18.02.1985

UNTERNEHMENFaszinierende Aufgabe

Die Familie Dornier steuert ihre Flugzeugfirma in die Krise. Der Streit um die Führung geht weiter. *
Als Claude Dornier am 28. Juli 1958 im schweizerischen Zug sein Testament aufsetzte, fielen ihm wohlklingende Worte ein: Er bat seine Nachkommen, sein "Lebenswerk als Familienbetrieb zu erhalten" und "die Rechte aller Miterben in jeder Hinsicht paritätisch zu wahren".
Doch der geniale Flugzeugbauer vom Bodensee hatte Entscheidendes nicht bedacht. Wie in Dutzenden anderer deutscher Familienunternehmen führte der Grundgedanke seines letzten Willens zum Chaos in der Firma: Die Gleichheit unter den Erben zerstört die Einigkeit.
Am Donnerstag vergangener Woche waren die Spätfolgen des Testaments in Friedrichshafen zu besichtigen. Im Verwaltungsgebäude der Dornier GmbH tagten die Gesellschafter des Unternehmens, nach Familienart durch einige Rechtsanwälte angereichert.
Die Versammlung, die immerhin über die Führung des zweitgrößten deutschen Luft- und Raumfahrtkonzerns (9000 Beschäftigte, Umsatz 1984: 1,5 Milliarden Mark) zu befinden hatte, glich einer Karnevalssitzung zu fortgeschrittener Stunde. Die Herren verhakten sich bereits bei der Wahl des Sitzungsleiters und schafften daher den Einstieg in die Tagesordnung nicht mehr.
Vor dem Verwaltungsgebäude der Dornier GmbH protestierten 1200 Mitarbeiter gegen die Ranküne der total zerstrittenen Gründererben. "Wenn die bloß ihre Anteile einem vernünftigen Unternehmer verkaufen würden", flehte ein verzweifelter Dornier-Arbeitnehmer.
Es scheint, als herrsche eine Großfamilie aus Carringtons und Ewings über die Firma. Die eine Fraktion führt Justus Dornier, ein Sohn des Gründers aus zweiter Ehe. Die zweite, etwas schwächere Gruppe leitet Claudius, der älteste Abkömmling, der zugleich das Erfindertalent des Patriarchen geerbt hat (siehe Graphik).
Die jüngste Kabale im Hause begann, als Justus im vergangenen September den ehemaligen Bertelsmann-Vorstand Manfred Fischer als neuen Dornier-Chef verpflichtete. Die Einstellung erfolgte gegen den Willen der Claudius-Fraktion. Doch wie oft in solchen Firmen sollten sich bald die Fronten völlig verändern.
Justus hatte offenkundig darauf vertraut, in Fischer einen willfährigen Erfüllungsgehilfen seiner Wünsche gefunden zu haben. Doch der neue Mann, der inzwischen nach seiner bewegten Bertelsmann-Zeit "vom Regen unter Umgehung der Traufe" (Fischer) in eine ganz unerfreuliche Lage geriet, sperrte sich gegen die Ratschläge von Bruder Justus.
Bald gab es Dutzende von kleinen und großen Streitpunkten. Justus verlangte den Rausschmiß von 600 Entwicklungsingenieuren, während Fischer zunächst die Notwendigkeit eines derartigen Kahlschlages untersuchen wollte.
Dann forderte der Dornier-Abkömmling Bargeld: Justus, ohnehin mit einigen Beraterverträgen bei seiner eigenen Firma gut im Geschäft, verlangte für die Erben die posthume Auszahlung von 1,8 Millionen Mark Pensionsrückstellungen für die tote Mutter Anna. Fischer lehnte ab. Bei Sitzungen der Firma pflegte Justus die Tagesordnung durcheinanderzuwirbeln. Zur Begründung ließ er den ihm nahestehenden Aufsichtsratschef Hans-Otto Thierbach begründen: "Herr Dornier gibt keine Begründung."
Atomphysiker Justus Dornier, so scheint es, hat sein Interesse an den kleinsten Teilchen inzwischen auf die Firma übertragen. Vor gut einer Woche ließ er Fischer durch Thierbach, der nach Art des Hauses auch noch an einem Beratervertrag ein bißchen hinzu verdient, fristlos entlassen.
In einem vierzeiligen Brief, den ein Bote in Fischers Münchner Wohnung abgab, teilte Aufsichtsratchef Thierbach dem Firmenlenker mit, daß sein Vertrag "aus wichtigem Grund" vorzeitig aufgelöst sei. Ein gleichlautendes Schreiben erhielt auch Fischers Vorstandskollege, der für den Verkauf zuständige Karl-Wilhelm Schäfer.
Die Kündigung war nicht einmal formal korrekt. Auf den Schriftstücken fehlte die in solchen Fällen erforderliche Unterschrift des stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden. Der IG-Metall-Funktionär Alois Laus nämlich war, ebenso wie alle anderen Arbeitnehmer-Vertreter im paritätisch besetzten Dornier-Rat, gegen den Rausschmiß der beiden Topmanager.
Auf der Aufsichtsratssitzung am vorvergangenen Sonnabend hatten die Arbeitnehmerräte zunächst versucht, die Entscheidung zu vertagen. Als die Kapitalvertreter das ablehnten, verließen Laus und seine Kollegen unter Protest den Sitzungsraum in der Münchner Dependance der Deutschen Bank.
Fischer wehrte sich mit einer Klage gegen die Entlassung, zumal er den "wichtigen Grund" immer noch nicht weiß. Bruder Justus ließ lediglich geheimnisvolle Andeutungen verbreiten: Der Grund sei so wichtig, daß man ihn zum Schutz der Betroffenen nicht öffentlich machen könne. Fischer ("Ich schau' nicht mehr durch") ermunterte inzwische seine bisherigen Arbeitgeber, die fürsorgliche Scheu aufzugeben.
Bislang blieb Justus stumm. Allerdings versuchte er zweimal, den gefeuerten Chef mittels einer deftigen Abfindung zu friedlichem Abgang zu bewegen. Fischer findet allerdings immer noch, daß in Friedrichshafen "eine faszinierende Aufgabe" wartet und hofft, daß er diese Woche vom Gericht als Dornier-Chef bestätigt wird.
Justus Dornier ist noch mit einem anderen Streitfall in seinem Unternehmen beschäftigt: Die beiden Fraktionen feilschen um das Erbe von Mutter Anna.
Wem die Anteile zufallen, ist - wie könnte es bei Dornier anders sein - noch völlig unklar. Derzeit ringen drei Testamentsvollstrecker um die Vergabe von Annas Erbe. Zwei neigen dem Justus-Clan zu, einer steht eher auf der Claudius-Seite.
Nach dem Testament des Patriarchen Claude, das nach Parität verlangt, wäre Justus der Sieger. Wenn jeder die gleiche Quote bekäme, wäre an den Mehrheitsverhältnissen nichts geändert. Andererseits ist im Testament auch von der "Vermeidung einer Zersplitterung" die Rede.
Freuen dürfen sich die Rechtsanwälte. Zu den rund 20 Prozessen, die zwischen den Brüdern anhängig sind, kommen mit Sicherheit ein paar neue hinzu.
"Die haben", faßt Betriebsratsvorsitzender Oscar Pauli zusammen, "doch alle eine Macke."
[Grafiktext]
DORNIER Geteilter Clan Die beiden Lager im Hause Dornier In Kreisen: Anteile an der Firma Dornier in Prozent Gruppe Claudius Claudius Dornier 70 Jahre alt Peter Dornier 68 Jahre alt Silvius Dornier 57 Jahre alt Gruppe Justus Justus Dornier 48 Jahre alt Christoph Dornier 46 Jahre alt Donatus Dornier starb 1971 Olga Dornier 1918 (in erster Ehe mit Claude Dornier verheiratet) Claude Dornier 1884 - 1969 Anna Dornier 1984 (in zweiter Ehe mit Claude Dornier verheiratet) noch nicht verteilt
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 8/1985
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