11.03.1985

Caspar Weinbergers Himmelfahrt

Nach vier Jahren strategischer Aufrüstung wachsen im US-Senat die Zweifel am Sinn der gewaltigen Ausgaben. Doch die meisten Waffenprogramme sind bereits festgeschrieben - Verteidigungsminister Caspar Weinberger wird in die Geschichte Amerikas eingehen als der Mann, der dem Land das teuerste Arsenal aller Zeiten bescherte und den Triumph der US-Waffenschmiede, das utopische Rüstzeug für den Krieg der Sterne. *
An Ideen hat es Thomas K. Jones noch nie gemangelt.
Was würden die amerikanischen Überlebenden eines nuklearen Holocaust machen? Mr. Jones: "Briefe lesen, zum Beispiel". Denn die unermüdliche US-Post würde ihren Dienst alsbald wieder aufnehmen. Sogar die Stromversorgung einer mittleren US-Großstadt könnte schon kurz nach dem atomaren Blitz wieder funktionieren: Man brauche nur die Batterien aller Autos des Gemeinwesens aneinanderzuschließen - voila!
Es war nur einer von vielen seiner verrückten Einfälle. Aber "T.K.", wie sich Jones gern nennen läßt, ist auch nur einer aus einem ganzen Team von Planern des schlichtweg Irrealen, die 1981 im Gefolge des Wahlsiegers Reagan Einzug hielten in Washington.
Sie alle kamen von der Westküste der USA - Jones als Programm- und Produktmanager vom Flugzeugfabrikanten Boeing in Seattle -, um Platz zu nehmen an den Schalthebeln der Atommacht Amerika: Jones, der klinisch unterkühlt und unbewegt über den Tod von Millionen Menschen doziert, arbeitet immer noch als Unterstaatssekretär für Verteidigung.
Mit Leuten seines Schlages entwickelte die Verteidigungspolitik der USA jene unwirklichen, futuristischen Züge, deren Abbild Reagans Star-Wars-Konzept darstellt: Wer da glaubte, die ersten stategischen Sprüche der Jones & Co. seien nicht viel ernster zu nehmen als etwa die Phantasien kleiner, von den technischen Möglichkeiten ihres neuen Spielzeugs überwältigter Kinder, der hatte immer noch nicht begriffen, wohin die Reise ging - zurück zur unangefochtenen strategischen Überlegenheit, zurück in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, da Amerika das nukleare Vernichtungsmonopol behaupten konnte.
Die Reise in die strategische Vergangenheit wurde zum öffentlichen Programm, als der ranghöchste unter Reagans Kaliforniern seinen Strategen den Auftrag gab, eine Doktrin zu entwickeln, die erstmals das Unvorstellbare vorstellbar machte und beim Namen nannte:
Amerikas Politik, so verkündete Ronald Reagans Verteidigungsminister Caspar Willard Weinberger 1982, müsse darauf ausgerichtet sein, daß die USA einen Atomkrieg nicht nur überleben, sondern in ihm "die Oberhand behalten" könnten.
Die wichtigste Voraussetzung dafür hatte der 67jährige Minister gleich in seiner ersten Botschaft an die Truppe bekanntgemacht: Er halte es für seine persönliche "Mission", versicherte Weinberger, "Amerika neu zu bewaffnen". Es gehe ganz schlicht darum, "Amerikas militärische Stärke in großem Maß zu erhöhen".
Er hat beides in seinen bislang gut vier Amtsjahren geschaffft: Das Land ist so schwer bewaffnet wie nie zuvor, Amerika ist - zumindest auf dem Papier - militärisch stärker denn je. Und Weinberger, ein eher stiller, ja liebenswürdig wirkender Mann, ist zum Symbol geworden für die größte Aufrüstung, die es jemals in Friedenszeiten gegeben hat.
Nahezu eine Billion - in Ziffern: 1 000 000 000 000 - Dollar hat diese Kraftanstrengung veschlungen. Jahr für Jahr ist der Haushalt des Pentagon um über zehn Prozent gestiegen. Die UdSSR hingegen hat laut CIA-Analysen im gleichen Zeitraum jährlich zwei Prozent mehr für die Rüstung ausgegeben.
Im kommenden Haushaltsjahr soll der Verteidigungsetat nach dem Willen Caspar Weinbergers bei 313 Milliarden Dollar (oder 32,2 Prozent des Gesamthaushalts) liegen. Und auch damit soll es dann immer noch nicht genug sein. Hunderte von Milliarden sind bereits veranschlagt für die Rüstungsrunden der nächsten Jahre. "Rüstungskontrolle" ist nur noch ein Wort.
"Solange ich Präsident bin", gelobte Ronald Reagan denn auch am Vorabend der Genfer Gespräche dieser Woche, "werden wir nicht zurückkehren zu jenen Tagen, in denen sich Amerika rapide zu einer kraftlosen Demokratie entwickelte, zu schwach, seinen Verteidigungsverpflichtungen nachzukommen."
Caspar Weinberger ist des Präsidenten Handlungsbevollmächtigter, der in den
Ausschüssen des Kongresses, auf den Cocktailpartys der Hauptstadt und beinahe täglich im Fernsehen um noch mehr Mittel kämpft; der seine schaurigen Geschichten von der Roten Gefahr wiederholt ("ich mag auf Sie ein bißchen paranoid wirken, aber die Leute begreifen die Bedrohung einfach nicht") und der von der Notwendigkeit predigt, alle innenpolitischen Probleme der Verteidigung unterzuordnen. Vor allem aber singt er seit einem Jahr das Hohelied der strategischen Verteidigung gegen beinahe alles, was fliegt - jener Vision einer Zukunft, in der Atomwaffen "impotent und obsolet" (Reagan) wären.
Er sei, schrieb die "Washington Post", "im Kabinett am ehesten so etwas wie Ronald Reagans Bruder". Kein Zweifel, die beiden verbindet eine tiefe gegenseitige Bewunderung. Reagan nennt Weinberger - in Anspielung an Englands Queen Victorias treuen, reaktionären Premier - "meinen Disraeli" (eine gewisse Ähnlichkeit ist vorhanden). Weinberger wiederum vergleicht den Präsidenten mit seinem politischen Helden Winston Churchill. Das ist ein Gleichklang zweier Seelen, die beide fest davon überzeugt sind, daß Gott den Vereinigten Staaten eine besondere Aufgabe auferlegt habe: die Errettung der Welt vor der kommunistischen Gefahr.
Und das verbindet sie trotz allem, was sie von Wesen und Herkunft eigentlich trennen müßte:
Der eine ist hochintelligent, belesen, ein Bewunderer alles Englischen, stets britisch unterkühlt, elegant und verbindlich im Umgang, ein "Workaholic", der bis zu 17 Stunden täglich arbeitet. Der andere ist eben Ronald Reagan - ein vielbeschriebenes Beispiel von Macht und Faulheit, Charme und Altersstarrsinn.
Caspar Weinberger, Sohn eines Juristen und selber Anwalt, hat in Harvard studiert (Abschluß: "magna cum laude"); Ronald Reagan, Sohn eines Schuhverkäufers und von Beruf Schauspieler, ging in Eureka, Illinois, aufs Provinz-College. Caspar Weinberger hat im Zweiten Weltkrieg als Soldat in Neu-Guinea gekämpft und im Stab des legendären Douglas MacArthur gedient. Ronald Reagan drehte derweilen im friedlichen Los Angeles Filme für die Truppe.
Der Intellektuelle Weinberger, der nach Meinung seiner Frau unter der Bürde des Amtes buchstäblich geschrumpft ist ("er war ein hochgewachsener Mann, als er nach Washington kam"), fällt allenfalls durch seine Sicherheitsbeamten beim Einkaufen auf. Ein Saaldiener verweigerte ihm vor Jahren einmal, weil er ihn nicht erkannte, den Zugang zu einer Reagan-Pressekonferenz - eine Amerikanerin hielt ihn gar auf einem Empfang in der Sowjet-Botschaft für einen der gastgebenden Apparatschiks: Er wirkte so grau.
Dieser ideale "zweite Mann" hat das politische Handwerk von der Pike auf gelernt. 1952 saß er als 35jähriger im Landesparlament von Kalifornien, drei Jahre später wählten ihn die Parlamentsjournalisten zum "fähigsten Abgeordneten".
1968 dann, gut ein Jahr nach Reagans Wahl zum Gouverneur von Kalifornien, berief er ausgerechnet jenen Caspar Weinberger zu seinem Finanzdirektor, der seinen konservativen Parteifreunden als liberaler "Rockefeller-Republikaner" verdächtig war und der ursprünglich Reagans Gegenkandidaten innerhalb der Partei unterstützt hatte.
Richard Nixon warb den Sparkünstler Weinberger aus Sacramento nach Washington ab und vertraute ihm das Budget an - fortan hieß Caspar Weinberger nur noch "cap the knife", nach dem Messer, mit dem er vor allem Ausgaben für Soziales beschnitt. Einmal bedrängte er den Präsidenten sogar - vergebens -, sein Veto gegen ein vom Kongress geplantes Gesetz zur Erhöhung der Bundeshilfe für Blinde und Behinderte einzulegen.
Kollegen, die ihn damals in seinem Büro im Westflügel des Weißen Hauses besuchten, zeigte er stolz ein Photo Ronald Reagans und strahlte: "Da sehen Sie einen Mann, der wirklich weiß, wie man Haushaltspläne kürzt."
Mehrfach flog er nach Kalifornien, um sich mit dem "Governor" zu beraten - und dort blieb er nach Nixons Watergate-Abgang, nun als Direktor des Bau-Multis Bechtel, wo ihm derselbe Nixon-Helfer vorgesetzt war wie zuvor in Washington: George Shultz.
Konzerndirektor Weinberger pries den "Gouverneur Reagan, wie ich ihn kenne", attackierte Carters Haushaltsdefizit (lächerliche 58 Milliarden im Vergleich zu Reagans derzeit 222 Milliarden Dollar) und beteuerte, er werde nach Reagans Sieg nicht mit nach Washington gehen: "Ich habe dort lange genug gedient."
Doch am 1. Dezember 1980 kam der Anruf des Wahlsiegers: "Ich fürchte, ich muß deine ganzen schönen Pläne zunichte machen. Ich brauche dich als Verteidigungsminister."
Henry Kissinger, gebürtig in Fürth, hatte dem Mann, dessen Vorfahren aus
England, Sachsen und Böhmen stammten, gleich nach Reagans Wahl das Prädikat "brillant" erteilt. Seine Berufung an die Spitze des Pentagon löste indes alles andere als Jubel aus.
"Seit 1953 haben wir keinen ähnlich uninformierten Mann mehr auf diesem Posten gehabt", empörte sich das rechte Kolumnisten-Gespann Evans/Novak. "Den werden die Generäle und Admiräle im Pentagon doch bei lebendigem Leibe auffressen und nach einer Viertelstunde wieder ausspucken", lästerte ein früherer Weinberger-Mitarbeiter aus Nixon-Tagen.
Weinbergers erste Auftritte als Pentagon-Chef bestätigten die Vorurteile. Vor allem seine ideologischen Schwarzweiß-Gemälde schienen ihm politisch im Wege zu stehen.
Den Ministern der Nato hämmerte er ein: "Wenn die Entwicklung vom Kalten Krieg zur Entspannung ein Fortschritt ist, dann kann ich Ihnen nur sagen, daß wir uns viel Fortschritt nicht mehr leisten können."
Den Verteidigungshaushalt der Bonner Schmidt-Regierung tadelte er öffentlich: "Ich hoffe nicht, daß andere Staaten sich ein Beispiel an der Bundesrepublik nehmen. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, daß Nato-Verpflichtungen auf die leichte Schulter genommen werden."
"Er bewegt sich wie ein Elefant im Porzellanladen", befand ein hoher britischer Diplomat. Er wirke auf Europäer wie "ein römischer Prokonsul", klagte die gewiß nicht Reagan-kritische Bonner "Welt".
Caspar Weinberger aber hatte den stärkeren Alliierten auf seiner Seite - den Präsidenten. Die beiden wußten sich einig in der Beurteilung der Welt und verglichen die Situation des Westens mit der Bedrohung Europas durch Adolf Hitler vor dem Zweiten Weltkrieg.
Ein mehrstündiges Geheim-Briefing über die "Gefahr aus dem Osten" wurde für Anfänger Weinberger vom legendären Bild-Interpreten des Pentagon, John Hughes, veranstaltet. Der Experte hatte einst aus Photos die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba herausgelesen. Nun schockierten seine Bild-Exegesen den neuen Pentagon-Chef so sehr, daß Weinberger sich gegenüber Freunden sorgte, wieviel Zeit Amerika überhaupt noch bleibe, ehe die Russen kämen.
Die Ängste des Ministers und seines Chefs reflektierten eine allgemeine Stimmung Amerikas: Die Geiselnahme im Iran, der sowjetische Einmarsch in Afghanistan, nicht zuletzt auch die Wahlkampf-Rhetorik der Republikaner hatten mehr und mehr Bürger davon überzeugt, daß es in der Tat schlecht bestellt sei um die militärische Stärke der Nation.
51 Prozent der Amerikaner, so ergab 1981 eine Gallup-Umfrage, waren der Meinung, die USA stellten zu wenig Geld für die Verteidigung bereit - was Reagan und Weinberger in ihrem Rüstungseifer noch bestärkte und die Gegner zusätzlicher Rüstung-Milliarden erst einmal in die Defensive drängte. Weinberger: "Natürlich kann ich zwei Flugzeugträger streichen. Es ist leicht, den Verteidigungshaushalt zu kürzen. Aber wenn der Augenblick kommt, wo wir sie brauchen, werden sie uns erheblich mehr kosten."
1981 bewilligte der Kongreß einen sensationellen 20-Prozent-Zuschlag für Waffenkäufe; der Pentagon-Haushalt wuchs auf 216,5 Milliarden Dollar an - lediglich 5,5 Milliarden weniger, als Weinberger gefordert hatte.
Als Budgetdirektor David Stockman doch noch einige Milliarden einsparen wollte, überließ Weinberger die Entscheidung Ronald Reagan. Er legte dem Präsidenten Schautafeln vor, auf denen überdimensional große Soldaten mit großen Waffen und der Aufschrift "Reagan-Budget", winzige Figuren mit winzigen Waffen und der Aufschrift "Stockman-Budget" förmlich erdrückten.
Reagan war für die großen Soldaten.
Seine jährlichen Budget-Schlachten mit dem Kongreß vergleicht Weinberger seither im privaten Gespräch mit Kabuki-Vorführungen, jener Form des japanischen Theaters, bei der alle Bewegungen im vornhinein bis ins letzte einstudiert und festgelegt sind.
"Es kommt einem vor, als laufe in seinem Kopf ein Tonbandgerät", beklagte sich ein republikanischer Senator. Denn die Antworten Weinbergers vor den Kongreßausschüssen sind meist Wort für Wort identisch, vorgetragen mit nur mühsam verhüllter Langeweile.
Das Ergebnis jedoch spricht für sich: 1982 bewilligte der Kongreß über 95 Prozent des von Weinberger geforderten Betrages - Einsparungen produzierte er lediglich auf dem Papier, indem er einfach die Inflations-Prognosen veränderte.
Fast 96 Prozent des geforderten Etats erbrachte das Ritual auch im folgenden Jahr, wo er angeblich im Ansatz schon "bis auf die Knochen" abgespeckt hatte - durch Manipulationen mit der Inflationsrate und dem erwarteten Treibstoffpreis sowie der Aussetzung einer Solderhöhung.
So ging es weiter - aus "Cap the knife" wurde "Cap the shovel", Cap die Schaufel, der seinen Streitkräften - und vor allem den Waffenproduzenten - das Geld milliardenweise in den Rachen schippte.
Der Dollarsegen führte zu einer - in der Statistik - blitzblank schimmernden Wehr, zur Wiederbelebung alter, von der früheren Regierung verworfener Projekte, wie zum Beispiel dem B-1-Bomber, der unter Jimmy Carter in den Museums-Hangar geschoben worden war.
Weinberger forciert den Ausbau der Navy auf 600 Schiffe bis zum Jahre 1989, so als werde ein dritter Weltkrieg nicht anders geführt als der erste. Er machte die schon zu Carters Zeiten heftig umstrittene Rakete MX (Weinberger: "Die MX ist keine Erstschlagwaffe, weil wir
nicht die Absicht haben, einen Erstschlag zu führen") zu seinem Herzensanliegen. Er propagierte den - auf Radarschirmen unsichtbaren - "Stealth"-Bomber (Kostenvoranschlag für das Projekt: 30 Milliarden Dollar) und investierte heftig in die "militärische Kampfbereitschaft", in der Hoffnung, die "Durchhaltefähigkeit" der US-Streitkräfte von weniger als 30 auf mehr als 60 Tage zu erhöhen.
Daß Amerika insgesamt militärisch real und nicht nur auf dem Papier stärker geworden sei, wird hingegen von durchaus ernst zu nehmenden Experten bezweifelt. Sie verweisen wie etwa der Autor James Fallows in seiner Studie "National Defense" auf: *___die enge Verflechtung zwischen Pentagon und ____Waffenproduzenten, den berüchtigten ____"militärisch-industriellen Komplex". Fast 30 Prozent ____der Rüstungsaufträge gehen inzwischen in die Heimat von ____Weinberger und Reagan, nach Kalifornien; *___die Tradition, nach dem Stand von heute mit dem Geld ____von morgen für einen Krieg von gestern zu planen; *___die nicht zu überwindende Rivalität der einzelnen ____Teilstreitkräfte, die sich kaum je auf ein gemeinsames ____Projekt einigen können; *___die traditionelle Suche nach der Wunderwaffe, die dazu ____führt, daß vergleichsweise simple, aber bewährte ____Systeme technisch so überpfropft werden, daß sie kaum ____noch einsatzfähig sind; *___die "Bedrohungs-Inflation", die immer dann, wenn es ____überhaupt keinen Grund für die Einführung einer neuen ____Waffe gibt, eine Bedrohung erfindet, die schleunigst ____abgewendet werden muß.
Wie eng Pentagon und Produzenten miteinander verflochten sind, machen Zahlen deutlich:
Zwischen 1971 und 1979 wechselten 1455 Offiziere vom Oberst aufwärts in die amerikanische Verteidigungsindustrie - 223 Industrielle gingen den umgekehrten Weg, und die größten Geschäftspartner des Verteidigungsministeriums waren immer dabei. Welcher Offizier im Pentagon aber wird nicht einen früheren Kameraden wohlwollend empfangen und anhören, der inzwischen für die andere Seite arbeitet? Welcher Offizier im Pentagon möchte sich selbst durch unfreundliches Verhalten die Chance verbauen, bald denselben Weg zu gehen?
Größerer Schaden entsteht den U.S. Forces allerdings durch notorischen Koordinationswirrwarr. Die Rivalität der Teilstreitkräfte geht so weit, "daß sich die Air Force", wie einer ihrer Offiziere einräumt, "nicht dafür interessiert, was die Russen tun, sondern was die Navy oder die Army tut", damit ja keiner einen ungerechten Vorteil einstreicht.
Koordinierung sieht dann so aus, daß die Army beispielsweise einen neuen Schützenpanzer baut, die Air Force Hunderte für den Transport dieser Fahrzeuge gedachte Großraumflugzeuge - bevor sich herausstellt, daß die Ladeluken zu klein für die Schützenpanzer sind.
Auch bei der Suche nach vermeintlichen Wunderwaffen überbieten sich alle Beteiligten in dem Bemühen, den neuesten Stand der Technologie zu nutzen, wodurch Geräte so störanfällig werden, daß sie kaum noch einsatzfähig sind, vom gigantischen Preis nicht zu reden.
So weist die Anti-Panzer-Rakete TOW zwar eine hohe Zielgenauigkeit auf und erzielt einen geradezu unglaublichen Kosten-Nutzen-Effekt - schließlich läßt sich mit dem 7000-Dollar-Geschoß ein Panzer im Werte von einer halben Million Dollar vernichten. Aber mit dem Einsatz hapert's: Voraussetzung ist, daß der Schütze mindestens zehn Sekunden lang ohne jede Deckung still stehen muß, um den TOW-Kurs zu verfolgen - und welcher Soldat würde das wohl im Ernstfall tun?
An diesen Zuständen, die zu den Kernübeln des amerikanischen Verteidigungssystems zählen, hat Caspar Weinberger kein Stück ändern können - oder wollen. So steht er einer Streitmacht vor, die gut sein mag für großvolumige, strategische Drohgebärden, die es aber gerade noch schafft, eine Operation a la Grenada zu führen - sie bedeckte sich nicht einmal hier mit Ruhm.
Der amerikanische Militärhistoriker Edward N. Luttwak beschreibt in seinem jüngst veröffentlichten Buch "Das Pentagon und die Kunst des Krieges" die bürokratische Unfähigkeit der amerikanischen Kriegsmaschinerie, ihre selbstgestellten Aufgaben sinnvoll zu lösen. Was im Vietnamkrieg als blutiges Konkurrenzunternehmen unfähiger Teilstreitkräfte mit tragischem Ende ablief, wiederholte sich am 25. Oktober 1983 als Pentagon-Farce auf der Karibikinsel Grenada.
1250 schwerbewaffnete amerikanische Marineinfanteristen, zwei Ranger-Bataillone und die Kampfbomber des Flugzeugträgers "Independence" nebst Hubschraubern griffen an jenem Tag 679 Kubaner an, die auf der sozialistischen Insel einen von Reagan kritisierten Großflugplatz bauten. 636 der Kubaner waren Bauarbeiter, nur 43 konnten als Soldaten gelten - unter ihnen 22 Offiziere.
Eine Luftabwehr gab es auf Grenada ebensowenig wie Panzer oder Artillerie. Und doch mußten die ursprünglichen amerikanischen Invasionskräfte innerhalb von 48 Stunden verstärkt werden. Und am dritten Tag, die Insel war immer noch nicht erobert, landeten zusätzlich Fallschirmspringer der Elitetruppe 82nd Airborne aus Fort Bragg auf der subtropischen Walstatt.
Die 424 amerikanischen Studenten, die laut Reagan aus ihrer "lebensgefährlichen Lage" als Geiseln putschender Linksterroristen Grenadas befreit werden sollten, waren 40 Stunden nach Beginn des geplanten Handstreichs immer noch Gefangene der Kubaner.
Beispielhaft für die militärische Unfähigkeit der Amerikaner war ihr Versuch,
Sir Paul Scoon, Gouverneur der britischen Commonwealth-Insel Grenada aus seinem Hausarrest, auferlegt von Grenadas Putschisten, zu befreien. Er sollte der Militär-Aktion den Anspruch von Legitimität geben.
Eine Gruppe der Marine-Elitetruppen "Seals", Robben, war noch vor der eigentlichen Invasion am Morgen des 25. Oktober unbemerkt an Land gegangen. Die 22 Robben schlugen sich zur Residenz des Gouverneurs durch. Allerdings schoben zwischen Sir Paul, seiner Familie und den Amerikanern einige Soldaten Grenadas in Panzerspähwagen Wache. Mit leichten, panzerdurchdringenden Waffen wären sie kein Gegner gewesen. Die Amerikaner hatten aber nur Maschinenpistolen mitgebracht. Sie mußten also in Deckung gehen und bis auf einen von ihnen wurden alle "Robben" verwundet.
Statt nun einige Hubschrauber zu entsenden, um die Lage zu bereinigen, ließ der Invasionskommandeur, Vizeadmiral Joseph Metcalf, in einem spektakulären Manöver 250 Mann an Land gehen - mit 5 schweren Tanks und 13 gepanzerten Fahrzeugen. Allerdings mußten diese Kräfte erst von der anderen Seite der Insel in die Kampfzone verlegt werden. So durften der Gouverneur und seine tapferen Befreier zwölf Stunden in ihrer mißlichen Lage ausharren.
In der Zwischenzeit waren zwei Kobra-Kampfhubschrauber von den Grenadern über der Residenz abgeschossen worden. 24 Stunden später erst war der Widerstand gebrochen.
Invasionskritiker Luttwak: _____" Auch die größeren Kampfhandlungen liefen stümperhaft " _____" ab. Auf der einen Seite amerikanische Elitetruppen, auf " _____" der anderen Seite Kubaner, nicht Deutsche oder Syrer: Ein " _____" schneller Sieg wäre eigentlich sicher gewesen. Doch das " _____" Gegenteil war der Fall. "
Alles in allem kamen 18 amerikanische Soldaten ums Leben, 116 wurden verwundet, mehrere Hubschrauber zerstört, und der freizügige Abwurf von Flugbomben fügte der Insel und ihren Bewohnern reichlichen Schaden zu. Außerdem, so der Chronist Luttwak, gab es viele Unfälle: vier Marine-"Robben" ertranken und mehrere Ranger starben, als zwei Hubschrauber kollidierten.
14 Soldaten wurden von eigenen Tieffliegern verletzt und 21 grenadische Zivilisten starben durch einen irrtümlichen Bombenabwurf. Es war so ungefähr alles fehlgelaufen, was fehllaufen konnte.
Luttwak: "Natürlich feierte Caspar Weinberger das Resultat als militärischen Triumph, und der Kommandeur des Unternehmens, Vizeadmiral Metcalf, sagte: 'Wir haben sie weggepustet.'"
Der Verteidigungsminister hat offensichtlich eine Lehre aus dem Sieges-Debakel gezogen: Seine Armee ist für konventionelle Kriege nicht zu haben. Als Ende vorigen Jahres ein eher philosophischer Streit zwischen ihm und dem Außenminister George Shultz darüber entbrannte, unter welchen Voraussetzungen amerikanische Truppen eingesetzt werden sollten, wirkte Shultz sehr viel aggressiver, Weinberger sehr viel restriktiver: Für ihn kommt ein Einsatz der US-Streitkräfte praktisch nur in Betracht, wenn im Lande der politische Wille zum Sieg vorhanden ist.
Der seit Vietnam desolate Zustand der U. S. Forces allein hätte schon Anlaß genug geboten, sich - wenn denn ein Abrüstungsabkommen mit den Sowjets nicht zu erreichen war - etwas völlig Neues einfallen zu lassen, ein lückenloses Verteidigungssystem etwa.
Und so ist der Pentagon-Chef denn auch neben Ronald Reagan der wortreichste Verfechter jener Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI), die den Wettlauf der Systeme letzlich ins All tragen würde. Caspar Weinbergers strategische Himmelfahrt würde allein an Forschungskosten mit über 70 Milliarden Dollar zu Buche schlagen.
Mit der Vision des Präsidenten von der völligen Abschaffung der Atomwaffen allerdings, die Reagan zum publikumswirksamen Kernpunkt seines Konzepts erhoben hat, gehen einige Pentagon-Offiziere wohl nur zum Schein einher. "Das ist Bestandteil unserer Rhetorik", sagt ein Beamter des Ministeriums, "weil der Präsident es so will. Und er ist der Boß."
Weinberger und seine Militärs möchten ihre Atomwaffen so lange wie nötig und möglich behalten und obendrein - so der Minister vorige Woche - SDI gleich noch durch einen Verteidigungsschirm gegen Flugzeuge und Cruise Missiles erweitern. Kostenpunkt nach Schätzungen des Weinberger-Vorgängers James Schlesinger: noch mal 50 Milliarden Dollar im Jahr.
Das aber könnte am Ende sogar dem Kongreß zuviel werden, der Weinbergers Kabuki-Auftritt bislang stets folgte.
Es fügte sich, daß jüngst neue Auswüchse jenes Pentagon-Beschaffungssystems publik wurden, das schon seit Jahren von Insidern als Hauptursache für die Aufblähung des Verteidigungsetats
angeprangert und von den Offiziellen stillschweigend geduldet wird.
Kaffeemaschinen für je 7000 Dollar, eigens für den Gebrauch in Flugzeugen konstruierte Kühlschränke für je 16 571 Dollar, simple Dichtungen, die im Eisenwarenladen 25 Cent kosten, für je 693 Dollar nehmen sich da noch bescheiden oder zumindest skurril aus.
Als jetzt herauskam, daß die größten Lieferanten des Pentagon auch ihre eigenen Werbungskosten zum großen Teil dem Steuerzahler in Rechnung gestellt hatten, "ging Weinberger durch die Decke", wie einer seiner Mitarbeiter berichtete.
Boeing beispielsweise hatte Spenden für die Heilsarmee, für einen Golfwettbewerb von Pfadfindern und für ein Dinner des "Jewish National Fund" dem Pentagon in Rechnung gestellt. Die Firma General Dynamics, der größte Vertragspartner des Pentagon, rechnete sogar die Luftreise eines Vorstands-Hundes ab.
Mit einem Mal war Weinberger nicht mehr liebenswürdig, sondern sperrte zunächst einmal für 30 Tage alle Zahlungen an General Dynamics.
Die harte Hand, so mag er hoffen, werden ihm seine Landsleute honorieren, die nicht mehr, wie einst bei seinem Amtsantritt, jammern, daß Amerika zu wenig für die Verteidigung ausgebe, sondern nun zu 46 Prozent davon überzeugt sind, daß zuviel Geld ins und durchs Pentagon fließt. Und die Behörde scheint unersättlich.
Selbst wenn der Kongreß bis 1989 jährlich sieben Prozent realen Zuwachses für die Verteidigung bewilligen würde, fehlten dem Pentagon bereits jetzt 106 Milliarden Dollar, um den laufenden Fünfjahresplan zu finanzieren. Berechnet hat diese Zahlen der Etatexperte Franklin Spinney, Einzelgänger in Weinbergers Ministerium.
In seiner Studie über "das Mißverhältnis von Planung und Wirklichkeit", die er für den laufenden Haushalt fortgeschrieben hat, kam Spinney zu dem Ergebnis, daß aufgrund der Planungsmängel im Pentagon-Fünfjahresplan sogar ein 500-Milliarden-Dollar-Fehlbetrag einzukalkulieren sei. Hauptursache für diese fast schon groteske Fehlplanung sei die - aus durchsichtigen politischen Motiven - unzureichende Mittelanforderung für neue Waffenprogramme.
Um gewünschte Rüstungsprojekte im Kongreß durchzubringen, werden die zu erwartenden Kosten so niedrig wie möglich angesetzt. Diese aber auch unterschätzten Wartungs- und Ersatzteilpreise und zu hohe Erwartungen an sinkende Preise bei steigender Stückzahl sind einige der Faktoren, welche die Finanzplanung später sprengen. *___Vor Jahren wurde der Bau einer billigen ____Panzerabwehrwaffe für Infanteristen beschlossen - ____eingeplanter Stückpreis 75 Dollar. Beschafft wird heute ____die 787-Dollar-Waffe "Viper", von der Experten ____annehmen, daß sie nicht einmal in der Lage ist, die ____Frontpanzerung des sowjetischen Standardpanzers T-72 zu ____durchschlagen. *___Der Preis des modernsten Marine-Jets, der F-18, lag bei ____Produktionsbeginn um 61 Prozent über den Erwartungen ____der Etatplanung. *___Für das Jagdflugzeug F-15 waren elf Wartungstunden pro ____Flugstunde vorgesehen. Nur alle 5,6 Flugstunden sollte ____- statistisch - ein Defekt eintreten. 1980 waren jedoch ____für jede Flugstunde mit diesem Hochleistungsflugzeug 27 ____Wartungstunden nötig. Dennoch tauchte im Schnitt nach ____jeweils kaum mehr als einer Stunde Flugzeit irgendein ____neuer Fehler auf.
Norman Augustine, früher Spitzenbeamter im Pentagon und derzeit Präsident der Luftfahrtabteilung des Rüstungskonzerns Martin-Marietta, hat eine beängstigende Hochrechnung aufgestellt. "Seit den Gebrüdern Wright" sei der Preis eines Flugzeuges "alle zehn Jahre um den Faktor vier gestiegen". Bei anhaltendem Trend würde man "im Jahr 2054 mit dem gesamten Verteidigungsbudget nur noch ein einziges Flugzeug bezahlen können". Caspar Weinberger, auf derlei Kassandra-Rufer angesprochen, hat immer nur abgewunken. Geändert hat er nichts.
"Wir stehen unter dem ständigen Druck, die Bereitschaft zu verringern, den Modernisierungsgrad zu verlangsamen und schließlich den Umfang unserer Streitkräfte einzuschränken", zieht Spinney aus der für ihn absehbaren Entwicklung Bilanz. Denn läuft ein Beschaffungsprojekt, findet sich stets auch ein Fürsprecher - meist der oder die Parlamentarier, in deren Wahlbezirk das Rüstungsgut hergestellt wird. "Geld, Jobs und Wählerstimmen" sind für die "New York Times" Hauptmotive für dieses Beharrungsvermögen.
Geradezu irrwitzig ist ein Umschichtungs-Beispiel des Jahres 1983. Um wie geplant sechs Schiffe trotz der Abstriche am Verteidigungshaushalt neu in Dienst stellen zu können, mußten an anderer Stelle Marinegelder eingespart werden. Die Navy mottete kurzerhand 22 ältere Schiffe ein. Ein großer Teil war erst in den letzten Jahren überholt und unter hohen Kosten modernisiert worden.
Nutznießer dieser Mißwirtschaft ist auch hier die Rüstungsindustrie.
Das Lobby-Blatt "Aviation Week & Space Technology" jubelte denn auch: "Der Haushalt 1985 ist ein umfassender Entwurf für das Wachstum der Luft- und Raumfahrtindustrie für den Rest dieses Jahrzehnts - gleichgültig, ob es zu Kürzungen kommt oder nicht."
Was Wunder, daß vorige Woche der Haushaltsausschuß im Senat schließlich in einer Art Wutanfall mit 18 gegen 4 Stimmen empfahl, das Pentagon-Budget für das kommende Haushaltsjahr einzufrieren.
Ein anderer Minister wäre in diesem Falle womöglich zurückgetreten - oder hätte damit gedroht; nicht so Caspar Weinberger. Er bleibt, wo sein Boß und Freund ihn haben möchte - im dritten Stock des Pentagon. Unter einem von der Washingtoner Nationalgalerie ausgeliehenen Tizian, hinter einem Porzellan-Husaren wird er sorgsam darüber wachen, daß die amerikanische Delegation in Genf nur ja nichts von dem preisgibt, was er und sein kalifornischer Freund im Weißen Haus eigentlich für unerläßlich halten - Amerikas strategische Überlegenheit über den Rest der Welt.

DER SPIEGEL 11/1985
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