11.03.1985

SPIEGEL Gespräch„Auch Inspektionen vor Ort sind möglich“

Die Sowjet-Wissenschaftler Andrej Kokoschin, Alexej Arbatow und Alexej Wassiljew über die Weltraumrüstung
SPIEGEL: US-Präsident Reagan hat kürzlich erklärt, er wolle seine Weltraumpläne auf jeden Fall verwirklichen. Das müßte für Sie doch ein Grund zur Freude sein.
KOKOSCHIN: Meinen Sie das ernst?
SPIEGEL: Ja, denn in Ihrer Studie über die amerikanischen Weltraumwaffen behaupten Sie, daß ein Raketenabwehrschirm im All bis zu 2000 Milliarden Dollar kosten, mithin so teuer würde, daß er die Wirtschaft Ihres ideologischen Gegners USA schwer belasten dürfte.
KOKOSCHIN: Wir haben nie behauptet, daß es uns besser geht, je schlechter die andere Seite dran ist. Wir glauben, daß diese immensen Ausgaben vom amerikanischen Volk, den Werktätigen, bezahlt werden müssen. Und das ist für uns kein Grund zum Jubeln.
SPIEGEL: Soviel Rücksicht auf Ihren ideologischen Gegner ist rührend.
KOKOSCHIN: (lacht)
SPIEGEL: Ist das proletarischer Internationalismus?
KOKOSCHIN: Richtig. Aber Sie müssen die ideologische Auseinandersetzung vom Wettrüsten trennen. Unser Ziel war es nie, daß die USA am Wettrüsten bankrott gehen.
ARBATOW: Verstehen Sie, wir sind nicht dafür, daß in der kapitalistischen Welt eine gigantische ökonomische Krise ausbricht. Unter einer solchen Krise würden in erster Linie die Arbeiter leiden. Eine neue Spirale des Wettrüstens wird vor allem eine Steuerbürde für die Werktätigen bedeuten.
SPIEGEL: Kann denn die UdSSR einen solchen Wettlauf durchstehen?
KOKOSCHIN: Wir sind gegen jede Belastung der Wirtschaft durch Wettrüsten und haben deswegen auch Vorschläge zur Rüstungskontrolle unterbreitet, mit denen die Militärausgaben gesenkt werden sollen. Ziel unserer Militärausgaben war immer nur die Parität, nicht mehr. Weniger Rüstung verbessert die Voraussetzung für die Entwicklung des Sozialismus in unserem Lande.
SPIEGEL: In den USA will manch einer das Gegenteil erreichen.
KOKOSCHIN: Natürlich wissen wir, daß die USA uns mit einem Wettrüsten ökonomisch schwächen wollen. Die USA aber werden ihr Ziel, unser Land auszuplündern, nicht erreichen. Denn unser politisches und wirtschaftliches System erlaubt es uns, die Mittel effektiver und rationeller zu verteilen, weil wir nicht wie die private US-Rüstungsindustrie an Gewinnen interessiert sind.
SPIEGEL: Glauben Sie denn, ein solches System von Weltraumwaffen, wie _(Mit Redakteuren Siegesmund von Ilsemann, ) _(Andreas Lorenz. )
Reagan es vorgeschlagen hat, könnte jemals funktionieren?
WASSILJEW: In unserem Bericht sind wir zu dem Ergebnis gekommen, daß es hundertprozentigen Schutz vor angreifenden Raketen überhaupt nie geben wird. Aber schon der Versuch, selbst ein nur unvollkommen funktionierendes Abwehrsystem zu errichten, wird das Wettrüsten neu anheizen. Allerdings sind unserer Meinung nach die Mittel, ein amerikanisches Weltraumwaffensystem zu überwinden, viel billiger als das System selbst.
SPIEGEL: Edward Teller, einer der Hauptinitiatoren von Reagans Star-Wars-Programm, ist neuerdings vom Gegenteil überzeugt. Er meint, ein Abwehrschirm käme billiger als die Mittel, ihn zu durchdringen.
WASSILJEW: Was ist billiger, diese gewaltigen Weltraum-Kampfstationen in Umlaufbahnen zu bringen oder eine Wolke von Splittern dort oben auf Kollisionskurs auszustoßen, die mit hoher Geschwindigkeit solche empfindlichen Einrichtungen unweigerlich zerstört? Im ersten Fall handelt es sich um ein Milliardenvorhaben, Projekt Nummer zwei kostet allenfalls Millionen.
SPIEGEL: Nur ein bis zwei Prozent des amerikanischen Weltraumrüstungs-Etats müßte Moskau nach Ihrer Rechnung aufbringen, um einen solchen Abwehrschirm zu überwinden, um die Superwaffen also zu Weltraumschrott machen zu können: Warum aber schlägt Ihre Regierung soviel Lärm um Waffen, die gar nichts taugen?
KOKOSCHIN: Unsere Sorgen sind politischer und strategischer Natur. Wenn wir die militärischen Vorbereitungen der anderen Seite insgesamt einschätzen, so finden wir, daß ein nur teilweise funktionierendes Abwehrsystem für uns genauso bedrohend ist wie ein hundertprozentig wirksames. Ein undurchlässiger Schutzschild könnte sowohl zur Abwehr eines Erstschlages wie auch zur Verhinderung eines strategischen Gegenschlages eingesetzt werden. Ein teilweise wirksames kosmisches Raketenabwehrsystem taugt hingegen nur dazu, den Gegenschlag der Raketen abzuwehren, die man zuvor mit einem Erstschlag dezimiert hat.
SPIEGEL: Was bedeutet das in Ihren Augen für die US-Strategie?
KOKOSCHIN: Damit ist für die amerikanischen Strategen der Anreiz verstärkt, unter dem Schutz eines solchen, wenn auch unvollkommenen Abwehrschirms, einen nuklearen Erstschlag zu wagen. Das klingt paradox, im strategischen Bereich gibt es aber viele Paradoxe. Die strategische Stabilität wäre aufgehoben. Das ist der Hauptgrund
unserer Sorge, nicht die Frage, wie wirksam derartige kosmische Waffen in der Praxis wirklich sein werden.
SPIEGEL: Reagan hat aber beteuert, er wolle den jetzt gültigen Strategie-Grundsatz der "gegenseitig garantierten Vernichtung" mit Hilfe seiner Weltraum-Verteidigung zu einer "gegenseitig garantierten Sicherheit" umformen. Finden Sie diesen Plan nicht verlockend?
KOKOSCHIN: Die Sowjet-Union hält den Abbau der strategischen Waffen für den besseren Weg aus der heutigen Situation. Damit müssen wir unverzüglich beginnen. Die US-Administration baut jedoch ihr strategisches Arsenal von Angriffswaffen weiter aus und eröffnet zudem im Weltall eine neue Rüstungsrunde. Dabei gesteht Washington selbst ein, daß es nicht nur um Forschung geht, daß sein System irgendwann auch verwirklicht wird.
SPIEGEL: Es bleibt aber noch viel Zeit. Das muß Sie doch beruhigen.
KOKOSCHIN: Nein, denn das bedeutet, die Androhung der gegenseitigen Vernichtung soll auch noch über die Jahrtausendwende hinweg gültig bleiben. Die kommenden Jahrzehnte, in denen Amerika seinen Weltraumschirm aufbauen will, sollten wir im Gegenteil nutzen, um die Atomwaffen entscheidend zu verringern. Das würde Geld sparen und zu einer stabileren Situation führen.
ARBATOW: Im Grunde genommen handelt es sich doch bei Washingtons Weltraumidee um nichts anderes als den Versuch, ein komplexes politisches Problem mit waffentechnischen Mitteln zu bewältigen. Wir stehen in einem strategischen Wettrüsten, in einem Klima gegenseitigen Mißtrauens und in einer instabilen weltpolitischen Situation. Der von der US-Administration vorgeschlagene Ausweg hieraus heißt: noch mehr Rüstung. Damit verschärft sie diese drei Probleme.
SPIEGEL: Es ist schwer zu begreifen: Wieso wird der Rüstungswettlauf angeheizt, wenn doch die Gegenmittel gegen das US-Weltraumprogramm so billig sein sollen?
WASSILJEW: Zum einen wird natürlich der Versuch gemacht werden, zur Abwehr unserer Gegenmittel wieder Gegen-Gegenmittel zu entwickeln. Das ist eine Spirale. Zum anderen werden parallel dazu auch andere Waffensysteme entwickelt und verbessert, etwa Marschflugkörper, gegen die auch der von Washington geplante Weltraumschirm keinen Schutz bietet. In allen Bereichen wird so das Wettrüsten angeheizt ...
SPIEGEL: ... aber auch der ökonomische Systemkampf. Teller rechnet mit ganz gewaltigen Auswirkungen der Weltraumrüstung auf zivile Produktionszweige. Seiner Meinung nach könnten die jetzt veranschlagten 26 Milliarden Dollar für die Weltraumrüstungsforschung 26 000 Milliarden Dollar in zivilen Wirtschaftsbereichen freisetzen. Fürchten Sie, daß sich dadurch der technologische Rückstand der Sowjet-Union gegenüber dem Westen noch vergrößern könnte?
KOKOSCHIN: Was die Auswirkung auf die zivile Produktion anbetrifft, muß ich sagen, daß auch die meisten US-Experten ganz anderer Meinung sind. Vor 25 bis 30 Jahren hätte Tellers Hoffnung in mancher Hinsicht noch berechtigt gewesen sein können, aber heute ziehen doch die teuren Militärprojekte ungeheure Ressourcen aus dem zivilen Sektor ab. Zum zweiten Teil Ihrer Frage muß ich sagen, daß die Hoffnungen auf einen "technologischen Rückstand" der UdSSR schon seit langer Zeit ein Selbstbetrug des Westens waren. So wird es auch jetzt sein.
ARBATOW: Wahrscheinlich wollte Teller nur den Politikern und den Steuerzahlern, die jetzt über die 26 Milliarden Dollar beraten, die in den kommenden fünf Jahren in die Weltraumrüstung gesteckt werden sollen, weismachen, sie bräuchten keine Angst zu haben, das Geld flösse ja reichlich zurück in die Kasse.
SPIEGEL: Die Sowjet-Union hat die Abwehr von Atomraketen nicht immer verteufelt. 1967 sagte ihr damaliger Ministerpräsident Kossygin: "Ich denke, daß ein Defensiv-System, welches einen Angriff verhüten soll, nicht der Grund für das Wettrüsten ist. Vielleicht ist ein Anti-Raketen-System teurer als ein Offensiv-System, aber seine Aufgabe ist nicht, Menschen zu töten, sondern menschliches Leben zu retten." Das könnte auch von Reagan stammen.
ARBATOW: Mit fast 20 Jahre alten Zitaten kann man heute nicht mehr argumentieren. Das gilt natürlich auch für die ebenso alte Behauptung amerikanischer Militärs, das sowjetische Raketen-Abwehrsystem sei die Hauptgefahr für die USA.
SPIEGEL: Den gleichen Vorwurf erheben Sie heute wegen der US-Weltraumpläne.
ARBATOW: Als Kossygin seine Bemerkung machte, gab es weder strategische Parität noch galt das Prinzip der gegenseitig gesicherten Vernichtung. Es fehlte ein Raketenabwehrvertrag ebenso wie jedes andere Abkommen zur Begrenzung der strategischen Rüstung. Heute ist das alles anders. Und diese veränderte Situation wird durch die amerikanische Weltraumrüstung gefährdet. Mehr noch, sie bedroht uns und die ganze Welt mit dem Risiko eines Atomkrieges. Danach erst rangieren unsere Sorgen wegen der wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Auswirkungen der US-Pläne.
SPIEGEL: Die politische, militärische und technologische Entwicklung wird nicht stehenbleiben. Hat angesichts dieser fast zwangsläufigen Änderungen Präsident Reagan nicht einen auch für Sie interessanten Ausweg gewiesen? Er will amerikanisches Weltraumwissen später sogar mit der Sowjet-Union teilen.
ARBATOW: Ich bezweifle sehr, ob die Amerikaner wirklich bereit sein werden, ihre Erkenntnisse mit uns zu teilen, wo sie doch heute schon ihr Wissen um so einfache Dinge wie Kugellager vor uns geheimzuhalten trachten.
SPIEGEL: Nach Meinung Ihrer Regierung ist ein nuklearer Erstschlag Ziel der amerikanischen Weltraumrüstung. Stammt diese Kenntnis aus amerikanischen Quellen?
KOKOSCHIN: Es ist doch klar, daß die USA ihre geheimen strategischen Ziele nicht offen auf den Tisch legen. Aber wenn man sich im Zusammenhang mit der Weltraumrüstung _(Bei dem Gipfeltreffen im amerikanischen ) _(Glassboro, 1967. )
die Pläne für die Entwicklung der strategischen US-Atomwaffen ansieht, und Bemerkungen von Regierungsvertretern und sogar vom Verteidigungsminister noch im Ohr hat, die besonders in den Anfangsjahren der Reagan-Administration offen darüber geredet haben, wie man einen Atomkrieg gewinnen könne, scheint der Verdacht doch berechtigt, es werde mit Hilfe der Weltraumrüstung ein Erstschlag vorbereitet. Hinzu kommt, daß in den USA auch andere Anwendungsmöglichkeiten für die Weltraumwaffen diskutiert werden, zum Beispiel als ein Erpressungsmittel.
SPIEGEL: Wie das?
ARBATOW: Viele Fachleute sind sich einig, daß die Anhäufung von immer mehr Atomwaffen unsinnig ist. Schon heute liegen weltweit 50 000 Sprengköpfe in den Arsenalen. Das steht in keinem Verhältnis mehr zu der Zahl der Ziele in unseren Ländern und auf der ganzen Welt. Die amerikanischen Programme bis zum Ende dieses Jahrtausends lassen sich ziemlich klar überblicken. Danach ist ein Abbau der strategischen Waffen gar nicht vorgesehen. Daher unser Mißtrauen gegen die Behauptung, die Weltraumrüstung diene der Verteidigung.
SPIEGEL: Die Sowjet-Union hat auf den Ersteinsatz von Atomwaffen verzichtet. In Ihrer Studie schreiben Sie sogar, sowjetische Truppen würden deswegen schon anders ausgebildet und umgegliedert. Was meinen Sie damit?
KOKOSCHIN: Die Verpflichtung, Atomwaffen nicht zuerst einzusetzen, hat nicht nur eine politische Bedeutung, sondern sie beeinflußt auch die alltägliche Ausbildung unserer Truppen.
SPIEGEL: Und wie hat die sich verändert?
ARBATOW: Wie es unser Verteidigungsminister im Sommer 1982 deutlich erklärte, wird bei der Ausbildung sowjetischer Streitkräfte mehr Aufmerksamkeit darauf gerichtet, daß eine kriegerische Auseinandersetzung nicht in einen Atomkrieg ausartet. Dafür werden bei der Ausbildung von Truppen und Stäben strengere Maßstäbe angelegt. Außerdem wird die Kontrolle verschärft, um einen unerlaubten Einsatz der Atomwaffen - von taktischen bis zu strategischen - zu verhindern.
SPIEGEL: Sie wenden sich gegen die amerikanische Weltraumverteidigung. Doch anders als die Amerikaner, unterhalten die Sowjets seit Ende der 60er Jahre in der Umgebung Moskaus ein Raketenabwehr-System, das derzeit sogar noch modernisiert wird. Beansprucht Moskau auf diesem Feld ein Monopol?
KOKOSCHIN: Nun, was die Sowjet-Union besitzt, entspricht voll dem ABM-Vertrag von 1972, mit seinen Zusatzprotokollen. Damals sind wir an die Begrenzung der Raketenabwehr sehr realistisch herangegangen. Unser Eintreten gegen ein breit angelegtes Raketen-Abwehr-System widerspricht dem nicht.
SPIEGEL: Moskau schreit auf vor Empörung, weil Washington eine Raketen-Abwehr plant, über die Sie bereits verfügen. Diesen Widerspruch müssen Sie uns erläutern.
KOKOSCHIN: In den USA geht es momentan um einen entscheidend neuen Schritt. Wir haben nur einen sehr begrenzten Raketen-Abwehr-Komplex. Es handelt sich dabei lediglich um einen Teil dessen, was in den 60er Jahren erörtert worden ist. Auch die Amerikaner verfügen über viele Elemente eines solchen Systems. Nach unserer Kenntnis können sie diese Abwehrraketen sehr schnell weiter aktivieren. Zudem forschen sie nicht nur, sondern sie testen auch neue Waffen. Tatsachen zeugen davon, daß die Behauptung, die Sowjet-Union sei im Rahmen des ABM-Vertrages aktiver auf diesem Gebiet als die USA, völlig unbegründet ist.
WASSILJEW: Seit dem Abkommen von 1972 haben die USA für eine Vervollkommnung ihrer Raketenabwehrwaffen einige Milliarden Dollar ausgegeben; das Heer hatte und hat noch immer seine eigenen ABM-Programme. Das bestätigen auch die Amerikaner.
SPIEGEL: Die USA rechtfertigen ihre Weltraumpläne auch mit dem Vorwurf, Moskau verstoße gegen den ABM-Vertrag. Genannt werden ein riesiges Radargerät bei Krasnojarsk und neue Flugzeugabwehrraketen, die auch zur Raketenabwehr getestet worden sein sollen. Außerdem soll die Sowjet-Union umfangreiche militärische Laser-Forschung betreiben, die auch einen Krieg der Sterne vorbereiten könnte. Genau dieselben Ängste in Washington wie hier in Moskau?
KOKOSCHIN: Für mich ist es nach wie vor erstaunlich, daß ein bedeutender Teil der Öffentlichkeit im Westen die Tricks der Amerikaner immer noch nicht durchschaut. Wie oft haben schon die Befürworter eines neuen Wettrüstens neue sowjetische Bomber erfunden und von einem Raketenvorsprung der Sowjet-Union geredet. Ich bin überzeugt, daß dies momentan auch bei den angeblichen sowjetischen Verletzungen des ABM-Vertrages passiert.
SPIEGEL: Wir bitten um Beweise.
KOKOSCHIN: Es heißt, daß wir bei einem Raketen-Abwehrsystem gegenüber den USA einen Vorsprung haben. Solche Behauptungen haben denselben Charakter wie die früheren Kampagnen. Man überhäuft das Publikum mit Fälschungen. Ich bin überzeugt, daß später einmal hohe Beamte des Pentagons oder hohe Militärs in ihren Artikeln und Memoiren zugeben werden: "Wir haben in den frühen 80er Jahren die Möglichkeiten der Sowjet-Union übertrieben."
SPIEGEL: Zweifellos ist die Gefahr geringer, daß bei Ihnen hier in der Sowjet-Union Lebenserinnerungen veröffentlicht werden, die belegen, daß sich die Amerikaner ihre Vorwürfe nicht aus den Fingern gesogen haben. Was ist mit dem Radar bei Krasnojarsk?
KOKOSCHIN: Die Sowjet-Union trifft alle nötigen Vorkehrungen, um ihre Verteidigungsfähigkeit zu sichern. Dabei verletzt sie aber nie ihre vertraglichen Verpflichtungen. Nebenbei möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß die dem ABM-Vertrag widersprechenden amerikanischen Aktivitäten totgeschwiegen werden. Zum Beispiel wird in den
USA zur Zeit sehr intensiv an der Entwicklung von mobilen ABM-Raketen gearbeitet. Außerdem werden interkontinentale ballistische Raketen vom Typ "Minuteman" als Abwehrraketen getestet, und so weiter.
SPIEGEL: Darüber befragen wir bei Gelegenheit gern einmal Amerikaner. Von Ihnen wüßten wir hingegen lieber, wozu das Radar bei Krasnojarsk denn nun wirklich dient.
KOKOSCHIN: Moderne Radartechnik ermöglicht eine Vielzahl von Funktionen, sowohl zivilen als auch militärischen Charakters. Diejenigen in den USA aber, die den ABM-Vertrag untergraben wollen, versuchen immer uns vertraglich verbotene Aktivitäten zu unterstellen.
ARBATOW: Ihre Fragen scheinen manchmal nicht auf dem Stand der Diskussion zu sein. Dies ist aber wohl dadurch zu erklären, daß die Amerikaner ständig ihre Argumente wechseln. Sie wollen eben das Weltraum-Programm mit allen Mitteln durchsetzen. Und darum wechseln sie ihre Begründungen je nach Situation. Zum Beispiel: Am Anfang hat Washington behauptet, sein Weltraumschirm diene dem Schutz der gesamten Bevölkerung. Jetzt heißt es, laut einigen Vertretern der US-Administration, nur noch, daß die Silos der Interkontinentalraketen und andere militärisch wichtige Einrichtungen geschützt werden sollen. Das heißt, ein Schutz der Bevölkerung kann nicht gewährleistet werden.
SPIEGEL: Ist das amerikanische Angebot, Europa mit unter den Schirm zu nehmen, auch Verwirrtaktik?
WASSILJEW: Ja. Denken Sie nur daran, daß nach amerikanischen Vorstellungen die Wirksamkeit des Raketensystems davon abhängt, wie lange der feindliche Flugkörper im jeweiligen Wirkungsbereich der Raketenabwehr ist. Die Flugzeiten von Mittelstreckenraketen, die Europa erreichen ...
SPIEGEL: ... wie die sowjetischen SS-20 ...
WASSILJEW: ... sind jedoch sehr viel kürzer als die von Interkontinentalraketen. Schon deswegen kann Europa vom Weltraumschirm nicht genauso gut geschützt werden wie Amerika. Wirklich geschützt wäre Europa erst, wenn es von allen Atomwaffen befreit wäre. Dafür tritt die Sowjet-Union ein ...
SPIEGEL: ... und stellt vorerst selbst weiter Atomraketen auf, die gen Europa zielen. Doch zurück zum Sternenkrieg: Das Star-Wars-Konzept ist noch Zukunftsmusik. An welchem Punkt seiner Entwicklung sehen Sie die Sicherheit der Sowjet-Union gefährdet?
KOKOSCHIN: Es gibt Elemente eines Raketen-Abwehr-Systems im Kosmos, die nicht in ferner Zukunft drohen, sondern die nach Meinung einiger Strategen schon auf der Basis existierender Technologien in den nächsten Jahren verwirklicht werden. Das dürfen wir nicht übersehen. Schon in diesem Zusammenhang sind die Behauptungen der US-Administration, es gehe nur um auf ferne Zukunft orientierte Forschung, irreführend.
SPIEGEL: Sehen Sie den ABM-Vertrag schon durch Forschung verletzt?
ARBATOW: Vieles, darunter auch die Erweiterung der Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, zeugt davon, daß die USA den zeitlich unbegrenzt geltenden ABM-Vertrag untergraben wollen.
SPIEGEL: Die Hoffnung der Welt richtet sich darauf, daß in Genf ein Weltraum-Wettrüsten verhindert wird. Vorausgesetzt, es kommt dort zu einer Vereinbarung, ließe die sich überhaupt kontrollieren?
KOKOSCHIN: Das Verbot, völlig neue Waffen zu schaffen, ist viel leichter zu überwachen als die Begrenzung bereits entwickelter Waffen. Dafür lassen sich die nationalen Überwachungsmittel sehr gut einsetzen.
SPIEGEL: Und wenn Satelliten, elektronische Abhöranlagen und ähnlich gegenseitig zugestandene Ausspähmittel nicht ausreichen - was dann?
KOKOSCHIN: Unsere Führung hat nicht nur einmal erklärt, daß die Sowjet-Union bereit ist, auch zu anderen Formen der Kontrolle überzugehen, vorausgesetzt, man einigt sich auf eine zufriedenstellende, umfassende Vereinbarung. Dann sind auch Inspektionen vor Ort möglich.
SPIEGEL: Sollen sowjetische Wissenschaftler als Kontrolleure nach Amerika gehen und dort Rüstungsfirmen inspizieren und - umgekehrt - amerikanische Wissenschaftler prüfen, was in sowjetischen Labors getrieben wird?
KOKOSCHIN: Nun, im Idealfall - sollten wir zum Beispiel ein Abkommen über die allgemeine vollständige Abrüstung abschließen - kann man sich so eine Situation vorstellen. Eine wichtige Bemerkung hierzu hat neulich Außenminister Gromyko gemacht. Er sagte, wenn die Forschungsarbeiten in einem Zimmer durchgeführt würden, so ließen sie sich nicht so einfach kontrollieren. Oft sei es aber so, daß sich neben dem Labor ein Versuchsgelände befände, das zu entsprechenden Zwecken benutzt werde.
SPIEGEL: Welche Aussichten bringt Genf, nachdem Reagan betont hat, er wolle auf jeden Fall an seiner Weltraumforschung festhalten, selbst wenn sich beide Seiten auf einen beträchtlichen Abbau von nuklearen Angriffswaffen einigen?
KOKOSCHIN: Die Sowjet-Union will vor allem ein Wettrüsten im Weltraum verhindern. Das ist auch ein wichtiger Faktor für die Beschränkung strategischer Waffen. In Übereinstimmung mit der Vereinbarung von Genf besteht die UdSSR darauf, daß diese Fragen im Zusammenhang betrachtet werden. Es ist klar, daß die Gespräche sehr kompliziert sein werden. Aber wenn beide Seiten an die Sache konstruktiv herangehen, können durchaus konstruktive Resultate erzielt werden.
SPIEGEL: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch. _(US-Zeichnung der Anlage bei Puschkino im ) _(Moskauer Raketenabwehr-Gürtel. )
*KASTEN
Andrej Kokoschin, Alexej Arbatow, Alexej Wassiljew *
haben sich kürzlich mit einem 48seitigen Report in der Star-Wars-Debatte zu Wort gemeldet. Die Untersuchung, weitgehend auf der Grundlage amerikanischer Veröffentlichungen verfaßt, kommt zu dem Ergebnis, daß Reagans Weltraumpläne militärisch, technisch und wirtschaftlich unsinnig seien. Gleichwohl wollen die Autoren ihre Sorgen über das Programm Reagans nicht bestreiten. Kokoschin, 39, Politologe und Ingenieur, ist stellvertretender Direktor des renommierten Moskauer Instituts für USA- und Kanada-Studien; der gelernte Diplomat Arbatow, 34, Sohn von Kokoschin-Chef und Kreml-Berater Georgij Arbatow, arbeitet als Abteilungsleiter und Spezialist für militärpolitische Fragen am Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen (IMEMO); Wassiljew, 50, wie Kokoschin Politologe und Ingenieur, hat sich als Abteilungsleiter am Amerika-Institut vornehmlich mit den technischen Problemen der Weltraumrüstung befaßt.
Mit Redakteuren Siegesmund von Ilsemann, Andreas Lorenz. Bei dem Gipfeltreffen im amerikanischen Glassboro, 1967. US-Zeichnung der Anlage bei Puschkino im Moskauer Raketenabwehr-Gürtel.
Von S. v. Ilsemann und A. Lorenz

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