21.01.1985

ÖSTERREICHHirsch von Hainburg

Günther Nenning, notorischer Unruhegeist und Revoluzzer, wurde mit 63 Jahren Integrationsfigur der zerstrittenen österreichischen Grünen. *
Früher war er abwechselnd Wortführer von Trotzkisten, Katholiken, Pazifisten, Maoisten, Nudisten, Anarchisten, frustrierten Sozialisten und überzeugten Feministen - letzteres, obwohl er 1984 den Wanderpreis "Saure Gurke" für die frauenfeindlichste Fernsehsendung des Jahres erhielt.
"Heute bin ich halt das Leitfossil der jungen Grünen", grinst Günther Nenning, 63, fühlt sich "wie ein neuer Marcuse".
Der Österreicher mit den vielen Tätigkeiten und Überzeugungen - er ist Präsident der Journalisten-Gewerkschaft, Buchautor, "Forum"-Herausgeber, "Profil"-Kolumnist, "Club 2"-Gastgeber und obendrein Fernsehmoderator bei Radio Bremen - hatte es geschafft, Österreichs bislang hoffnungslos zerstrittene Grüne unterschiedlichster Herkunft zum gemeinsamen Widerstand gegen das geplante Donaukraftwerk Hainburg zu vereinen, eine permanente Besetzung der bedrohten Au zu organisieren und den Baubeginn zunächst um ein Jahr zu verzögern. Bundeskanzler Sinowatz: "Wir werden über Hainburg neu nachdenken."
Nenning, früher im Rolli, heute mit Steirerhut, trat bei einer "Pressekonferenz der Tiere" im sorgfältig geschneiderten Kostüm eines "Hirschen von Hainburg" auf. Das Massenblatt "Neue Kronen-Zeitung" beobachtete richtig: "Mit den wild wuchernden, nach oben strebenden Brauenbüscheln und einem üppigen, nach allen Richtungen ausschlagenden Wildwuchs auf seinem Kopf schaut Umweltschützer Nenning in wunderbarer Weise immer mehr aus wie ein naturbelassener, ungebändigt sprießender Donaubusch."
Nennings radikaler Schwenk vom schillernden Großstadtintellektuellen zum Naturapostel kommt für Kenner der innerösterreichischen Politszene nicht überraschend.
Als Grandpere terrible der alpenländischen Sozialdemokraten hat Nenning, SPÖ-Mitglied seit 40 Jahren, schon in der Vergangenheit vielerlei Mutationen bestens verkraftet. Seine hervorragendste Eigenschaft ist ein untrügliches Gespür fürs Aktuelle, sein Hauptinteresse gilt dem jeweiligen Zeitgeist.
"Er ist immer dabei, wenn es Schockierendes zu sagen oder zu tun gibt", urteilte der Wiener "Kurier". Günther Nenning seinerseits bescheinigt sich eine erotische Beziehung zu Abenteuern jeglicher Art ("Ich rühr'' sehr gern umadum"). Ob es um Frauen oder Ideologien geht, um Freundschaft oder Feindschaft, um die Erste, Zweite, Dritte Welt oder gar ums Jenseits, er sucht immer das Happening.
Begonnen hat der 1921 in Wien geborene Nenning nach Selbsteinschätzung als "typisch kleinbürgerlicher Jüngling". Zwischen zwei Promotionen, Dr. phil. und Dr. rer. pol., versuchte er sich ab 1948 im sozialistischen Journalismus bei der steiermärkischen "Neuen Zeit".
Bald jedoch entwickelte er eine kräftige Portion außenseiterischer Radikalität. Sein erstes Opfer wurde der Schriftsteller Friedrich Torberg, damals Herausgeber der stramm antikommunistischen und Amerika-freundlichen Monatsschrift "Forum", deren Leitung Nenning im Jahr 1958 übernahm.
Während das Torbergsche "Forum" ein Aushängeschild der schwachen liberalen Intelligenz Österreichs gewesen war, gedieh das Nenningsche "Neue Forum" zum Aushängeschild der gleichfalls schwachen linkschristlichen Intelligenz. Torberg zog sich grollend zurück.
Ähnlich farbig trieb es der unstete Nenning auch in all den folgenden Jahren. Er verärgerte seine Genossen durch Sätze wie "Sozialismus ist die Fortsetzung des Kapitalismus mit anderen _(Links: Als "Hirsch von Hainburg" auf der ) _("Pressekonferenz der Tiere". Rechts: Auf ) _(dem Titel (Pfeil) der Schülerzeitung ) _("Neue Freie Presse". )
Mitteln, die die gleichen sind, nur ärger".
Er forcierte den Dialog zwischen Christen und Marxisten, "da das Bündnis von Sozialismus und Kirche nicht aufzuhalten ist"; er hätschelte "liebe Wuschelköpfe", die sich später als RAF-Sympathisanten entpuppten; er demonstrierte mit Spruchbändern gegen Nixon, veröffentlichte die letzten Texte von Ulrike Meinhof, leitete ein Volksbegehren zur Abschaffung des Bundesheeres ein, forderte mehr Schönheit in den Parteiprogrammen.
Als Nenning die inzwischen wieder eingegangene Schülerzeitung "Neue Freie Presse" schuf, stellte er ein Nacktphoto des Redaktionskollektivs auf die Titelseite, er selbst in der Mitte.
Als ihn die "Arbeitsgemeinschaft katholischer Publizisten Österreichs" ins Salzburger Bildungshaus St. Virgil einlud, erschien er mit einer Junggespielin, die er gegen eine Säule lehnte und vor versammelten Mitbrüdern abschmuste.
Kurz, der blitzgescheite Nenning, der zur Entspannung Karl Marx liest und oft tatsächlich ein verläßlicher gesellschaftlicher Seismograph ist, versäumte keine Gelegenheit zur Provokation.
Natürlich blieb ihm damit die politische Karriere versagt. Die SPÖ, wenngleich nicht gerade reich an brillanten Köpfen, hielt sich den unbequemen Individualisten geflissentlich vom Leib. Bestenfalls ließ sie ihn als "originellen Denker" und "Schutzmantelmadonna gefährdeter junger Menschen" gelten.
Für den ehemaligen Nenning-Freund Bruno Kreisky stand es schon 1968 endgültig fest: "A bissl a Wurschtl, a politischer Wurschtl, ist der Nenning schon."
Nun aber, nahe am Pensionsalter, sieht sich der ewige Außenseiter in einer Startposition nach oben. Zu seinem eigenen Erstaunen steht er plötzlich als Sieger von Hainburg da, mehr noch: als geradezu ideale Integrationsfigur der Rotgrünen, Schwarzgrünen, Blaugrünen und Sonstwiegrünen, aus denen die Öko-Österreicher bislang bestanden. "Das Monsterkraftwerk ist wie vom Erdboden verschwunden", wundert sich Nenning.
Wenn es ihm gelingt, die bunten Grünen auch in der Zukunft einig zu halten, könnte Nenning nach den Nationalratswahlen 1987 an der Spitze einer Öko-Mannschaft ins Parlament einziehen und die traditionelle österreichische Parteienlandschaft umpflügen.
Seine Chancen stehen gut. Das Ungeschick der Staatsgewalt im Umgang mit den Au-Schützern - Innenminister Blecha ließ zweimal die Polizei aufmarschieren und kräftig prügeln - hat ihm automatisch jene halbwegs "revolutionäre Masse" zugespielt, die er zeit seines Lebens vergeblich suchte. 38 Prozent aller Österreicher, so eine Umfrage, wünschen sich nun grüne Abgeordnete.
Nenning seinerseits rechnet - recht realistisch - mit 14 Prozent Grün-Stimmen beim nächsten Urnengang. Diese würden ausreichen, eine Fortdauer der SPÖ/FPÖ-Koalition unmöglich zu machen, weil die addierten Sozialisten und Freiheitlichen dann nicht mehr die Mehrheit hätten.
Nenning ist in jahrzehntelanger Gewerkschaftsarbeit ein gewiefter Verhandler und kluger Taktiker geworden. Er weiß, wie er das Thema Hainburg für die entscheidenden zwei Jahre am Kochen halten kann.
Zunächst wird es zwischen dem 4. und 11. März ein sogenanntes Volksbegehren geben, bei dem sich die Österreicher durch Unterschrift gegen den Kraftwerksbau aussprechen können. Falls sich dabei 500 000 Namen sammeln, woran niemand zweifelt, will Nenning eine Volksabstimmung unter allen Stimmberechtigten betreiben.
Zwischendurch stehen Gemeinde- und Landtagswahlen in Menge an. Nenning: "Ach, das Leben ist schön."
Daß eine derartige Langzeitstrategie Geld und wieder Geld kostet, bekümmert ihn wenig. Er nimmt Gelder seit eh und je von allen Seiten, und diesmal zur Abwechslung von der "Neuen Kronen-Zeitung".
Und wahrscheinlich hat er sogar recht. Ein Nenning ist sowieso nicht zu kaufen. Er steht in niemandes Lager, immer bloß in seinem eigenen.
Links: Als "Hirsch von Hainburg" auf der "Pressekonferenz der Tiere". Rechts: Auf dem Titel (Pfeil) der Schülerzeitung "Neue Freie Presse".

DER SPIEGEL 4/1985
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