11.03.1985

Krieg der Telegötter

In der ARD kracht's: Den meisten Sportchefs der anderen Anstalten ist Heribert Faßbender vom Westdeutschen Rundfunk zu mächtig geworden. *
Wenn Heribert Faßbender moderiert hatte, bekam er gelegentlich Zunder. "Gucken Sie nicht so ernst" oder "Quatschen Sie nicht so viel", schrieben ihm erbost die immer noch auf den vor knapp drei Jahren gefeuerten Sportschau-Strahlemann Ernst Huberty fixierten Fans.
Der Umgangston hat sich geändert. Den Sender am Kölner Appellhofplatz erreichen neuerdings Briefe, in denen der Fernseh-Sportchef des Westdeutschen Rundfunks (WDR) zum Durchhalten aufgefordert wird: "Lassen Sie sich das nicht gefallen."
Ein unverhoffter Beistand zur rechten Zeit. Im Ersten Deutschen Fernsehen (ARD) spielen die Telegötter Krieg, Faßbender, 43, stehen nur die Bayern zur Seite. Seit Faßbender einen von den Sportchefs der sieben anderen ARD-Anstalten erwünschten Beitrag mit Hinweis auf die "Programmverantwortung des WDR für die Gemeinschaftssendung Sportschau" ablehnte, fühlen sich die Kollegen brüskiert. Der in Schaltkonferenzen selbstbewußt argumentierende Jurist aus Köln ist ihnen zu groß geworden.
So erklärte Wolfhard Kuhlins vom Hessischen Rundfunk: "Über seine menschliche Entwicklung kann ich nur den Kopf schütteln." Rudi Michel (Südwestfunk) sagte: "Faßbender kann alles besser, Faßbender weiß alles besser." Werner Zimmer (Saarländischer Rundfunk) moserte, Faßbender spiele sich auf, als sei er Sportchef der gesamten ARD.
"Rebellion auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten", nannte die "Sport-Illustrierte" treffend die konzertierte Aktion der Landesfürsten des TV-Sports. Bis zu zwölf Millionen Deutsche sehen jeden Samstag von 18.05 bis 19 Uhr die Sportschau, weitaus mehr als das Aktuelle Sportstudio im ZDF.
Die häufige Präsenz auf dem Bildschirm hebt Bekanntheitsgrad und Einkünfte. Die Moderatoren sind begehrt als Ansager bei Sportpressefesten, als Podiumsredner oder Buchautoren, auch wenn sie hauptberuflich Langeweile verbreiten wie der Norddeutsche Fritz Klein oder der Bayer Manfred Vorderwülbecke. Ein Zubrot zu den gut 10 000 Mark, die ein Sportchef im Monat einsteckt, ist immer drin.
Bisweilen verblüfft die Unbekümmertheit, mit der die Fernsehleute Haupt- und Nebenjob verknüpfen. So handelte der Hesse Kuhlins im Auftrag der ARD mit dem Box-Veranstalter Wilfried Sauerland die Lizenzen für die Übertragung eines Rene-Weller-Kampfes aus. Am Kampftag war Kuhlins dann auch am Ring tätig - der Veranstalter hatte ihn als Conferencier angeheuert.
Zwar vermarktet auch Faßbender die eigene Popularität, aber er sagte: "Im Vergleich zu den anderen bin ich mit Nebentätigkeiten weitaus zurückhaltender." Bevor Deutschlands bester Hörfunk-Sportreporter der 70er Jahre im Sommer 1982 Huberty-Nachfolger wurde, war er zum Sport auf Distanz gegangen: Er leitete drei Jahre lang das Fernseh-Landesstudio in Düsseldorf. "Ich sehe jetzt", so Faßbender, "gewisse Dinge anders als einige Kollegen, die immer Sport gemacht haben."
Wegen der unterschiedlichen Sicht kam es zum Knall. Die sieben ARD-Sportchefs beharrten darauf, den Zehnkämpfer Jürgen Hingsen und den Gewichtheber Rolf Milser samt Ausschnitten ihrer Filmklamotte "Drei und eine halbe Portion" in der Sportschau zu präsentieren. Faßbender wehrte sich gegen "die reine Promotion-Show auf Kosten aktueller Ereignisse", nur Eberhard Stanjek vom Bayerischen Rundfunk stimmte mit ihm.
Faßbender schmetterte, ein Novum in der 24jährigen Sportschau-Geschichte, den Mehrheitsbeschluß ab. Der später von ihm "um des lieben Friedens willen" gebilligte Kompromiß, einen von Radio Bremen erstellten Kurzbeitrag über Hingsen/Milser in die Kölner Sendung einzuspielen, konnte die Kollegen nicht mehr besänftigen.
NDR-Klein und Saar-Zimmer stritten besonders heftig für die Einladung des Film-Duos nach Köln. Am Tag vor der Sportschau fand in der Kieler Ostseehalle das Sportpressefest statt: Klein beriet die Veranstalter, Zimmer moderierte, Milser war Gaststar des Abends.
Faßbender bemühte sich zwar, den hitzig geführten Schlagabtausch auf "Sachprobleme" zu reduzieren, doch er gestand ein: "Das hat mich sehr mitgenommen." Die kühle Professionalität, mit der er seinen Job betreibt, brachte ihn nicht nur bei den Chef-Kollegen in Mißkredit, für die der Sport wohl auch Herzenssache ist: 13 seiner 17 Redakteure beim WDR forderten ihn schriftlich zum Rücktritt auf. Faßbender, so die Rebellen, präsentiere sich zu oft auf dem Bildschirm und kümmere sich zu wenig um die Redaktion.
Die Vorwürfe erwiesen sich bei Nachforschungen des WDR-Programmdirektors Heinz-Werner Hübner als haltlos. Faßbender moderiert einmal im Monat die Sportschau, Werner Zimmer kam 1984 auf etwa die gleiche Anzahl öffentlich-rechtlicher Auftritte.
Um die Redaktion hat sich Faßbender eher zuviel gekümmert. Die meisten Kollegen frohlockten zwar seinerzeit, als Huberty im Zusammenhang mit Spesen-Affären ins Regionalprogramm versetzt wurde. Sie hatten wohl gehofft, nach der Degradierung des populären "Mister Sportschau" häufiger als bis dahin auf dem Bildschirm zu erscheinen. Aber jetzt wäre ihnen ein Chef wie der in der täglichen Redaktionsarbeit legere
Huberty womöglich lieber als der resolute Faßbender, der ankündigte, einen Dienstplan einzuführen, um die Kollegen unter der Woche besser im Blick zu haben. Faßbender würdigte es keineswegs als gelungenes Tagewerk, wenn ein Mitarbeiter während der Dienstzeit den Schachcomputer mattgesetzt hatte.
Neun Moderatoren sind von den ARD-Programmdirektoren für gut genug befunden worden, in der Sportschau aufzutreten: Heribert Faßbender, Klaus Schwarze, Adolf Furler (Köln), Werner Zimmer (Saarbrücken), Eberhard Stanjek, Manfred Vorderwülbecke (München), Jörg Wontorra (Bremen), Fritz Klein (Hamburg), Hans-Joachim Rauschenbach (Frankfurt).
Einen verbindlichen Einsatzplan gibt es nicht, die Entscheidung hat Faßbender, weitere Konflikte werden kaum ausbleiben. SWF-Michel erklärte unlängst gegenüber "Hörzu": "Das Thema Faßbender ist noch nicht ausgestanden."
Die Programmdirektoren haben den von den meisten Sportchefs favorisierten Plan abgeblockt, die Zahl der Reporter zu begrenzen, die am Samstag über Spiele der Fußball-Bundesliga berichten dürfen. Radio Bremen hatte protestiert, weil Wontorra wegen angeblich "fachlicher Schwächen" ausgebootet werden sollte. Wontorra, der mit flotten Reportagen der Groß-Rennen im olympischen Schwimmbassin von Los Angeles auffiel ("Flieg, Albatros, flieg"), zählt ganz gewiß zu den besseren ARD-Leuten.
Gut 20 Reporter werden auch künftig für die ARD berichten, jede Anstalt ist bei der Besetzung von Bundesligaspielen in ihrem Sendebereich souverän. Im Vergleich mit der Konkurrenz siegt meist das ZDF. Die kleine Crew der Mainzer geht forscher ran und hat den besseren Kontakt zu den Spielern, eine Folge der häufigen Präsenz in den Stadien.
Trost kam für Faßbender vom anderen Kanal. Kabarettist Werner Schneyder, der für das ZDF sachkundig und einfühlsam die olympischen Boxkämpfe kommentiert hatte, sagte: "Die ARD ist ein zerstrittener, nicht koordinierter Sauhaufen. Warum soll das im Sport besser sein als in den anderen Abteilungen."

DER SPIEGEL 11/1985
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