11.03.1985

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Im deutschen Fußball setzt sich der Jugendstil durch. Doch wenn die Spieler zu schnell aufsteigen, gibt es mitunter Probleme. *
Der größte Schaden entstand vor zwei Wochen in Lissabon. Die Deutschen hatten Portugals Fußball-Nationalmannschaft 2:1 besiegt, Franz Beckenbauer klopfte Thomas Berthold, 20, von Eintracht Frankfurt anerkennend auf die Schulter und sagte: "Weiter so."
Im Deutschen Fernsehen lobte hernach der Teamchef: "Er kann unser rechter Verteidiger der Zukunft sein." Seitdem hat der junge Mann offenbar Identitätsprobleme. Frankfurts Trainer Dietrich Weise mahnte zwar: "Thomas, bleib wie du bist", doch auf dem Fußballplatz versuchte Berthold in Verkennung eigener Fähigkeiten zu offensichtlich, den einstigen Ausnahmespieler Beckenbauer zu kopieren.
Beim Bundesligaspiel in Kaiserslautern patzte er prompt mehrfach, Frankfurt verlor 1:2. Berthold, im Verein spielt er Libero, gab zu, daß "das erste Tor auf meine Kappe geht".
Der Trainer war bemüht, die Niederlage als pädagogisch wertvoll hinzustellen. Weise: "Ich habe mich für die Backpfeife, die der Berthold heute erhalten hat, gefreut." Aber auf Einsicht hoffte Weise vergebens. "Das ist doch nur der Versuch, mich als Sündenbock abzustempeln", rügte Berthold den Trainer. Das Selbstbewußtsein des jungen Nationalspielers war in Selbstgefälligkeit umgeschlagen.
Beim nächsten Bundesliga-Spiel verloren die Frankfurter in Leverkusen wieder, diesmal sogar 1:3. Wiederum gefiel sich Berthold als Beckenbauer-Kopist, ohne das Original auch nur annähernd zu erreichen. "Ich glaube, der ist immer noch in Lissabon", meinte Leverkusens Trainer Dettmar Cramer. "Der spielt wie ein Student, aber nicht wie früher der Franz."
Bertholds Chef Weise wertete die zweite Niederlage binnen vier Tagen nicht mehr als pädagogisch nützlich. Er sorgte sich um seinen Schützling: "Ich hoffe, daß er den Spott der anderen und den eigenen Ärger schnell wegsteckt", und machte ihm, mehr väterlicher Betreuer als resoluter Trainer, sogar Mut: "Es war ja diesmal schon wieder besser mit dem Thomas."
Berthold honorierte den behutsamen Umgangston des Trainers nicht, er sagte trotzig: "In der Nationalmannschaft kann jeder mit den Trainern diskutieren, Vorschläge unterbreiten, da macht es Spaß. Bei der Eintracht befiehlt einer und die andern spuren." Weise nahm auch das nicht übel. "Bei uns erlebt er den Alltag", erklärte er, "bei Beckenbauer ist immer Sonntag."
Trotz des unbestritten vorhandenen Talents waren bei Berthold schon Tendenzen zur Selbstüberschätzung auszumachen, als die Nationalmannschaft für ihn noch gar kein Thema war.
Sein Vorgänger als Libero, der Österreicher Bruno Pezzey, hatte die Beckenbauer-Manie als einer der ersten erkannt. Er ritzte auf Bertholds Fußballschuhen den Namen "Franz" ein, seither wird Thomas im Frankfurter Kollegenkreis spöttisch Franz genannt.
Zur Besinnung brachte es ihn nicht. Noch besessener kopierte Berthold, was Kaiser Franz auf dem Fußballplatz meisterlich demonstriert hatte: Statt den Ball mit dem Innenrist zu schlagen, riskierte er oft die viel schwierigere Variante mit dem Außenrist. Seinen Kritiker Pezzey ließ er wissen: "Der ist doch nur neidisch, weil Beckenbauer der bessere Libero war."
Pezzey, jetzt Libero beim Titelanwärter Werder Bremen, nahm Berthold "die Retourkutsche" nicht krumm. "Der Junge tut mir leid, weil er mit seinem Beckenbauer-Fimmel wertvolle Zeit vertrödelt. Er würde besser daran tun, seine Stärken weiterzuentwickeln."
Wenn Teamchef Beckenbauer erst einmal "klar wird, was mit Thomas los
ist, wird er ihn schon zur Brust nehmen", glaubt Pezzey. Fehlentwicklungen sind am besten im Anfangsstadium zu stoppen. Bei Berthold, so scheint es, drängt die Zeit.
"Wir sind zu schnell hochgekommen", so erklärte Weise die Anzeichen von Überheblichkeit bei einigen seiner Jungstars. "Vor einem Jahr wären wir fast abgestiegen, jetzt stellen wir in den Nationalmannschaften der Senioren, Junioren und der Jugend die meisten Spieler."
Die Blitzkarrieren in fast voller Mannschaftsstärke machen bei der Konkurrenz Widerstandskräfte bis hin zur Überreaktion frei. "Was der Berthold kann, das hab' ich doch schon lange drauf", sagte zum Beispiel der Leverkusener Helmut Winklhofer vor dem Spiel gegen Frankfurt. Winklhofer, einst Spieler in der Jugendnationalmannschaft von Dietrich Weise, schoß das 1:0 gegen Frankfurt. Hinterher ergriff er Partei für seinen alten Lehrmeister, der nach fünfjähriger, intensiver Nachwuchsarbeit den DFB 1983 verlassen hatte: "Ohne Weise wäre die Bundesliga heute verkalkt. Jugend war jahrelang ein Hinderungsgrund, um aufgestellt zu werden."
Für Weise ist es "allerhöchste Zeit, mit jungen Spielern mindestens soviel zu arbeiten wie mit den Routiniers". Sein Schlüsselerlebnis hatte er vor 14 Jahren, als er den 1. FC Kaiserslautern trainierte. Vor dem Heimspiel gegen den Meister Borussia Mönchengladbach wog Weise ab, ob er den 20jährigen Hermann Bitz oder einen älteren Spieler mit der Sonderbewachung des damaligen Weltstars Günter Netzer betrauen sollte;
Weise entschied sich für den jungen Mann. Zwar warnte sein Kapitän Jürgen Friedrich, die "Gladbacher machen doch den armen Hermann nieder, der spielt danach nie mehr wieder Fußball", doch Weise blieb konsequent bei seinem Entschluß: "Bitz spielt." Kaiserslautern siegte 1:0, das Tor schoß Bitz.
"Natürlich hätte die Sache auch schiefgehen können", erinnert sich Weise. "Aber ich muß mich als Trainer immer wieder so entscheiden. Ein junger Spieler ist für den Klub Kapital, ein älterer Spieler hilft einem vielleicht einmal, dann verlangt er mehr Geld, bekommt es und ist mehr beim Arzt als beim Training."
Wie richtig Weises Jugendstil im Fußball ist, beweist das Anfangsalter der erfolgreichsten Spieler. Fritz Walter, vor Beckenbauer Heros des deutschen Fußballs, spielte schon mit 19 Jahren in der Nationalmannschaft. Uwe Seeler und der Brasilianer Pele waren gar erst 17, als sie ihre glanzvollen internationalen Karrieren starteten. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 in England gehörte der 20jährige Franz Beckenbauer zu den herausragenden Spielern des Turniers.
"Nervenstärke kann sich ein Fußballspieler nur im Wettkampf aneignen, am besten gegen starke Gegner", erklärte Weise. "Deshalb lasse ich unsere A-Jugendspieler, also 17jährige, oft in der Hessenliga gegen gestandene Männer antreten. Sie lernen dort, wie man sich wehren muß."
Daß einer wie Berthold "mit sich und der Umwelt noch im unreinen ist", hält der Fußball-Pädagoge Weise für eine wichtige Phase in der Entwicklung zum "ausgewachsenen Fußballspieler". Zwar macht ihm Bertholds Höhenflug derzeit einige Probleme, doch er akzeptiert die Personalentscheidungen des Teamchefs Beckenbauer ohne Einschränkung: "Der Franz macht es richtig. Ein Trainer muß das Risko eingehen, auch mit psychisch noch etwas anfälligen jungen Spielern zu arbeiten."
Fast alle Jugendspieler, mit denen Weise vor vier Jahren Weltmeister wurde, stehen heute bei Bundesligaklubs unter Vertrag. Roland Wohlfarth, 22, den "ich damals tagelang überreden mußte, vom Mittelstürmerposten auf die Position des Flügelstürmers auszuweichen, der mir deswegen auch böse war", hat sogar auf Anhieb den Sprung vom zweitklassigen MSV Duisburg in die Stammformation des Top-Klubs Bayern München geschafft.
"Wenn in absehbarer Zeit", so Weise, "Leute wie Karl-Heinz Rummenigge oder Klaus Allofs in der Nationalmannschaft aufhören, wird sich Beckenbauer unter Garantie den Wohlfarth holen."
Der Trainer Weise, eine Ausnahme in der Branche, versteht sich als Erzieher seiner jungen Spieler. Er diskutiert mit ihnen die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse, versucht ihnen "fast täglich" einzutrichtern, daß "ein Abbau der
dicken Gagen lebensnotwendig für den Fortbestand des Profifußballs ist."
Bankierssohn Berthold kann das Thema Geld allerdings nicht mehr hören: "Die Medien reden mehr über unsere Gehälter als über unser Spiel", maulte er. Weise ist sicher, daß auch "beim Thomas der Groschen bald fällt".
Der Gegentyp zum selbstsicheren Berthold ist ebenfalls ein Frankfurter Nationalspieler: Ralf Falkenmayer, 22. Er ist verschlossen und verschwindet schnell, wenn Reporter auftauchen, zwischen den Spielen quält er sich mit Selbstzweifeln.
Vor dem Bundesligaspiel in Leverkusen meldete er sich ab, weil er glaubte, daß er "so, wie es die Mannschaft von ihm erwartet, nicht spielen" könne. Berthold, grippegeschwächt wie Falkenmayer, entschied anders: "Das ziehe ich schon durch."
Falkenmayer kennt die Angst vor dem Versagen. Er mußte früh für die kranken Eltern und die sechs Geschwister sorgen und verdiente wenig als Bademeistergehilfe, bis er sich einen Platz an den Fleischtöpfen des Profifußballs erkämpft hatte.
"Nach oben kommen sie beide", meinte Weise. "Was sie daraus machen, weiß ich nicht."

DER SPIEGEL 11/1985
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