22.10.1984

Ein babylonischer Turm von Flaschen

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über Verfilmung und Wiederentdeckung von Lowrys „Unter dem Vulkan“ *
Am letzten Abend war er mit einer abgebrochenen Gin-Flasche auf seine Frau losgegangen. Oder sie hatte ihm die halbvolle Flasche weggenommen und gegen die Wand geschleudert, weil sie fand, daß er genug hatte. Und er hatte sie mit einem Stuhl bedroht ...
Jedenfalls war sie zu einer Nachbarin geflüchtet: "Ach Winnie, ich hab'' solche Angst, Malcolm hat Gin getrunken. Kann ich heute abend hier schlafen?"
Am nächsten Morgen fand Margerie Lowry, als sie zu ihm zurückkehrte, ihren Mann tot. Er hatte nach der halben Flasche Gin noch zwei Röhrchen Schlaftabletten geschluckt.
Unfall eines Säufers, der Schlaf sucht, oder Selbstmord eines Suchtkranken, der seine lebenslange Alkohol-Hölle beenden wollte? Jedenfalls starb der noch nicht achtundvierzigjährige englische Autor, der fast die Hälfte seines Lebens in Amerika zugebracht hatte, in der englischen Grafschaft Sussex, wo er zusammen mit seiner zweiten Frau in dem winzigen Ort Ripe eine letzte Zuflucht gesucht und gefunden hatte.
Der Ort, so könnte man sarkastisch sagen, war nicht schlecht gewählt. "Ripe", das heißt nicht nur "reif", bei Tieren auch "schlachtreif", "abschußreif"; "ripe", das heißt im Slang auch "voll", "besoffen", "total abgefüllt".
Malcolm Lowry, Schriftsteller des Suffs und Dante einer Schnaps-Hölle, hatte sein Leben lang eine Vorliebe für solche Symbolik - den Ortsnamen Ripe hätte er sich ebensogut für seinen großen Roman, für "Under the Volcano" ausdenken können. Aber der Konsul, der da zu Füßen der beiden mexikanischen Vulkane Popocateptl und Iztaccihuatl schmählich und kläglich im Suff umgebracht wird, stirbt in einer Kaschemme mit Bordellbetrieb namens Farolito. Und das heißt "Leuchtturm".
Als der Konsul vor der Kneipe von den Kugeln eines Banditen mehrmals in den Bauch getroffen wird, geht er zu Boden: _____" Zuerst empfand der Konsul eine wunderliche " _____" Erleichterung. Sie hatten ihn erschossen, das wußte er " _____" jetzt. Er ging auf ein Knie nieder, dann fiel er stöhnend " _____" flach aufs Gesicht ins Gras. "Mein Gott", bemerkte er " _____" verdutzt, "was für eine schäbige Art zu sterben." "
Ein kläglicher Tod, ein Säufer-Tod nach einer Wirtshausstreiterei. Ein Tod im blutrünstigen Mexiko 1938. Ein Tod in diesem todessüchtigen Land, das gerade kreischend und mit viel Musik den Tag der Toten, Allerseelen, feiert.
Malcolm Lowrys Roman spielt an diesem einen Tag. Er faßt das Leben und Sterben eines britischen Ex-Konsuls in der (unaussprechlichen) Stadt Quauhnahuac (Cuernavaca) in dem einen Tag zusammen.
"Unter dem Vulkan", _(Soeben ist eine Neubearbeitung der ) _(Übersetzung von Susanne Rademacher ) _(erschienen: 448 Seiten; 29,80 Mark. Im ) _(November erscheint außerdem "Spinette ) _(der Finsternis". Über Malcolm Lowry. ) _(Herausgegeben von Joachim Sartorius. 283 ) _(Seiten; 24 Mark. Beide: Rowohlt Verlag, ) _(Reinbek. )
Kultbuch einer erhabenen Verworfenheit, eines heroischen Elends, eines Stolzes in Staub und Dreck, ist, so hat es der Autor selbst in einem Vorwort von 1948 gesagt, "eine authentische Trinkergeschichte".
Was noch? Ein politischer Roman, der ins ferne Mexiko den Schatten des Spanischen Bürgerkriegs fallen läßt: Auch da gibt es, in den Straßenräubern und Kneipenschlägern, den Zuhältern und Geheimpolizisten die Ankündigung des Faschismus. "Unter dem Vulkan" ist ein Roman, in dem sich der Weltkrieg abzuzeichnen beginnt: Als Jude und Kommunist, als Spion beschimpfen die Strauchdiebe in der cantina "Farolito" den Konsul, bevor sie ihn abknallen.
"Unter dem Vulkan" ist auch eine Dreiecksgeschichte, die Geschichte einer Ehe, in der die Ehefrau den Konsul mit seinem Halbbruder Hugh betrogen hat. Es ist ein Roman über einen Engländer in der Fremde, über die Fremde schlechthin. Ein Roman mit literarischen Assoziationen, mit religiösen Symbolen und Anspielungen: Der Konsul stirbt nicht nur als elender Trinker, er stirbt auch eine Art Christus-, eine Art Stellvertreter-Tod.
Und wie der Alkohol im Kopf des Trunkenen die Assoziationen besonders heftig und wirblig wallen und nebeln läßt, so tobt auch bei Lowry (er war Anhänger und Verehrer von so mancherlei Mystizismen und Kabbala) eine magische Beziehungswut:
Sein Halbbruder Hugh braucht nur das norwegische Wort für "Streichholz" zu sagen und ab geht die Assoziationspost im Kopf des Konsuls: _____" Hughs norwegisches Wort Feurstick ging ihm noch durch " _____" den Kopf. Und der Konsul sprach von den Indo-Ariern, den " _____" Iranern " _(Mit Jacqueline Bisset und Albert Finney. ) _____" und dem heiligen Feuer, Agni, das der Priester mit " _____" seinen Feuerstäben vom Himmel herunterrief. Er sprach von " _____" Soma, Amrita, dem Nektar der Unsterblichkeit, dem ein " _____" ganzes Buch des Rig-Veda gewidmet war - Bhang, was " _____" vielleicht ungefähr ... "
Kein Zweifel: "Unter dem Vulkan" ist auch ein überladenes, überfrachtetes, ein über-schriebenes Buch, das in acht Jahren und sechs Fassungen immer mehr unter der Last zu tragen hatte, daß es als opus magnum gedacht war. All die Leiden, durch die Lowry vor seinem und für sein Werk gestolpert und gekrochen war: Sie mußten doch einen ganz und gar großen Sinn ergeben.
"Unter dem Vulkan" ist jetzt auch ein Film von John Huston. In einem Interview hat der große alte Mann des amerikanischen Kinos gesagt, daß sicherlich die Intellektuellen, für die "Unter dem Vulkan" ein Kultbuch voller Anspielungen und geheimer Verbindungen wäre, enttäuscht sein würden.
Im Film wird das Buch wieder, was es ursprünglich war und, unter all der Bildungs- und Geheimwissenschaftslava, immer blieb: die Geschichte eines Trinkers, der sich, nein, nicht zu Tode säuft, sondern, der sich dem Tod entgegensäuft - ausweglos und unausweichlich.
Buch und Film wissen für die Größe und die Schäbigkeit des Suffs frappierende Bilder und Szenen zu finden.
Lowry im Buch scheut sich nicht, die Willenlosigkeit und Impotenz des Konsuls aufzudecken, der seine Frau abgöttisch liebt und doch nur, während er die nach einem Jahr Zurückgekommene umarmt, an einen Schnaps denken kann.
Die erschreckendsten Passagen im Roman sind die, wo sich Gespräche, die der Konsul führt, auf einmal, unerwartet, als Halluzinationen ohne Gesprächspartner erweisen, als Erinnerungen. Hat er überhaupt gesprochen? Sitzt da etwa gar niemand mit ihm? Oder war das vor Stunden?
Der Alkohol schlägt Risse, reißt Löcher in das Bewußtsein, die dem Roman eine unverwechselbare, sowohl reale wie surreale Zeitstruktur geben.
Im Film wird der Trinker von Albert Finney gespielt. Dieser wunderbare, grobklotzige, feinsinnige, tapsige, elegante und plumpe Film-Konsul ist eine Oscar-reife Leistung.
Besoffenheit, jedenfalls die Darstellung von Besoffenen ist eine monotone Sache. Lallen und Torkeln sind nicht so abendfüllend, wie uns Juhnke-Imitatoren in aller Welt weismachen wollen. Nicht so bei Finney. Er spielt die angestrengte, angespannte, fast traumtänzerische Normalität eines mehr und mehr betrunken Werdenden, bei dem sich der Suff nur in kleinen erschreckenden Einbrüchen verrät.
Da geht der Konsul die Straße entlang, ganz auf Würde bedacht, mit ausladenden Gesten und scheinbar festen Schritten, beugt sich dann, ganz gutgelaunter Tierfreund, zu einem streunenden Hund hinunter - und kommt fast nicht mehr hoch.
Oder er blickt sich in einer Kneipe um: Unbemerkt ist seine Frau (Jacqueline Bisset) hinter ihn getreten, überraschend, denn sie war über ein Jahr weg, und die beiden sind geschieden. Und er erzählt dem Wirt eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg. Blickt sich wieder um. Sein Gesicht erstarrt, weil er natürlich meint, eine Suff-Halluzination zu haben, die er sich und dem Wirt verbergen will. Und so einige Male hin und her.
Wie Finney und Huston aus dem Komik-Mittel des double take hier ein tragisches Zeichen für Trinker-Elend machen, das ist schon einmalig.
In einer Szene liegt der Konsul auf der Straße, vom Mescal hingestreckt. Ein anderer Engländer kommt mit dem Sportauto, muß anhalten und erkennt bald den Landsmann. Wie die beiden (Oxford? Nein, Cambridge!) miteinander sprechen, wie sie die ungewöhnliche Situation des Konsuls, so gut es eben geht, zu überspielen, ja zu ignorieren suchen, das wirkt in seiner tragischen Komik wie eine lebendige Definition des britischen Understatements.
Vor allem für den Schluß, die Szenen in der Todeskneipe des Konsuls, hat Huston eine Atmosphäre aus Vulgarität, perverser Lebensfreude, Hurenschmuddligkeit und ständig wachsender Bedrohlichkeit geschaffen, die den Todeskampf des wehrlosen Säufers zu einem filmischen Alptraum von einmaliger Intensität macht. Eine ähnlich "katholische" Stimmung aus Todeslust und Lebensgier kennt man sonst nur aus Bunuel-Filmen.
Lowry, der alle Erniedrigungen seines Säufer-Lebens in seinem Roman zum symbolischen Opfertod erhöhen wollte, muß sich in Mexiko in ähnlich ausweglosen Höllen befunden haben, wenn ihn irgendwelche halbkriminellen Polizisten, richtige Galgenvögel, ins Gefängnis warfen und ihn verächtlich als "borracho" beschimpften. (Nicht auszumalen, was seine Frauen an ihm zu erdulden hatten.)
"Unter dem Vulkan", als Autobiographie gelesen, spielt im Scheitelpunkt (oder soll man sagen: Tiefpunkt?) von Lowrys Leben. 1936 war Lowry mit seiner Frau Jan nach Mexiko gekommen und hatte sich in Cuernavaca eingemietet. Seine Frau verließ ihn mit einem Geliebten ein Jahr später endgültig. Ob das Scheitern der Ehe Ursache oder Folge des Trinkens war, mag nur fragen,
wer für Süchte nach einem sie begründenden, sie erklärbar und damit verstehbar machenden Weil Ausschau hält.
Natürlich gibt es solche Weils in Lowrys Biographie zuhauf: viele klitzekleine psychologisierende Begründungen. Er hat getrunken, weil er der vierte, also ungeliebte Sohn seiner Eltern war, ein Nachzügler, ein überflüssiges Kind, das die Mutter nicht sonderlich mochte und bald ins Internat abschob. Er ist auf der Schule durch die drakonische englische Sporterziehung und durch die puritanische Verdrängungs- und Verklemmungsmaschinerie genudelt worden.
Er hat getrunken, weil schon den Jungen seine Mitschüler und Kameraden (Freud, schau her!) wegen seines zu klein geratenen Glieds hänselten. Er hat getrunken, weil er seine verdrängte Homosexualität noch einmal verdrängen wollte, nachdem ein Studienfreund, von ihm als Liebhaber abgewiesen, Selbstmord machte.
Er hat getrunken, weil ihn das Studium ankotzte. Er hat gesoffen, weil er als Schiffsjunge zur See gefahren ist und weil Seeleute saufen, besonders wenn sie, wie er, eine Todesangst vor Bordellen wegen der Syphilis haben.
Er hat noch mehr getrunken, weil er von seiner Schriftstellerei (1933 veröffentlichte er den autobiographischen Roman "Ultramarin") nicht leben konnte; sein Vater unterstützte ihn noch als zum zweiten Mal Verheirateten mit rund 100 Dollar im Monat.
Er hat aus Angst getrunken, nachdem man ihn 1935 in eine psychiatrische Anstalt in New York gesteckt hatte. Er hat aus Eifersucht auf seine schriftstellernde Frau Jan, hat nach ehelichen Streitereien und Versöhnungen getrunken. Natürlich hat er besonders fürchterlich gesoffen, als ihn Jan in Mexiko allein ließ.
Dann hat er 1939 seine zweite Frau kennengelernt, und gemeinsam haben sie den Roman seines mexikanischen Infernos zu Papier gebracht. Er - stehend an einem Pult, bis er vom Aufstützen Schwielen (wie sie sein Arzt bisher nur bei Affen kannte) an den Händen hatte und durch Krampfadern zerklüftete Beine; sie an der Schreibmaschine, immer wieder die Fassungen korrigierend, ein schriftstellerndes Delirium, das sein Schlüsselerlebnis in Mexiko umkreiste.
Fast ein Jahrzehnt hat er um seinen Roman gekämpft, die meiste Zeit in Dollarton in Kanada, in einer Bucht bei Vancouver, wo er als "Squatter" lebte. "Squatter", das heißt, er hatte sich da "wild" niedergelassen, selbst ein Haus und Möbel gezimmert, lebte ohne elektrisches Licht, auf Orangenkisten und hatte sich einen Steg ins Meer gebaut, schwamm täglich stundenlang. Der Säufer als Vorläufer eines natürlichen, naturverbundenen Lebens? Der ewig Blaue als früher Grüner?
Wie läppisch als "Weils" alle Begründungen sind, zeigte sich beim Erscheinen des Romans. Jahrelang hatten Lektoren das Buch abgelehnt; als es endlich erscheinen sollte, war kurz zuvor ein anderer Alkoholiker-Roman ("Lost Weekend") berühmt geworden, so daß Lowry auf einmal als Plagiator, Nachäffer dazustehen drohte - ausgerechnet er, der sein Buch doch wahrlich nicht nachempfunden, sondern erlitten hatte.
1947 erscheint "Unter dem Vulkan" endlich. Und nun säuft der so lange Verkannte auf einmal, weil er über Nacht der Berühmte ist.
Nein, Begründungen für die Sucht geben nichts her. Ein Süchtiger wie Lowry gibt daher seinem süchtigen Konsul nur Schein-Gründe, die schließlich so endgültig und riesig sind wie das ganze Elend der ganzen Welt. Auch Huston, der als Spieler weiß Gott weiß, was Sucht heißt, fragt in seinem Film nicht nach dem begütigenden Warum.
Schlüssiger als die Begründungen in Lowrys Leben sind die Symptome. Damit sind nicht jene sich zum Erzählen eignenden Anekdoten gemeint, von denen das Leben Malcolm Lowrys natürlich nur so wimmelt.
Freunde erinnern sich, wie sie ihn kennengelernt haben - da lag er in Bierpfützen und Sägemehl in einem Pariser Bistro. Anschließend machte man eine Sause, und die dauerte Tage. Von Kneipe zu Kneipe - "ham wir gesoffen!"
Oder auch, hahaha!, wie er sich, nachdem er eingeladen war, tags darauf entschuldigen mußte: bei der Gastgeberin für seine unflätigen, obszönen Sätze, beim Gastgeber für die zertrümmerten Möbel, das zerbrochene Geschirr.
Sosehr sich der im Suff bramarbasierende, sein Seemannsgarn und seine Schriftsteller-Fäden vom Hundertsten ins Tausendste spinnende Lowry für Anekdoten eignet - sie sind nur begütigende Verharmlosungen einer Passion.
Denn das war das Trinken vor allem: eine Passion. Vieles, ja das meiste davon ist im Roman wiederzufinden aus dem stets nach Schnaps stinkenden Leben.
Da ist die zitternde Hand, der zitternde Kopf, der vom Zittern geschüttelte Körper. Lowry, der keinen Scheck mehr unterschreiben, kein Autogramm geben konnte.
Lowry und sein Konsul, die sich nicht mehr rasieren konnten und keine Krawatte umbinden, von Schnürsenkeln ganz zu schweigen. Sie waren nicht in der Lage, sich einen Gürtel in die Hose zu ziehen, und mußten sich deshalb einen Schlips um die Hüften schlingen.
Der Konsul und sein Autor laufen ohne Socken herum, sie können sich keine mehr anziehen oder vergessen es einfach. Das sieht besonders grotesk zum Abendanzug aus: ein Zeichen der Verkommenheit und Hilflosigkeit.
Dem Konsul bevölkert sich das Badezimmer mit Spinnen, Insekten, Kakerlaken; er hört Stimmen, die innere Bühne und die äußere Realität verwirren sich heillos ineinander.
Malcolm Lowry, von seiner Frau trocken zu Hause gelassen, trinkt Rasierwasser, Schönheitselixiere, Haartinkturen. Ständig läuft ihm der Schweiß über Gesicht und Körper, seine Körperhöhlen sind rot und wund von den stetigen Alkoholausdünstungen.
Da sind die Stürze, an die er sich nicht erinnert, die Verhaftungen, die ihn demütigen, die Einweisungen in Klapsmühlen, die in beutelnden Turkeys. 1949 etwa stürzt er (man sagt ja wohl "sturzbetrunken") von seinem Pier und knackst sich das Rückgrat an.
Muß dieses Sucht-Martyrium nicht ein Ziel, einen Sinn, einen tieferen Zweck haben? Oder gibt es Leiden ohne Erlösung? Man ist da schnell mit den Erklärungen von der Bewußtseinserweiterung, von den neuen Reichen der Erfahrung zur Hand, wenn es um suchtkranke Schriftsteller geht. Entweder gelten sie dann als kühne Forschungsreisende, die, um uns unbekannte innere Kontinente zu entdecken, ihre Gesundheit riskieren. Oder sie gelten als altruistische Ärzte, die das Schreckliche im Selbstversuch auf sich nehmen, um dann davor um so überzeugender warnen zu können.
Lowry gehört weder zu den Hymnikern der unerhörten, unerfahrenen Wunderwelten, zu denen er auf der Flasche gesegelt wäre. Noch rechnet er zu den einst feuchten Predigern in der trockenen Wüste: "Wach auf, du verrotteter Christ!" Natürlich sucht er Solidarität, niemand ist gern allein, auch nicht im feuchtesten Elend. Dylan Thomas, den saufenden Lyriker, hat er geschätzt, zu F. Scott Fitzgeralds Roman "Zärtlich ist die Nacht" hat er ein Drehbuch geschrieben. Säufer klammern sich an Säufer; aus der Kneipe geht''s sich besser, wenn man einander torkelnd stützt.
Aber sosehr Lowry sein Leben durchlitten hat - er verschont sich und uns mit der Illusion, das alles sei (zur Probe, Prüfung, Bewährung) doch zu etwas gut gewesen. Der letzte Satz des Buchs lautet, da ist nichts von Verklärung: "Jemand warf einen toten Hund ihm nach in die Schlucht."
Und der Alkoholkonsum? Auch er ergibt keinen tieferen Sinn, sondern hinterläßt bestenfalls einen Berg leerer Flaschen: _____" Der Konsul senkte schließlich den Blick. Wie viele " _____" Flaschen seitdem? In wie vielen Gläsern, wie vielen " _____" Flaschen hatte er sich seitdem allein versteckt? " _____" Plötzlich sah er sie, die Flaschen mit Aguardiente, Anis, " _____" Jerez und Highland Queen, die Gläser - einen " _____" babylonischen Turm von Gläsern, der sich immer höher " _____" türmte wie der Rauch des Zuges an jenem Tag, bis in den " _____" Himmel hinauf, und der dann fiel, so daß die Gläser " _____" purzelnd und zerschellend vom Generalife-Park " _____" hinunterrollten und alle Flaschen zerbrachen, " _____" Oportoflaschen, tinto, blanco, Pernod-, Oxygenee- und " _____" Absinthflaschen, Flaschen zerspitterten, weggeworfene " _____" Flaschen, die dumpf aufschlagend auf Parkwege, unter " _____" Bänke, Betten und Kinositze fielen, die in Konsulaten in " _____" Schubladen versteckt wurden, fallengelassene, zerbrochene " _____" Calvadosflaschen, die in tausend Scherben zersprangen, " _____" Flaschen, die auf Müllhaufen oder ins Meer geschmissen " _____" wurden, ins Mittelländische, Kaspische oder Karibische " _____" Meer, Flaschen, die im Ozean schwammen, erledigte " _____" Schotten im atlantischen Hochland. Und nun sah und roch " _____" er sie alle, vom ersten Anfang an - Flaschen, Flaschen, " _____" Flaschen und Gläser, Gläser, Gläser mit Bier, Dubonnet, " _____" Falstaff, Rye, Johnnie Walker, Veux Whiskey blanc " _____" Canadien; die Aperitifs, die Magenbitter, die Halben, die " _____" Doppelten, die ''noch eines, Herr Ober'', die et glas " _____" Araks, die tusen taks, die Flaschen, die Flaschen, die " _____" schönen Flaschen mit Tequila und die Kürbisflaschen, " _____" Kürbisflaschen, Kürbisflaschen, die Millionen " _____" Kürbisflaschen mit herrlichem Mescal ... "
Das ist ein Kalvarienberg, aber aus Scherben, Flaschen, Gläsern, von dem Ströme von Bier, Wein und Schnaps fließen - auch Brechts versoffener Gutsherr Puntila steht ja, am Schluß des Volksstücks, auf einem Berg, auf einer Geröllhalde seiner Saufexzesse, und blickt, vom Rausch zum Dichter gemacht, seine Heimat an.
Lowry war ein Realist der alkoholischen Visionen und ein Visionär der alkoholischen Leiden, vom Kotzen, vom Delirieren, vom Sich-selbst-Verlieren.
Hustons Film, ein spätes, fast ist man versucht zu sagen, ein testamentarisches Meisterwerk des 78jährigen Regisseurs, zeigt den mexikanischen Todes-Karneval zu Allerseelen mit derselben Gelassenheit, mit der er die Obszönitäten dieser verarmten, verelendeten Welt festhält.
Der Konsul ist darin behütet wie ein Kind: Eben noch angebettelt von den Kindern, fallen ihm bei der Fahrt in einem Looping-Karussell auf dem Rummelplatz Geld, Pfeife und Sonnenbrille aus der Tasche. Die Kinder sammeln dem Hilflosen alles brav ein.
Der Konsul ist aber auch bedroht wie ein Kind: Eben noch hat er sich im Farolito mit allen verbrüdert, hat einen ausgegeben, hat mit allen gesoffen, hat sich eine Hure aufschwatzen lassen, sie hat sich erfolglos auf den schwer Schnaufenden gelegt, er hat trotzdem gezahlt, da wird er beraubt, geschubst, gestoßen, totgeschossen.
Es mag paradox klingen: Aber Huston hat in Lowrys Konsul etwas aufgespürt, was Finney perfekt verkörpert. Der Haltlose hat gegenüber seiner totentanzenden Umwelt eine Haltung.
Lowry ist nicht zufällig Kultfigur einer Generation, die sich als "lost" umschrieb. Verlorene, die sich, das zumindest, eine heroische Attitüde zulegten. Stierkämpfer, Fixer, Vagabunden, Säufer, Teilnehmer am Bürgerkrieg in Spanien - natürlich immer auf der Seite der Verlierer.
Soeben ist eine Neubearbeitung der Übersetzung von Susanne Rademacher erschienen: 448 Seiten; 29,80 Mark. Im November erscheint außerdem "Spinette der Finsternis". Über Malcolm Lowry. Herausgegeben von Joachim Sartorius. 283 Seiten; 24 Mark. Beide: Rowohlt Verlag, Reinbek. Mit Jacqueline Bisset und Albert Finney.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 43/1984
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