24.09.1984

„Fahren Sie einfach nach Rhöndorf“

Michael Thomas über seine Begegnung mit Konrad Adenauer 1945 Michael Thomas bereiste als Deutscher in englischer Offiziersuniform nach Kriegsende die britische Besatzungszone, um für den Nachrichtendienst der Militärregierung die politische Lage zu beobachten. Der 1915 in Berlin geborene Thomas, Sohn des Theatermanagers und Autors Felix Hollaender, war 1939 nach England gekommen und in die Armee eingetreten - „nicht als Engländer, sondern als 'Privatverbündeter' im Kampf gegen die Nazis“. In seinem Erinnerungsbuch „Deutschland, England über alles“ (Siedler Verlag, Berlin; 282 Seiten; 39,80 Mark) schildert Thomas, der später im Export-Import-Geschäft reüssierte, die Vorgeschichte der Bundesrepublik aus der Sicht eines Vermittlers zwischen Siegern und Besiegten. _(Alle Rechte bei Siedler Verlag, Berlin, ) _(1984. ) *
Aus meiner Schul- und Studienzeit war mir der Name des Oberbürgermeisters von Köln, Konrad Adenauer, geläufig. Gleich bei ihrem Einmarsch hatten die Amerikaner den von den Nazis davongejagten Adenauer wieder als Oberbürgermeister eingesetzt. Diesen Mann wollte ich kennenlernen. Wie es der Comment erforderte, meldete ich mich zunächst beim britischen Stadtkommandanten, um ihn zu informieren. Der Kommandant war verreist; sein Stellvertreter, ein junger, rothaariger Major, erklärte mir mit saurer Miene: "Da kommen Sie zu spät, den haben wir vor drei Tagen (am 6. Oktober 1945) abgesetzt."
Die Verantwortung hierfür trage der Militärgouverneur der Nordrheinprovinz, Brigadegeneral John Barraclough, in Düsseldorf. Trotz mehrfacher Mahnungen habe Adenauer, statt sich der Trümmerbeseitigung anzunehmen, seine Zeit mit "politischen Intrigen" verbracht: Dies war alles, was der junge Major wußte.
"Dennoch", sagte ich, "möchte ich ihn aufsuchen." Er stimmte sofort zu. "Das können Sie tun, fahren Sie einfach nach Rhöndorf. Da hat er sein Haus."
Am nächsten Tag klingelte ich am Zenningsweg 8a. Sohn Paul, der Priester, öffnete die Tür; beim Anblick meiner Uniform huschte ein leichter Schrecken über sein Gesicht. Ich sagte betont beruhigend: "Ich komme vom Hauptquartier der Militärregierung und möchte Ihren Vater sprechen."
In einem kleinen Zimmer mit hellen Biedermeiermöbeln wurde ich empfangen. Adenauer stand noch unter dem Schock der brüsken Entlassung; ich war der erste englische Offizier, den er seitdem sprach. Ich erklärte meine Position, meinen Auftrag, meine Kenntnis über die Gründe der Absetzung und machte - wohl zu seiner Enttäuschung - deutlich, daß mein Besuch mit den jüngsten Ereignissen nichts zu tun hätte.
Dann erzählte er mir, vielleicht als erstem Fremden, jene Geschichte, die inzwischen allgemein bekannt ist: Die ganze Absetzung hatte 15 Minuten gedauert, und Adenauer mußte sie im Stehen über sich ergehen lassen. Begründung: Versagen bei der Trümmerbeseitigung. Eine Diskussion gab es nicht. Adenauer erhielt das Verbot jeglicher politischen Betätigung, und es wurde ihm untersagt, die Stadt Köln zu betreten.
Auf den Hinweis, daß dort seine Frau schwerkrank in einem Krankenhaus liege, meinte Barraclough, er könne sie besuchen - zweimal wöchentlich, soweit ich mich erinnere. Da das Krankenhaus, von Rhöndorf aus, auf der anderen Seite der Stadt lag, mußte Adenauer Köln umfahren und die Stadtgrenze an der dem Krankenhaus nächsten Stelle passieren.
Adenauer hat diese schmähliche Veranstaltung erhobenen Hauptes verlassen. "Auch bei uns zeichneten sich ja Fallschirmjenerale nicht durch besondere Intellijenz aus. Aber die Bejründung kann nicht die janze Wahrheit sein. Es ist doch unmöglich, daß so ein Brijadejeneral einen Mann wie mich absetzen kann. Da muß doch eine Weisung des Foreign Office vorliejen. Vielleicht jlaubt man, ich habe mich heimlich mit de Jaulle jetroffen. Ich habe mich aber nicht mit de Jaulle jetroffen!"
Adenauer hatte ein schlechtes Gewissen, denn, wie ich später erfuhr, hatte er sich tatsächlich mit einem Abgesandten de Gaulles getroffen, was aber Barraclough und wohl auch der Intelligence verborgen geblieben war. Dann folgten die bekannten Beteuerungen seiner großen Liebe zu England und daß während der gesamten Nazizeit eine seidene englische Flagge in seinem Garten vergraben gewesen sei.
Früher wären die Engländer "Jentlemen" gewesen, aber das seien sie wohl nicht mehr. "Sehen Se", sagte er, "ich bin 'ne alte Mann, ich habe jar keine politische Ehrjeiz mehr ..." Noch heute bin ich stolz auf meine Antwort, "Herr Dr. Adenauer, das kaufe ich Ihnen nicht ab!" Über sein vergrämtes Gesicht glitt ein schnell unterdrücktes Lächeln.
Er gab sich noch einige Zeit den Anschein, nur widerwillig und auf Drängen anderer eine verantwortliche Position in der Politik einzunehmen. Dies ist noch immer eine weitverbreitete Ansicht. Ich war vom ersten Augenblick an vom Gegenteil überzeugt; ich spürte bei ihm nicht nur eine Bereitschaft, sondern den Drang, eine Führungsrolle zu spielen.
Aus meiner Empörung über die Umstände seiner Absetzung machte ich kein Hehl und versprach, sofort nach Düsseldorf zu fahren, bei Barraclough vorstellig zu werden, Einsicht in die Akten zu verlangen. "Herr Dr. Adenauer, wenn ich Ihnen das Ergebnis aus Gründen der Geheimhaltung nicht mitteilen kann, so werde ich Ihnen das klar sagen. Aber Sie können sich darauf verlassen, daß die reine Wahrheit sein wird, was ich Ihnen sage."
Am nächsten Morgen war ich in Düsseldorf bei Barraclough. Telephonisch wurde im Hauptquartier erst einmal rückgefragt, ob ich wirklich Verbindungsoffizier von General Gerald Templer,
dem Direktor der Militärregierung, sei. Dann erzählte mir der kleine untersetzte, lebhafte Fallschirmbrigadier seine Version von den Vorfällen:
"Der Kerl ist unfähig. Köln ist die am schlechtesten aufgeräumte Stadt der britischen Zone. Er ist mehrfach ermahnt worden. Ich hatte den Besuch meines Vorgesetzten Templer, des Korpskommandeurs. Er hat den Zustand von Köln bitter beklagt und sofortige Abhilfe verlangt. Er kam ein zweites Mal. Wie der waren die Bombentrümmer kaum aufgeräumt, nur politische Intrigen waren gesponnen. Wir brauchen jetzt keine Politik, wir brauchen aufgekrempelte Ärmel, um das Land wieder in Gang zu kriegen. Ich hatte einfach genug von ihm. Ich habe ihn abgesetzt."
Ich fragte, warum Adenauer Köln nicht betreten dürfe. "Damit er keine Gelegenheit hat, dort zu politisieren."
Ich überschritt meine Kompetenzen: "Mußte die Absetzung denn in dieser Form geschehen?"
Diese etwas vorwitzige Frage eines Hauptmanns an einen General wurde barsch beiseite geschoben. Aber meine weitere Frage, ob es noch andere Gründe oder gar einen Wunsch des Foreign Office gegeben hätte, wurde offen und eindeutig verneint. Barraclough war nicht dumm, wie Adenauer angedeutet hatte, sondern ein engagierter, von den politischen Aspekten, die seine Aufgabe mit sich brachte, allerdings überforderter Soldat, den die Rüffel seines Vorgesetzten beunruhigten. Einem Verbindungsoffizier von Templer gegenüber fühlte er sich verunsichert; jetzt befand er sich in Verteidigungsstellung.
Die Akteneinsicht war höchst interessant. In der Tat war das erste Dokument ein Brief des Foreign Office an den politischen Berater des Militärgouverneurs, Sir William Strang. Es war aber lediglich ein kurzer Begleitbrief zu dem Schreiben eines Generals a. D., der nach dem Ersten Weltkrieg Kommandant von Köln gewesen war und nun seine Meinung über Adenauer zum besten gab.
Der Brief des Generals hatte folgenden Tenor: Dieser Adenauer sei immer ein Gegner Englands und immer ein schwieriger Mann gewesen. Bei einem Autounfall sei er schwer verletzt worden und hätte seither ein künstliches Kinn. Auch sonst sei ihm nicht zu trauen. Auf keinen Fall als OB von Köln. Ein dümmliches Schreiben.
Das Foreign Office hatte es Strang, bzw. dem Leiter der Political Division, Christopher "Kit" Steel, überlassen, was damit anzufangen sei. Steel gab den Brief an Barraclough, nur zur Information. Ich glaube sogar mit einer ironischen Bemerkung. Der Brief hat bei Barracloughs Entscheidung nicht die geringste Rolle gespielt. In der Akte folgte dann nur ein Vermerk über Adenauers politische Tätigkeit für die in Gründung begriffene CDU und über sein Unvermögen, die Trümmer zu beseitigen.
Nach der Lektüre traf ich nochmals mit Barraclough zusammen. Es war klar, daß die Trümmerfrage und dieses "gräßliche Politisieren" die einzigen Gründe für Adenauers Entlassung waren, genauer gesagt für die erniedrigenden Auflagen Barracloughs, der nichts mehr verachtete als Ineffizienz und politische Intrigen. Es war hoffnunglos, mit diesem Soldaten weiterzukommen; ich mußte unverzüglich etwas unternehmen.
Am selben Abend gab es einen großen Empfang der Militärregierung in dem einzigen funktionsfähigen Hotel der Stadt. Eine Stunde vorher traf ich auf der Hoteltreppe Oberstleutnant Noel Annan, der unter Kit Steel in der Politischen Abteilung arbeitete.
Annan war eben aus dem Hauptquartier gekommen und hatte keine Ahnung von der Absetzung Adenauers. Meine Darstellung bestürzte ihn; er versprach, über Kit Steel sofort bei Templer zu intervenieren, um meine bevorstehende Demarche zu unterstützen.
Am nächsten Tag fuhr ich wieder zu Adenauer. Daß die Absetzung das alleinige Werk Barracloughs gewesen sei und daß das Foreign Office nichts damit zu tun habe, enttäuschte ihn eigentlich ein wenig. Ich berichtete, daß ich die Unterstützung der Politischen Abteilung der Militärregierung für die Aufhebung der Auflagen hätte und in den nächsten Tagen bei General Templer vorstellig werden würde.
Wenn Adenauer mir auch nicht ganz zu glauben und meinen Optimismus hinsichtlich des Erfolgs zu bezweifeln schien, so war doch eine gewisse persönliche Zuneigung aufgekeimt. Ich blieb ziemlich lange bei ihm. Er erzählte mir von seinen politischen Aktivitäten, und dann holte er aus seinem Schreibtisch den von ihm verfaßten Entwurf für das CDU-Programm und las ihn mir vor.
"Wie finden Se dat?" fragte er. Ich meinte, es sei sehr gut formuliert, nur seien die vielfachen Verbeugungen vor der Besatzungsmacht überflüssig, niemand verlange das von ihm. Aus seinen Schamanenaugen blinzelte er mich überrascht an. Da saß einer in englischer Uniform und wollte ihn, den würdigen alten Fuchs, überzeugen, daß er den Engländern keine Komplimente zu machen brauche. "Da haben Se eijentlich janz recht", sagte er und fing an zu streichen.
Schnurstracks fuhr ich nun zu Templer und berichtete ihm mit aller Drastik über die Vorfälle. "Barraclough hat offensichtlich einen Fehler gemacht, aber es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn zu decken", das war seine erste Reaktion.
Inzwischen aber begannen die von Noel Annan in Gang gesetzten Mühlen zu mahlen. Kit Steel nahm Kontakt mit Templer auf. Ende November teilte mir Adenauer brieflich mit, daß ein erster Beweis erbracht sei, der meinen Optimismus rechtfertigte.
Am 7. 12. wurde Adenauer durch den Stadtkommandanten von Köln davon unterrichtet, daß Oberstleutnant Annan am 9. 12. in Düsseldorf vor prominenten Politikern der Rheinprovinz eine Rede halten werde. Adenauer wurde regelrecht dorthin befohlen, und es wurde ihm sogar ein Fahrzeug angeboten.
Drei Tage später schickte der Oberpräsident Nordrhein ein Telegramm an Adenauer, dem zufolge Brigadier Barraclough Adenauers Besuch für den 14. 12. "erbittet". In diesem Gespräch hat dann Brigadier Barraclough alle Beschränkungen aufgehoben: das Verbot politischer Aktivität, das Verbot, Köln zu betreten, und das Verbot, in Köln zu leben.
Von Michael Thomas

DER SPIEGEL 39/1984
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