11.03.1985

„Berliner Mauer im Dschungel“

Vietnams Panzer walzen den letzten Widerstand der Kambodschaner nieder. Nach sechsjährigem Krieg dehnen die Vietnamesen ihren Herrschaftsbereich endgültig bis zur thailändischen Grenze aus. Hunderttausende Flüchtlinge suchen, vom Feind selbst bis hierhin verfolgt, Schutz im westlichen Nachbarland. SPIEGEL-Korrespondent Tiziano Terzani besuchte die Lager der Kambodscha-Flüchtlinge im Grenzgebiet. *
Sie leben unter Plastikplanen, die über Bambus-Pfähle gespannt sind. Sie essen verschmutzten Reis, trinken schales Wasser. Wenn sie sterben, wickelt man sie in eine Strohmatte und verbrennt sie, denn Land, wo man sie begraben könnte, besitzen sie nicht. Keine Friedhöfe, keine Felder.
Seit 15 Jahren kannten sie nur Krieg. Dahinsiechend, unterernährt, stets in der Furcht, zwischen zwei Armeen zerrieben zu werden, verbannt in eine Gegend, in der nur ein paar ausgetrocknete Bäume stehen, sind sie Gefangene der internationalen Politik, aber auch ihrer eigenen Illusionen.
Eine Viertelmillion von ihnen haust da an der thailändisch-kambodschanischen Grenze wie ein verlorener Stamm, vom eigenen Volk durch eine politische Barriere getrennt, abgespalten aber auch durch Haß, Rache und Terror. Sie sind menschliches Treibgut in einer der großen Tragödien unserer Zeit - Kambodscha.
Viele von ihnen sind schon seit 1970 auf der Flucht, als die Amerikaner anfingen, ihr Land mit Bombenteppichen zu belegen. Andere wurden erst 1975 heimatlos, als die kommunistischen Guerrilleros der Roten Khmer die Macht übernahmen und zwei Millionen ihrer Landsleute auf jene "Felder des Todes", jene "Killing Fields" schickten, die Hollywood zum Thema eines Leinwanddramas machte. Schließlich mußten auch die Sieger (und Massenmörder) wie ihre alten Gegner 1979 in den Untergrund gehen, als die Vietnamesen Kambodscha "befreiten" und mit zunächst 200 000 Soldaten besetzten.
Das Drama geht weiter: Thailand gewährt den Flüchtlingen Unterschlupf, die westliche Welt versorgt sie mit Nahrung, China gibt ihnen Waffen und Munition - das Töten und das Getötetwerden endet nicht.
"Wir sind wie Frösche auf dem Grund eines Brunnens. Niemand hört auf uns, und sosehr wir uns auch bemühen, herauszuspringen, wir schaffen es niemals", sagte ein alter Mann in "Site A", einem Lager mit 22 000 Menschen, 350 Kilometer nordöstlich von Bangkok, nur drei Kilometer entfernt von der kambodschanischen Grenze.
Bis vor ein paar Wochen lebten diese Leute östlich der Grenze, wenigstens ein paar hundert Meter innerhalb von Kambodscha. Es gab Stützpunkte einer "Koalitionsregierung des Demokratischen Kamputschea". Sie setzt sich zusammen aus den kommunistischen Roten Khmer von Pol Pot, den Antikommunisten, der vom ehemaligen Kambodscha-Premier Son Sann geführten KPNLF (Nationale Befreiungsfront des Khmer-Volkes) sowie den Gefolgsleuten von Prinz Sihanouks Bewegung ANS (Nationale Sihanouk-Armee).
Diese Koalition hat sich zum Ziel gesetzt, die von den Vietnamesen in Pnom Penh eingesetzte Regierung zu stürzen. Lange Zeit hatten die verbündeten Widerständler mit einer übertriebenen Selbstsicherheit ausländischen Journalisten ihre Lager gezeigt.
Prinz Sihanouk, oberster Repräsentant der Koalition, ließ sich bei solchen Gelegenheiten im Mercedes herumchauffieren.
Er liebte es, für die Vertreter von Senegal, Nordkorea, Bangladesch und Mauretanien, Länder, die sein Demokratisches Kamputschea anerkannten, Empfänge zu geben - alles nur wenige hundert Meter innerhalb Kambodschas.
Kaum hatte das letzte dieser Staats-Schauspiele am 9. Februar geendet und der Prinz den Stützpunkt verlassen, da griffen die Vietnamesen an und eroberten den Ort. Dasselbe widerfuhr allen anderen Lagern, sogenannten Modelldörfern, Stützpunkten und "befreiten Zonen" innerhalb Kambodschas. Die Vietnamesen schossen sie mit schwerer Artillerie in Fetzen, walzten dann mit Panzern nieder, was noch übrig war.
Von Todesangst ergriffen, flohen jene Zivilisten, die den großmäuligen Schutzversprechungen von Sihanouk, Pol Pot und Son Sann vertraut hatten, ins nahe Thailand. Da leben sie nun, auf 14 Lager verteilt, die ihnen die Bangkoker Regierung entlang der 725 Kilometer langen Grenze zur Verfügung gestellt hat, manches Mal fast in Sichtweite ihrer Verfolger, die sich hinter der oft nur hundert Meter entfernten Grenze befinden.
Der Koalition blieb nicht ein einziger Stützpunkt innerhalb Kambodschas. Die Vietnamesen verfolgten die Untergrundkämpfer sogar auf thailändisches Gebiet, griffen von dort Tatum an, das Hauptquartier des Prinzen Sihanouk. Die Eindringlinge lieferten sich mit Bangkoks Soldaten heftige Gefechte.
Anders als in den Jahren zuvor hat die kambodschanische Resistance auch kaum eine Chance, in der kommenden Regenzeit das zurückzugewinnen, was sie in der Trockenzeit verloren hat (SPIEGEL 2/1985). Die Vietnamesen haben diesmal das gesamte Grenzgebiet besetzt, und alles deutet darauf hin, daß sie bleiben wollen.
"Sie sind dabei, einen Damm aufzuschütten und darauf eine Straße zu bauen", erklärte Som Lavy, ein Offizier der KPNLF, "auf der können sie dann ihre Truppen von Laos bis ans Meer verschieben." Durch den Aushub für den Damm entsteht ein fünf Meter tiefer Graben, der zur weiteren Sicherung dient. Davor legen sie noch eine Sicherheitszone aus Stacheldraht und Minenfeldern an.
Einige, die erst kürzlich nach Thailand geflohen sind, behaupten, daß ostdeutsche Experten den Vietnamesen bei diesem Projekt Beraterdienste leisten. Bei manchen Kambodscha-Flüchtlingen heißt die neue Grenzbefestigung deshalb "Berliner Mauer im Dschungel". Hanoi ist mit Moskau verbündet, DDR-Berater gehören zum Straßenbild der vietnamesischen Hauptstadt.
Nach den letzten Berichten aus dem Innern Kambodschas rekrutieren die Vietnamesen im ganzen Land Arbeiter für ihren Grenzwall. Sie beabsichtigen offensichtlich, Kambodscha total von der westlichen Außenwelt abzuschneiden, um so Behauptungen ad absurdum zu führen, es gäbe da noch "befreite Territorien".
Die Wahrheit ist, daß nach sechs Jahren der innerkambodschanische Widerstand gegen die Vietnamesen zusammengebrochen ist. Die Guerrilleros werden ausgesperrt. Thailand ist ihr Stützpunkt, und wie die zivilen Flüchtlinge leben auch die Kämpfer nur noch von den Rationen der Uno-Flüchtlingshilfe.
"Wir haben lediglich Zivilisten hier, nur Frauen und Kinder. Die Welt muß ihnen helfen", behauptet zwar ein Mann, der sich als Genosse Sum vorstellt. Doch Sum gehört zu den Kadern der Roten Khmer, die das Lager von Khao Jai unter sich haben, rund 60 Kilometer südlich von Aranjaprathet. Dort leben jetzt 37 000 Menschen. Sie kamen binnen zwei Wochen nach Beginn der Angriffe auf den Stützpunkt der Roten Khmer von Pnom Malai.
Schon ein erster Rundgang im Lager erweckt Zweifel an den Äußerungen des Genossen Sum. Zumindest jeder vierte Mann trägt hier eine jener grünen Uniformen, die China den Roten Khmer als Ersatz für die berüchtigte schwarze Kampfkleidung geliefert hatte, die sie trugen, als sie ihre eigenen Landsleute, die Städter zumal, wie in einem Blutrausch abschlachteten.
Manche der Lagerinsassen sind verwundet, zu Krüppeln geschossen, aber sehr viele erwecken den Eindruck einer regulären Truppe, die sich in die Etappe zurückgezogen hat. Waffen sind allerdings nicht zu sehen.
"Waffen? Jeden Tag sehe ich mehr davon, als ich zählen kann", ruft ein thailändischer Bauer aus, der anders als seine verängstigten Nachbarn noch bereit ist, über die Kämpfe zu reden, die unweit seiner Holzhütte toben.
Jedesmal bei Sonnenuntergang, wenn die roten Tankwagen abgefahren sind, die das Trinkwasser in die Lager schaffen, kommen blaue Lastwagen, auf denen sich Kämpfer der Roten Khmer mit Schnellfeuergewehren, Granatwerfern und anderen Waffen drängen. Die Fahrer der Wagen sind Thais. "Solche Laster fahren hier immerzu bis zum frühen Morgen", behauptet der Mann, der, wie er sagt, angewidert ist von der "Hilfspolitik der Vereinten Nationen für die blutrünstigen Mörder".
Die schreckliche Zeit der Rote-Khmer-Herrschaft ist noch nicht abgelaufen, sie lebt sogar im Exil fort. Das Lager Khao Jai ist ein getreues Abbild jenes mörderischen Kambodscha von 1975 bis 1979. Schon die Stille in dem Lager ist bedrückend. Niemand erhebt seine Stimme, an fröhlichen Lärm, Lachen etwa, ist nicht zu denken. Gleichförmig ist die ärmliche Kleidung, gleichförmig der Ausdruck von Not und Kummer in den unbewegten Gesichtern.
Ein ehemaliger Arzt, der sich aus Angst, als verfemter bürgerlicher "Intellektueller" getötet zu werden, seit 1975 wie alle anderen auch als "Bauer" ausgibt, setzt zu einigen hastig geflüsterten Worten an, schweigt immer wieder, aus Angst, ein Kämpfer der Roten Khmer könnte ihn beim Gespräch mit einem Fremden ertappen.
Der Arzt und etliche andere, soviel wird klar, würden sich gern den Widerstandsgruppen von Son Sann oder Sihanouk anschließen, aber das ist unmöglich. Erst vor kurzem, vor einem vietnamesischen Angriff, hatte eine Gruppe versucht, aus dem Lager auszubrechen. Vergeblich, alle wurden gefaßt. Ein _(Szene aus dem Kinofilm "The Killing ) _(Fields - Schreiendes Land". )
Lager-Gericht verurteilte zehn von ihnen als Spione zum Tode, 42 andere kamen mit geringeren Strafen davon. Einigen gelang es, dem SPIEGEL heimlich ein Papier zuzustecken mit einem "Hilfe-Appell an die internationalen Organisationen".
Aber deren Repräsentanten in Thailand zucken mit den Schultern. "Es ist schwierig, da irgend etwas zu unternehmen", meint einer von ihnen in der Stadt Aranjaprathet, "denn diese Lager-Leute befinden sich immerhin noch unter der Autorität ihrer eigenen Regierung, die, nebenbei gesagt, von den Vereinten Nationen anerkannt wurde."
Verglichen mit den Lagern der Roten Khmer weist das Dasein der Flüchtlinge in den Lagern der antikommunistischen KPNLF und der ANS geradezu angenehme Züge auf. Leben und leben lassen kommt da noch vor dem Befreiungskampf, das Arrangieren vor dem Massakrieren, der Profit vor dem Protest.
Jeden Morgen nähern sich unmittelbar vor dem Lager "Site 6" einige hundert Menschen, schwer bepackt mit Säcken, hochbeladene Fahrräder schiebend, der Grenze nach Thailand. Vietnam-treue Soldaten geleiten sie. Auf der anderen Seite übernehmen KPNLF-Untergrundkämpfer die Grenzgänger und bringen sie an die Außenbezirke von "Site 6". Bis zum Mittag findet dort schwunghaftes und fröhliches Markttreiben statt.
Die Leute im Lager kaufen geräucherten Fisch aus dem Tonle Sap, dem großen See Kambodschas, erwerben preisgünstige Textilien. Vom Erlös decken sich die Grenzgänger mit Waren ein, die sich in Kambodscha gut verhökern lassen: Seife, Batterien, Kosmetika und Nudeln.
Jedermann verdient, auch die Vietnamesen erhalten ihren Teil. Sie erheben eine Gebühr für jeden Händler, der die Grenze überquert. Die KPNLF-Kämpfer werden fürs Eskortieren bezahlt. Die Thai-Soldaten, die das Lager bewachen, lassen sich von auserwählten thailändischen Kaufleuten schmieren für die Erlaubnis, Waren auf den für Außenseiter verbotenen Markt zu bringen.
Manche Lager, wie zum Beispiel Khao-I-Dang, sind so beliebt, daß die Insassen entfernterer strenger Unterkünfte die thailändischen Wächter zu bestechen versuchen, um dorthin zu gelangen. Khao-I-Dang gleicht inzwischen schon mehr einem Dorf. Es gibt dort überwiegend feste Bambushütten und gute medizinische Versorgung. Eine Schar freiwilliger ausländischer Helfer leistet überdies noch ihr Soll an Goodwill.
Aber vollkommen ist auch das Glück in Khao-I-Dang nicht. Fast jede Nacht machen Räuberbanden das Lager unsicher, bedrohen die Insassen mit Gewehren - wenn es ihnen gelingt, sie zu finden. Denn viele Hüttenbewohner haben unter ihren Behausungen Tunnel und Höhlen gegraben, in denen sie sich verbergen, wenn die Gangster kommen.
In allen Lagern aber beteuern die Menschen, daß auch die relativ besten Lebensumstände die Heimat nicht ersetzen könnten, vorausgesetzt, daß sie frei sei von fremden Herren. "Wir werden nur dann zurückgehen, wenn die Vietnamesen abziehen", ist die Standardfeststellung entlang der Grenze.
Damit jedoch ist auf absehbare Zeit nicht zu rechnen. Niemand, auch kein Hardliner, nährt die Illusion, die Vietnamesen auf dem Schlachtfeld zu besiegen.
[Grafiktext]
THAILAND LAOS Khao-I-Dang Site 6 Aranja prathet Tatum Ampil Nong Samet Tao Prik Pnom-Malai Gebiet Khao Jai Battambang Tonle-Sap KAMBODSCHA Pnom Penh VIETNAM Ho-Tschiminh-Stadt (Saigon) Mekong Lager der oppositionellen Kambodschaner: von den Vietnamesen erobert neue Lager 150 Kilometer
[GrafiktextEnde]
Szene aus dem Kinofilm "The Killing Fields - Schreiendes Land".
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 11/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1985
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Berliner Mauer im Dschungel“

  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg