11.03.1985

MEDIZINTrübe Quelle

Millionen Westdeutsche schlucken täglich Vitamin E. Doch die Pillen bringen nur den Umsatz der Apotheken in Schwung. *
Die Pharma-Industrie hat eine neue Wunderdroge entdeckt. Der simple Stoff, derzeit Renner in westdeutschen Apotheken, verspricht Erlösung von nahezu allen Übeln: Lahme sollen wieder auf die Beine kommen, Traurige munter und Runzlige glatt werden - laut Beipackzettel ist Vitamin E ein Gesundbrunnen für jedermann.
Für Apotheker ist es einer: Noch 1981, so eine Marktstudie, wurden für nur vier Millionen Mark Vitamin-E-Präparate verkauft; erst ein Prozent der Verbraucher kannte das Mittel. Drei Jahre später, 1984, kletterte der Umsatz auf 160 Millionen Mark. 1985 sollen die Westdeutschen nun 250 Millionen Mark für Dragees und Kapseln ausgeben, die Vitamin E enthalten.
Der 1922 entdeckte Vitamin-E-Wirkstoff Tocopherol spielte, als "Fruchtbarkeitsvitamin", in der Medizin lange Zeit eine unbedeutende, exotische Rolle. Versuche hatten gezeigt, daß extremer Mangel an Vitamin E die Fruchtbarkeit bei Tieren beeinträchtigen konnte. Anfang der 70er Jahre begann dann der-Boom in den USA: Wissenschaftliche Studien hatten vermuten lassen, daß hohe Dosen der Substanz als eine Art Allheilmittel eingesetzt werden könnten.
Nun, da die Welle endgültig nach Europa übergeschwappt ist, setzen westdeutsche Pharmafirmen die wunderbaren Eigenschaften des Vitamins werbewirksam ins Bild. Marktführer OptoVit beispielsweise läßt einen angegrauten Fünfziger über den Zaun flanken: "Auf einmal", so der Slogan, "sieht die Welt ganz anders aus."
Die Deutsche Chefaro Pharma setzt auf den "Leistungsknick des 4. Lebensjahrzehnts". Wenn in diesem Lebensabschnitt, so heißt es auf dem Beipackzettel zu "Evit 400", "Herz und Kreislauf ihren alten Schwung verlieren, erste Falten sich in die Haut eingraben, das Gedächtnis einen immer öfter im Stich läßt, wenn Arme und Beine schon nach kleinen Anstrengungen ermüden und selbst die Liebe zur Belastung wird: Dann erweist sich Evit 400 in vielen Fällen als Quelle neuer Kraft".
Doch die Quelle, aus der immer mehr Vitamin-Gläubige - oft nur vorbeugend - schöpfen, ist trübe. Zwar braucht der Körper offensichtlich die Tocopherole, fettlösliche Substanzen, die vor allem in Pflanzenölen, aber auch in Fisch, Fleisch, Innereien, Gemüse und Hülsenfrüchten vorkommen. Die genauen Funktionen des Vitamins E seien jedoch immer noch unklar, betont Professor Ibrahim Elmadfa, Ernährungswissenschaftler und Tocopherol-Experte an der Universität Gießen.
Wahrscheinlich bewahrt das Vitamin E die Körperfette sowie eine Reihe leicht oxidierbarer Stoffe, etwa Vitamin A, vor schädlicher Sauerstoff-Einwirkung. Aber dafür, so Elmadfa, bedürfe es weit weniger Tocopherols, als mit den gängigen Präparaten verabreicht wird: Zwölf Milligramm der Substanz solle ein gesunder Erwachsener täglich zu sich nehmen, empfahl die Deutsche Gesellschaft für Ernährung 1984. Die Hälfte davon ist bereits Sicherheitszuschlag, um etwa einen Mehrbedarf durch die Aufnahme von ungesättigten Fettsäuren oder auch durch Verluste bei der Zubereitung zu kompensieren.
Wer sich mit gemischter Kost normal ernährt, braucht keinen Mangel an Vitamin E zu befürchten - auch das ist gesicherte Erkenntnis. Zu einer Unterversorgung kommt es nur bei Störungen der Fettverdauung, wie sie bei Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse oder der Gallenblase auftreten können. Auch bei Kindern kann ein solches Leiden, die Erbkrankheit Mukoviszidose, die Aufnahme von Vitamin E behindern.
Doch solche Mangelerscheinungen, die in schweren Fällen beispielsweise Muskelschwund nach sich ziehen können,
sind, so Professor Elmadfa, "selten, sehr selten".
Trotzdem raten die Hersteller - indem sie den vorzeitigen Zelltod mit seinen mannigfachen Folgen heraufbeschwören - zu geradezu gigantischen Dosen des Vitamins. 300 Milligramm, bis zu drei Kapseln täglich, verordnet OptoVit-Produzent Hermes gegen Arteriosklerose, Rheuma und Hexenschuß, aber auch zur "Umweltgift-Bewältigung" oder bei Unfruchtbarkeit. Von Eusovit, ebenfalls ein Bestseller auf dem Vitamin-E-Markt, sollen 600 Milligramm in täglich zwei Kapseln genommen werden, von Vitagutt gar 1000 Milligramm.
Als Beweis für die "erstaunlich schnelle Verbesserung der allgemeinen Leistungsfähigkeit und des Wohlbefindens" (Vitagutt) ziehen die Pharmafirmen wissenschaftliche Studien heran; unter "Nebenwirkungen" und "Gegenanzeigen" heißt es regelmäßig: "Keine bekannt."
Doch all den angeblich wohltuenden Funktionen des Fitmachers wurde, so Elmadfa, bis heute nur im Experiment mit Tieren nachgespürt, die unter extremem Vitamin-E-Mangel litten. Was Forscher an Ratten und Meerschweinchen beobachteten, übertrugen die Vitamin-E-Hersteller kurzerhand auf den Menschen. "Da wurden Kausalzusammenhänge hergestellt, die nicht begründet sind", kritisiert der Wissenschaftler, der sich vor zehn Jahren mit einer Schrift über Tocopherol habilitierte.
Daß im Tierversuch "ein bißchen was passiert an der Muskulatur, am Herzen und an den Keimdrüsen", mache die Ergebnisse noch nicht übertragbar, meint auch Professor Helmut Coper, Neuropharmakologe an der Freien Universität Berlin. So sei auch der berüchtigte Leistungsknick "bisher mit Vitamin E nicht zu behandeln".
Kein Produzent der Superpille erwähnt hingegen die Folgen hoher Dosierung, auf die Elmadfa schon 1975 hinwies: Den Meerschweinchen im Gießener Labor bekam die andauernde reichliche Zufuhr des Vitamins gar nicht gut. Zunächst bewegten sich die Tiere nur träger, dann wurde das Fell struppig, schließlich stellten sich Lähmungserscheinungen ein. Nach der 16. Versuchswoche "traten dann die ersten Todesfälle auf" (so die Habilitationsschrift).
Auch beim Menschen, so vermuteten damals schon manche Wissenschaftler, könne es bei sehr hohen Gaben von Vitamin E zu einer "toxischen Hypervitaminose" kommen, einer Vitaminvergiftung. Die bei echtem Vitamin-E-Mangel wohltuenden Wirkungen kehren sich dann offenbar ins Gegenteil um.
So mußten australische Wissenschaftler 1974 einen Versuch mit gesunden Freiwilligen abbrechen, weil die Probanden bei 800 Milligramm Tagesdosis über zunehmende Müdigkeit und Muskelschwäche klagten. Einen ganzen Katalog von Übeln, die nach überreichlichem Genuß von Vitamin E auftraten, stellte
eine Gruppe von US-Wissenschaftlern 1981 zusammen: Neben harmloseren Folgen wie Kopfschmerzen, Schwindel und Abgeschlagenheit sind dort Bluthochdruck, vaginale Blutungen, Durchfälle und Muskelschwäche angeführt.
Wie stark jedoch die Faszination der Zauberpille auch unter Aufgeklärten ist, mußte Professor Elmadfa im eigenen Kollegenkreis feststellen. Eine jüngere Wissenschaftlerin, die in den USA war, schluckt seit einiger Zeit 400 Milligramm Vitamin E pro Tag. Auf Elmadfas Frage, was denn besser geworden sei, gestand sie: "Nichts."

DER SPIEGEL 11/1985
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