22.10.1984

„Femina = die weniger Glauben hat“

Neue Forschungsergebnisse über die Ursachen der Hexenverfolgung Verblüffende neue Thesen über die Ursache der Hexenverbrennungen präsentieren zwei westdeutsche Wissenschaftler: Im Spätmittelalter begannen Kirche und Staat, besorgt über drohenden Machtverfall infolge jähen Bevölkerungsrückgangs, mit den weisen Frauen zugleich uraltes Volkswissen über empfängnisverhütende Salben und Sexualpraktiken auszurotten. Das Experiment gelang, die Spätwirkungen reichen bis in die Gegenwart. *
An Samstagen, wenn das Wetter freundlich ist und der Göttinger Marktplatz voller Menschen, tritt dort mitten ins pralle Geschäftsleben die Aufklärung - in Gestalt von Birgit Römermann, 27.
Die medizinisch-technische Assistentin aus dem benachbarten Einbeck schlägt dann zusammen mit Gleichgesinnten ihren Informationsstand auf, polemisiert gegen das kirchliche "Meinungsmonopol", wirbt für Sinnlichkeit ohne Schuldgefühle und auch für eine neugegründete "Gesellschaft zur Entwicklung der Lebensfreude", deren Vorsitzende sie ist.
Als sich neulich der Student Andreas Rother durch Römermann-Sprüche wie "Lieber befleckte Verhütung als unbefleckte Empfängnis" und "Orgasmus statt Abendmahl" in seiner Christenehre gekränkt fühlte und mit Erfolg Anzeige erstattete, kettete sich die lebensfreudige Vorsitzende am Gänselieselbrunnen im Schatten der Johannis-Kirche an. Das sanfte Schandmaul hatte sie durch ein Tuch verbunden und um die Stirn ein Band mit der Aufschrift "Hexe".
Mit dieser Selbstanprangerung, sagt Frau Römermann, sei es ihr nicht nur um öffentlichen Protest gegangen, sondern durchaus "auch um Identifikation" mit den Gewaltopfern. Und wie in Göttingen solidarisieren sich immer häufiger auch westdeutsche Feministinnen, etwa bei Walpurgisnacht-Demonstrationen, mit jenen "sechs Millionen Frauen, die als Hexen verbrannt worden sind" (Römermann).
Die Zahl klingt wie beim letzten europäischen Holocaust ausgeborgt, und tatsächlich streiten auch hier Wissenschaftler über eine halbwegs haltbare Größenordnung - zwischen hunderttausend und zehn Millionen.
Jedenfalls aber handelt es sich, so der Bonner Historiker Gerhard Schormann, um die "größte nicht kriegsbedingte Massentötung von Menschen durch Menschen".
Ein kalkuliertes Massenmorden freilich haben Wissenschaftler bislang ausgeschlossen. Statt dessen wurden die Hexenbrände zum geheimnisvollen Geschichtsphänomen erklärt: zum Resultat wirren, aber mächtigen Aberglaubens (so selbst ein marxistischer Sozialhistoriker wie Jürgen Kuczynski) oder aber zur Ausgeburt männlichen Rationalitätsterrors, der mit der weiblichen Natur zugleich Natur überhaupt zu unterdrücken begonnen habe (so etwa feministisch orientierte Wissenschaftlerinnen).
Unter ganz anderem Blickwinkel, dem einer langfristigen Bevölkerungspolitik, haben jetzt zwei Bremer Hochschullehrer die europäische Hexenverfolgung ins Auge gefaßt - mit ebenso verblüffenden wie provozierenden Ergebnissen. _(Gunnar Heinsohn/Otto Steiger: "Die ) _(Vernichtung der weisen Frauen". In: ) _(Mammut, März Texte 1 & 2, hrsg. von Jörg ) _(Schröder; März Verlag, Herbstein 1984; ) _(1276 Seiten; 35 Mark. )
Der Holocaust an den Hexen sei, lautet die zentrale These des Soziologen Gunnar Heinsohn und des Wirtschaftswissenschaftlers Otto Steiger, "nicht nur ein Produkt geisteskranker Hysterie einzelner Staats- und Kirchenmänner", sondern von Klerus und Adel aus "exaktem, politischem Kalkül entwickelt" worden: um mit den Frauen "das alte Volkswissen über Geburtenkontrolle auszurotten", das von den vorrangig als Hexen verdächtigten Hebammen gehütet und weitergegeben wurde.
Durch die gewaltsame Tilgung des Verhütungswissens sollten die Frauen dazu gebracht werden, so Heinsohn und Steiger weiter, "mehr Kinder zu empfangen und aufzuziehen, als sie für die ökonomische Reproduktion ihrer Familien brauchten". Nach dem durch Klimaverschlechterungen, Pest und Kriege bedingten Bevölkerungsrückgang nämlich sei eine "verstärkte Menschenproduktion" vonnöten gewesen, um langfristig die feudale Herrschaft über ein schier _(Am Göttinger Gänselieselbrunnen. )
unerschöpfliches Arbeitskräftepotential zu sichern.
Zu diesen Thesen fügen sich andere, von der Öffentlichkeit bislang kaum registrierte Forschungsergebnisse. Danach existierte in früheren Jahrhunderten in der Tat ein breites Volkswissen über Möglichkeiten individueller Geburtenkontrolle.
Nach Ermittlungen des nordamerikanischen Jura-Professors und Ideengeschichtlers John T. Noonan, der 1965 die bislang kenntnisreichste Geschichte der Empfängnisverhütung in ihrer Beurteilung durch die katholische Theologie publizierte, waren im "Zeitabschnitt zwischen 400 und 1600 in einem bemerkenswerten Ausmaß empfängnisverhütende Mittel" bekannt.
Vom Lab des Hasen, an drei Tagen nach der Menstruation getrunken, den Wurzeln des Adlerfarns, den Blättern der Bischofsmütze bis hin zu Genitalsalben und spermatoziden Mitteln waren insgesamt mehr als 200 Präparate bekannt.
Wie gründlich diese Kenntnisse vernichtet wurden, offenbarte erst letzten Monat die Zeitschrift "Eltern", als sie ihren Lesern unter der Überschrift "Statt Pille Anti-Baby-Pflanzen" indianische und indische Verhütungsmittel vorstellte, die gegenwärtig in einem Forschungsprogramm der Weltgesundheitsorganisation überprüft werden. "Eltern"-Kommentar: "Jetzt haben Wissenschaftler festgestellt, daß diese uralten Naturmethoden tatsächlich wirken."
Noonan kam schon vor zwanzig Jahren zu dem leicht ironischen Schluß: "Wenn bei den Hebräern, den Römern und den nordamerikanischen Indianern Kräuter auf die weibliche Fruchtbarkeit wirkten, dann hatten sie bei den Franken, Kelten und Angelsachsen vermutlich keine geringere Wirkung."
Aber nicht nur Franken, Kelten und Angelsachsen wußten nachweisbar um diese Mittel und Methoden, sondern auch der gebildete Klerus, der Einschlägiges leicht bei Aristoteles und Plinius nachlesen konnte. Doch die Christen hatten sich mit ihrem auf üppige Fortpflanzung programmierten Ehe-Ideal schon früh dem römischen Staat als stabilisierende Kraft angedient, als der - nicht zuletzt wegen verbreiteter Kinderlosigkeit und chronischem Sklavenmangel - von innen her zu kollabieren drohte.
Den nichtchristlichen Völkern war solche Sexualmoral nicht nur fremd, sondern auch unheimlich. Sowohl Römer als auch Germanen kannten vornehmlich Wunschkinder. Der Frau oblag die Schwangerschaftsverhütung.
Mit welch großem und zweifelhaftem Erfolg die Enteignung der Intimsphäre verlief, verdeutlichen Heinsohn und Steiger anhand einer Skizze der historischen Menschenexplosion: Während die europäische Bevölkerung zwischen den Jahren 800 und 1300 nur milde von 30 auf 75 Millionen anwuchs und dann absank, verzehnfachte sie sich in den letzten 500 Jahren - zwischen 1475 und 1975 - von 64 auf nahezu 640 Millionen.
Die Bevölkerungsbombe, so die Bilanz der Bremer Wissenschaftler, sei vor allem das Werk von Kirchenmännern, die drei Jahrhunderte lang zielstrebig Hunderttausende als Hexen-Hebammen verdächtigten, in Verhören an allen Gliedern verrenken, zerquetschen, auspeitschen und schließlich zersägen, enthaupten, aufhängen, verbrennen oder durch die "Wasserprobe" umbringen ließen: Wer trotz gefesselter Hände und Füße nicht im Wasser ertrank, galt als schuldig und war des Todes.
Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als die Hexenverfolgungen verebbten, habe mit Erfolg jenes Frauenbild entworfen werden können, dessen "neue Ideale heißen: Keuschheit, Fruchtbarkeit und Loyalität gegenüber dem Ehepartner". Die Frauen, so konstatieren Heinsohn und Steiger als wesentlichen und gewollten Effekt der Ausrottung der Hebammen, "hatten fortan weitaus mehr Kinder und verstanden weniger von Gynäkologie und Hygiene".
Gestartet worden war der Vernichtungsfeldzug gegen die weisen Frauen und deren Wissen vor genau 500 Jahren in Rom - ex cathedra, wie der katholische Kirchengeschichtler Ignaz von Döllinger bereits Ende des vergangenen Jahrhunderts nachwies.
Mit seiner Bulle "Summis desiderantes affectibus" _(Benannt nach den lateinischen ) _(Anfangsworten: "Mit höchster Begierde ) _(..." )
von 1484 hetzte Papst Innozenz VIII. die bereits gegen allerlei Ketzerbewegungen erprobte Glaubenspolizei auf einen angeblich in deutschen Bistümern überhandnehmenden Teufelskult. "Bezauberungen ... die Geburten der Weiber ... verderben, ersticken und umkommen machen". Und wieder sind es die "geliebten Söhne" vom Dominikanerorden, die mit Theorie und Praxis des beim Volk verhaßten Inquisitionsgeschäfts betraut werden.
Die Theologieprofessoren Heinrich Institoris und Jakob Sprenger erhalten apostolische Generalvollmacht, allenthalben Verdächtige aufzuspüren. Der neuen Häresie für schuldig Befundene dürfen sie "nach ihrem Verbrechen züchtigen, in Haft nehmen" und "an Leib und Vermögen strafen". Drei
Jahre später erscheint unter dem Titel "Malleus maleficarum" ("Der Hexenhammer") ein von Institoris und Sprenger verfaßter Leitfaden für Hexenverfolger. Das mit allen Wahnvorstellungen katholischer Kleriker vollgestopfte Werk wird zum ersten Bestseller der noch jungen Buchdruckerkunst und transportiert so neben einem Wust von widerwärtigen Foltertips auch den politischen Kerngedanken erfolgreich hinaus zum einfachen Landgeistlichen.
Der hat zunächst zu lernen, daß es gegen die Frauen geht und "kein Wunder" ist, "wenn von der Ketzerei der Hexer mehr Weiber als Männer besudelt gefunden werden". Wegen ihrer sexuellen Unersättlichkeit würden sie immer wieder Satans leichte Beute. Überdies hatten die Inquisitoren einen kuriosen etymologischen "Beweis" für weibliche Ureignung zur Hexerei parat: "Das Wort femina nämlich kommt von fe und minus (fe = fides, Glaube; minus = weniger; also femina = die weniger Glauben hat)."
Dann kommen die Hexenjäger zur Sache, zur "siebenfachen Hexerei", von der jede einzelne auf "den Liebesakt und die Empfängnis im Mutterleibe" zielt. Heinsohn und Steiger haben dieses Sündenregister, mit dem der europäischen Frau ihr Verhütungswissen ausgetrieben und sie endgültig zur Gebär-Mutter gemacht wurde, frei, aber korrekt in Gegenwartssprache gebracht: *___erstens Hurerei und Ehebruch (als Einübung sexueller ____Befriedigung ohne nachfolgende Schwangerschaft); *___zweitens Männer impotent machen; *___drittens Kastration und Sterilisation; *___viertens Sodomie und Homosexualität (als Formen ____sexueller Befriedigung, die ebenfalls nicht zur ____Fortpflanzung führen); *___fünftens Empfängnisverhütung; *___sechstens Schwangerschaftsabbruch; *___siebtens Kindesmord und Kindesopfer.
Aus diesem Katalog ziehen Heinsohn und Steiger die Schlußfolgerung, daß "Hexerei im christlichen Europa der Neuzeit als Geburtenkontrolle in allen ihren Erscheinungen definiert wurde".
Die Verfasser des "Hexenhammers" wiesen den örtlichen Fahndern gleich den Weg zu den Quellen, wo das Verhütungswissen konzentriert anzutreffen und daher am sichersten auszurotten war - zu den "Hebammen", die "den größten Schaden anrichten".
Die Ärztinnen der Armen, die in jedem Dorfe zu finden waren, die kräuterkundigen Frauen, die zur Empfängnis verhelfen oder sie verhüten konnten, die alten, manchmal wunderlichen Weiber, die sich auf Liebestränke verstanden und aufs gynäkologische Handwerk - sie alle wurden mit dem apodiktischen Satz zu Todeskandidatinnen erklärt: "Niemand schadet dem katholischen Glauben mehr als die Hebammen."
Je mieser es den Menschen ging, desto stärker wurden Neid und Haß auf diese "Hexen" gelenkt: Wenn sie "nicht wären", hieß es im Württemberg des 17. Jahrhunderts, "würden die württembergischen Untertanen kein Wasser trinken ... auch ihr Küchengeschirr würde nicht ferner mehr irden, sondern silbern sein". Ob Hagel die Ernten verdarb, ob die Pest ans Leben griff oder die Syphilis an die Lust, ob der Ochse lahm wurde oder der Ehemann - die Geburtshelferinnen galten jeder Hexenkunst verdächtig. Und wer mit ihnen umging, sie um Rat fragte in allerlei Bettangelegenheiten, war es bald nicht minder.
Bereits unter den ersten Frauen, die in Norddeutschland als Hexen verbrannt wurden, finden sich zahlreiche Hebammen. So mußte 1477 eine Hamburgerin ins Feuer, "weil sie junge Frauen belehrt hat, wie man Abtreibungsmittel benutzt". In Zwickau wurde 1510 eine Frau samt ihren Büchern und Gerätschaften verbrannt, weil sie "durch ihre falsche Art die Frucht abgetrieben" habe.
Das Badener Landrecht schreibt von 1588 an zwingend ein Hexen-"Interrogatorium" vor, wonach Verdächtige auch zu befragen waren, "wieviel Kinder" sie "umgebracht" haben, "wieviel schwangere Weiber, wie viele Kindbetterinnen".
In den Opfer-Listen der berüchtigten Würzburger Brände von 1627, die unter der Oberaufsicht des Fürstbischofs Philipp Adolf von Ehrenberg binnen zwei Jahren 900 Menschen das Leben kosteten, findet sich die Eintragung: "Die Schickelte Amfrau (Hebamme) NB. von der kommt das ganze Unwesen her." Im
württembergischen Leonberg gerät 1615 das Kätherle Guldenmann als Hexe in Verruf, weil es sich - vom Ehemann verlassen - durch "Doktern" ein Zubrot verdient. Sie entgeht nur knapp der Hinrichtung, dank der Bemühungen ihres berühmten Sohnes Johannes Kepler, kaiserlicher Hofastronom und Professor in Linz. Zweitwichtigstes Verdachtsmoment gegen die Keplerin: Sie war von ihrer später als Hexe verbrannten Cousine aufgezogen worden.
Dieses Verfolgungsmuster unter weiblichen Verwandten, häufig in der Mutter-Tochter-Linie über Generationen hinweg, findet sich überall, wo Hexengerichte gehalten und Scheiterhaufen errichtet wurden. Das bestätigt Heinsohns und Steigers Kernthese, daß durchaus mit System und Kalkül vernichtet wurde, um die ökologische Feinsteuerung menschlicher Vermehrung im Nerv ihrer mündlichen Überlieferung zu treffen.
Als Mitte des 16. Jahrhunderts die Glaubensspaltung in Europa allmählich territoriale Gestalt annahm, änderte sich an der Form der Verfolgung kaum etwas: Die Protestanten wüteten gegen angebliche Hexen nicht weniger arg als die katholische Konkurrenz, von der sie nicht nur die Methoden, sondern auch die Ideologie des gottgefälligen Kinderreichtums übernahmen.
Vom ersten protestantischen Bischof Dänemarks, Peder Palladius, ist der pauschale Richtspruch überliefert: "Die katholischen Hebammen stehen mit dem Teufel im Bunde, sie sind einfach Hexen."
Als furchtbarster protestantischer Hexenverfolger profilierte sich der Jurist Benedikt Carpzov (1595-1666), der als Richter und Professor für Strafrecht in Leipzig an 20 000 Todesurteilen in Hexenprozessen mitwirkte. Carpzov stufte die Hexerei als "grausamstes Verbrechen" ein, das nie verjähren und dessen Bestrafung noch an der ausgegrabenen Leiche vorgenommen werden konnte.
Doch die protestantische Beihilfe zur massenhaften Ermordung der weisen Frauen markiert bereits die Schlußphase der Jahrhunderte dauernden Politik von Kirche und Staat, auf diese Weise höhere Geburtenraten zu erzwingen. Abtreibung, Unfruchtbarmachung und Sodomie waren längst zu todeswürdigen Verhalten erklärt und in die staatlichen Gesetzessammlungen aufgenommen worden: 1507 in die Constitutio Criminalis Bambergensis, 1517 ins Brandenburgische Recht und 1532 schließlich in die Constitutio Criminalis Carolina Karls V.
Viele Anklageschriften, Verhörprotokolle und Geständnisniederschriften belegen bei aller durch Folterangst und Voreingenommenheit verursachten Verzerrung ins Monströse, daß die Inquisitoren sich zentral und brennend für solche Hexerei interessierten, die mit menschlicher Sexualität und Fortpflanzung in irgendeinem - und sei es dem entferntesten - Zusammenhang stand.
Bereits die Hexensalbe, unentbehrliches Corpus delicti für jegliche Beweisführung, durfte je nach landsmannschaftlichen Vorlieben die unterschiedlichsten Zutaten aufweisen, solange eine nicht fehlte: das Fett von Neugeborenen. Die mußten zünftige Hexen im Auftrag des Gehörnten entweder umgebracht oder auf Friedhöfen ausgegraben haben.
Das Stereotyp von der Hexe als Verursacherin von Kinder-Knappheit war nach langen Verfolgungsperioden so sehr geläufig, daß selbst halluzinierende Kinder es unaufgefordert hersagen konnten. So bestätigte 1692 im fränkischen Wertheim der fünfjährige Sohn der Catharine Cöls deren erzwungene Aussage, zusammen mit ihrer Cousine "einer ein Kind abgetrieben" und "Schmiere daraus gesotten" zu haben.
Gegen Mitte des 17. Jahrhunderts war die Dämonie-Denunziation längst zum Vielzweck-Instrument geworden, mit dem sich persönliche Feinde ebenso bequem erledigen ließen wie Abweichler vom Mehrheitsglauben. Trotzdem gerieten immer noch vor allem solche Frauen in Hexerei-Verdacht, die mit der Kinderaufzucht nicht viel im Sinn hatten - die Wertheimerin Barbara Rüdiger beispielsweise, von der die Anklage 1634 ausdrücklich hervorhob, "daß sie verhüt, daß sie keine Kinder mehr von ihrem Mann hat".
Auch diese Frau ist vermutlich eher wegen ihrer - laut katholischer Lehrmeinung todsündigen - Beischlaf-Praktiken hingerichtet worden als wegen ihres im vierten Verhör mit Hilfe des Daumenstocks erpreßten Geständnisses, sie habe mit einem Buhlteufel namens Ungnad "zwei Kinder gesotten und Schmiere daraus gemacht".
In der Maßlosigkeit der erzwungenen Selbstbezichtigungen offenbart sich der
hohe Stellenwert, den der Kampf gegen Empfängnisverhütung, Abtreibung und Kindestötung für die katholische Kirche besaß, den größten Landbesitzer und Arbeitgeber der damaligen Zeit.
So bekannte 1616 eine "aller Hexen Mutter" titulierte Frau aus dem württembergischen Sersheim unter der Folter, allein 400 Kinder - darunter drei eigene - umgebracht und teils bei Zauberorgien aufgegessen, teils für die Schmier- und Hexenkunst gebraucht zu haben. Ganz nebenbei hatte sie auch noch ihre beiden Männer "viele Jahre erlahmt".
Zwischen 1258 und 1526 lassen sich allein 47 päpstliche Erlasse und Dekrete gegen das Zauberer- und Hexenwesen nachweisen. Die Erfolge im Kampf um die Ehe als reine Zeugungsgemeinschaft blieben nicht aus: Die weisen Frauen wurden weniger - und damit auch die Anlässe zur Hexenjagd.
Die Stadträte von Rottenburg am Neckar beispielsweise sorgten sich, wie eine zeitgenössische Quelle vermeldet, schon Ende des 16. Jahrhunderts, daß, "wenn man weiter fortfahren sollte, fast keine Weiber mehr übrigbleiben".
Zur gleichen Zeit registrierte Landgraf Georg von Hessen-Darmstadt, die alten Hexen seien in seinem Ländchen "fast ganz abgeschafft". Der deutsche Jesuit Paul Laymann klagte, "daß, wenn solche Prozesse noch länger fortgesetzt werden, ganze Dörfer, Märkte und Städte veröden und daß niemand mehr sicher sein wird, auch nicht einmal Geistliche und Priester".
In der Tat drohten die den weisen Frauen zugedachten Massaker mancherorts alle Frauen in Mitleidenschaft zu ziehen und so das langfristige Ziel der Aktion nachhaltig zu gefährden. Gegensteuerung schien auch aus einem Grunde geboten, den der Dominikanerpater Johannes Nider bereits 1475 nannte: "damit nicht einfache Menschen auf etwas aufmerksam gemacht werden, was sie nicht kennen".
Die These von Heinsohn und Steiger zu kommentieren, kann heutzutage teuer zu stehen kommen: Die Feststellung der niedersächsischen Atheistin Römermann, christliche Kirchen seien auf Grund ihrer Geschichte unter die "größten Verbrecherbanden der Welt" zu zählen, wurde vom Göttinger Amtsgericht im 500. Jubiläumsjahr der Hexenbulle als "Beschimpfung von religiösen Bekenntnissen" gewertet und mit 400 Mark Geldstrafe geahndet. "Im Grunde", klagt Birgit Römermann wie viele Vertreterinnen der Frauenbewegung, seien "die Methoden der Verfolgung dieselben geblieben".
Das nun doch nicht, um bei historischen Wahrheiten zu bleiben: Im Jahre 1561, so meldet ein Chronist, sei der Magistrat von Göttingen beispielsweise so sehr mit Hexenprozessen beschäftigt gewesen, daß fast kein altes Weib vor Folter und Scheiterhaufen sicher war. Birgit Römermann dagegen registriert neben viel "phantastisch positiver Zustimmung" allenfalls vereinzelte Schmährufe wie "Nutte".
Doch als symbolische Schuldzuweisung mag die behauptete Methodengleichheit zwischen Mittelalter und christlich-demokratischer Gegenwart hingehen. So schließlich versteht sich auch jene feministische Hexenverschwisterung, die Frauen seit ein paar Jahren zwischen dem 30. April und dem 1. Mai ihre Walpurgisnacht auf Großstadt-Straßen feiern läßt - manche nach Ahnfrauenart mit Reisigbesen und hennarotem Haar, alle nach dem Motto: "Wir erobern uns die Nacht zurück."
Fast 4000 "Emmas außer Rand und Band" ("Emma") waren es in West-Berlin zum Namenstag der heiligen Walburga, die seit alter her vor Zauberkünsten schützen soll, 900 in Hamburg, 300 in Hannover und immerhin 150 in München.
Die sich da zu einem historisierenden Hexenbegriff bekannten wie zu einem alten Adelsprädikat, machten Zuhältern und Prostituierten im Frankfurter Bahnhofsviertel ebenso ihre schrille Aufwartung wie einer Kieler Burschenschaft, die zuvor prahlerisch die Prämiierung der schönsten Hexe angekündigt hatte.
Die modischen Namen von Frauenkneipen ("Blocksberg") und Frauen-Wohngemeinschaften ("Hexenhaus") lassen ahnen, daß das schillernde Hexenbild der Überlieferung einem ebenso diffusen Identifikationsbegehren reichlich Spielraum bietet - von der verbreiteten Lust auf die jeweils "eigene" Geschichte bis zum Kobolz in Mythologie, Märchen und späten Kirchkampf, in Volkstümelei, Psychopathologie und Sozialgeschichte.
Ähnlich wie früher Theoretiker der Arbeiterbewegung in den Sklavenaufständen der Antike und im deutschen Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts frühe Vorahnungen eigener Hoffnungen, Forderungen, aber auch Niederlagen sahen, fühlen sich die widerständigen Enkelinnen zunehmend vom vergeblichen Kampf der als Zauberinnen verbrannten Frauen angezogen.
Aktuelle Bezüge zur Hexenverfolgung von einst haben auch die Bremer Hexenforscher Heinsohn und Steiger ausgemacht.
In einer weiteren, bislang unveröffentlichten Arbeit wollen die beiden Wissenschaftler Spätfolgen der Frauen wie Männern jahrhundertelang aufgeherrschten Doktrin von der grundsätzlichen Heiligkeit menschlichen Lebens aufzeigen.
Die Forscher nennen unter anderem die von Papst Johannes Paul II. durch das Pillenverbot geförderte "maßlose Menschenproduktion der Gegenwart", das weltweite "neuzeitliche Kinderelend" und auch jene "Prämien für die Vermehrung", die Bundeskanzler Helmut Kohl über die Bonner Stiftung "Mutter und Kind" fortpflanzungswilligen Deutschen in Aussicht gestellt hat.
Gunnar Heinsohn/Otto Steiger: "Die Vernichtung der weisen Frauen". In: Mammut, März Texte 1 & 2, hrsg. von Jörg Schröder; März Verlag, Herbstein 1984; 1276 Seiten; 35 Mark. Am Göttinger Gänselieselbrunnen. Benannt nach den lateinischen Anfangsworten: "Mit höchster Begierde ..."

DER SPIEGEL 43/1984
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