15.04.1985

AFFÄRENAbbild der Hölle

Peter Handkes Zusammenstoß mit der Salzburger Polizei: Wie aus einem Mißverständnis eine Affäre wurde. *
Dichter kontra Staatsmacht" ist ein international viel gespieltes heroisches Drama. Man kann es freilich auch - wie im Falle "Peter Handke und die Polizeistreife" geschehen - als Salzburger Lokalposse inszenieren und dann als Fernsehschwank bearbeiten.
Wäre es nach dem Schriftsteller Peter Handke gegangen, so hätte sich das alberne Spektakel am Abend des 27. Februar von selbst erledigt. "Zum Fall", so meinte der Dichter mit dem Wohnsitz auf dem Salzburger Mönchsberg, "wurde der Vorfall durch die Angst der Polizei und die Gier der Medien; ich, von mir aus, wollte schweigen."
Der Zwischenfall in jener Februarnacht begann läppisch genug - mit einem Mißverständnis zwischen dem Fußgänger Handke und zwei Beamten der für geringe Zimperlichkeit bekannten Salzburger Polizei. Da wollte der Dichter gegen Mitternacht eben eine Telephonzelle auf dem Salzburger Universitätsplatz betreten, als eine Polizeistreife vorbeikam, in der Nähe ein Auto mit laufendem Motor entdeckte und den Passanten Handke aufforderte, sofort den Motor abzustellen.
Damit kamen die Polizisten gleich doppelt an den Falschen. Handke, Besitzer weder des Wagens noch überhaupt eines Führerscheins, fühlte sich zu Unrecht angeherrscht und rüde geduzt. "Das Ungerechtfertigte der ganzen Anschnauzerei" erschien dem Dichter "als Abbild all dessen, was für mich Menschenverachtung, Hölle, Gesichtslosigkeit bedeutet". Statt sich, wie verlangt, auszuweisen - die Salzburger Polizisten hatten ihren prominenten Mitbürger inzwischen ohnehin erkannt -, ließ sich Handke zu einem drastischen Vergleich hinreißen: "Ihr steht da vor mir mit euren Stiefeln wie Nazi-Bonzen."
Der Satz klang den Beamten wie "Nazi-Bullen" in den Ohren. Die Folge: Handke wurde festgenommen, ins nächste Polizeiwachzimmer eskortiert und verließ den Posten eine Stunde später mit einer Strafanzeige "wegen ungestümen Verhaltens".
Und von hier an bauscht sich der Zwischenfall zur Affäre. Am nächsten Tag lieferte die Polizei den Zeitungen ihre eigene Version der Ereignisse. Das österreichische Fernsehen, aufmerksam geworden, bosselte für das ORF-Magazin "Inlandsreport" den Bericht "P. H. und die Polizei" und löcherte den unwilligen Autor so lange um ein Interview, bis dieser mit seiner Meinung über die Salzburger Polizei und deren Chef, den ehemaligen Rottenführer der Waffen-SS und jetzigen Polizeihofrat Hans Biringer, nicht länger hinter dem Berg hielt.
Worauf der zuständige ORF-Hauptabteilungsleiter der Dokumentation Peter Rabl den Beitrag aus der Sendung nahm - mit der Begründung, er wolle Handke keine "Bühne zur öffentlichen Abrechnung mit der Polizei geben", denn ihm, Rabl, sei zugetragen worden, der Schriftsteller suche seit Monaten quasi aus Sport die Konfrontation mit der Polizei.
Was Handke im ORF nicht sagen durfte, das schrieb er statt dessen im Wiener Magazin "Profil". Da machte er seinem "Zorn über obrigkeitliche Niedertracht und Menschenverachtung" Luft, nannte die Gesichter von Jungpolizisten "säuglingshaft ungestalt" und diese selbst "entartet", bezeichnete den Polizeidirektor Biringer wegen dessen SS-Vergangenheit ("reuelos, gedankenlos, gefühllos") als "alpenländischen Folterknecht", verlieh seiner Empörung über Bundeskanzler Sinowatz und andere "machthabende, geistfeindliche Staatsmännlein" wortreichen Ausdruck und zieh den Sendungsverhinderer Rabl der "Feigheit und Charakterlosigkeit: ein solcher "Journalist ist ein bloßer Sklave, ein Handlanger der Obrigkeit".
Mit seiner nicht gesendeten Philippika gegen heimische Machthaber befindet sich Peter Handke in bester Gesellschaft. Erst kürzlich hatte der ORF den Grazer Schriftsteller Gerhard Roth um eine Stellungnahme zur innenpolitischen Krise der Koalitionsregierung gebeten und sich dann, absprachewidrig, geweigert, sie auch zu senden. Der Bundeskanzler jener Partei, der Roth attestierte, "mit ihrem fetten Hintern schwerfällig auf ihren Pfründen" zu sitzen, hätte ja böse sein können.
Begreiflich, daß ORF-Herren bei so viel Mannesmut vor Kanzlerthronen ein besonders empfindliches Ehrgefühl aufzuweisen haben: Rabl beeilte sich, Handke auf Ehrenbeleidigung zu verklagen. Dieser seinerseits kriegt nun für seine Polizeibeschimpfung die geballte Kunstliebe der "Kameradschaft der Exekutive Österreichs" zu spüren - geifernde Polizistenbriefe, die den Schriftsteller ("selbst entartet") für den "Dreck, den er fabriziert", zum Teufel oder wenigstens ins Exil wünschen.
Dabei ist Handke, was seine Ehre als Künstler anlangt, heikel bis zum eigenen Schaden. Erst neulich hat er den mit 100 000 Schilling dotierten Anton-Wildgans-Preis der österreichischen Industriellenvereinigung zurückgewiesen, weil er sich durch ein Zitat in deren Verbandszeitschrift ("genialster Opportunist der Nachkriegszeit") verunglimpft fühlte.
So geraten Dichterworte und literarische Ehrenhändel in Österreich leicht aufs Gaudi-Niveau des Kleinen Bezirksgerichts. Schon vor Jahren hat Handke sein Heimatland auf den ekligen Begriff gebracht: Österreich, das sei "das Fette, an dem ich würge". Unklar ist nur, wer diesmal das meiste Fett abgekriegt hat - der Dichter oder seine Landsleute.

DER SPIEGEL 16/1985
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