11.03.1985

AUTOMOBILEGroße Klappe

Ein Luxus-Auto in der Rasenmäher-Klasse? Die Fiat-Tochter Lancia hat es versucht. *
Die Silhouette erinnert von ferne an ein Dampfbügeleisen - aber ein heißes. 180 km/h Spitze, in 9,5 Sekunden von null auf hundert. Porsche? Nein, der neue Mini von der Fiat-Tochter Lancia.
Als "Weltpremiere" wurde der 3,39 Meter kurze Luxus-Zwerg aus Italien - er ist noch 25 Zentimeter kürzer als Polo und Uno - letzte Woche auf dem Genfer Autosalon vorgestellt. Die Herstellerfirma spricht von einem "Raumwunder", einem wegweisenden Entwurf, der "dem Kompaktwagen eine neue Dimension" verleihe. Als Nachfolger des Erfolgsmodells A 112 (Autobianchi), von dem seit 1969 weit mehr als eine Million Einheiten verkauft wurden, soll der Lancia "Y 10" der einst konkursreifen, vor 16 Jahren von Fiat übernommenen Traditionsfirma Gewinne bringen.
Das Kleinstauto mit sparsamem Motor (je nach Motorversion zwischen 6,5 und 9 Liter auf 100 km) und großer Reichweite (47-Liter-Tank) bewegt sich technisch in der Leichtgewichtsklasse um 1000 Kubikzentimeter. Das Basismodell des quer eingebauten Vierzylindermotors liefert 45 PS (Spitze 145 km/h), die Schnellfahrerversion (85 PS; 180 km/h) arbeitet mit Turboaufladung und Ladeluftkühlung. Ziel der Marktstrategen: Der Y 10 soll sich als Luxus-Gefährt begehrt machen, als schicke Auto-Alternative für "Leute, die immer das Beste wollen", so Lancias Entwicklungschef Giuseppe Perlo.
Um dem hochgreifenden Anspruch gerecht zu werden, habe man dem Novizen fast alles mitgegeben, was "bisher eher typisch für eine Limousine höherer Hubraumklassen war" (Perlo): Der Kunde darf sich elektrische Fensterheber gönnen, Fünfganggetriebe, elektronisches Heizungs- und Lüftungssystem, Zentralverriegelung von Türen und Heckklappe, elektrisch ausstellbare Fenster
im Fond und Alcantara-Sitze. Das katapultiert den Kaufpreis (13 000 Mark für die 45-PS-Version, 16 500 Mark für den Turbo) noch in die Höhe.
Nicht nur in der eigenen Typen-Palette, sondern auch bei den Modellen der Konkurrenz hatten die Turiner Ingenieure "eine gewisse Gleichförmigkeit im Design" festgestellt, die es "oftmals schwer" mache, "eine Marke von der anderen zu unterscheiden". Das war richtig beobachtet und brachte Giorgio Giugiaro, bekannt als Entwerfer von VW Golf und Fiat Uno, den Job ein: Er gestaltete die keilförmige Kurzkarosse.
Die sanft ansteigende Frontpartie und das wie mit dem Käsemesser abgehackte Steilheck des Y 10 könnten "eine neue Mode" unter den Minis auslösen, hoffen die Chefs der Fiat-Tochter. Vorteil der Form: ein cw-Wert von nur 0,31; dadurch komme der Kleine, sagen Lancia-Techniker, auf die "im Augenblick niedrigste Luftwiderstandsfläche für ein Serienautomobil überhaupt".
Die Windschlüpfigkeit der Karosserie beschert Y-10-Fahrern nicht nur Benzinersparnis und die erstaunlichen Fahrleistungen bei einem Auto, das mit seinem Hubraum in die Klasse der besseren Rasenmäher fällt. Zudem müssen die Insassen einander nicht anbrüllen, um sich verständlich zu machen - ein Fahrkomfort, der in den meisten schnellen Schachteln der Mini-Kategorie bislang unbekannt war.
Mit dem Y 10 will Lancia eine Marktnische nutzen, die den Mitbewerbern kaum lukrativ erscheint. Mit innovativen, aufwendig konstruierten Minis, so die ständig wiederholten Aussagen der großen Automobilhersteller, sei kein Geld zu verdienen. Selbst Opel und VW, die zu Ausstellungen gern ihre pfiffigen Kleinwagenstudien "Junior" und "Student" vorzeigen, schreckten vor einer Serienfertigung zurück, obwohl die Prototypen auf rege Resonanz beim Publikum stießen. Statt die Projekte zu entwickeln, wird weiter Biederes gebaut: Die Kundschaft muß sich mit soliden, aber langweiligen Allerweltsautos wie Corsa und Polo begnügen.
"Die anderen", kritisiert Lancia-Manager Perlo den mangelnden Mut der Konkurrenz, "stellen solche Modelle seit Jahren nur auf Messen vor, wir bauen jetzt eins." Rund 100 000 Exemplare von dem Kleinen mit der großen Klappe am Heck will Lancia jährlich absetzen, davon fast 6000 in der Bundesrepublik.
Dabei treffen die Italiener auf einen deutlichen Trend zu mehr Komfort in dieser Klasse: Auf angenehme Ausstattungsdetails wollen auch viele Kleinwagenlenker nicht länger verzichten, mehrere Hersteller haben sich darauf bereits eingestellt.
Austin Rover rüstet neuerdings das Mini-Modell "Metro" auf Wunsch mit schwellenden Lederpolstern und flauschigen Teppichen aus. Ford lockt Anspruchsvolle mit der üppig ausgestatteten "Ghia"-Baureihe, auch VW liefert komfortabel aufgemöbelte Fahrzeugtypen, die als "Carat"-Versionen vermarktet werden. Zudem verhelfen immer neue Zubehörhändler allen Automobilisten mit Aufsteigermentalität zum nachträglichen Einbau von elektrischen Fensterhebern, Schiebedächern oder Armaturenbrettern aus poliertem Edelholz.
Auch in Genf, wo neben dem Lancia Y 10 lediglich zwei andere wirklich neue Autos, Coupes von Volvo und Subaru, präsentiert werden, stehlen die Veredler dem Auto-Establishment die Schau. Luxus-Interieurs aller Art, von der Getränkebar in Walnußholz bis zur ferngesteuerten TV-Anlage mit Videorecorder, werden so zahlreich angeboten wie Gürtelreifen und Anhängerkupplungen auf früheren Salons.
Ein Anflug von Luxus und als Zugabe gutes Karosseriedesign - mit diesem Rezept soll nun auch Lancia auf eine gehobene Schicht von Autokäufern lossteuern, auf Leute, denen ein Fiat zu popelig ist. "Elitepolitik" nennt das Vittorio
Ghidella, ranghöchster Auto-Manager im Fiat-Konzern.
Und die Elite der Elite? "Wir haben bei der Planung des neuen Lancia", sagt Manager Perlo, "vor allem an die weibliche Kundschaft gedacht." Mit seiner avantgardistischen Form, "modern und keck", wie er nun mal sei, werde der Y 10 "bei Frauen ohne Zweifel gut ankommen".

DER SPIEGEL 11/1985
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