08.04.1985

US-MEDIENMittleres Beben

Die Fernsehgesellschaft ABC wurde für 3,5 Milliarden Dollar verkauft. Amerikas TV-Anstalten fürchten sich vor rechter Unterwanderung. *
Die Kolumnistin Judy Mann von der "Washington Post" plagte eine schreckliche Vision: Über Nacht waren von den Bildschirmen der Nation die vertrauten Gesichter und Charaktere verschwunden, trotz bunter Farben dominierte Schwarz.
Statt Dan Rather brachte bei CBS (Columbia Broadcasting System) nun der ultrakonservative Senator Jesse Helms aus North Carolina die Abendnachrichten ins Haus, feierlich eingeleitet mit dem Eid auf die amerikanische Fahne.
"Dallas"-Ekel J. R. Ewing sprang nicht mehr von Bett zu Bett oder betrog seine Geschäftspartner, sondern präsentierte sich als "wiedergeborener Christ" und mustergültig treuer Ehemann.
Sonntags, von morgens sieben bis zwölf Uhr mittags, gab es statt der Cartoons voll wilder Gewalt Religion für jung und alt mit dem rechten Reverend Jerry Falwell. Und das alles unter dem neuen Firmen-Logo "CBS - Conservative Broadcasting System".
Der Alptraum der Kolumnistin schien so abwegig nicht. Denn seit langem schon bejammern die Apostel des rechten Amerika die angeblich "liberalen Tendenzen" im kommerziellen US-Fernsehen, fordern sie mehr Zucht und Ordnung, mehr Rechte und mehr Reagan.
Die Saubermänner hatten auch schon mitgeteilt, wo der Macht- und Bildwechsel zuallererst vonstatten gehen sollte: bei CBS, der größten der TV-Stationen und nach rechter Meinung Inkarnation des Bösen. Wer etwas auf Amerika gebe, so trommelte Senator Jesse Helms in einem Brief an knapp eine Million Gesinnungsfreunde, solle für sein Erspartes CBS-Aktien kaufen, so viele wie nur irgend möglich, und dann rechts rum, marsch!
Seit Mitte März ist die Begierde der Rechten noch gewachsen, zugleich aber auch der Preis für den Marsch in die Regiezentralen gewaltig gestiegen. Denn das laute Gerede vom sauberen Bildschirm sowie verdächtige Aktien-Bewegungen an den Börsen hatten auch bei den beiden anderen großen TV-Anstalten, ABC und NBC, die Sorge vor einer "feindseligen Übernahme" wachsen lassen.
Und während CBS die Aktien-Aufkäufer von rechts noch mit juristischen Mitteln zu stoppen suchte, entzog sich die Konkurrenz bei ABC bereits vorsorglich jedwedem fachfremden Zugriff: Für 3,5 Milliarden Dollar läßt sich die Glamour-Gesellschaft von der gerade ein Drittel so großen Medien-Firma Capital Cities Communications (CCC) aufkaufen, die bislang allenfalls bei TV-Experten bekannt war.
Klappt die Transaktion wie geplant, wäre es eine der größten Fusionen der US-Geschichte, übertroffen nur von neun Zusammenschlüssen in der Ölindustrie und der Verschmelzung zweier Eisenbahnen (Southern Pacific und Santa Fe Railroad), bei der es, 1983, um 5,2 Milliarden Dollar ging.
Vor allem aber wäre es eine Zäsur für Amerikas Medien. Bislang nämlich hatten sich Vertreter der "Vierten Gewalt", vor allem die des Fernsehens, in einer Sonderstellung gewähnt, einem privaten Klub gewissermaßen, zu dem kein Außenstehender Zutritt habe. Daß ihre Unternehmen an New Yorks Wall Street ebenso schnöde gehandelt werden könnten wie Kaugummi- oder Reifenkonzerne, schien über Jahrzehnte undenkbar.
Tatsächlich aber hatten - außer den rechten Eiferern um Jesse Helms - längst auch finanzkräftige Multis ein Auge auf die profitträchtigen Bildschirm-Betriebe geworfen, wurde beispielsweise der Getränke-Gigant Coca-Cola als möglicher ABC-Käufer genannt.
Als nun ABC und CCC ihre "Mega-Fusion" ("The New York Times") publik machten, ging ein mittleres Beben durch die Branche. "Mit allem hatten wir gerechnet", wunderte sich ein leitender ABC-Redakteur, "nur damit nicht." Erleichtert waren die Fernsehmacher nur über eines: "Die verstehen wenigstens was vom Fach."
Dabei war ein ehemaliges Altersheim für Nonnen in Albany (Bundesstaat New
York) vor gut 30 Jahren die Geburtsstätte von CCC gewesen. Aus der Kapelle wurde ein Fernsehstudio, von der Empore aus machte man, auf Mittelwelle, Radio.
Mitbegründer und lange Jahre auch Direktor bei CCC war ein New Yorker Jurist namens William Casey. Noch immer besitzt der heutige CIA-Chef und Reagan-Freund CCC-Aktien im Werte von 7,5 Millionen Dollar. Mit dem Hinweis darauf, daß diese Summe nur ein viertel Prozent aller CCC-Aktien ausmache, bestreitet Casey jedweden Einfluß auf die Programmgestaltung der erfolgreichen Firma.
Heute besitzt CCC sieben Fernsehsender, zwölf Rundfunkstationen, zehn Tageszeitungen, über 30 Zeitschriften und gilt als eines der am besten geführten und einträglichsten Unternehmen der Branche.
CCC-Boß Thomas S. Murphy, ein spartanisch und zurückgezogen lebender Jurist, lenkt den Konzern aus einem Mini-Büro in der New Yorker Innenstadt. Dort arbeiten lediglich 33 Leute; eine Personal- oder Rechtsabteilung gibt es nicht; zuständig für Public Relations ist Ruth Fitzgerald, Murphys Sekretärin seit 30 Jahren. Mehr Personal, so der Chef, brauche er nicht: "Das New Yorker Büro verdient kein Geld, wir geben nur welches aus."
Das Ergebnis dieser Art von Management kann sich sehen lassen: Bei 939,7 Millionen Dollar Einnahmen erwirtschaftete CCC im vorigen Jahr einen Gewinn von 143 Millionen Dollar. An der Börse gilt der kapitalstarke Konzern als "Cadillac der Branche". Doch ganz ohne Hilfe kann der CCC-Jonas den ABC-Wal nicht schlucken. Murphy hat sich der Hilfe einer Investment-Firma versichert und bei Banken Kredite aufgenommen.
Zudem gibt es bei ABC genügend Streichposten. Die jüngste der drei großen TV-Anstalten, jahrelang das Kellerkind, dann das Wunderkind der amerikanischen Fernsehszene, arbeitet zwar ebenfalls mit Gewinn, aber im Vergleich zu CCC nehmen sich die Margen bescheiden aus: 195,3 Millionen bei Einnahmen von 3,71 Milliarden Dollar.
Das liegt natürlich auch daran, daß ABC ungleich teurere Programme einkauft oder produziert als CCC, Banales wie "Denver-Clan" oder "Love Boat" ebenso wie die exzellente, wenn auch späte politische Sendung "Nightline" (23.30 Uhr), den Frühstücks-Bestseller "Good Morning America" und die aufwendigsten Sport-Übertragungen, für 225 Millionen Dollar etwa von den Olympischen Spielen in Los Angeles.
In den vergangenen fünf Jahren jedoch wurden mehr und mehr Sendungen am Konsumenten vorbei produziert - ABC, 1976/77 ganz vorn im Rennen um die Einschaltquoten (die Serie "Roots", an acht aufeinanderfolgenden Abenden, zog mehr Zuschauer an als je eine andere Unterhaltungssendung), ist derzeit wieder wie einst in den Gründerjahren Nummer drei von dreien, abgehängt selbst von den auch nicht gerade spritzigen NBC-Sendungen.
ABC, wegen der Unbeständigkeit im Programmbereich von den Fernsehkritikern gern mit einer launischen Diva verglichen, hat sich, glaubt Robert Bennett von der TV-Anstalt Metromedia, stärker als die Konkurrenz mit "den hohen Kosten und der Verschwendung" herumschlagen müssen, "die mit Stars und Produktionen in Hollywood verbunden sind". Bennett: "Eine Infusion mit einigen wirklichen Spitzenleuten von Capital Cities kann da nur hilfreich sein."
Zwar hat Murphy versichert, die Chefs von ABC würden künftig über die gleichen Freiheiten verfügen wie die Direktoren seiner anderen Unternehmen. Murphy-Vertraute jedoch sind überzeugt, daß der Boß den Riesen ABC mit seinen über 13 000 Beschäftigten entfetten wird.
Murphys CCC-Erfolge, so vermuten Branchen-Insider, haben möglicherweise sogar den Ausschlag dafür gegeben, daß ABC-General Leonard H. Goldenson, 79, dem Geschäft zustimmte: Der alte Herr, der um gut 20 Millionen Dollar reicher in Pension geht - soviel verdient er an seinen ABC-Aktien, für die CCC pro Stück 121 Dollar netto zahlt -, sorgte sich angeblich schon seit langem darum, ob sein Kronprinz Frederick S. Pierce auch als erster Mann gut genug sei.
Pierce soll zwar, so die Vereinbarung mit CCC, Chef des Unternehmensbereichs ABC werden, aber über ihm rangieren, im Gesamtkonzern, Murphy und dessen Vize Daniel Burke. Einig werden müssen sich die neuen Partner vorrangig darüber, welche Fernseh- und Rundfunkstationen die neue Gesellschaft, um nicht mit den Kartellvorschriften der USA in Konflikt zu geraten, am Ende abstößt - und an wen.
Denn an Interessenten wird es nicht mangeln. Spätestens seit dem Beschluß zur CCC/ABC-Fusion, so urteilte die "New York Times", müssen die Mitglieder des exklusiven Klubs darauf gefaßt sein, daß sie behandelt werden wie andere Firmen auch.
Schon zogen die Aktien von CBS kräftig an, mehrten sich die Gerüchte, wonach neben den Rechten auch artfremdes Großkapital an die Schaltstellen der größten Anstalt zu gelangen suchte. Ende März schien sich der Verdacht zu erhärten, als bekannt wurde, daß der New Yorker Geschäftsmann Ivan Boesky, der immerhin knapp acht Prozent der CBS-Aktien hält, im vergangenen Wahlkampf Jesse Helms finanziell unterstützt hat. Doch ein Bekannter des erfolgreichen Sohns russischer Emigranten gab Entwarnung: "Der ist hinter dem Geld her, nicht hinter der Ideologie."
Einer gab sogar ganz offen zu, daß er besonders interessiert an CBS sei: der exzentrische und umstrittene Kabel-König Ted Turner, der auch schon intensiv mit Jesse Helms und seinen Rechten verhandelt hat.
Mit ABC, so Turner, "ging's ein bißchen schneller, als ich gedacht hatte. Ich hatte gerade keine vier Milliarden zur Hand".
Aber: "Das war erst die Nummer eins, zwei stehen noch aus."

DER SPIEGEL 15/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Videoumfrage zu Mobbing: "Die haben mich bis nach Hause verfolgt"
  • US-Polizeivideo: Verfolgungsjagd endet im Mülleimer
  • Unwetter in Spanien: "Es war plötzlich alles überflutet"
  • Proteste in Hongkong: "Die Briten sind moralisch dazu verpflichtet, zu helfen"