11.03.1985

Kein Stein auf Dr. Mengele

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Ein Tribunal in Israel hat seine Menschenversuche und Massenmorde wieder dokumentiert: Josef Mengele, KZ-Arzt, "Todesengel von Auschwitz", entflohen nach Südamerika, wird immer noch als NS-Verbrecher gesucht, sein Name erweckt immer noch Grauen. Nicht so im heimatlichen Günzburg, wo er in dem Gymnasiallehrer Josef Baumeister, 60, seinen Barden gefunden hat. Der dichtet in "mittelschwäbischer Mundart" sowie "in Sorge um das deutsche Vaterland", und in dem selbstfinanzierten Bändchen "a' Stückle Hoimat" (Kaufpreis in lokalen Buchhandlungen: 15,80 Mark) richtet er auch tröstliche Reime "An Dr. Josef Mengele". Schon Martin Luther, so schreibt der Pädagoge, habe gebollert: "Zendat d' Senagoga a'!", also gebühre auch Mengele Verständnis. Übersetzung aus dem Mittelschwäbischen: "Deutsche sind an Deutschland gehangen / so wie Du als junger Mann. / Weil der Krieg danebengegangen, / klagt man Dich und's Volk heut an. / Freilich hast ein groß' Versagen / hineingebracht in Deine Forscherei, / doch man kann Dich kaum verklagen, / wo die ganze Welt heut' hin könnt' sein! / Viel hast schon die Jahre über gelitten: / ohne Heimat bist allein! / Die Zeit heilt Wunden und kann kitten: / Die Heimat wirft auf Dich keinen Stein."

DER SPIEGEL 11/1985
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