24.09.1984

Libanon: „Wir werden die Teufel erledigen“

Trümmer einer US-Botschaft, Rettungsmannschaften, die nach Verschütteten graben - der Libanon, den Amerika gern vergessen hätte, bringt sich der Supermacht wieder in Erinnerung. Wie zweimal 1983 schlugen auch diesmal schiitische Fanatiker, die auf Irans Ajatollah Chomeini hören, in Kamikaze-Manier zu. *
Festung Amerika nannten die Libanesen den soliden Bau am Berghang der Beiruter Vorstadt Aukar.
Vor zwei Monaten war die US-Botschaft aus dem unsicheren, von islamischen Organisationen beherrschten Westbeirut dorthin verlegt worden. Zurück blieb nur eine Konsularabteilung.
Im sicheren Osten atmeten die Amerikaner auf. Hier, im Gebiet der israelfreundlichen christlichen Milizen, wo die Straßen sauber gefegt sind und die Auslagen der Geschäfte von Waren überquellen, wo das Glockengeläute idyllischer Bergkirchen zur Andacht ruft - hier, in einer Parzelle des zerrissenen Landes, schien noch jener Nahostfrieden, jene Sicherheit möglich, nach der seit vielen Jahren nicht nur US-Sonderbotschafter vergebens fahnden.
Die Illusion der amerikanischen Diplomaten endete am vergangenen Donnerstag um 11.44 Uhr, als ein mit mindestens 300 Pfund Sprengstoff und vier sowjetischen Grad-Raketen beladener Lieferwagen vor dem Botschaftsgebäude explodierte. Acht Menschen kamen ums Leben, darunter zwei Amerikaner und der selbstmordentschlossene Fahrer des Autos sowie ein libanesischer Wachmann, den er niedergeschossen hatte.
Mehr als 60 Personen wurden verletzt. Botschafter Bartholomew und sein britischer Kollege Miers, die zur Zeit des Anschlags im vierten Stock des Gebäudes beim Tee zusammensaßen, erlitten leichte Verletzungen: Schnitte und Beulen durch herabfallenden Schutt.
Für die Amerikaner erwies sich Miers' Besuch noch als glücklicher Umstand. Denn das Sprengstoff-Auto, das aus dem Fuhrpark der Botschaft gestohlen worden sein soll, hatte eine Slalom-Sperre vor dem Gebäude schon passiert. Der Wagen beschleunigte bereits Richtung Botschaft, als die Wachen mißtrauisch wurden und zu schießen begannen.
Die Sicherheitsbeamten des Briten, die auf dem Parkplatz vor dem Gebäude in ihrem Landrover warteten, reagierten sofort und eröffneten mit ihren Heckler & Koch-Maschinenpistolen das Feuer auf den Fahrer.
Ihre Geistesgegenwart hatte vermutlich zur Folge, daß der Wagen etwas seitlich vom Gebäude stehenblieb. So kostete die Detonation, die noch in einer Entfernung von zehn Kilometern die Fensterscheiben erzittern ließ, nicht noch mehr Opfer.
Der Libanon, den Washington nach dem Abzug seiner Friedenstruppen am liebsten vergessen wollte, hatte sich wieder ins amerikanische Bewußtsein gebombt. Erneut lieferte das Fernsehen den Amerikanern Bilder von fieberhaft grabenden Wachsoldaten, die unter Trümmern nach US-Bürgern suchten - Szenen, die Amerikas Öffentlichkeit gleich zweimal im vergangenen Jahr ertragen mußte.
Jedesmal war die Methode die gleiche. Von Kamikaze-Fahrern gesteuerte Sprengstoff-Lastwagen hatten am 18. April letzten Jahres die US-Botschaft in Westbeirut in die Luft gejagt; 63 Menschen verloren ihr Leben. Ein halbes Jahr später, am 23. Oktober, starben 240 Marine-Infanteristen, als ein Bomben-Laster in ihr Hauptquartier fuhr.
In beiden Fällen hatte eine Organisation namens "El-Dschihad el-Islami" (Islamischer Heiliger Krieg) die Verantwortung übernommen. Auch dieses Mal reklamierten die selbsternannten heiligen Krieger die Tat für sich. "Im Namen Gottes des Allbarmherzigen" rief eineinhalb Stunden nach dem Anschlag ein Mann die französische Nachrichtenagentur AFP in Beirut an: Seine Organisation halte ihr Versprechen, dafür zu sorgen, daß kein Amerikaner auf libanesischem Boden bleibe.
Zurückgekehrt war nach Amerika nicht nur Empörung, zurückgekehrt war auch die alte Ratlosigkeit, wer denn die Hintermänner jener mörderischen Selbstmordfahrer sein könnten.
Ronald Reagan machte eine "weltweite terroristische Bewegung" verantwortlich. Sein Außenminister Shultz hatte
denselben abstrakten Unhold kurz zuvor mit dem internationalen Drogen-Handel in Zusammenhang gebracht. Doch die Terroristen von Beirut sind nicht "weltweit", sondern ortsbekannte Killer. Einer ihrer Sympathisanten sagte Ende voriger Woche: "Wir werden Reagan bis zu den Wahlen in Amerika weiterhin solche Nadelstiche versetzen."
Die Wut der Dschihad-Soldaten gegen die Vormacht des Westens, so der Mann zum SPIEGEL, hätte neue Nahrung durch ein Veto erhalten, mit dem die USA Anfang des Monats eine Resolution im Sicherheitsrat zu Fall brachten. Sie sollte Israel veranlassen, einer internationalen Beobachtungskommission die Einreise in den besetzten Südlibanon zu gestatten. Dort massakrierten mit Israel verbündete Milizionäre 13 Bewohner des Dorfes Suchmur nur wenige Stunden vor dem Attentat von Beirut.
Rache ist allemal ein Motiv für die Dschihad-Bomber - Hauptsache ist aber für die Schiiten, die alle dem Iran nahestehen, daß die Richtung stimmt - gegen Amerika und Israel. Bis Mitte 1982 gehörten sie zur Schiiten-Miliz "Amal" unter Führung von Nabih Birri.
Doch Birri, der sich wenigstens nach außen hin um eine Lösung der libanesischen Krise bemüht, ist den Dschihad-Fanatikern schon längst viel zu gemäßigt. Sie folgen dem Mullah Sadik el-Mussawi, einem Mann, der seit Jahren unversöhnlichen Haß predigt und seinen Anhängern nahelegt, sich im Dienst der heiligen Sache selbst zu opfern. Mit einem kleinen weißen Köfferchen ist er fast immer unterwegs, zwischen seinen libanesischen Stützpunkten und dem Iran, wo er mehr als 80mal in den letzten Jahren auftauchte. Auf seinen turbangekrönten Kopf haben, so heißt es, westliche Geheimdienste einen Preis ausgesetzt.
Mussawi versteht nicht nur zu predigen, er schießt auch selber. Eine Narbe an seinem Kopf stammt aus einer Schießerei von 1982, als er kurz vor dem Einmarsch der Israelis mit einigen Anhängern - damals noch erfolglos - die US-Botschaft in Beirut angriff. Ihm persönlich wird auch die Ermordung des französischen Botschafters Delamare 1981 in Beirut zugeschrieben.
Der Mullah über die Amerikaner: "Sie mußten die Leichenteile ihrer Soldaten aufsammeln. Wir werden nicht warten, bis Reagan und Tschernenko zum Islam übertreten. Wir werden die Teufel erledigen."
Inzwischen sind die Mullah-Anhänger in ihrer Hochburg Baalbek in der Bekaa-Ebene derart aufgehetzt, daß selbst den Syrern die Ausschreitungen zuviel wurden, die sich die muslimischen Gotteskrieger in der Region erlaubten.
Besorgt über die Verärgerung der Syrer eilte der iranische Staatspräsident Chamenei nach Damaskus, um eventuelle Meinungsverschiedenheiten auszuräumen. Die Syrer lenkten ein, erlaubten als Zeichen des guten Willens dem iranischen General Schirasi, in Begleitung von Offizierskollegen nach Baalbek zu fahren und seine libanesischen Glaubensgenossen zu "noch mehr Heldentaten und Opfern" zu ermutigen.
Solcher Aufforderung bedurfte es kaum noch. Denn inzwischen erweitern die Dschihad-Krieger und die Kampfgefährten von der radikalen schiitischen "Partei Gottes" ihren Einfluß in Westbeirut. Auf der Hamra, Beiruts ehemaliger Prachtstraße, haben sie vor dem Eingang zum Saroulla-Kino einen Verkaufsstand aufgebaut, mit Schmähschriften gegen Sunniten, Christen, Amerikaner, Franzosen und Irakis.
Schwerpunkte der Dschihad-Bewegung in Beirut sind die Viertel an der Flughafen-Straße. In den Ruinen der einst mit deutschen Mitteln gebauten und unterhaltenen Amilije-Berufsschule trainierten iranische Instruktoren libanesische Dschihad-Terroristen. Möglicherweise zu Übungszwecken entführten Dschihad-Kämpfer vor einer Woche christliche Passagiere aus Bussen der libanesischen Fluglinie MEA.
Solche Gewalttaten sind in Beirut schwer zu verhindern, solange Milizen aller Couleur ungestraft Gewalttaten verüben können. Zwar versicherte Libanon-Präsident Amin Gemayel dem SPIEGEL, er wolle die Milizen abschaffen (siehe Seite 167). Wie er dies bewerkstelligen will, sagte er nicht.
Die USA können ihm nicht helfen, da sie nicht einmal ihre eigene Vertretung zu schützen verstehen. Ihre letzten Marineinfanterie-Kontingente sind im August abgezogen. Reagans allumfassende Nahost-Friedensinitiative von 1982 wurde von Israel sabotiert, vom Präsidenten selbst schließlich ad acta gelegt.
Überdies nahmen Amerikas Vertreter Warnungen nicht ernst. Schon vor zwei Wochen erhielten sie den Hinweis, ein Anschlag stehe bevor. Dennoch überließen sie den Schutz der Einfahrt ihrer Botschaft libanesischen Söldnern, die sie in neue Khaki-Uniform eingekleidet und mit Gewehren ausgerüstet hatten. Ein Sicherheitstor, vor dem der Wagen hätte halten müssen, sowie eine Panzerfalle sollten erst später installiert werden.
Washingtons Regierung scheint indessen etwas gelernt zu haben - orientalische Gelassenheit. So kommentierte Außenminister Shultz das Debakel: "Das kann im Nahen Osten jedem passieren."

DER SPIEGEL 39/1984
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