11.03.1985

SÜDPAZIFIKKiwi-Krankheit

Platzt der südpazifische Anzus-Pakt? Seit Neuseelands Premier David Lange keine US-Schiffe mit Atombewaffnung mehr einlaufen läßt, üben Amerika und sein Musterverbündeter Australien Druck aus. *
An Kummer mit den Amerikanern ist er eigentlich gewöhnt. In den 60er Jahren demonstrierte und protestierte der neuseeländische Jungjurist David Lange so lautstark gegen die Bomben auf Vietnam, daß US-Behörden ihm deshalb die Einreise verweigerten.
Sicher hätten die Amerikaner dem Krawaller seine Jugendsünden großherzig verziehen, wenn der zornige junge Mann von einst nicht heute Premierminister von Neuseeland wäre und mit seiner Politik dermaßen den Mißmut Washingtons provoziert hätte, daß US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger einen "ernsten Angriff auf die Allianz" sah.
Nicht nur, daß der 42jährige Sozialdemokrat Lange, seit Juli 1984 Regierungschef der südpazifischen Inseln mit drei Millionen Einwohnern und 70 Millionen Schafen, sein Land gemäß Wahlversprechen zur "atomwaffenfreien Zone" erklärt hatte. Der schwergewichtige Politiker verweigerte Anfang Februar dem US-Zerstörer "Buchanan", Neuseelands Häfen anzulaufen, weil Washington nicht angeben wollte, ob das Schiff atomgetrieben oder gar atombewaffnet sei.
Seit diesem Hafenkrach am Ende der Welt findet im Südpazifik ein diplomatischer Nervenkrieg statt, der eines der stabilsten westlichen Bündnisse zu sprengen droht, den Anzus-Pakt zwischen Australien, Neuseeland und den USA.
Vor 33 Jahren hatten Australien und Neuseeland, noch unter dem Eindruck der japanischen Expansion im Zweiten Weltkrieg, den amerikanischen Schutzschild herbeigesehnt. In den letzten Jahren aber wuchs im Südpazifik eine Friedensbewegung heran, die nicht nur die Atomversuche durch Franzosen anprangert, sondern auch eine weitere Militarisierung der Region zwischen Hawaii, den Philippinen und Neuseeland für äußerst gefährlich hält. Die USA haben rund 160 militärische Einrichtungen, Stützpunkte, Horchposten und Frühwarnsysteme im Pazifik eingerichtet (siehe Karte).
So reagierte Washington gleich mit dem großen Knüppel. Sechs Manöver des Anzus-Paktes wurden abgesagt. Statt dessen will die US-Marine demonstrativ allein mit den Australiern üben. Neuseeland erhält keine militärischen Geheimdienstinformationen mehr. Hinterbänkler im Kongreß drohten den Neuseeländern gar einen Handelskrieg an.
"Washington ist über die 'Kiwi-Krankheit' besorgt", kommentierte die
"National Times" in Sydney, denn das Beispiel der Neuseeländer, nach ihren kuriosen Straußenvögeln auch "Kiwis" genannt, könnte Schule machen. "Die politischen Führer von Inseln wie Fidschi, Tonga und Westsamoa betrachten Neuseeland als ihren großen Bruder", befürchtet ein regierungsnaher Analytiker in Washington, "wenn dort ein Flickenteppich von atomfreien Zonen entsteht, könnten die US-Schiffe sich nicht mehr in der Gegend bewegen."
Genau das wünschen sich auch australische Atomwaffengegner, die vergangene Woche mit Segelschiffen eben jenen US-Zerstörer "Buchanan" daran hindern wollten, in Sydney einzulaufen. Das Beispiel Neuseelands hat den australischen Labor-Premier Bob Hawke in Verlegenheit gebracht. Seit seinem knappen Wahlsieg im vergangenen Dezember, als eine unterschätzte Anti-Atom-Bewegung der etablierten Labor-Partei Stimmen wegschnappte, wird Hawke von linken Parteifreunden und Friedensbewegten unter Druck gesetzt; doch er zieht es noch vor, sich gleichzeitig als Musterschüler der Amerikaner im Anzus-Pakt darzustellen.
Einen peinlichen Auftritt hatte der Australier Anfang Februar in Washington, als er die amerikanischen Verbündeten seiner Loyalität versicherte und im selben Atemzug auf Druck der australischen Öffentlichkeit seine bereits zugesagte Mithilfe bei amerikanischen Raketentests aufkündigte: US-Flugzeuge dürfen nun doch nicht auf australischen Flughäfen landen, um die Flugversuche ihrer MX-Raketen in der Tasman-See vor Australien zu beobachten.
Doch US-Außenminister George Shultz sah großzügig über Hawkes Mißgeschick hinweg, zumal dieser ihm anbot, den störrischen Dritten im Anzus-Bunde, Neuseeland, wieder auf Kurs zu bringen. "Das ist der beste Weg, den Anti-Amerikanismus in der (australischen) Labor-Partei hochzuschaukeln", warnte die konservative "Australian Financial Review". Hawke war indes nicht mehr zu halten. Letzte Woche sagte er von sich aus das für Juli in Canberra geplante Treffen der drei Außenminister des Anzus-Paktes ab - womöglich ein Todesstoß für die marode Allianz.
Derweil erholt sich der gescholtene David Lange vor europäischem Publikum, das seine Anti-Atom-Nöte besser zu verstehen scheint als seine Anzus-Pakt-Partner. "Einen Verbündeten gegen seinen Willen zur Aufnahme von Atomwaffen zu zwingen heißt, von den moralischen Positionen des Totalitarismus her handeln", beschwerte er sich in Oxford.
Seinen Kurs vertritt Lange mit dem moralischen Rigorismus eines gläubigen Methodisten, doch unrealistisch wirkt er dabei nicht: "Wir Neuseeländer dachten früher immer, wir könnten die Hände im Schoß falten, während der Rest der Welt sich selbst zerstört", sagt der einstige Armenanwalt deutscher Abstammung, "aber inzwischen wissen wir: Wenn der nukleare Winter ausbricht, gehen wir ebenso drauf wie sie alle."
[Grafiktext]
POLITIK IM PAZIFIK NORDKOREA SÜD-KOREA Japan: Häfen offiziell für atombewaffnete Schiffe qesperrt; in der Praxis wird die Benutzung gewährt JAPAN Hiroschima CHINA Nagasaki 6. August 1945: Erster Atombomben-Einsatz 9. August 1945: Zweiter Atombombeneinsatz Das Südpazifik-Forum hat im August 1984 die Einrichtung einer atomwaffenfreien Zone beschlossen. Jedes Mitgliedsland kann seine Häfen für Schiffe mit Atomwaffen sperren USA TAIWAN Basis für Atom-U-Boote, Atomwaffen-Depot US-Atomtests von 1946 bis 1958 (Atolls seitdem unbewohnbar) PHILIPPINEN GUAM (USA) NORD-MARIANEN (USA) ENIWETOK BIKINI Kwajalein: Beobachtungsstation für Langstreckenraketen Pearl Harbor: Atomwaffen-Depot HAWAII Test-Flugbahnen für die amerikanischen MX-Raketen VIETNAM MALAYSIA PALAU MIKRONESIEN MARSCHALL-INSELN WEIHNACHTSINSELN (BRIT.) Mai 1957: Erster britischer H-Bombentest INDONESIEN PAPUA-NEUGUINEA NAURU SALOMONEN TUVALU WESTSAMOA TOKELAU (NEUSEEL.) KIRIBATI Oktober 1952: Erster britischer Atombombentest US-Beobachtungsstation für Langstreckenraketen VANUATU FIDSCHI-INSELN AMERIK.-SAMOA MONTEBELLO-INSELN Alice Springs NEU-KALEDONIEN (FRANZ.) WALLIS UND FUTUNA (FRANZ.) TONGA COOK-INSELN (NEUSEEL.) TAHITI FRANZ.-POLYNESIEN Mururoa: Atombombentests seit 1966 AUSTRALIEN Zwischen 1950 und 1960: Britische Atombombentests NIUE (NEUSEEL.) PITCAIRN-INSELN (BRIT.) Neuseeland und Vanuatu: Häfen für atombewaffnete und -betriebene Schiffe gesperrt Australien: Keine konsequente Haltung gegen atombewaffnete Schiffe NEUSEELAND Quelle: THE ECONOMIST
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DER SPIEGEL 11/1985
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