11.03.1985

EISKUNSTLAUFGanz egal

Tiefstnoten ernteten Hongkongs Eiskunstläufer bei ihrem WM-Debut. Dennoch kehrten sie zufrieden zurück. *
Als sie die Eisfläche verlassen hatten, zeigte Ngai Shukling ihrem Partner einen Vogel. Mak Kwokyung hatte während der Kür vergessen, wie es weiterging. Sie mußte ihn deshalb energisch am Arm ziehen, Gespräche während des Wettkampfes sind verboten.
Noch nie waren beide so lange ununterbrochen zur Musik eisgelaufen. Sie vertraten in Tokio als erste Eiskunstläufer ihre Heimat Hongkong bei einer Weltmeisterschaft.
Da saß das Paar in dem Träneneckchen des Eiskunstlaufs unter dem Riesenauge der Fernsehkamera, und alle erwarteten zerknirschte Gesichter in Großaufnahme. Aber Ngai und Mak steckten die Köpfe zusammen und kicherten. Sie waren ja nicht mal hingefallen wie in der Kurzkür.
Als auf der Anzeigetafel die Noten erschienen, schüttelten sich Ngai und Mak vor Vergnügen. Der Herr Cononykhin aus der Sowjet-Union hatte ihnen eine 2,0 zuerkannt, unendlich viel mehr, als vorher ihre Freundin Ngai beim Pflichtlaufen und Lai Cheukfai im Wettbewerb der Herren bekommen hatten: zwischen 0,1 und 1,0, Welten entfernt von der Höchstnote 6.
Die Großfamilie des Eiskunstlaufs bebte vor Erschütterung. "Das ist doch kein Spaß mehr", sagte verärgert die Britin Betty Callaway, als Trainerin der unvergleichlichen Eistanz-Olympiasieger Torvill/Dean eine Respektperson in der Branche.
Hongkong ist seit August 1983 ordentliches Mitglied der Internationalen Eislauf-Union (Isu) und genießt damit Startrecht bei der Weltmeisterschaft. Vom Eislaufen hatten die Debütanten keine Ahnung. Die Pflichtfiguren hatte man ihnen beim Training erst erklären müssen.
Mit großen Augen schaute Ngai Shukling zu, wie die anderen Läuferinnen die schönsten Kreise in das blau schimmernde Eis zeichneten. Das hatte sie zuvor wohl noch nie gesehen.
Der Schlingenparagraph mißriet ihr beim ersten Versuch, doch unverdrossen bedeutete Ngai den Preisrichtern, sie wolle noch einmal anfangen. Als sie endlich eine Figur in das Eis geritzt hatte, die eher einem zerdellten Ei als dem geforderten Schlingenparagraphen glich, knickste sie artig vor den Preisrichtern und fragte, ob sie jetzt aufhören dürfe.
Die lächelten zustimmend, obwohl ein Pflichtbogen eigentlich dreimal deckungsgleich gelaufen werden muß. Außerdem darf ein Läufer eine Figur nicht vorzeitig beenden.
Der Mannheimer Preisrichter Eugen Romminger sagte: "Eigentlich war es ganz egal, was wir gezogen haben. Wichtig war nur die Null vor dem Komma." Romminger zog für die Paarläufer aus Hongkong zweimal die 0,6. "Was hinter dem Komma stand, da zogst du, was du gerade in die Hand bekamst."
Noch nie hat es bei einer Weltmeisterschaft seit 1896 solche Noten gegeben. Dem Vizepräsidenten der Isu, Professor Josef Dedic aus der CSSR, schwante Böses, als sich nach dem ersten gemeinsamen Training der Weltelite die Beschwerden über die Sportler aus Hongkong häuften.
"Die stehen einem immer im Weg, und ausweichen können sie nicht, weil sie nicht Schlittschuh laufen können. Das ist gefährlich", klagte Karel Fajfr, Trainer des deutschen Meisterpaares Massari/Caprano.
Am Vorabend der Eröffnung hatte Dedic noch gehofft, Li Guang-jing, dem Präsidenten der Hong Kong Ice Activities Association (HKIAA), den Start seiner Läufer ausreden zu können. Vor 18 Jahren in Wien war der Isu ähnliches gelungen: Damals zogen chinesische Funktionäre ihre Läuferin zurück, die sich auf Schlittschuhen gerade langsam kreisend fortbewegen konnte.
Erst zwölf Jahre später traten einigermaßen wettkampfreife Eiskunstläufer aus China bei einer WM auf. Doch gutes Zureden nützte nichts, Hongkong bestand auf seinem Startrecht, zumal zwei Eislaufverbände erbittert darum kämpfen, ihren Kleinstaat international bis zum Anschluß an das Mutterland 1997 zu vertreten.
So erschütterten Ngai Shukling und Mak Kwokyung in Tokio die große Welt des Eiskunstlaufs. Als die hochtrainierten Etablierten mitbekamen, daß die kleinen Hongkong-Chinesen auch noch Spaß an ihren täppischen Schritten auf dem Eis fanden, schlug anfängliches Mitleid in Empörung um.
Ngai Shukling und Mak Kwokyung aber verließen die Eishalle glücklich wie Weltmeister.

DER SPIEGEL 11/1985
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