11.03.1985

Wie Wespen

Der anspruchsvolle WDR-Dreiteiler „Morenga“ handelt vom deutschen Kolonialismus in Südwestafrika. Politischen Ärger gab es schon vor Drehbeginn in Namibia. *
Den Damen blätterte die Schminke vom Gesicht. Sie wollten einfach nicht glauben, daß ihre europäischen Tiegelchen bei einer Luftfeuchtigkeit von nur zehn Prozent und Mittagstemperaturen von 40 Grad nutzlos sind.
Aber das waren noch die geringsten Schwierigkeiten bei der Produktion des dreiteiligen Fernsehfilms "Morenga". Er spielt im Süden von Namibia, wo die afrikanische Landkarte heute noch Namen kennt wie Hamansdrift, Rosinbusch oder Lüderitz.
Im hundertsten Jahr nach der Eroberung von Deutsch-Südwest ist "Morenga" der erste Spielfilm, der dieses Kapitel deutscher Geschichte zum Thema hat - ein Kapitel, das seit 1945 noch konsequenter verdrängt wurde als die Naziherrschaft.
Der DDR-Regisseur Egon Günther ("Lotte in Weimar", "Exil"), der heute vorwiegend in München lebt, hatte es sich - und dafür gibt es gute Gründe - in den Kopf gesetzt, seinen Film an Originalschauplätzen in Namibia zu drehen.
Seitdem gibt es Ärger in Deutsch-Südwest. Gegen Genscher, Uno und Swapo, die schwarze Befreiungsorganisation, sind die heute noch in Namibia lebenden rund 25 000 deutschstämmigen Einwohner einig. Ausgerechnet ein Fernsehfilm aus der alten Heimat bringt nun Zwietracht in die Wagenburgen zwischen Swakopmund, Grootfontein und dem Oranje.
Kaum einer von ihnen wird den Film, den der WDR am 13., 17. und 20. März ausstrahlt, je sehen können. Aber in Deutsch-Südwest bietet allein schon der Titel Reizstoff genug.
Morenga, das war ein "Hottentotten-Bastard", mit dem die deutsche "Schutztruppe" so einfach nicht fertig wurde, ein Guerilla-Führer, ein schwarzer Che am Anfang des Jahrhunderts. Zuletzt mußten 16 000 Kaiserliche ins Feld geführt werden, um Morengas 400 Männer niederzuschlagen.
Als vor sechs Jahren Uwe Timms gleichnamiger Roman erschien, wurde der Münchner Schriftsteller von der südafrikanischen Regierung zur "persona non grata" erklärt. "Schund" und "Schmarren", hieß es am Stammtisch der "Kaiserkrone" und in der "Allgemeinen Zeitung" von Windhuk. Timm sah in dieser wütenden Reaktion dankbar Alfred Anderschs Urteil bestätigt: "Ohne Uwe Timms ''Morenga'' zu kennen, wird man in Zukunft über die deutsche Kolonialgeschichte nicht mehr nachdenken können. ''Morenga'' beendet eine ganze Epoche der Verklärung des Imperialismus."
Und solch ein Buch sollte nun vor Ort verfilmt werden. Im August 1982 wollte der WDR mit den Dreharbeiten in Namibia beginnen. Doch das Regime in Pretoria, unter dessen Verwaltung das ehemalige Deutsch-Südwest heute steht, verweigerte Drehgenehmigungen und Einreisevisa (obwohl die Bundesrepublik, als einziges Land der Welt, mit Südafrika ein Kulturabkommen unterhält).
Vorwand: Kurz zuvor hatte der Kölner Sender einen kritischen Soweto-Film ausgestrahlt. Pretorias Bonner Botschafter machte ein bemerkenswertes Angebot: Das deutsche Fernsehen darf in Namibia drehen, wenn der WDR unkommentiert einen südafrikanischen Propaganda-Film über die Apartheid ausstrahlt.
Der WDR lehnte ab und ließ den geplanten Dreiteiler privat produzieren. Rainer Söhnlein, Chef der Münchner Tele Norm Film, erreichte ein Jahr später über seine Kontakte zur CSU und der Hanns-Seidel-Stiftung die
Drehgenehmigung in Pretoria und Windhuk.
Und damit fingen die Querelen an. "Wird hier nicht unsere Gastfreundschaft ausgenutzt, damit der Bandit (Morenga) verherrlicht werden kann?" fragte die Windhuker "AZ", um drei Tage später ihre Leser mit einem Söhnlein-Zitat wieder zu beruhigen: "Die CSU gibt ihre Unterstützung für den Film."
Inzwischen hatte man sich nämlich in Windhuk überlegt, daß man die 4,6 von rund 7 Millionen Mark Produktionskosten, die das Filmteam in das ausgepowerte Land bringen wollte, ganz gut brauchen könnte. Investoren sind selten geworden in Nambia.
Aber die Deutsch-Südwester wollten nicht "dazu beitragen, daß dieses Machwerk von Herrn Timm auf den bundesdeutschen Fernsehschirmen flimmern kann" ("AZ"-Leserbrief), und machten Front gegen ihr Zentralorgan und alle Kollaborateure. Ihre Sorge um das "ganze Deutschtum hier in Südwest" ist durchaus berechtigt. Denn seit Ralph Giordanos "Heia Safari"-Dokumentation vor 18 Jahren sind die Verbrechen der deutschen Kolonialmacht nicht mehr so eindringlich dargestellt worden wie in "Morenga".
Den historischen Hintergrund erhellt, am 11. März, eine Reportage über den "Widerstand in Deutsch-Südwest". Das Fernsehspiel selbst verfolgt Einzelschicksale. Die Geschichte des legendären schwarzen Heckenschützen, der den deutschen Kaiser herausfordert, ist nur der Rahmen für verschlungene Handlungsstränge. Sie basieren auf alten Kolonialakten, aber für ein Heldenepos geben die nichts her. Statt dessen finden sich dort Hinweise auf einen versoffenen Bezirksamtmann, seine marode Truppe und auf einen desertierten Anarchisten.
"Morenga" ist kein dokumentarisches TV-Spiel. Historische Wahrheit jedoch war beiden Drehbuchautoren, Uwe Timm und Egon Günther, wichtig, wichtiger als eine Heroisierung der Opfer.
In offener Feldschlacht hatten die Hereros 1904 versucht, sich den Deutschen zu widersetzen. Generalleutnant von Trotha ließ sie in die Omaheke-Wüste treiben, wo sie verdursteten. Trotha konnte seinem Kaiser melden: "Die Herero-Nation besteht nicht mehr."
Dieser erste Völkermord des 20. Jahrhunderts, dem 80 000 Hereros zum Opfer fielen, war dem Nachbarvolk der Nama eine grausame Lehre. Nicht, daß sich diese "Hottentotten" ergeben hätten, wie das von Trotha in blutrünstigen Aufrufen forderte. Ihr Führer Hendrik Wittbooi entwickelte vielmehr eine Guerilla-Taktik, die wie ein Volkskrieg-Slogan von Mao klingt: "Wir müssen wie Wespen sein, wir müssen die Deutschen stechen, wo und wann sie es am wenigsten vermuten."
Eine dieser Wespen war der Minenarbeiter Jakob Morenga, Sohn einer Herero und eines Nama. Nur eine Glaskugel, die ein Afrikaner geschliffen hat, so die Legende, sollte ihn töten können. Er konnte Regen machen und sich in einen Zebrafinken verwandeln, um die deutschen Soldaten zu belauschen.
Der unsichtbare Morenga bleibt auch in Egon Günthers Fernsehfilm fast unsichtbar. Hauptfigur ist der (fiktive) Oberveterinär Johannes Gottschalk (Jacques Breuer), der mit seinem (authentischen) Tierarzt-Kollegen Wenstrup 1904 als Freiwilliger zur Schutztruppe nach Deutsch-Südwest kommt.
In Warmbad, nicht weit vom Oranje im Süden der Kolonie, warten die Leute des Bezirksamtmannes Graf Kageneck auf Nachschub und Verstärkung, in ständiger Angst vor dem unsichtbaren Feind. Dorthin soll sich Gottschalk mit seiner Gruppe durchschlagen.
Kaum im fremden Land, erlebt er, wie einer seiner Kameraden einen wehrlosen Nama abknallt. Er ahnt den "großen Orlog zwischen Schwarz und Weiß, den großen, grausamen, notwendigen, unvergeßlichen, unnützen Krieg".
Sein Kollege Wenstrup, der Anarchist mit Kropotkin-Schriften in der Satteltasche, wird später desertieren. Er weiß, daß die Deutschen dort unten "eins von beidem verlieren werden: unsere Unschuld oder unser Leben".
Auch Gottschalk, der Tierarzt als Menschenfreund, schwört, niemals auf einen Schwarzen zu schießen. Doch bei einem Überfall auf Warmbad haben die Aufständischen Kagenecks leierndes Grammophon und die schwarz-weiß-rote Reichsadler-Flagge erbeutet. Übermütig verhöhnen sie eine nächtliche Patrouille, auch Gottschalk ist darunter, mit schepperndem Walzerklang und närrischem Fahnengeschwenke. Gottschalk erschießt sich Ruhe.
Also doch schwarz und weiß, der gute Schwarze und der böse Weiße? Graf Kageneck zum Beispiel (Jürgen Holtz) "verkaffert" immer mehr, wie man das damals in Berlin nannte. Als eine Art Puntila ("Was wollen wir hier eigentlich?") läßt er im Suff einen gefangenen Nama-Kapitän samt Gefolge frei und vergattert am nächsten Morgen seine eigene marode Truppe wegen dieser "Feindbegünstigung".
Auf der anderen Seite, auf der Seite der Guerrilleros, ist es ein verwirrtes Kind, das zum kaltblütigen Mörder wird. Der zehnjährige Nama-Junge Jakobus, dem Veterinär Gottschalk als Boy zugewiesen, zerstört die Spießer-Idylle der Farm "Deutsch Erde". Jakobus hatte mitbekommen, wie sich die Deutschen die letzte Wasserstelle der Nama aneigneten. Mit Glasperlen funktionierte der Handel nicht mehr, mit Branntwein immer noch. Beim Wettsaufen mit dem Nama-Häuptling präparierte sich der Landeinkäufer mit Ölsardinen; ein Geistlicher beurkundete die Rechtmäßigkeit des Vertrags mit dem besinnungslosen Verkäufer.
In ohnmächtiger Wut erschießt der kleine Jakobus den Farmer Lüdemann, den Herrn von "Deutsch Erde", mit dessen eigenem Gewehr und legt Feuer. Auch in anderen Teilen des Nama-Landes bricht nun der offene Aufstand aus.
Das Munitionsdepot von Warmbad fliegt in die Luft, der idealistische Träumer Gottschalk gerät in Gefangenschaft. Dort wird er zu Morenga geführt, der ihn bittet, ihm ein Geschoß aus der Hüfte zu entfernen. Bevor er ihn als freien Mann _(Mit Jürgen Holtz als Graf Kageneck. )
entläßt, weiht ihn der Guerrillero in seine nächsten strategischen Pläne ein.
So großherzig ist der edle Schwarze? Nein, so geschickt. Denn Morengas Mitteilung, er wolle Nama-Frauen und -Kinder über den Oranje in Sicherheit führen, war eine Finte. Gottschalk macht Meldung, und Hauptmann von Koppy (Manfred Seipold) befiehlt den Überfall auf den angeblichen Flüchtlingstreck. Koppy wird in einen Hinterhalt gelockt, seine Abteilung vernichtet.
Gottschalk, Morengas nützlicher Idiot, ist auf tragikomische Art gescheitert. Der Grübler weiß nicht mehr, wo er steht, verliert fast die Sinne. Er bittet um seine Entlassung und kehrt nach Deutschland zurück.
Nur mit ihrem letzten Aufgebot können die kaiserlichen Truppen den Nama-Aufstand bezwingen. Weihnachten 1906 besingen Besetzer und Besetzte gemeinsam die Stille Nacht.
Aber der Frieden ist brüchig, er wurde nicht mit Morenga ausgehandelt. Der ist über den Oranje in die englische Kapkolonie geflohen, um von dort aus den Widerstand weiterzuführen. Im Herbst 1907 wird er, nach deutschen Interventionen, von den Engländern erschossen.
Dies alles bietet reichlich Stoff für einen "Deutsch-Süd-Western", wie die Kritik nach der Präsentation der Kinofassung von "Morenga" auf der Berlinale hämisch gekalauert hat: wilde Reiterszenen in unwirtlicher Steppe, wüste Schießereien zwischen zerklüfteten Felsschluchten, blauer Himmel und gelber Sand.
Natürlich bedient sich Egon Günther auch gängiger Klischees. Die Hitze flirrt am schönsten durchs Teleobjektiv, und auf dem Pferderücken stirbt es sich am eindrucksvollsten in Zeitlupe und im Dreivierteltakt. Schließlich ist "Morenga" kein Experimentalfilm, will keine Sehgewohnheiten verändern, sondern ein Geschichtsbild. Und das bei Millionen Fernsehzuschauern.
Die werden es dennoch nicht leicht haben. Bis einen die Spannung des Dreiteilers packt, verstreicht mehr als eine von insgesamt viereinhalb Stunden. Und dann geht es an liebgewordene Vorurteile. Linke wie rechte. Die erhält sich nur, wer Günthers Film als "idiotisches Ammenmärchen" (wie die alternative "Tageszeitung") abtut, oder als "dreiste Zumutung" lächerlich macht (wie die "Welt"): "So schlimm war''s unter Kaiser Wilhelm."
"Morenga" ist ein parteilicher Film, aber kein bebildertes Pamphlet. Gerade deshalb wird er auch von denen gebraucht, die immer noch um ihr Land kämpfen müssen. Die Swapo-Vertreter, die das Fernsehspiel bereits gesehen haben, wollen es nach Afrika holen.
Vielleicht, und vielleicht früher als manchem Deutsch-Südwester lieb sein kann, wird "Morenga" dann ja auch mal in Windhuk gezeigt.
Hartmut Schulze
Mit Jürgen Holtz als Graf Kageneck.
Von Hartmut Schulze

DER SPIEGEL 11/1985
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