11.03.1985

„Wie kann man nur in Deutschland leben?“

Junge Juden berichten über ihr Leben in der Bundesrepublik und Österreich (II) _(1985 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. ) *
Robert und Erika ROBERT: Wir leben seit fünf Jahren zusammen. Haben eine vierjährige Tochter. Meine Frau ist Lehrerin, ich bin Arzt. Ich bin Jude. Erika ist keine Jüdin.
Wir sind nicht verheiratet. Sprechen zwar seit Jahren vom Heiraten, aber es gab immer wieder einen Grund, es nicht zu tun. Es ist also nicht so, wie man vermuten könnte, daß ich Erika nicht heirate, weil sie keine Jüdin ist.
ERIKA: Ich bin Österreicherin. In Linz geboren und während des Studiums nach Wien gezogen. Meine Eltern sind aus Oberösterreich, ebenso meine Großeltern.
Robert lernte ich in einem Kaffeehaus kennen. Er fiel mir auf mit seinen dunklen gewellten Haaren, den braunen Augen. Er gefiel mir. Ich dachte damals, als ich ihn sah, keine Minute daran, daß er Jude oder Ausländer sei. Die ersten Monate unserer Liebe war weder seine noch meine Herkunft ein Thema.
Irgendwann erzählte er mir, daß er Jude sei. Und meine Reaktion war so ähnlich wie: na und! Für mich war er damals in den ersten stürmischen Wochen einfach mein Robert, alles andere war egal. Ich war in ihn verliebt.
ROBERT: Ja, es stimmt. So wie du diese Zeit beschreibst, waren es vielleicht wirklich die schönsten Monate in unserer Beziehung. Alles war so unbeschwert, wir waren so sorglos.
Aber wir konnten nicht so schnell laufen, daß uns die Vergangenheit nicht eingeholt hätte. Es kam die Zeit, in der wir über unsere Eltern sprachen. Und es kam die Zeit, zu der meine Eltern Erika kennenlernen wollten. Tagelang ging ich mit dem Vorsatz umher, ihr über meine Eltern und ihnen über Erika zu erzählen. Aber ich war zu feige, ich hatte vor allem nicht den Mut, meinen Eltern von ihr zu erzählen.
ERIKA: Mir sagte er es erst auf dem Weg zu den Eltern. Aber bei mir war seine Vorsicht ohne Grund. Aber für Roberts Eltern, für die war es ein Schock, und so wurde es auch ein Schock für mich. Den Abend werde ich so schnell nicht vergessen. Ich hatte bis dahin nie mit Juden zu tun gehabt.
Wir kamen also zur Wohnung, läuteten, der Vater öffnete - und starrte uns an. Mich, das blonde Mädel vom Land, rein arisch, mit einer - wie ich heute weiß - lupenreinen antisemitischen Verwandtschaft, neben seinem Sohn, seinem einzigen Sohn.
Was dann folgte, war eine Mischung aus Kuriosität und Peinlichkeit. Es waren noch einige Verwandte von Robert da, vielleicht zehn Menschen insgesamt, und ich war die einzige Nicht-Jüdin. Aber vorerst war ich so neugierig auf diese mir fremde Umgebung, daß mir die Reaktionen der Menschen auf mich gar nicht auffielen.
Alles war dort anders als bei mir zu Haus. Die Männer trugen Kopfbedeckungen, _(Vor dem Münchner Bürgerbräukeller im ) _(Dezember 1976. )
sogar beim Essen. Es wurde ununterbrochen geredet, gestritten, ja sogar geschrien, ohne daß jemand einem anderen böse war, dazu brüllte noch der Plattenspieler. Die Kinder durften überhaupt machen, was sie wollten. Sie kletterten auf ihren Großvätern und Onkeln herum, ohne daß diese ein strenges Wort verloren. Es war das totale Chaos.
Die Frauen und die Männer saßen getrennt um den Tisch. Ich war in eine mir bisher unbekannte Welt versetzt. Versuchte zu begreifen, was hier, mitten in Wien, in der Wohnung der Eltern meines Freundes vorging. Und mit einem Male war all die Neugier, all die Bewunderung dahin. Ich hatte die schreckliche Vision, daß ich diesen Mann verlieren werde, ohne ihn jemals besessen zu haben.
Er verschwand für mich in dieser Gruppe, unerreichbar für mich. Ich fühlte mich wie hinter eine Glaswand versetzt. Und erst jetzt fiel mir auf, daß niemand bei diesem Fest auch nur ein Wort mit mir gesprochen hatte. Man sah an mir vorbei, sprach durch mich hindurch, über mich; keiner sah auch nur einmal in meine Augen.
Der Rest des Abends war für mich wie ein Leichenschmaus. Ich versuchte, wenigstens mit Robert zu sprechen, aber wann immer ich mich ihm näherte, nahm ihn jemand am Arm und zog ihn weg. Und Robert ließ sich wegziehen. Er tat nichts, um mir diesen Abend erträglich zu gestalten.
ROBERT: Wir haben schon hundertmal über diesen Abend gesprochen und ebensooft hab'' ich dir widersprochen. Ich war an diesem Abend mit meiner Familie zusammen, und an diesem Abend war sie mir auch wichtiger als du. Das hatte doch nichts mit meiner Liebe zu dir zu tun, das weißt du doch!
ERIKA: Aber als wir ein paar Wochen später bei meinen Eltern waren, verlief der Abend ganz anders. Da warst du der Mittelpunkt. Alles hat sich um dich, um den Gast gedreht. Alle stellten Fragen und sprachen mit dir. Du warst in den Augen meiner Eltern ein Freund von mir, mein Freund! Und sie akzeptierten dich als einen Teil von mir.
ROBERT: Die haben mich nicht akzeptiert, sondern sich fast in die Hose gemacht vor Angst. Du selbst hast mich noch vorher im Stiegenhaus gebeten, ja nicht über die Nazizeit zu sprechen, da dein Vater dann lauter Scheiß daherreden könnte, wovor du und deine Mutter Angst hätten.
Und dein Vater? Der saß dort als ehemaliger SS-Offizier und hat gezittert. Gezittert davor, daß ich ihm Fragen stellen würde. Und das angeblich so angenehme und freundliche Gespräch drehte sich um das Wetter, das Essen und die verschiedenen Weinjahrgänge.
ERIKA: Lieber nur small-talk als das, was dann folgte. Du mußtest ja plötzlich davon anfangen, daß in Linz während der Kristallnacht jüdische Frauen öffentlich geschändet worden sind, die Gestapo eingreifen mußte, um die Juden vor den wildgewordenen Österreichern zu schützen. Was hast du damals erwartet? Daß daraus eine interessante Diskussion über die Nazizeit in Österreich würde?
ROBERT: Ich habe nur die Wahrheit gesagt, und deine Lieblingsschriftstellerin Ingeborg Bachmann hat auch schon gesagt: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Aber deine Situation ist doch typisch für eine ganze Generation hier in Österreich. Als Kinder der 68er Bewegung große Antifaschisten, flammende Reden gegen Neonazis, bei jeder Demonstration dabei. Aber zu Hause bei den eigenen Eltern? Da war der große Protest bald vorbei.
Aus den "Nazi-Schweinen", wie du sie zu Beginn nanntest, wurde ein kränklicher, schwacher Vater. Eine Mutter, die nur noch schwer geht mit gekrümmtem Rücken. Warum solltest du sie noch quälen? Die Verachtung wich deinem Mitleid! Und alles, was sie getan haben, war plötzlich vergessen oder beiseite geschoben.
ERIKA: Was verlangst du von mir? Daß ich meine Eltern hasse? Soll ich meinen Vater umbringen für das, was er getan hat? Ich konnte mir meine Eltern nicht aussuchen, und du kannst mir glauben, ich hätte weiß Gott lieber einen Vater, der während des Krieges etwas anderes gemacht hätte.
ROBERT: Meine Eltern waren drei Jahre in Dachau, die Eltern meiner Mutter sind in Auschwitz ermordet worden, die des Vaters kamen in ein Getto nach _(Unten: Juden müssen eine Straße ) _(schrubben. ) _(Oben: Ein Jude wird gezwungen, das Haus ) _(seiner Eltern zu beschmieren. )
Osteuropa, er hat nie wieder etwas von ihnen gehört. Von all den anderen Verwandten haben höchstens zehn überlebt. Vor dem Krieg waren es vielleicht 150. Meine Mutter trägt eine Perücke, weil ihr seit der Zeit im Lager die Haare nicht mehr nachwachsen. Als kleines Kind hörte ich meinen Vater während der Nacht im Schlaf schreien.
ERIKA: Gut, gut, ich wollte dich ja nicht verletzen. Aber überleg doch mal, sieh dir doch deine Entwicklung in den letzten Jahren an. Deine Abwehr gegen alles, was mit meiner Umgebung, egal ob Familie oder Freunde, zu tun hat, ist im Laufe der Zeit immer stärker geworden. Und damit deine Zuwendung zu deiner Herkunft. So paradox es klingt, aber erst unsere Liebe hat in dir das Interesse für dein Jüdischsein wieder geweckt.
Ich spüre, wie du dich zurückziehst. Du wolltest plötzlich wieder in die Synagoge gehen und gleichzeitig meine Eltern nicht mehr besuchen. Meine Freunde und Arbeitskollegen waren dir zuwider. Bei den verschiedenen Festen hast du stumm in einer Ecke gesessen oder fingst sofort mit jemandem zu streiten an. Was verlangst du von mir? Wen soll ich alles verstoßen, um dir gerecht zu werden? Meine Eltern, meine Freunde, meine ganze Umgebung?
ROBERT: Deine Freunde! Deine Freunde! Du weißt sehr wohl, was aus ihnen geworden ist. Angeblich fortschrittliche, progressive Menschen, mit einer politisch einwandfreien Gesinnung, links oder zumindest liberal, jede Form von Rassismus und Inhumanität angeblich abgestreift wie ein schmutziges Nachthemd.
Aber mich konnten sie nicht täuschen. Die Vergangenheit war ihnen in die Haut eingebrannt. Ich sah den Unterschied zwischen dem, was sie redeten, und dem, was sie taten. Erinnere dich an deinen Freund Emil, ein linker Journalist, der uns nach Hause zu seinen Eltern einlud.
Der Vater sitzt im Wohnzimmer, hält langweilige Reden, die Mutter schuftet in der Küche, bringt das Essen und zieht sich sofort wieder zurück, ohne mitzuessen. Geduckt wie eine Hausmagd habe ich sie dort erlebt. Und der Sohn? Kein Wort zu seiner Mutter, sondern mieses Manngehabe zusammen mit seinem Vater.
Ich traue ihnen nicht. Ich habe zu oft gehofft, unter ihnen einen Platz zu finden, und wurde ausgenützt und abgelehnt. Heute bin ich froh, meine eigene Praxis zu haben.
Die Kranken kommen zu mir, weil sie Hilfe erwarten. Und ich behandle sie alle, egal ob Nazis oder Kommunisten. Ich sehe in ihnen keine Individuen, sondern sie haben kranke Organe, kranke Körper, die sie mir zur Reparatur anvertrauen. Ich konzentriere mich auf die Störungen, die sie haben, und vergesse dabei alles andere.
Aber so pervers dies auch klingen mag, die sind alle von mir abhängig. Keiner von ihnen ist mir vorgesetzt, ja nicht einmal gleichgestellt. Sie unterwerfen sich mir, sobald sie meine Ordination betreten. Die Macht ist auf meiner Seite. Nur diesen Beruf, in dieser Situation, kann ich hier in Wien ausüben. Nur deshalb lebe ich noch hier.
ERIKA: Wenn es hier nur Feinde für dich gibt, warum gehst du dann nicht nach Israel? Warum quälst du dich damit, hier leben zu müssen, und warum quälst du auch mich damit?
ROBERT: Das sagst du immer, wenn ich mich über die Situation hier aufrege. Aber ich gehe genausowenig nach Israel wie du nach Rußland, was man dir immer riet, wenn du die Demokratie hier kritisiertest. Aber in einem Punkt hast du recht. Erst durch das Leben mit dir habe ich mich wieder mehr meinen Wurzeln zugewandt. Aber ich hatte nie das Gefühl, daß das gegen dich gerichtet war ...
ERIKA: Nein, nicht gegen mich! Du verachtest meine Eltern, du willst meine Freunde nicht mehr sehen, du behauptest, daß die Linken hier im Lande, zu denen ich mich auch zähle, genau solche Antisemiten sind wie die Rechten, du hältst mein Volk für eine Gruppe von Irren und Mördern. Du triffst nur noch deine jüdischen Freunde. Nur noch deine Familie ist hier ständig präsent. Wir besuchen regelmäßig deine Eltern, deine Schwestern rufen fast jeden Tag an, wir müssen unseren Skiurlaub unterbrechen, nur weil ein Onkel aus Israel zu Besuch in Wien ist. Immer nur deine Umgebung, deine anständige, moralisch einwandfreie Umgebung, wo es keinen schwarzen Fleck in der Vergangenheit gibt. Und was bleibt mir?
Gut, ich könnte zum Judentum übertreten. Aber ich bin keine Jüdin! Begreif das doch endlich! Ich bin ein Nachkomme der Täter, und meine Sehnsucht ist die Versöhnung und nicht der Frontenwechsel.
ROBERT: Ich kann die Schuld vergessen, nicht aber die Schuldigen. Mit ihnen kann ich mich nicht versöhnen.
ERIKA: Andere denken nicht so wie du. Nach 1945 kamen auch viele Kommunisten zurück nach Wien, die genauso verfolgt worden waren wie die Juden, und die haben mitgearbeitet am Aufbau dieses Landes. Oder sieh dir Kreisky an, der hat sogar die Rachefeldzüge von Simon Wiesenthal behindert, als Jude!
ROBERT: Die gehören alle einer anderen Generation an.
ERIKA: Ja, die haben alle die Qualen am eigenen Leib verspürt und wuchsen nicht so wie du hier auf, in Wohlstand und Frieden.
ROBERT: Ich bin erst nach der Schrecksekunde geboren worden. Ich erfuhr von
den Grauen der Nazizeit, ohne daß dabei mein Gehirn blockiert wurde, wie bei der Generation meiner Eltern. Ich kann wieder hassen, und das ist gut so.
Und ich verachte all die Juden, die hier nach dem Krieg diesem Land dazu verhalfen, sich reinzuwaschen. Gerade in Wien, wo weder Schuldgefühl noch Reue zu finden ist, segnen diese Juden die Mörder ihrer Vorfahren, wenn sie so tun, als ob alles vorbei wäre. Sie töten sie ein zweites Mal.
ERIKA: Gibt es noch jemanden, den du nicht verachtest? Zeig mir einen, der nicht von deinem Haß erfaßt wird.
ROBERT: Ja, die gläubigen, orthodoxen Juden, die verehre ich. Die halten ihrem Gott die Treue, egal in welchem Land und unter welchen Diktatoren. Sogar im Konzentrationslager unter den schwierigsten Bedingungen versuchten sie noch nach ihren Ritualen zu leben. Auch mein Vater erzählte davon.
Aber all die anderen? Die kommen eines Tages noch auf die Idee, sich freiwillig einen Judenstern anzunähen, damit man sie ja rechtzeitig als Juden erkennt und ihre nichtjüdische Umgebung an das Schuldgefühl erinnert wird. Sie erwarten sich Vorteile, nur weil ihre Vorfahren ermordet wurden. Sie wollen belohnt werden, weil ihre Eltern überlebten. In Wien arrangiert man sich, wenn es sein muß auch mit den Mördern der eigenen Eltern.
ERIKA: Ich frag mich nur, was aus unserer Tochter werden soll. Nach deinen Gesetzen ist sie keine Jüdin. Nach meinen Vorstellungen jedoch zumindest eine Halb-Jüdin. Ich will nicht, daß sie so wird wie meine Eltern, aber irgend etwas sträubt sich in mir, sie als Jüdin zu erziehen. Ich könnte ihr dabei nicht helfen, ich bin keine Jüdin. Ich kann ihr nicht eine mir fremde Identität antrainieren.
ROBERT: Wir könnten sie in die jüdische Schule in Wien geben ...
ERIKA: Was hat sie dann noch von mir? Alles, was sie in dieser Schule lernt, ist gegen mich gerichtet. Ich kann kein Hebräisch und versteh ihre Gebete nicht. Du hast mich nicht darauf vorbereitet, eine jüdische Mutter zu sein. All deine Traditionen hast du außerhalb unserer Beziehung gefeiert. Wir haben Weihnachten gefeiert und zu Chanukka (das achttägige Lichterfest im Dezember) bist du zu deinen Eltern gegangen, bis jetzt angeblich nur, um ihnen einen Gefallen zu tun.
Aber seit einem Jahr versuchst du hier in der Familie deine plötzlich neu definierte Identität einzubringen. Das hat unser Familienleben nicht bereichert, sondern fast zerstört. Wir lebten in einer sicherlich oberflächlichen Harmonie, aber wir waren glücklich. Versteckten zu Ostern bunte Eier, schmückten einen Weihnachtsbaum und feierten Nikolaus.
Aber wie sollte ich plötzlich Pessach (das achttägige Fest im Frühjahr zur Erinnerung an den Auszug Israels aus Ägypten) feiern? Oder Sukkot (das einwöchige Laubhüttenfest im Herbst)? Da komm ich mir vor wie eine Inderin, die im Dirndl einen Jodler singt. Es paßt nicht zu mir, weil ich es nicht bin. Begreif das doch endlich!
ROBERT: Ich versteh dich ja. Ich widersprech dir auch gar nicht, was unsere Tochter betrifft. Ich möchte aus ihr keine Jüdin machen. Auf keinen Fall, solange wir in Österreich leben. Denn hier als Jüdin aufzuwachsen, ist immer mit düsteren Ahnungen verbunden. Wir müßten sie dann auch von Anfang an darauf vorbereiten, wachsam zu sein und zu erkennen, wann es Zeit ist zu gehen.
Du weißt, daß ich sehr oft ans Flüchten denke. Wann immer ich mir vorstelle, von hier wegzugehen, sehe ich mich immer alleine in einem Zugabteil, im Flugzeug, höchstens mit einem anderen Mann, der ebenfalls flüchten muß. Aber nie mit einer Frau und einem Kind. Euch beide sehe ich hier zurückbleiben, überlebend in Sicherheit als Österreicher. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich mit dir zusammen bin und nicht mit einer Jüdin.
Mit Frau und Kind flüchten zu müssen ist die schlimmste Vorstellung, die ich habe. Es klingt vielleicht brutal und unmenschlich, aber ich möchte keine jüdischen Kinder haben.
ERIKA: Eine schöne Zukunft haben wir vor uns. Du denkst ans Davonrennen, und ich soll mich auf ein Leben vorbereiten ohne dich.
Aber woher kommen deine ständigen Ängste? Du hast nie eine Verfolgung erlebt. Bist in diesem Land aufgewachsen wie jeder andere. Hast du jemals eine Feindschaft gegen Juden erlebt? Wie oft hast du davon gesprochen, daß man dir gegenüber immer freundlich und zuvorkommend war und du nie irgendwelche Schwierigkeiten hattest. Warum inszenierst du dir ständig eine imaginäre Verfolgung? Bist du nur dann lebensfähig, wenn du das Gefühl hast, ein Ausgestoßener zu sein?
Dann muß ich dich enttäuschen, du bist es hier nicht. Im Gegenteil, du bist ein Privilegierter, ob es dir angenehm ist oder nicht. Aber seit einem Jahr gibt es kein Treffen mehr mit anderen Menschen, wo du nicht innerhalb der ersten drei Minuten davon sprichst, daß du Jude bist. Du wirfst es den Leuten vor die Füße, in der Hoffnung, daß sie darüber stolpern.
Hast du plötzlich dein Jüdischsein vor alle anderen Dinge gereiht? Du bist mein Mann, mein Geliebter, der Vater meiner Tochter, du bist Arzt. Oder bist du ein jüdischer Arzt, mein jüdischer Geliebter, immer zuerst Jude und dann alles andere?
Seit einem Jahr entziehst du dich mir mehr und mehr. Der Robert, den ich kannte, vor bald sechs Jahren kennenlernte, war ein anderer. Zu dem neuen Robert habe ich kaum noch Zugang.
ROBERT: Ich kann mit dir immer weniger darüber sprechen. Du wirst es
wahrscheinlich als Rassismus bezeichnen, aber über meine Phantasien und Gedanken zu dem Thema Jüdischsein kann ich fast nur noch mit Juden reden. Jedes Gespräch mit Nicht-Juden gleicht einem Verhör. Das habe ich oft genug erlebt. Auch wenn ich mit dir darüber spreche, leider.
Auch du bist interessiert, neugierig, oft fasziniert von den Geschichten aus der Vergangenheit und Gegenwart, aber du verstehst nichts. Es sind deine Fragen, oft gut gemeint, auch mit echtem Interesse und Mitgefühl, die mich erschrecken und mir zeigen, wie wenig du von mir weißt.
Der Tod meiner Vorfahren hat für dich etwas Erschreckendes, aber auch Sensationelles. Wie oft hast du plötzlich bei Freunden, aber manchmal auch Fremden, wenn das Thema um Juden ging, den Tod meiner Großeltern oder das Leben meiner Eltern im KZ beschrieben, oft bis ins kleinste Detail. Das war dann so wie bei den Abendnachrichten, bei einer Party oder einem gemeinsamen Essen, noch schnell eine kleine Gruselgeschichte zum Erschrecken. Ich habe mich immer so geschämt in solchen Situationen.
ERIKA: Du hast dich verbissen in deine Abwehr. Jede Nichtjüdin und jeder Nichtjude, sogar manche der Juden sind dir ein Beweis für die dir feindliche oder zumindest fremde Umgebung. Sie verstehen dich alle nicht und manche trachten zusätzlich noch nach deinem Leben. Aber du machst es dir zu einfach mit deiner Verachtung. Dein Zynismus dem Leben gegenüber hat nichts mit Jüdischsein zu tun. Deine Fremdheit hier ist nicht die eines Urwaldmenschen, der zum ersten Mal unter zivilisierten Menschen lebt.
Juden lebten immer hier in Österreich. Und sie zeichneten sich durch ein hohes Anpassungsvermögen aus, gerade das war ihre Stärke. Wenn du deine Herkunft ernst nehmen würdest, dann wäre all dein Streben dahin gerichtet, hier eine Heimat zu finden.
Aber du machst das Gegenteil! Du zerstörst deine Familie und verachtest die anderen Menschen hier - was ist daran jüdisch? Es ist erschreckend für mich, wie fremd wir einander heute sind. Wir haben doch versucht, gerade mit unserer Liebe und unserer Tochter zu beweisen, daß es eine Versöhnung gibt, daß wir anders sind als unsere Eltern.
Wenn die Überwindung der Vergangenheit kein Weg für dich ist, dann haben wir keinen gemeinsamen Weg. Denn ich muß sie überwinden, ich muß sie abschütteln, mich freimachen von der Last der Tradition.
Wien hat nun mal eine extrem antisemitische Tradition. Und wir werden nichts daran ändern. Die Menschen hier sind bösartig, dumm und gefährlich, das alles weiß ich. Sie werden dich, aber jetzt auch mich und unsere Tochter, verfolgen und quälen, wenn man sie läßt. Aber was hat das alles mit uns zu tun?
ROBERT: Mach dir nichts vor. Du bist hier kein Opfer. Nicht einmal dadurch, daß du mit mir zusammenlebst. Natürlich kenne ich die Bösartigkeit der Menschen hier, und ich rechne auch mit ihr. Aber sie betrifft mich und nicht dich oder unsere Tochter. Du könntest im Notfall zu deinen Eltern oder anderen Verwandten. Aber ich? Ich würde ihnen einen Transport ersparen, wenn ich zu meinen Eltern ginge; sie hätten uns dann gleich alle auf einmal.
So kommen wir nicht weiter. Meine Hinwendung zur Religion und nicht nur zur Tradition ist nicht mehr aufzuhalten. Und wie das mit dem Zusammenleben mit dir zu vereinen ist, beschäftigt mich genauso.
Wir sind heute beide dreißig, haben einen Beruf, den wir mögen, und werden langsam - so hoffe ich - erwachsen. In den ersten Jahren unserer Liebe haben wir uns ineinander verbissen. Dieses hysterische Bedürfnis, ständig beieinander zu sein, hatte etwas Verzweifeltes. Wie zwei Ertrinkende klammerten wir uns aneinander, in der Hoffnung, gemeinsam zu überleben in einer Welt, die wir beide fürchteten.
Vielleicht war ich derjenige, der eines Tages Angst bekam, mit dir gemeinsam unterzugehen. Heute zieht es mich zu dem Ufer meiner Ahnen und Vertrauten, zu der Wärme von Verständnis und Zugehörigkeit. Aber warum sollte deshalb eine Trennung von dir notwendig sein? Wenn wir uns ändern, dann muß sich auch unsere Beziehung ändern ...
ERIKA: Deine Sehnsucht ist nicht die meine. Ich habe immer davon geträumt, als freier Mensch mit einem freien Menschen zusammenzuleben. Ich kann mich genausowenig einem Rabbiner unterordnen wie einem evangelischen Pfarrer. Ich wünsch mir einen unabhängigen Mann, der von seinen Ideen geleitet wird, aber sich ihnen nicht unterwirft.
Ich sah und sehe immer noch in dir einen freien Menschen und nicht einen Gefangenen, den ich während seines Urlaubs kennenlernte und der jetzt wieder in seine Zelle zurückgeholt wird. Wo ist dieser freie Wille von dir, auf den du früher so stolz warst? Wo ist deine eigene persönliche Entscheidung?
ROBERT: Du hast recht, aber leider auch wieder nicht. Vor fünfzig oder sechzig Jahren wäre es meine freie Entscheidung gewesen. Judentum, Jüdischsein, in der Tradition leben oder außerhalb, als religiöser Jude oder assimilierter, gegen die Eltern oder mit ihnen, alles war möglich. Aber seit Auschwitz ist alles anders. Seit dem Holocaust gibt es keine freien Entscheidungen mehr.
Ich bin wie ein Hampelmann, den man dadurch bewegen könnte, daß man an der Schnur zieht, die seine Arme und Beine verbindet. Aber an meiner Schnur hängt das Gewicht von sechs Millionen ermordeten Juden.
Jeanette
Mein Leben ist wie ein Roman, aber wie ein schlechter. Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Schon über meine Geburt zu erzählen fällt mir schwer. Ich weiß nichts Genaues. Meine Großmutter und meine Mutter haben mir immer wieder einander widersprechende Versionen erzählt.
Ich bin Ende Dezember 1945 in Berlin geboren. Meine Mutter war damals 17 Jahre alt und noch Schülerin. Sie war während des Krieges in Berlin gewesen. Wie sie hier als Halbjüdin überlebt hat, weiß ich nicht. Ihre Mutter hat sie jedenfalls noch vor dem Krieg taufen lassen, der Vater starb schon früh. Ein dreiviertel Jahr nach meiner Geburt verschwand meine Mutter und ließ mich bei der
Großmutter zurück. Von nun an nannte ich meine Großmutter "Mutti" und meine Mutter "Mama".
Ich wuchs also bei meiner Großmutter in Ost-Berlin auf, die mich wirklich sehr liebte. Doch ihre Liebe, das waren vor allem Verbote. Sie preßte mich in eine jüdische Tradition, mit der ich nie etwas anfangen konnte. Sie war streng, verbittert und oft auch ungerecht. Wahrscheinlich auch überfordert, nun alleine in ihrem Alter ein Kind aufzuziehen.
Aber meine ersten jüdischen Erlebnisse kamen von ihr. Sie schleppte mich in die Synagoge, erzählte von den jüdischen Festen, von koscherem Essen, aber immer ohne innere Anteilnahme. Es waren Geschichten aus einer versunkenen Welt. Daß ich selbst Jüdin sein könnte, kam mir damals nicht in den Sinn.
Als ich elf Jahre alt war, wurde meine Großmutter sehr krank. Sie kam in ein Krankenhaus und ich in ein Kinderheim. Es war eine schreckliche Zeit. Aber meine "Mutti" wurde wieder gesund, kam nach Hause und ich wieder zu ihr. Doch die Angst, im Falle ihres Todes in ein Heim zu kommen, war so stark in mir, daß ich unbedingt weg wollte. Meine Mutter lebte damals in Westdeutschland. Ich versuchte alles, um zu ihr zu kommen. Sprach ständig davon, daß ich nie in einem Heim bleiben würde, und ließ einfach nicht locker, bis man mich zu ihr schickte.
Was nun folgte, war das totale Chaos. Meine Mutter konnte mit mir überhaupt nichts anfangen, es gab ständig Prügel, ich mußte die gesamte Hausarbeit machen und wurde wie ein Dienstmädchen behandelt.
Noch einmal fuhr ich zurück nach Ost-Berlin zur Großmutter, doch dort war wieder die Angst vor dem Heim, so daß ich mich entscheiden konnte zwischen einer Mutter, die mich haßte, und einer Großmutter, die alt und krank war und mich nicht mehr lange bei sich haben konnte.
Ich floh zurück. Kaufte mir eine Bahnsteigkarte am Bahnhof Zoo und fuhr ohne Karte nach Hamburg. Dort stieg ich in einen anderen Zug um, wurde von der Bahnpolizei aus dem Zug geholt, sie verständigten meine Mutter, die mich holte.
Damals, mit zwölf Jahren, begann ich mich für meinen Vater zu interessieren, fragte meine Mutter immer wieder. Sie erzählte mir widerwillig, daß er russischer Soldat war, ein Jude aus Kiew, Lehrer von Beruf. Sie erzählte, daß sie ihn nur ganz kurz gekannt habe und er noch vor meiner Geburt verschwunden sei. Sie wußte auch seinen Namen und wo er in Kiew wohnte, aber all ihre Briefe blieben unbeantwortet. Sie hatte nie wieder etwas von ihm gehört. Es gibt kein Bild von ihm, keinen Brief, nichts, was mich an ihn erinnern könnte, nur die Bemerkungen meiner Großmutter, daß ich ihm sehr ähnlich sehen würde. Nun paßte auf einmal vieles zusammen. Mein Vater war Jude, dazu die ständigen Ausflüge ins Judentum mit meiner Großmutter, das Gefühl in mir, ein Außenseiter zu sein, anders auszusehen, anders behandelt zu werden, die Fragen von Leuten auf der Straße, ob ich Jüdin sei, alles ergab plötzlich ein Bild.
Ich ging damals zum ersten Mal alleine in die Synagoge der Stadt und nahm am Gottesdienst teil. Und sie nahmen mich auf, als hätten sie schon lange auf mich gewartet. Ich war plötzlich von Wärme und Zuneigung umgeben, ich erhielt Religionsunterricht vom Kantor und hatte ein Zuhause.
Ich sah damals auch sehr jüdisch aus, hatte schwarzes, dichtes Haar und eine sehr stark gebogene Nase. Ich hielt mich für häßlich. All diese hellen blonden Mädchen aus der Klasse hatten längst ihre Freunde und wurden umschwärmt. Nur ich sah anders aus, war anders, sprach anders. Und plötzlich in der Synagoge waren alle so wie ich. Gegenüber meiner deutschen
Umwelt wurde ich nun zur Jüdin. Es muß sich auch auf mein Auftreten gegenüber anderen ausgewirkt haben. Als ich noch mit meiner Großmutter lebte, fragten sie die Leute oft, ob ich Französin oder Italienerin sei. Jetzt sahen sie in mir die Jüdin. Versicherten mir, oft ganz fremde Menschen auf der Straße oder im Kaufhaus, daß sie früher auch jüdische Freunde gehabt und von all den Verfolgungen nie etwas gewußt hätten.
In der Schule wurde ich zum jüdischen Alibi. Wann immer auch nur der geringste Zusammenhang gegeben war, kam der um Zustimmung bettelnde Satz der Lehrerin: Nicht wahr, Jeanette? Sie unterstützte mich und umwarb mich in einer derart unangenehmen Art, daß es mir schon verdächtig vorkam.
Als ich dann noch, trotz schlechter Leistungen, durch ihre Intervention in die 12. Klasse versetzt wurde, begann ich mich näher für sie zu interessieren. Durch einen Zufall erfuhr ich, daß zahlreiche Lehrer und Lehrerinnen durch ihre Denunziation verhaftet worden waren und das Leben für jüdische und kommunistische Kinder in ihren Klassen ein Horror gewesen war.
Es war unerträglich für mich, von dieser Frau gefördert zu werden. Ich war nicht mehr imstande, für die Schule zu arbeiten, wurde immer schlechter, dazu kamen immer wieder psychosomatische Erkrankungen, wie Kreislaufzusammenbrüche, eine Odyssee durch Krankenhäuser und Arztpraxen, nirgends wurde etwas gefunden. Man stellte ein angeblich zu kleines Herz fest, welches aber noch wachsen könne, und schickte mich nach Helgoland zur Kur.
Nach sechs Wochen Kuraufenthalt suchte ich mir einen Job, die Schule war vorbei, ebenso die Synagoge und der Kontakt zu anderen Juden und Jüdinnen. Auf Helgoland machte ich ein Jahr lang jede Arbeit, die ich bekommen konnte, egal ob Zimmermädchen, Verkäuferin oder Serviererin. Ich war weg von meiner Mutter, verdiente mein eigenes Geld und fühlte mich ganz gut, zum ersten Mal selbständig und zumindest mit einer winzigen Spur von Freiheit.
Doch ich wollte nicht immer Zimmermädchen bleiben. Nach einem Jahr war ich hungrig nach Lernen, wollte der Welt zeigen, was in mir steckte, und beschloß, nach Berlin zu gehen, um das Abitur zu machen.
Meine Großmutter war inzwischen von Ost- nach West-Berlin gezogen. Sie war alt geworden, aber es ging ihr wieder ganz gut, und ich nahm mir ein Zimmer bei ihr.
Es waren schwere Jahre, die dann folgten. Ich nahm jede Stelle an, um Geld zu verdienen und ins Gymnasium gehen zu können. Es gab keine Arbeit, die ich nicht getan habe in dieser Zeit. Die Großmutter hatte eine winzige Rente, und von meiner Mutter konnte ich sowieso kein Geld erwarten.
Ich schaffte das Abitur und begann Psychologie zu studieren. Damals lernte ich auch meinen späteren Mann kennen. Er war kein Jude, wußte jedoch von Judentum und jüdischer Geschichte mehr als ich. Er war unheimlich belesen auf diesem Gebiet, und heute glaube ich manchmal, daß ich ein lebendes Objekt seiner Studien war.
Wir heirateten 1968 und gingen voll in der Studentenbewegung auf. Lebten natürlich in einer Wohngemeinschaft, waren bei jeder Demo, diskutierten bis spät in die Nacht und hatten plötzlich das Gefühl, Teil einer großen Bewegung zu sein. Ich stülpte mir eine neue Identität über, voller Illusionen, nun endlich eine Heimat gefunden zu haben, eine Heimat aus Menschen, aus Freunden, Genossen und Mitstreitern.
Als ich mit meinem Mann in eine eigene Wohnung zog, wollte ich meine jüdische Vergangenheit vergessen. Ich hatte in Berlin keinen Kontakt zu anderen Juden, auch nicht zur Gemeinde, die Jüdin gab es nicht mehr. Alle rückten eng zusammen, und die Wärme kam aus der Bewegung.
Um das letzte Indiz meines Außenseitertums zu entfernen, tat ich etwas, was ich noch heute bereue. Ich ließ mir meine Nase operieren, meine jüdische Nase, sie zurechtbiegen zu einer ganz normalen deutschen Nase.
Jahrelang hatte ich Schuldgefühle wegen dieser verdammten Nasenoperation. Ich machte mir Vorwürfe, mein Jüdischsein verraten zu haben. Vor allem, weil all meine Träume von einer neuen Gemeinschaft und Geborgenheit sich sehr bald als zerplatzende Seifenblase entpuppten.
1969 kam meine Tochter zur Welt, danach ging leider unsere Ehe in die Brüche. Ich mußte mein Studium abbrechen und lebte von nun an mit meiner Tochter alleine. Wieder stand ich vor einem Scherbenhaufen.
Als meine Tochter etwa zwei Jahre alt war, war ich zu Weihnachten bei Freunden eingeladen. Ich war ziemlich uninteressiert an dem ganzen Geschehen, saß in einer Ecke des Zimmers, in dem auch der geschmückte Baum stand, und beobachtete meine Tochter. Sie saß unter dem riesigen, toll aufgeputzten Baum, der voller Kerzen und Süßigkeiten war, und spielte mit irgendeinem Geschenk, welches sie bekommen hatte.
Ich war verwundert, wie uninteressiert sie an dem Baum war. Er schien ihr völlig egal zu sein. Keine strahlenden Augen, kein seliger Blick, kein Staunen über die brennenden Kerzen und silbernen Engel, nichts.
Damals dachte ich mir, so geht''s nicht. Du hast eine Tochter, die wächst in einem totalen Vakuum auf, ohne Tradition und Identität. Jüdin ist sie keine, richtige Deutsche wird sie nie sein, Weihnachten interessiert sie nicht und von Chanukka hat sie keine Ahnung.
Ich beschloß, mich wieder den Juden anzuschließen. Aber diesmal war es nicht so einfach. Hier in Berlin verlangte
man Beweise. Die hatte ich nicht. Ich fuhr zurück in die Stadt meiner Mutter und mußte erfahren, daß man mich dort nie offiziell aufgenommen hatte. Sie gaben mir das Papier nicht, das ich für die Gemeinde in Berlin benötigt hätte, ich war ein Niemand. Keine Jüdin, keine Christin, keine Linke, eine Deutsche nur auf dem Papier; vielleicht eine Russin?
Ich hatte noch Namen und Adresse meines Vaters. Mit einer Reisegruppe fuhr ich nach Kiew, fand Straße und Haus, die er nannte, doch niemand kannte ihn. Ich sprach mit Menschen, die seit mehr als dreißig Jahren in dem Haus wohnten. Keiner kannte einen Juden, einen Lehrer, der hier gewohnt haben sollte und als Soldat in Deutschland war.
Später im Hotel erzählte man mir, daß die Straße, die ich aufsuchte, eine sehr bekannte in Kiew sei und der Name einer wie Schulz und Maier in Deutschland. Es war aussichtslos. Ich gab es auf.
Zurück in Berlin, wollte ich unter allen Umständen Mitglied der jüdischen Gemeinde werden. Es war die einzige Heimat, die mir noch blieb. Als ich das erste Mal vor dem Rabbiner stand, sah er mich an und sagte: "Was wollen Sie übertreten? Sie sind doch Jüdin!" Es war schön, dies zu hören. Ich wurde in die Gemeinde aufgenommen.
Meine Tochter schickte ich in den jüdischen Kindergarten und bemühte mich, ihr eine jüdische Erziehung zu geben. Wir gingen regelmäßig in die Synagoge, und ich versuchte, in ihr Interesse und Verständnis für das Jüdischsein zu erwecken. Sie wehrt sich heute ein wenig, akzeptiert nicht mehr alles so selbstverständlich und entdeckt ihren eigenen Willen.
Statt des Studiums machte ich eine Ausbildung als Bibliothekarin. Ich habe heute eine Arbeit, von der meine Tochter und ich ganz gut leben können, wir haben eine schöne Wohnung, und es gibt auch immer wieder Beziehungen. Keine von Dauer, leider, ich hätte nichts dagegen.
Doch ich habe Freunde, gute Freunde gefunden. Es gibt in Berlin eine Gruppe von Juden, die der Gemeinde nicht sehr nahesteht. Meist linksorientierte, oft politisch oder künstlerisch engagierte Juden, die sich regelmäßig treffen. Diese Gruppe stärkt das Rückgrat, gibt ein wenig Halt und Mut. Es ist schon schön zu wissen, daß sie existiert, daß es Menschen gibt, die man anrufen kann, gemeinsam mit jenen, die Kinder haben, die Feste feiern kann, und zu wissen, man ist nicht alleine.
Denn eines habe ich gelernt in diesen unruhigen Jahren meines Lebens. Die Heimat, die ich immer wieder verzweifelt suchte, konnte ich nur in mir selbst finden.
Yizhak
Ich heiße Yizhak Ahren und wohne mit meiner Familie in Köln. Die Familie meines Vaters stammt aus Frankfurt am Main. Seine Mutter stammt hier aus der Gegend, aus Linz am Rhein.
Erst kürzlich haben wir einen Ausflug zum alten jüdischen Friedhof gemacht und standen auch vor dem Haus meiner Urgroßeltern. Der jüdische Friedhof in Linz liegt mitten in der Stadt auf einem Hang und ist sehr schön erhalten. An den Grabsteinen sieht man, daß meine Vorfahren, die Familie David, zum Priestergeschlecht (Kohanim) gehörten.
Meine Mutter stammt aus Wien. Ihre Familie ist rechtzeitig nach Palästina ausgewandert. Dort lernten sich meine Eltern kennen. Ich bin im Dezember 1946 in Jerusalem (Israel) geboren. Der Vater meiner Mutter, Dr. Samuel Lemberger, hatte einen kleinen Verlag und handelte mit Büchern. Er war der erste in Israel, der den Jerusalemer Talmud neu aufgelegt hat, und er hat auch andere rabbinische Werke verlegt.
Beide Familien waren gesetzestreu. Die meines Vaters stammte aus der Gruppe der sogenannten Austritts-Orthodoxie. Es gab vor dem Krieg in Frankfurt mehrere jüdische Gemeinden. Die große Einheitsgemeinde versuchte verschiedene Richtungen in sich zu vereinen. Seit 1876 war es möglich, aus der Gemeinde auszutreten, ohne gleichzeitig aus dem Judentum auszutreten. Die Familie meines Vaters gehörte zu einer streng religiösen Gemeinde, die sich von der Einheitsgemeinde losgelöst hatte, _(Auf dem jüdischen Friedhof in Linz am ) _(Rhein. )
weil sie mit ihrem Geld nicht eine Organisation unterstützen wollte, die sich immer mehr vom Judentum wegbewegte.
Ein gewisser Rabbiner Samson Raphael Hirsch war vor hundert Jahren sehr aktiv, er war einer der Gründer der modernen Orthodoxie. Nach dem Muster seiner Frankfurter Gemeinde entstanden dann in Berlin, Köln und in anderen Städten ähnliche "Austrittsgemeinden".
In meiner Familie wurde die jüdische Überlieferung immer wichtig genommen. Alle haben gesetzestreu gelebt, auch heute leben die Verwandten meiner Generation nach orthodoxen Traditionen.
Mein Vater hat ein Jahr vor Ausbruch des Krieges in Berlin das Abitur gemacht. Er bekam ein Zeugnis mit einem Hakenkreuzstempel; es steht dort, daß es der Wunsch meines Vaters sei, ein Handwerk zu erlernen. Nun konnte mein Vater alles machen, nur nicht handwerklich arbeiten. Er hat, wie man so schön sagt, zwei linke Hände. Aber hätte er damals irgendein Studium angegeben, wäre dies von der Naziverwaltung nicht akzeptiert worden.
Er ist im November 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald gekommen, wurde jedoch dann mit der Bedingung entlassen, daß er sofort auswandert. Aus Buchenwald kam er mit weißen Haaren zurück, als junger Mann von 23 Jahren. Meine Mutter hat ihn immer nur mit weißen Haaren gekannt.
Er hat natürlich Deutschland sofort verlassen. Aber mein Vater erzählt nicht nur Erschreckendes aus der Zeit vor dem Krieg. So weiß er z. B. zu berichten, daß ein Gestapomann geholfen hat, einige Bücher aus der Bibliothek des Berliner Rabbinerseminars zu retten. Diese Bibliothek war bereits verschlossen und plombiert, der Gestapomann gab ihm jedoch heimlich den Schlüssel, und durch die Hintertür konnte eine Menge Bücher fortgeschafft werden.
Meine Eltern sind 1954 nach Deutschland zurückgekommen, obwohl es auch in der Familie meines Vaters Opfer des Holocaust gab. Die Vergangenheit wurde bei uns zu Hause nicht verdrängt, sie war aber auch nicht eine Sache, die jeden Tag auf den Tisch kam. Für unsere Familie waren immer die jüdischen Feiertage die Höhepunkte des Jahres und nicht der 9. November oder irgendein Gedenktag zur Befreiung eines Konzentrationslagers.
Der Grund, warum meine Eltern nach Deutschland kamen, lag im Beruf meines Vaters. Es gab keine ideologischen Gründe, Israel zu verlassen, oder irgend eine Art von Kultursehnsucht nach
Deutschland. Es wurde auch immer über eine spätere Rückkehr nach Israel gesprochen.
Anfangs besuchte ich in Köln die englische Schule, wechselte dann auf eine deutsche Realschule und machte im Frühjahr 1966 am Herder-Gymnasium in Köln das Abitur. Nach dem Abitur besuchte ich in Gateshead (England) eine Jeschiwa, eine Talmudschule und studierte dort zwei Jahre.
Das Gateshead-Talmudical-College ist die größte Schule ihrer Art, die es heute in Europa gibt; es kommen von überall gesetzestreue Juden dorthin, sogar aus Israel. Sie ist kein Rabbinerseminar, obwohl man dort auch das Rabbinatdiplom bekommen konnte. Ich habe dort gelernt, wie man traditionellerweise talmudische Texte studiert, eine Tätigkeit, die zugleich eine Form des Gottesdienstes ist.
Ein Tag in der Talmudschule sieht etwa so aus: Vor dem gemeinsamen Frühstück nehmen alle am Gottesdienst teil. Von 9 bis 11 Uhr bereitet man den Unterrichtsstoff vor; das macht man immer zu zweit. Mit einem Kollegen zusammen liest man die Texte, die in der Klasse besprochen werden sollen, und diskutiert darüber. Mein Studienkollege war übrigens ein zum Judentum übergetretener Holländer, der heute sogar Rabbiner ist. Man muß also nicht unbedingt aus einer gesetzestreuen jüdischen Familie kommen.
Von 11 bis 13 Uhr gab es Unterricht; je nachdem, welches Niveau der Student erreicht hatte, kam er in eine höhere oder niedrigere Klasse. Nach dem Mittagessen und einer Pause wurde wieder gemeinsam Talmud studiert. Abends beschäftigte man sich mit Texten der Mussarliteratur, einer eher ethischen Form der Literatur.
Für mich waren das zwei wertvolle Jahre. Schade ist nur, daß so wenige Juden aus Deutschland eine Jeschiwa besuchen. Es gibt höchstens 20 Juden in meinem Alter in der ganzen Bundesrepublik, die eine Jeschiwa-Ausbildung haben.
Ein Studienkollege, dessen Eltern in Deutschland lebten, war so weit fortgeschritten, daß er das Rabbinatdiplom bekam. Aber auf meine Frage, ob er nun in der Bundesrepublik eine Stelle als Rabbiner annehmen werde, antwortete er mit einem Bibelvers, der etwa die Bedeutung hatte: Bin ich denn verrückt? Hier in Deutschland sah er für sich keine Möglichkeiten. Die Tradition des Toralernens ist hier fast gänzlich verschwunden und damit der eigentliche Kern des Judentums.
Ich selbst wollte nie Rabbiner werden. Der Grund, daß ich zwei Jahre auf einer Jeschiwa lernte, war nicht der, irgendeine Stellung zu bekommen. Es war ein notwendiger Teil meiner jüdischen Bildung. Es ging hier um eine Methode des Denkens und um den Zugang zu Tradition und Religion. Ich finde es sehr
bedauerlich, daß hier in Deutschland viele Juden zwar ein Hochschulstudium absolviert haben und oft akademische Berufe ausüben, in bezug auf ihre jüdische Bildung jedoch auf dem Niveau des Kindergartens stehengeblieben sind. Ihre jüdische Erziehung ist der weltlichen weit unterlegen.
Und es sind leider die Juden selbst, die sich nicht mehr darum kümmern. Wieso gibt es z. B. in Deutschland keine Jeschiwa? Gewiß, es gibt seit einigen Jahren in Heidelberg eine Hochschule für Jüdische Studien, aber dort fängt die Ausbildung erst mit 18 Jahren an und der Unterbau fehlt. Diese Hochschule ist keine Talmudakademie; etwa die Hälfte der Studierenden sind Nichtjuden, die das Studium als Wissenschaft betreiben und nicht als Pflege der eigenen Tradition.
Meine Idee ist es, in Deutschland eine Jeschiwa tichonit zu gründen. Das ist eine Kombination aus Gymnasium und Jeschiwa, eine Schulform, die sich in Israel bewährt hat. Morgens gibt es dort ganz normalen Unterricht, und nachmittags hat man Zeit für jüdische Fächer. Ich denke, nicht wenige jüdische Familien, die ihre Kinder in christliche Internate schicken, wären sicher froh, wenn es eine vergleichbare jüdische Schule hier in Deutschland gäbe. Viele Eltern wären glücklich, wenn ihre Kinder nicht als Analphabeten in jüdischen Dingen aufwachsen.
Diese Art von Unbildung ist heute wahrscheinlich die größte Gefahr für die Juden in Deutschland. Ich möchte die Probleme Antisemitismus und Neonazismus nicht verharmlosen, aber derzeit zerbröckelt das Judentum in Deutschland von innen, und das ist weitaus gefährlicher als jeder äußere Feind. Die eigene geistig-religiöse Elite fehlt hierzulande, und das wird in den nächsten Jahren vermutlich noch schlimmer werden.
Selbst für diejenigen, die eine jüdische Erziehung ihrer Kinder wollen, ist es schwer, diesen Wunsch zu realisieren. Eine Jeschiwa tichonit wäre ein Angebot und zugleich eine kleine Chance, daß das Judentum in Deutschland nicht ganz verschwindet.
Viele traditionell eingestellte Juden sind aus Deutschland ausgewandert, und zwar erst nach dem Krieg. Aus religiöser Perspektive gesehen ist Deutschland seit 1945 eine Wüste, geprägt von den Leiden der Naziopfer. An eine Zukunft des Judentums denken nur ganz wenige, zu wenige.
Auch mir stellt man immer wieder die Frage, warum ich nicht schon längst weggegangen bin. Das hängt mit meiner Arbeit zusammen; ich bin Schulpsychologe und habe auch eine Stelle am Psychologischen Institut der Universität zu Köln. Aber ich mache kein Geheimnis daraus: Wenn ich eine gute Stelle in den USA oder in Israel bekäme, wo es eine lebendige jüdische Gemeinschaft gibt, würde ich hingehen. Das religiöse Klima eines Landes ist das Entscheidende.
Meine Frau stammt aus Antwerpen. Wir haben dort einige Jahre gewohnt. In Antwerpen leben sehr viele gesetzestreue Juden, und man kann sogar zwischen verschiedenen Gemeinden wählen. Aber dort fehlte mir das akademische Milieu. Ich brauche beides, die religiöse und die akademische Welt.
Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es den Bund jüdischer Akademiker, der sogar eine Zeitschrift herausgegeben hat; heute gibt es weder in Belgien noch in Deutschland eine vergleichbare Organisation und natürlich auch keine Zeitschrift. Die 1948 gegründete Association of Orthodox Jewish Scientists hat Gruppen in den Vereinigten Staaten, in Kanada, in England, Israel, Südafrika und Australien, nur nicht in Deutschland. Diese Organisation veröffentlicht eine Art Jahrbuch, das ich regelmäßig lese. Aber wer sonst noch außer mir hier in Deutschland?
Auch unter den Juden, die im Gemeindeleben aktiv sind, gibt es nur wenige, die in jüdisch-religiösen Dingen bewandert sind. Als die Kölner Gemeinde eine zeitlang keinen Lehrer hatte, bat man mich, einzuspringen und drei Knaben auf ihre Bar-Mizwa (die Feier der Religionsmündigkeit, wenn ein Junge 13 Jahre alt geworden ist) vorzubereiten. Dieser Unterricht hat mir großen Spaß gemacht, und die Jungen haben ihre Sache gut gemacht.
Aber ich mußte oft daran denken, wie wenige es doch sind, die die religiöse Ausbildung der Kinder und Jugendlichen übernehmen können. Und wenn unser Rabbiner nicht da ist, wendet man sich an mich mit der Bitte, den am Sonntag stattfindenden Talmud-Kurs zu leiten; ich bin der einzige meiner Generation in Köln, der hier einspringen kann.
Wir haben ungefähr 1200 Gemeindemitglieder in Köln, aber es ist jeden Morgen ein Problem, zehn Männer zu einem Minjan (die für einen öffentlichen Gottesdienst erforderlichen zehn religionsmündigen Männer) zusammenzubringen. Religiöse Juden brauchen nunmal eine Betgemeinschaft. Jedesmal, wenn es nicht gelingt, zehn Mann für den Gottesdienst zusammenzubringen, stimmt es mich traurig.
Am Schabbat und an den Feiertagen finden die Gottesdienste in der Kölner Synagoge unter Polizeischutz statt. Die Eingangstüren sind schußsicher, wir werden bewacht und geschützt. Für all das wird viel Geld ausgegeben; mehr als für die Bewahrung der Traditionen. Angesichts einiger Vorfälle muß man die Sicherheitsfrage ernst nehmen - aber man darf die Prioritäten nicht vergessen.
Wenn wir für die Gottesdienste jemanden als Wache an der Tür brauchen, haben wir keine Probleme, geeignete Leute dafür zu finden. Aber nachher auch am Gottesdienst teilzunehmen, das ist vielen, die Wache stehen, nie eingefallen. Diese Einstellung ist typisch für unsere Situation heute in Deutschland. Aber das Judentum ist nicht ein Verein zur Abwehr von Antisemitismus und Dummheit, sondern eine Gemeinschaft mit positiven Werten.
Oder nehmen wir das Beispiel der jüdischen Zeitung in Deutschland. Die hat seit einiger Zeit keinen einzigen
jüdischen Redakteur. Es gibt nicht wenige junge jüdische Journalisten, ich kenne einige persönlich. Nur arbeitet keiner als Redakteur in der "Allgemeinen jüdischen Wochenzeitung".
Es ist meine Überzeugung und entspricht auch meiner Erfahrung, daß für bestimmte Themen in der Redaktion das richtige Verständnis fehlt. Ich habe als Autor oft genug Schwierigkeiten mit den Redakteuren der "Allgemeinen jüdischen Wochenzeitung" gehabt und schreibe auch jetzt nicht mehr für dieses Blatt.
Jetzt schreibe ich hauptsächlich für die "Jüdische Rundschau", die in Basel erscheint. Das sind alles Fehler, die auf die Dauer selbstzerstörend wirken. Solche Schlüsselstellungen wie die Redaktion der einzigen jüdischen Wochenzeitschrift mit Leuten zu besetzen, die überfordert sind, so etwas dürfte nicht vorkommen.
All diese Erlebnisse machen mich nicht unbedingt glücklicher in diesem Land. Wie viele Juden hier in Deutschland leben so wie ich? Wie viele sehen z. B. im Schabbat noch den Höhepunkt der Woche? Bei uns zu Hause wird von Freitagabend an weder gearbeitet noch gekocht. Es ist ein Ruhetag bis Samstagabend, wenn die Sonne untergeht. Schabbat ist ein Tag der Besinnung und nicht nur ein x-beliebiger arbeitsfreier Tag.
Es gibt sogar jüdische Veranstaltungen oder besser gesagt: Veranstaltungen, die von Juden organisiert werden, die den Schabbat ignorieren und entweihen. Der jüdische Studentenverband organisierte z. B. eine Demonstration gegen irgendein SS-Treffen. An einem Schabbat ist man dahin gefahren - das ist nach dem Religionsgesetz nicht erlaubt.
Die ganze Aktion, so gut sie auch gemeint war, hat meiner Ansicht nach keinen Wert, wenn sie mit einer Entweihung des Schabbat verbunden ist. Hier wird das Wichtige vergessen und das Unwichtige hochgejubelt. Damit tut man dem Judentum in Deutschland nichts Gutes, im Gegenteil.
Vor kurzem bekam ich eine Einladung zu einer Tagung mit dem Thema "Juden in der Weimarer Republik". Organisiert wurde diese Tagung von einer evangelischen Akademie. Das Datum fiel genau mit Sukkot (Laubhüttenfest) zusammen. Und da war keiner unter den Juden, die an der Vorbereitung teilgenommen hatten, der den Veranstaltern sagte: An diesen Tagen feiern die Juden Sukkot, da könnt ihr keine Tagung mit Juden machen. Nein, die haben erstens nichts gesagt und gingen zweitens auch noch hin. Vermutlich war ich der einzige, der aus diesem Grund abgesagt hat.
Im Kreise meiner Familie ist es selbstverständlich, daß jüdische Traditionen weitergeführt werden. Hebräisch ist unsere Gebetssprache - mein Sohn Samuel konnte Hebräisch lesen, noch bevor er in die Schule kam. Nicht nur im Rahmen des Religionsunterrichts, sondern vor allem zu Hause erfahren die Kinder, was Judentum ist. Als ich zur Schule ging, hatten wir noch eine Sechs-Tage-Woche. Samstags bin ich nie in die Schule gegangen und mußte den versäumten Lehrstoff nachholen. Meine Kinder haben es einfacher: auch die Christen haben heute am Samstag schulfrei.
Ich hatte übrigens einen jüdischen Klassenkameraden, der auch am Schabbat zur Schule ging. Als er die Klasse wiederholen mußte, sprach er von Antisemitismus - das war lächerlich. Das Sitzenbleiben war eine Folge seiner Faulheit, nicht der Religion.
Es gab und gibt viele Diskussionen, ob man als Jude in Deutschland leben soll - das ist eine philosophische Frage, die mich nur wenig berührt. Für mich ist es entscheidend, daß es Gemeinden gibt, die sich ihrer religiösen Verantwortung bewußt sind, und diese sollten weiterbestehen. Solange ich hier lebe, möchte ich meinen Beitrag dazu leisten, daß die jüdische Gemeinde nicht nur eine Totengedenkvereinigung ist. Wenn nur die gemeinsame Vergangenheit uns zusammenhielte, so wäre das Ende des deutschen Judentums eine Frage der Zeit. In zwei, drei Generationen wäre es endgültig verschwunden.
In Berlin gibt es derzeit eine Diskussion, ob eine jüdische Schule eröffnet werden soll. Diese Frage ist für mich entscheidend. Die jüdische Erziehung ihrer Kinder sollte auch anderen Juden zumindest ebenso wichtig sein, wie politische oder gesellschaftliche Fragen, zu denen man viel öfter ihre Meinungen hören kann.
Ich finde es auch bedenklich, daß es in Deutschland eine Religionslehrerin gibt, die mit einem Nichtjuden verheiratet ist; ich verstehe die Gemeinde nicht, die eine solche Lehrkraft anstellt. Ich kenne einen Kantor, der mit einer Christin zusammenlebt und daraus kein Geheimnis macht. Wenn so die religiöse Elite aussieht - was soll man dann von den anderen erwarten?
Die Zukunft des deutschen Judentums ist weit mehr gefährdet, als wir alle uns vorstellen. Die Gemeinden werden langsam aber sicher zu Museen. In Worms wurde von Nichtjuden eine Synagoge gebaut, sie wurde feierlich eingeweiht. Aber die Beter fehlen.
Im nächsten Heft
David, Jahrgang 1969: "Die Zionisten akzeptieren mich weniger als meine nichtjüdischen Freunde" - Die Nachkommen der Täter: "Otto Normalvergaser" _(Zwischen den linken Tora-Trägern: der ) _(damalige Wirtschaftsminister Erhard. )
Vor dem Münchner Bürgerbräukeller im Dezember 1976. Unten: Juden müssen eine Straße schrubben. Oben: Ein Jude wird gezwungen, das Haus seiner Eltern zu beschmieren. Auf dem jüdischen Friedhof in Linz am Rhein. Zwischen den linken Tora-Trägern: der damalige Wirtschaftsminister Erhard.
Von Peter Sichrovski

DER SPIEGEL 11/1985
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