11.03.1985

FILMStaat der Frauen

„Liebe und Anarchie“. Spielfilm von Lina Wertmüller. Italien/Frankreich 1973; 129 Minuten; Farbe. *
In Tunin, einem zerzausten Bauernlümmel aus dem Veneto, reift Anfang der dreißiger Jahre die Absicht, Mussolini zu ermorden. Zuvor hat er sich bei der Mutter kundig gemacht, was ein Anarchist sei: "Einer, der Könige tötet, Bomben wirft und dann dafür aufgehängt wird."
Seinem Vorhaben setzt die italienische Regisseurin Lina Wertmüller zwar noch ein distanzierendes Zitat des Anarcho-Theoretikers Enrico Malatesta entgegen ("Ich möchte wiederholen, daß ich alle Attentäter verabscheue. Sie sind nicht nur schrecklich, sondern auch dumm, denn sie schaden der Sache, der sie dienen sollten") - doch Tunin macht sich trotzig auf die löchrigen Socken in die Hauptstadt, den Duce zu ermorden.
Das Laster weist ihm dort den Weg. An der Via dei Fiori unterhält Madame Aida ein Bordell, das vor allem von hohen Faschisten-Chargen frequentiert wird. Dort tut auch die fanatische Faschisten-Fresserin Salome Dienst - am Feind, sozusagen.
Salome (Mariangela Melato) ist eine Radikale im öffentlichen Haus. Sie gibt den Tölpel Tunin als ihren Vetter aus, um ihn auf das Attentat vorzubereiten. So darf er sich getrost durch den Puff fressen und saufen - mit Huren hat ein Anarchist doch nichts im Sinn. Nur zögernd läßt sich Tunin von der frivolen Atmosphäre dieses Hauses einfangen. Am Ende ist er gar verliebt in das Hürchen Tripolina.
Hin- und hergerissen zwischen Liebe und Anarchie, matt von dem Paradies auf Erden, verschläft Tunin mit Billigung der Frauen schließlich sein Attentat. Gräßlich verzweifelt läßt Lina Wertmüller den Versager in die Arme der anrückenden Polizei rennen. Doch die ist, Ironie des Schicksals, nur eine Streife vom Sittendezernat.
Mitleidlos läßt Lina Wertmüller Tunin an der grausigen politischen Wirklichkeit scheitern: Er endet in den Folterkellern der politischen Polizei.
Endlich, zwölf Jahre nach der Uraufführung, kommt Lina Wertmüllers Faschismus-Groteske "Liebe und Anarchie" in eine Handvoll deutscher Kinos. Der "Film von Liebe und Anarchie", wie er im Originaltitel in Anspielung auf das ausgelaugte Genre Liebesfilm heißt, ist der seltene Fall eines gelungenen, mitreißenden Polit-Films, ein Werk voller Gewalt und Leidenschaft, voller Triebe und Melancholie. Gut passen diese Dinge bei Lina Wertmüller zusammen.
Mit ihm gelang der Wertmüller bereits Mitte der siebziger Jahre der Durchbruch in den USA. Die amerikanische Kritik feierte sie als eine der wichtigsten europäischen Filmkünstlerinnen. Anläßlich der Aufführung ihrer Werke am Hudson nannte "Newsweek" die aparte Künstlerin (geboren 1928) eine "Erbin Fellinis"; zuvor war sie noch vom römischen "Messagero" als "heilige Lina von New York" verspottet worden.
Ihre Karriere begann sie 1963 mit "Die Basilisken", einem nach Art des Neorealismus gedrehten Porträt der süditalienischen Provinz und erhielt dafür sogleich den Preis der Filmfestspiele von Locarno. Bisher hat sie es auf dreizehn Werke gebracht, zu denen sie selbst die Drehbücher schrieb.
Vergangenes Jahr wurde ihr immerhin während des zweiten Münchner Filmfests eine Werkschau mit zehn Filmen eingerichtet, die bei Kritik - die "Süddeutsche Zeitung" räumte ihr eine ganze Seite ein - und Publikum großen Zuspruch fand.
Bis dahin fand die Dame mit dem deutsch klingenden Namen (sie entstammt einer Schweizer Advokatenfamilie), die so laute, knallige Geschichten mit langen Zungenbrecher-Titeln erzählt, selten in unsere Kinos.
Voller Widersprüche sind ihre Werke, banal klingt ihre künstlerische Botschaft: "Die Massenzivilisation zerstört das Individuelle." Doch aus dem Gegensatz _(Mit Mariangela Melato, Giancarlo ) _(Giannini. )
von Individuum und Gesellschaft vermag die temperamentvolle Frau komödiantische Funken zu schlagen. Beim turbulenten Kampf der Geschlechter siegt immer das Weib über die Sturheit aller Hampel-Männer.
Auch mit "Liebe und Anarchie" hatte die ehemalige Fellini-Assistentin (bei "8 ") hierzulande bisher wenig Glück. Vor knapp acht Jahren kippte der Saarländische Rundfunk den Film aus dem gemeinsamen Dritten Südwest-Programm: Er sei wegen seiner drastischen Bordell-Szenen "jugendgefährdend" und passe nicht in die "momentane Informationslandschaft" - Deutschland befand sich im Herbst 1977.
Denn "Liebe und Anarchie" ist ein unausgewogener, ein dröhnender Film, voll Pathos, Stilbrüchen und Zumutungen: ein Wechsel von extremen Einstellungen, kantigen Übergängen, ruppigen Schwenks und Fahrten. Ein Chaos, das aus der Leidenschaft kommt: Im süßen Reich der Sinne, in diesem Staat der Frauen an der Via dei Fiori, ist Tunin zwar Hahn im Korb, doch krähen darf er nie. Weise Nutten bestimmen über den Ablauf seines Schicksals.
Lina Wertmüllers Superstar, der Italiener Giancarlo Giannini, spielt Tunin, diesen Helden von der traurigsten Gestalt. 1973 erhielt er dafür als bester männlicher Darsteller in Cannes eine Goldene Palme. Fassbinder hat ihn dann für "Lili Marleen" nach Deutschland geholt.
Er ist, in insgesamt sechs Filmen, der Prototyp im Wertmüllerschen Manns-Bild: Ein dumpfer Macho (in "Mimi, der Metallarbeiter"), ein eitler Gockel (in "Pasqualino Settebellezze"), ein linker Chauvi ("In einer Regennacht"). In "Liebe und Anarchie" ist er ein chaplinesker, liebenswerter Clown mit Sommersprossen, der die Welt traurig durch seine Triefaugen anblickt. Erst als Versager wird er, verkehrte Welt, von den Frauen als Mann anerkannt.
Denn Politik, suggeriert die Wertmüller in ihrer Groteske, ist ein krauses, trunkenes Geschäft. Für Männerhände viel zu gefährlich. Michael Fischer
Mit Mariangela Melato, Giancarlo Giannini.
Von Michael Fischer

DER SPIEGEL 11/1985
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