11.03.1985

HUMORSchmutzfink vom Dienst

Zeichner, Erzähler, Theaterautor, immer mit Lust blasphemisch und obszön: In München wird der Bürgerschreck Roland Topor umfassend präsentiert. *
Dieses Lachen! Roland Topors akustisches Markenzeichen kennt mindestens so viele Interpreten wie sein zeichnerisches Werk. Mit dem Beuteschrei einer Hyäne hat man es verglichen, was der hörbaren Seite der Wahrheit am nächsten kommt. Topors Beute allerdings sind Gags, Provokationen, Wortspiele.
"Die Scheiße ist keine Metapher - die Metaphorik ist Scheiße": So etwa versucht er sein Stück "Leonardo hat''s gewußt", das vergangenen Samstag im Werkraum der Münchner Kammerspiele seine deutsche Erstaufführung erlebte, gegen die Deutungswut der Kritiker zu schützen. Topors Sorge ist verständlich, handelt diese Farce doch derart ausschließlich von den menschlichen Exkrementen, daß man versucht ist, dem Ganzen einen irgendwie gearteten "höheren" Sinn zu geben.
Doch da ist keiner - sieht man mal von der erkenntnisarmen Allgemeinfloskel "die Scheiße in uns" ab, aber die funktioniert auch mit "Kind", "Tier", "Hitler" etc. Sicherlich wird diese Geschichte des Analen nicht in die Annalen der (Theater-)Geschichte eingehen, doch die kindlich-trotzige Lust, mit der Topor die Fassade der Wohlanständigkeit mit Fäkalien bekleckert, verschließt sich eh allen höheren Weihen.
Zwei befreundete Polizistenehepaare verbringen ein gemeinsames Wochenende, das im wahrsten Sinne dadurch getrübt wird, daß die Toilette des Gastgebers nicht funktioniert. Zu allem Überfluß - auch dies im Wortsinne - leidet der männliche Gast an Durchfall, weshalb er auch ziemlich rasch in Verdacht gerät, als man im Hause an den unmöglichsten Stellen, von der Bratpfanne bis zum Nachttisch, partisanenartig dislozierte Kothaufen findet. Das schwedische Kindermädchen, das mit seinen Binden sowieso das Klo permanent verstopft, könnte es natürlich auch gewesen sein, ebenso der infantile Sohn des Gastgebers. Der Hausherr selbst ist bei der Kripo, Reinlichkeitsfanatiker, Umweltschützer und Verehrer Leonardo da Vincis, von dem laut Topor die Erkenntnis stammt, die meisten Menschen hinterließen nichts als Fäkalien.
Das tun sie denn auch allesamt und mit glucksender Lust, um am Ende vom Leonardo-Freak dahingestreckt zu werden. Sie haben ausgeschissen, nennt das der Volksmund.
Und wenn der sich in den heiligen Hallen artikuliert, gibt es bisweilen
Stunk. So verlangte der Kritiker einer angesehenen belgischen Tageszeitung nach der Uraufführung des Stücks in Brüssel Ende 1976, "den Dummkopf ins Gefängnis zu werfen". Bei den analfixierten Deutschen - der diesbezügliche SPIEGEL-Artikel (10/1985) belebte die Probendiskussionen in den Münchner Kammerspielen - erhofft sich Topor nun amüsierteres Verständnis oder zumindest lässigere Toleranz.
Obwohl es für ihn laut "FAZ"-Fragebogen das größte Unglück bedeutete, vollzöge sich der Verdauungsprozeß umgekehrt, ist die Annahme natürlich irrig, Topors Erforschung der Innenwelt fördere nur Scheiße zutage. Die im Münchner Stadtmuseum veranstaltete Retrospektive seines zeichnerischen Werkes, _(Bis 5. Mai, danach: Hannover, Darmstadt ) _(und Salzburg. Katalog 256 Seiten; 36 (im ) _(Buchhandel 49) Mark. )
seine bis dato umfangreichste Gesamtschau, belegt eindrucksvoll Topors Rang als schaurig-schlitzohrigen Chronisten unserer Tag- und Nacht-, Alp- und Sehnsuchtsträume.
Der 46jährige Franzose, Sohn polnisch-jüdischer Emigranten, inszeniert dabei, den großen Surrealisten wie Magritte oder Max Ernst eher gedanklich als stilistisch nahestehend, ein Grand Guignol lustvoller Ängste und angstvoller Lüste.
Da träumt ein bucklicht Männlein, daß sich aus seinem Höcker eine Maus stiehlt, auf die bereits ein katzenköpfiges, nacktes Vollweib lauert, da formt sich - im Plakatentwurf zu Oshimas Film "Im Reich der Leidenschaft" - aus dem Lavagespei des Fudschijama unversehens das magische Dreieck des weiblichen Geschlechts, und das geteilte Deutschland ist für Topor ein auf der Mauer hockendes nacktes Weib, zu dem (von Osten? von Westen?) ein Mann emporzuklimmen versucht, während ein anderer, von dem man nur die kralligen Hände sieht, das gleiche von der anderen Seite vorhat.
Topors Zeichnungen sind zumeist visuelle Verdichtungen verbaler Konzeptionen. Er begreift sich deshalb auch nicht als Maler. Zeichnungen lägen näher beim Gedanken, bei den Ideen, den Geschichten. Topor - auch Trickfilmzeichner und Romancier ("Der Mieter", "Memoiren eines alten Arschlochs") - ist kein Surrealist im Sinne vieldeutiger Beschwörungen, sondern ein bösartiger Humorist im Sinne eindeutiger Erzählungen. Nicht selten bekommt dabei das Zwerchfell eine Gänsehaut.
So etwa, wenn er, "Hölle und Verdammnis" be-zeichnend, einen Mann mit heruntergelassener Hose zeigt, der auf einem Berg von Kot und Erbrochenem hockt und in quälender Permanenz zugleich kotzt und scheißt. Die Hölle, das sind bei Topor nie die anderen, das ist man schon selber.
Folglich hat er seine aphoristische Begabung auch nie in den Dienst einer politischen Sache gestellt. Eine Schickeria-Dame hat sektschwenkend einen Knilch in Habichtsmaske untergehakt, dem eine weitere Dame eine blutbefleckte Schleppe hinterherträgt. Der Kerl schüttet einen Sack voller Symbole aus. Das christliche, das Lothringer- und das Hakenkreuz sind darunter, auch Hammer, Sichel und der Judenstern. "Auf das Wohl der neuen Ideologien" heißt dieses 1979 entstandene Blatt, das nun allen weh tut, zugleich aber Topors Position signalisiert: Er ist Anarchist, ebenso radikal wie hedonistisch. Als polymorphpervers würde das die Freudsche Psychologie definieren. Grauenvoll komisch heißt es im Vernissagedeutsch.
Einen Bürgerschreck könnte man ihn nennen, hätten die realen Schrecken Topors Visionen nicht längst überholt. So mag mancher Moralapostel wie Weißbier schäumen, oder mögen, wie geschehen, sich Französische Werbegesellschaften weigern, ein als obszön erachtetes Filmposter Topors zu plakatieren: Topors skatologische Provokationen und Blasphemien sind willkommene Adrenalinstöße.
Aber keine kalkulierten Skandale. Nach der x-ten Probe kann sich Topor, der sein Stück in München auch selbst inszenierte, noch immer wie eine Hyäne schreiend über seine Zoten - so heißt etwa eine Sexpose "Der Hubschrauber des Negus" - amüsieren, als höre er sie zum erstenmal. Je widerborstiger, geschmackloser sie daherkommen, desto besser, und die Schauspieler, allen voran Helmut Stange und Jörg Hube, lassen da wahrlich die Hosen runter.
In einem 1979 veröffentlichten Pamphlet über den "glatten Stil" schrieb Topor: "Aerodynamik und Effizienz sind die Milchbrüste des Profits. Von der Concorde bis zur Tour Montparnasse leben wir in einem geistigen Universum der Aerodynamik. Unsere Bügeleisen sind so konzipiert, als müßten sie die Schallmauer durchbrechen, unsere Telephone sind abgeflacht wie ein Porsche, unsere Rechenmaschinen sehen ähnlich aus wie Ufos, unsere Kugelschreiber wie Torpedos. Was hervorragt, wird feindlich, was Reibung verursacht, ist gefährlich."
Das hervorragende Reiben, der Künstler als Onanist - wie denn, meint Topor, soll man anderen Spaß machen, wenn man sich selbst nicht Spaß machen kann? Dies freilich ist auch eine Form, die Angst zu bannen. Topor, der Saboteur des Normalen, reißt seine Possen am liebsten mit so ernsthaften Dingen wie Sex und Tod. Der Witz beschwört, hält auf Distanz. Das Lachen ist eine Schall-Mauer.
Unter Topors "hundert guten Gründen, mich auf der Stelle umzubringen" heißt der 97.: "Weil ein gut ausgeführter Selbstmord mehr wert ist als ein banaler Beischlaf" und der 28.: "Um meinem Werk eine moralische Dimension zu geben."
Anders geht''s wohl nicht.
Bis 5. Mai, danach: Hannover, Darmstadt und Salzburg. Katalog 256 Seiten; 36 (im Buchhandel 49) Mark.

DER SPIEGEL 11/1985
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