selben Nachmittag wird Richard Burt eine Schlüsselfigur der Airliner-Affäre, die in dieser Situation fast wie gerufen kommt.
Um 14.38 Uhr Washingtoner Zeit zerplatzt der KAL-Jumbo in der Tatarenbucht. Schon innerhalb der nächsten halben Stunde erfährt die NSA in Fort Meade von ihrer Außenstelle Misawa, daß es über Süd-Sachalin zu einem Luftzwischenfall gekommen sei: Ausgang, ob
Vernichtung oder Bruchlandung der betroffenen südkoreanischen Verkehrsmaschine, noch ungeklärt.
Die NSA gibt diese Meldung an die Spitzen des Washingtoner Machtapparats weiter - doch das ist gar nicht so einfach. Ronald Reagan hackt Holz auf seiner kalifornischen Ranch in den Bergen hinter Santa Barbara. Seinen Sicherheitsberater William Clark und seinen engsten Vertrauten, Edwin Meese, hat der Präsident mit in die Ferien genommen, aber nicht mit hinauf auf den "Rancho del Cielo", auf seine "Himmelsranch".
Sie sind unten am Pazifikstrand im "Biltmore" einquartiert, einer parkähnlichen Hotelanlage mit Golfplatz und Bungalows, 30 Kilometer von Reagans Ranch entfernt. Dort sollen sie im Notfall zur Verfügung stehen und im übrigen als Vorstopper möglichst alles abfangen, was von Washington her auf den Präsidenten zukommt.
Gegen 17 Uhr Ostküstenzeit (14 Uhr in Kalifornien) meldet NSA, der Abschuß des Airliners habe sich durch das Abhör-Material bestätigt. Sicherheitsberater Clark, der sie im "Biltmore" über eine Sonderverbindung mit Washington entgegennimmt, verschont den Präsidenten und dessen Siesta auch mit dieser Nachricht.
Doch nun entwickelt sich eine Telephon-Konferenz von Küste zu Küste, zu deren Dreh- und Angelpunkt Richard Burt im Außenministerium wird, obwohl fernöstliche Ereignisse nicht in seine Zuständigkeit fallen. Denn Burt hat das Vertrauen der Geheimdienste - was nur die wenigsten im Außenministerium von sich behaupten können. Überdies ist von der ersten Minute an klar, daß die psychologische Wucht des Jumbo-Abschusses, sein "impact", sich vor allem auf Europa richten wird.
Während Ronald Reagan, noch uninformiert, mit seiner First Lady seinen nachmittäglichen Ausritt über besonnte Bergrücken unternimmt, entsteht ein Aktionskonzept im Hin und Her zwischen Clark und Meese im "Biltmore", Burt, Lawrence Eagleburger, George Shultz im Außenministerium und CIA-Chef William Casey - die NSA hat als reine Nachrichtenbeschafferin keine Stimme im engsten Beraterkreis des Präsidenten.
Die Vernichtung des Airliners, an der nun nicht mehr zu zweifeln ist, soll zur Bekräftigung all dessen werden, was der Präsident je über den "Brennpunkt des Bösen" in Moskau gesagt hat. Das Problem ist nur, daß die ständig ergänzten und per Telekopierer auch nach Santa Barbara geschickten Berichte der NSA das Ende von 007 immer deutlicher als das zeigen, was es war: Resultat eines
gespenstischen Knäuels aus Irrtum, Versagen, Fahrlässigkeit, Mißverständnis, Zeitdruck, Hysterie und schierer Kommiß-Sturheit.
Denn was wirklich geschehen ist, und warum, entspricht nur zu genau den Warnungen der Friedensbewegung vor einer Kriegskatastrophe wider Willen, entfesselt durch Irrtum, Panne, Mißverstehen. Es entspricht dem Argument gegen die neuen Raketen, die der anderen Seite nur wenige Minuten Vorwarnzeit lassen und verheerende Fehlreaktionen provozieren könnten. Es entspricht der Furcht, durch ähnlich verhängnisvolle Verwicklungen wie bei dem Jumbo könnten einmal ganze Länder und Völker "abgeschossen" werden.
Um den Abschuß aus einer Bestätigung der Friedens- und "Freeze"-Bewegung in eine Waffe gegen sie zu verkehren, darf es bei den Sowjets keinen Irrtum geben. Sie müssen klar gewußt und gewollt haben, was sie taten. Sie müssen den zivilen Airliner im vollen Bewußtsein, Frauen und Kinder abzuknallen wie die Hasen, vom Himmel geholt haben - und es muß möglichst so aussehen, als bereite ihnen das Lust und Befriedigung.
Nicht die Gefahren der Supermacht-Rivalität und der Feindbilder sollen deutlich gemacht werden. Was die Massen erschüttern und empören soll, das ist der verbrecherische Charakter des Sowjetsystems, gegen das sich zu wehren
jede Waffe recht ist - und je mehr davon, desto besser.
"Sie haben überstürzte Schlußfolgerungen gezogen, viel zu rasch und ohne die Grundlage soliden Beweismaterials." Diesen Vorwurf gegen die transkontinentale Berater-Runde erhebt der Washingtoner Rüstungskontroll-Advokat Paul Warnke. Genauer gesagt: Die Berater bleiben bei ihren überstürzten Folgerungen, bei ihren vorgefaßten An- und Absichten, obwohl das nachrichtendienstliche Material dem mehr und mehr widerspricht.
Gerade deshalb sind die Männer des Präsidenten in ihrer Taktik vorsichtig. Sie beschließen, sich den ganzen Abend und die ganze Nacht bis zum nächsten Morgen Zeit zu nehmen, um ihren Propaganda-Streich abzusichern. Sie wollen nicht hereinfallen wie die Eisenhower-Leute 1960, als die Sowjets ein amerikanisches Spionageflugzeug vom Typ U-2 abschossen: Die US-Regierung erklärte die Maschine voreilig zu einem "verirrten Wetterflugzeug" und sah sich vor aller Welt bloßgestellt, weil sie nicht wußte, daß die Russen den Piloten, Gary Powers, lebend und auskunftswillig gefangengenommen hatten.
Zeit, viel Zeit muß vergehen, um glaubhaft zu machen, daß die Späher und Lauscher der Vereinigten Staaten den Todesflug des Jumbos "erst mehrere Stunden nach der Tragödie" (Richard Burt) begriffen haben sollen. Zeit muß vergehen, um das Vorgehen mit den Japanern und Koreanern abzustimmen; um das japanische Material zu prüfen und mit dem eigenen zu vergleichen; um den Russen auf den Zahn zu fühlen. Deshalb auch die Falschmeldung von der Landung auf Sachalin, die von Verbindungsleuten der CIA in Seoul, in Tokio und von Washington aus verbreitet wird.
Gegen Abend, nach seinem Ausritt, informieren Clark und Meese vom "Biltmore" aus den Präsidenten über den Abschuß und das Konzept der Berater-Runde. Kurz darauf erhält Reagan einen kurzen Überblick, der die Stationen des Todesfluges vom Start in Anchorage über die erste Radarerfassung durch die sowjetische Luftabwehr bis zu den letzten Minuten zusammenfaßt.
Der Präsident stimmt zu, daß George Shultz den Abschuß am Morgen bekannt gibt. Er fordert, daß sich die Erklärung genauso nüchterngrimmig anhören solle wie die NSA-Zusammenfassung, die ihm vorliegt. Man solle auch die "dokumentarischen" Minutenangaben für die einzelnen Stationen des Fluges beibehalten. William Clark gibt dies an Shultz und Burt weiter.
Um Mitternacht in Washington ruft Richard Burt bei der sowjetischen Botschaft an. Botschafter Dobrynin ist außer Landes, Geschäftsträger Oleg Sokolow kommt an den Apparat. Nach dem Verbleib des vermißten Jets befragt, verspricht er, sich in Moskau zu erkundigen - wo die Japaner um diese Zeit gleichfalls nachfragen. Um drei Uhr früh ruft Sokolow zurück: Moskau wisse nichts über den Airliner. Er sei nicht auf Sachalin gelandet.
Vor sechs Uhr in Kalifornien - neun Uhr in Washington - besprechen Clark und Meese mit Shultz die von Burt redigierte endgültige Fassung der Erklärung. Kurz darauf erklärt Shultz gegenüber dem herbeizitierten Oleg Sokolow seinen Protest gegen den Abschuß des Verkehrsflugzeuges.
Zehn nach sieben in Kalifornien, eine halbe Stunde vor der Erklärung von Shultz, spricht Edwin Meese an diesem Tag zum erstenmal mit dem Präsidenten, um ihm die endgültige Fassung des Statements vorzulesen. Mit Shultz zu reden, hält Reagan auch jetzt nicht für nötig.
So kommt es, daß der Außenminister, als er der Welt seinen "Abscheu" vor der "entsetzlichen Tat" der Sowjets bekundet, noch nicht ein einziges direktes Wort mit seinem Präsidenten über diese Tat, über ihre Darstellung durch die US-Regierung und die Folgen für die Supermacht-Beziehungen gewechselt hat.
"Sie waren zu verdammt einig in ihrem Drang, die Russen und die angeblich prosowjetische Friedensbewegung mit diesem Knüppel zu prügeln, daß es für sie keine weiteren Bedenken gab", sagt Paul Warnke in Washington. "Sie präsentierten den Abschuß als vorsätzliche Greueltat, obwohl sie wußten, daß es ein hysterischer, stümperhafter Fehler war - unverzeihlich, aber ein Fehler."
Ende _(Bei der Bekanntgabe des KAL-Abschusses ) _(am 2. September 1983. )
"New York Post" vom 1. September 1983. Im Hintergrund: sowjetisches Patrouillenboot. Bei der Bekanntgabe des KAL-Abschusses am 2. September 1983.
Von W. Bittorf und A. Sampson

DER SPIEGEL 42/1984
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