11.03.1985

AFGHANISTANHeilige Sache

Nach jahrelangem Schweigen berichtet die Sowjetpresse jetzt über den Krieg in Afghanistan - ausschließlich im Propagandastil. *
Das Gesicht von Oberleutnant Sergej Polataiko zeigt lange Narben - von Splittern einer Mine. Beinahe hätte er sein Augenlicht verloren. Die Schläfen seines Kommandeurs Walentin Djatlow sind frühzeitig ergraut: An seinen Nerven hat der Minenkrieg gezehrt.
Die beiden Offiziere dienen im "begrenzten Kontingent der sowjetischen Truppen in Afghanistan", wie sich offiziell die Besatzer nennen, und ihr Los schilderte die Armeezeitung "Roter Stern".
Nach jahrelangem Schweigen bringt die Sowjetpresse freimütige Reportagen vom Einsatz der Interventionstruppen. Unsere Soldaten, so der Tenor, kämpfen heroisch gegen die von Washington finanzierten, mit amerikanischen und chinesischen Waffen ausgerüsteten Rebellen, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen.
Fast fünf Jahre hatten die Zeitungen der Sowjet-Union ihren Lesern Photos von fröhlichen Sozialhelfern in Sowjetuniform präsentiert, die ausreichende Versorgung der Truppe mit Brot aus Armeebäckereien dargestellt, auch Sowjetarmisten, die freiwillig Parkanlagen in Kabul pflegen.
Jetzt erst erfahren die Sowjets offiziell, daß der Einsatz im Nachbarland Menschenleben kostet, das Leben von Mitbürgern. Jetzt melden Moskauer Zeitungen Feuerüberfälle aus dem Hinterhalt, den Abschuß sowjetischer Mi-8-Hubschrauber, berichten über brennende Schützenpanzer und getötete Offiziere, denen bestialische Gegner Ohren oder Finger, die Nase oder die Kopfhaut abgeschnitten hätten. "Roter Stern" unter der Rubrik "Hier dienen Ihre Söhne": "Der Dienst hier ist schwer und bislang auch gefährlich."
Das Blatt beschrieb die "virtuose Arbeit" von Hubschrauber-Piloten, die versuchten, sowjetische Fallschirmjäger aus einem Kessel zu befreien. "Wie eine Adlerfamilie ihr Nest vor kriechendem Gewürm schützt", sicherten die Flieger ihre Kameraden anderthalb Stunden lang gegen angreifende Partisanen, bis Verstärkung kam.
Die Sowjetsoldaten "sind der Heldentaten unserer Väter würdig, die einst die Menschheit vom Faschismus befreit haben", so zieht "Roter Stern" den Vergleich zum Zweiten Weltkrieg. Da diesmal aber nicht das sowjetische Vaterland zu verteidigen ist, da sich auch nach fünf Jahren noch kein Sieg abzeichnet, müssen die Sowjetzeitungen nun erklären, warum Väter, Brüder und Söhne, die meisten unter 20 Jahre alt, dort noch immer ihr Leben riskieren.
Ein Funktionär: "Nicht alle verstehen wirklich, was wir da unten zu suchen haben." Offenbar häufen sich die Anfragen besorgter Angehöriger bei Partei und Regierung, zumal die Wehrdienstzeit für Studenten, die bisher nur für ein paar Monate einrücken mußten, auf die vollen zwei Jahre verlängert wurde.
Die Militärzeitung druckte den Leserbrief der Eltern des Garde-Untersergeanten Michail Lawrinenko aus Komsomolsk am Amur. Ihr Sohn melde stets, es sei alles in Ordnung, "aber was sich zwischen den Zeilen verbirgt, das wissen wir Eltern nicht".
Die "Sozialistische Industrie" gab gar zu, das Wort Afghanistan gehe "in die Herzen von Millionen unserer Menschen ein. Es besorgt und läßt Mütter nachts nicht schlafen, deren Jungs in Uniform, Maschinenpistolen in den Händen, die Ehre haben, ihre internationale Pflicht zu erfüllen".
Zweifel, etwa am Sinn dieses Krieges, möchten die Propagandisten mit Berichten über Greueltaten der Rebellen an der Zivilbevölkerung zerstreuen, deren Schutz eine hohe Pflicht sei: Die "Duschmanen" (etwa: Stinker), der "Räuberabschaum", die "Mordgesellen" werfen Minen in Brunnen, zünden Schulen an, terrorisieren Mitbürger.
Um die Truppe anzuspornen, ernten tapfere Kämpfer öffentliches Lob. Hauptmann Alexander Tschernoschukow, 25, erhielt zum Beispiel den Titel "Held der Sowjet-Union", weil er feindliches Feuer auf sich lenkte und einem Lebensmitteltransport Gelegenheit bot, einen feindlichen Hinterhalt zu durchbrechen.
Dem Garde-Oberleutnant Dscholoi Tschintemirow hatten Kugeln beide Arme zerfetzt, den einen mußten Sanitäter amputieren. Der junge Offizier bekam den Orden "Roter Stern". Er bestand darauf, seinen Dienst in der Armee fortzusetzen. Jetzt sitzt das Kriegsopfer in einer Schreibstube.
Wie viele junge Männer nur im Zinksarg zurückkommen, ist unbekannt; die einfachen Soldaten werden in der fremden Erde begraben, nur noch die Leichen der Offiziere in die UdSSR übergeführt. Zeitungen veröffentlichen keine Todesanzeigen. Westliche Militärattaches in der Sowjet-Hauptstadt schätzen die Zahl der Gefallenen auf rund 8000.
Doch die Frage, warum sie in Asien einen schmutzigen Krieg führen, haben die Sowjets nicht einmal der Uno-Mehrheit verständlich machen können, die jedes Jahr die UdSSR deshalb verurteilt - was die Sowjet-Presse freilich nie meldet.
Unbekannt wird den Sowjetbürgern wohl auch jener Bericht bleiben, der derzeit von der Uno-Menschenrechtskommission in Genf diskutiert wird. Denn der Report über Afghanistan, den der österreichische Jura-Professor Felix Ermacora im UN-Auftrag erstellt hat,
wirft den Sowjets vor, sie betrieben eine "planmäßige Politik" der Bombardierung von Dörfern, des Tötens von Zivilisten und der wahllosen Exekution von Gefangenen.
Die afghanischen Sowjetverbündeten klagt der Bericht an, rund 50 000 politische Gefangene eingekerkert zu haben. Folter sei in den Gefängnissen so alltäglich, daß sie den Charakter "administrativer Praxis" erhalten habe.
Den Lesern der Sowjetpresse allerdings stellt sich der Krieg weiterhin ganz anders dar. Die "brüderliche Hilfe", die ihre Truppen der afghanischen Staatspartei leisten, sei, so der "Rote Stern" an seine soldatischen Leser, eine "heilige Sache", "die du auf der Erde eines befreundeten Landes verteidigst".

DER SPIEGEL 11/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1985
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFGHANISTAN:
Heilige Sache

  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg