18.03.1985

„Wie kann man nur in Deutschland leben?“

Junge Juden berichten über ihr Leben in der Bundesrepublik und Österreich (III) _(1985 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. ) _(Der ungekürzte Text von Peter Sichrovsky ) _(erscheint unter dem Titel „Wir wissen ) _(nicht, was morgen wird, wir wissen wohl, ) _(was gestern war. Junge Juden in ) _(Deutschland und Österreich“ (191 Seiten, ) _(14,80 Mark), im Verlag Kiepenheuer & ) _(Witsch, Köln. ) *
Martha Ich bin 28 Jahre alt. Von Beruf Journalistin. Und außerdem bin ich Jüdin. Das sage ich meistens dazu, all jenen, die es hören wollen, und auch jenen, die es nicht hören wollen. Ich weiß, das klingt sehr selbstsicher und aggressiv, aber das war nicht immer so.
Ich glaube, ich war ungefähr zwanzig, bis ich so frei darüber sprechen konnte. Vorher stand ich sehr stark unter dem Einfluß meiner Eltern. Die reagieren genau umgekehrt. Niemand soll wissen, daß sie Juden sind. Dementsprechend war auch ihr Verhalten.
Das sei doch nicht so wichtig, und behalte es lieber für dich, damit du keine Schwierigkeiten hast, waren immer ihre Ratschläge. Als ich früher so mit 15 oder 16 Jahren fragte, ob sie Angst hätten, hier in Wien zu leben, oder ob sie ans Auswandern dächten, wehrten sie ganz empört ab. Aber wo denkst du hin! Dies ist ein freies Land und auch ein gutes Land. Was einmal geschah, wird nie wieder passieren. Sieh dir doch die Welt an, überall Unruhen und Katastrophen, nur hier ist es ruhig.
Kein Wort davon, daß sie nur wegen des Geldes, der Wiedergutmachung nach Österreich zurückgekommen sind. Tote zu beschenken macht zwar keinen Sinn, aber die Überlebenden dafür zu bezahlen, daß sie zurückkommen, ist nicht nur sinnvoller, sondern beruhigt außerdem das Gewissen.
Sie führen heute ein kleines stilles Leben, glücklich über jeden Tag, den sie auf der Welt sind. Ich kann sie nicht verurteilen, nicht einmal kritisieren. Sie haben so viel gelitten in ihrem Leben, daß man sie dafür, daß sie noch fähig sind zu leben, verehren und auch lieben muß.
Beide haben das Konzentrationslager überlebt. Mein Vater war vier Jahre dort, meine Mutter drei. Erst nach der Befreiung lernten sie einander in einem Sanatorium kennen. Und wenn irgend jemand sie fragt, wie man denn nach so viel Grausamkeit noch ein ganz normales Leben führen könne, antworten sie ganz ruhig mit einem Lächeln: Es war eine wertvolle Erfahrung, und wir würden heute nicht jeden Tag so genießen, wenn wir nicht das Lager überlebt hätten.
Ich bin ganz anders. Ich habe mir immer geschworen: Mit mir nicht! Ihr werdet mich nicht zerbrechen, eure schmutzigen Schuhe nicht auf meinem Rücken abstreifen.
Meine Eltern sind sehr lieb, freundlich, nett. So nett, daß man gar nicht auf die Idee kommt, hinter die Fassade zu schauen. Dort zittern sie nämlich, am ganzen Körper. Sie leben das Leben eines Kaninchens vor der Schlange. Sie sitzen vor einem vollen Freßnapf und vergessen hie und da die Schlange im Rücken; aber sie ist da, und sie spüren sie auch. Schon als Kind ist mir die Angst meiner Eltern aufgefallen. Die Angst vor meinen Lehrern, vor einem Polizisten, vor einem eingeschriebenen Brief.
Aber meine Eltern sind nicht nur geistig, sondern auch körperlich verstümmelt. Mein Vater zum Beispiel trägt auf einem Fuß Schuhe mit der Nummer 41, auf dem anderen mit der Nummer 36. Als er ins Lager kam, war er 14 Jahre alt;
er war klein, schmächtig, aber sehr zäh. Sie stellten ihn zu den Gruben bei den Massengräbern, und er mußte Kalk über die Leichen schaufeln. Dabei stand er mit einem Fuß immer im Kalk, und so blieb dieser im Wachstum zurück.
Meiner Mutter fehlen an der linken Hand zwei Finger. Sie war zeitweise abkommandiert in eine Fabrik. Schutzvorrichtungen gab es damals wahrscheinlich nicht. Schon gar nicht dort, wo Häftlinge arbeiten mußten. War eine tot, holte man sich eben eine neue.
Aber andererseits war diese Verletzung meiner Mutter auch ihre Rettung. Irgendein Angestellter der Firma, wo sie arbeiten mußte, half ihr und holte einen Arzt, der die Hand notdürftig verband. Der Unfall geschah kurze Zeit vor der Befreiung. Und in dem allgemeinen Chaos, das in den letzten Wochen bis zum Ende im Lager herrschte, konnte sie sich irgendwie verstecken.
Jedenfalls überlebten sie beide. Kamen dann in ein Sanatorium, in dem sie sich kennenlernten und ineinander verliebten. Sie haben mir diese Szenen immer wieder beschrieben. Im Gegensatz zu den Zeiten im Lager, worüber sie kaum imstande sind zu sprechen.
Als sie nach dem Krieg einander das erste Mal sahen, hatten sie noch kahlgeschorene Köpfe und eingefallene abgemagerte Körper. Mein Vater war gefühlsmäßig vollkommen gestört. In den ersten Wochen in der Klinik stahl er überall Brot und verbarg es unter seiner Matratze. Selbst als es schon vollkommen verschimmelt war und die Schwestern es wegwerfen wollten, weigerte er sich und bekam hysterische Anfälle. Es war für ihn unvorstellbar, daß plötzlich alles vorbei sein sollte. Heute noch würde er es nie fertigbringen, ein Stück Brot wegzuwerfen.
Damals im Sanatorium trafen die beiden also aufeinander, ausgehungert nach Liebe und Zärtlichkeit. Auch heute haben meine Eltern ein sehr inniges und herzliches Verhältnis. Kaum, daß einer einen Schritt ohne den anderen tut. Sie sind vollkommen abhängig voneinander und wollen nie ohne den anderen sein.
Wie lächerlich kommt mir da oft heute die Liebe vor. Dieses verzweifelte Aufputzen für einen Augenblick, um endlich den Richtigen für sich zu gewinnen. Ich glaube, ich werde nie heiraten. Diese Intensität und diese Art von Liebe kann es heute nicht mehr geben.
Ich hatte viele Verhältnisse mit Juden und auch Nichtjuden. Aber immer wieder ertappe ich mich dabei zu überlegen, ob es so ist, wie bei meinen Eltern damals. Ob mich nicht der Schein trügt, ein Name, ein Titel, ein Beruf, ein Auto, Geld oder Erfolg. Was wäre von diesem Mann noch übrig, wenn er im Lager wäre? Oder mich sehen würde - zerlumpt, verdreckt, mit schlaffen eingefallenen Brüsten und Knochen statt des runden schönen Hinterteils.
Ich versuchte es zuerst mit Nichtjuden. Nicht einmal Widerstand gab es bei meinen Eltern. Immer nur die wenigen und gütigen Sätze wie: Es ist dein Leben, und du mußt dich entscheiden. Aber wenn du einen Rat willst, heirate nur einen Juden. Ich wollte raus aus der Geschichte. Nicht bei jedem beschnittenen Penis an die ermordeten Verwandten denken. Unbelastet und frei mit der Liebe umgehen. Meine Freunde waren Österreicher, Italiener, Franzosen, alles - nur keine Juden.
Es ging meistens ganz gut, bis sie es durch Zufall erfuhren, daß ich Jüdin war; eine Jüdin, die in Österreich lebte. Dann kam der Reiz der Exotik. Vor allem bei den Männern hier in Wien. Für den Wiener Intellektuellen ist eine Jüdin so etwas wie für den einfachen Arbeiter die Frau aus Thailand. Das prickelnde Gefühl, mit einer im Bett zu liegen, wofür man vor 40 Jahren verhaftet worden wäre. Die waren dann oft so gütig, so verständnisvoll, als hätten sie es mit einer Behinderten zu tun.
Interessant war auch immer die Trennung zwischen links und rechts. Da gab es die miesen linken Typen, die ihre Solidarität mit den Opfern dadurch mitteilten, daß sie sich selbst zu Opfern machten. Ich gehöre zu dir, weil ich als Linker genauso verfolgt werde wie du damals während der Nazi-Zeit, und lauter solchen Schwachsinn mußte ich mir anhören. Oder die Rechten sagten mir, toll wie ihr heute den Arabern eine aufs Maul haut, ich finde das ganz phantastisch.
Dann gab es noch jene mit der sozialen Tour. Du armes Kind mit all deinen psychischen Problemen aufgrund der Geschichte deiner Eltern usw. Die wollten mich auf jeden Fall zur Patientin machen. Keiner war darunter, der mich einfach als Frau akzeptierte. Jeder sah seine eigenen Probleme mit Juden in mir. Sie schenkten mir Bücher über die Verfolgung der Juden während der Nazi-Zeit. Sie gingen mit mir in Filme über die Verfolgung der Juden. Sie diskutierten mit mir über Neo-Nazismus und die Politik Israels. Ich war der Abfalleimer für ihre beschränkte Phantasie, ihre Gefühllosigkeit und ihr gestörtes Verhältnis zur Vergangenheit.
Nachdem ich damit scheiterte, versuchte ich es mit Juden. Das war zwar im Moment vertrauter und einfacher, ergab aber ganz andere Probleme. Die wollten mich meist gleich der Mutter vorstellen, mich in die Familie einführen. Nach ein, zwei Wochen sollten einander auch die Eltern kennenlernen. Ein Riesentheater wurde inszeniert und zuerst indirekt und später direkt sehr bald von Heirat gesprochen.
Fehlte den nichtjüdischen Männern in Wien oft die Wärme und die Sehnsucht, waren viele der jungen Juden gefühlsmäßig ausgebrannt und erloschen. Fliehende unruhige Typen, entweder fanatisch in ihrem Assimilationswunsch, verschwindend in einer blöden Schickeria, sich einbildend, daß sie gute Wiener seien, nur weil sie Mercedes oder BMW _(In einem Rüstungsbetrieb im ) _(deutschbesetzten Polen. )
fahren und ein dickes Konto bei der Creditanstalt haben.
Oder die anderen ständig jammernd, daß sie im falschen Land lebten, umgeben von den falschen Menschen. Linke Softies, die vom jüdischen Patriarchen träumen, oder jüdische Machos, die sich mit blonden Frauen an ihrer Seite schmücken. Seht her, ich als mieser Jud hab euch nicht nur überlebt, sondern nehm euch jetzt eure Frauen weg. Ich glaube, ich werde nie heiraten!
Letzte Woche war ich bei einer Hochzeit eingeladen. Er ein Jude, Arzt, sieht aus wie eine Karikatur aus dem "Stürmer". Klein, gekrümmter Rücken, Brille, schwarze Haare, große Nase und volle Lippen. Sie, die Tochter eines alten Nazis, schlank, zäh, durchtrainiert, einen Kopf größer als er und ein paar Jahre älter.
Zuerst wollte er, daß sie zum Judentum übertrete, aber sie wollte nicht. Also heirateten sie nicht konfessionell. Zur Feier nach der Hochzeit sollten so viele Menschen wie möglich kommen. Aber wer sollte kommen? Jüdische Hochzeit war es keine, christliche auch nicht. Sie feierten dann in einem Sommerhaus, luden ein paar hundert Leute ein, hauptsächlich Arbeitskollegen und Leute aus der Umgebung.
Sie kamen auch alle, vor allem aus der Umgebung. Ein Typ im Trachtenanzug hielt die Hochzeitsrede. Da stand er nun, der kleine Jud mit der Germanin an seiner Seite, und ein mieser Kleinbürger im Nazi-Look sprach heitere, wohlwollende Worte. Dann wurde getanzt, gelacht und gesoffen. Und sie waren so, wie sie immer sind, wenn sie sich richtig amüsieren.
Draußen im Garten standen ein paar verlorene Gestalten herum und wußten nicht, was sie tun sollten. Es waren die paar Juden, die gekommen waren. Linkisch und hilflos gingen sie ein paar Schritte hin und her und versuchten, zueinander höflich zu sein. Drinnen wurde getanzt um den kleinen Juden herum. Er wird es vielleicht nie begreifen, vielleicht auch nie begreifen wollen.
Es wird sich zeigen, wie weit er bereit ist, seine Vergangenheit aufzugeben. Assimilation ist sicherlich eine verständliche Handlung, nach allem, was uns Juden angetan wurde. Die totale Assimilation kann jedoch zu einem Verrat an den Toten werden. Ein Verzeihen kann und muß es geben, sonst wäre es unmöglich, als Jude heute in Wien zu leben. Ein Vergessen jedoch darf es nicht geben. George Tabori hat in einer Erzählung einen wichtigen Satz geschrieben: "Aber man hüte sich, dem Feind in die Augen zu sehen, sonst könnte es sein, daß man aufhört, ihn zu hassen."
Wir jungen Juden können uns heute hier in Wien nicht einfach so unters Volk mischen, als ob nichts gewesen wäre. Vor allem deshalb nicht, weil unsere Eltern auf die eigene Rache und die Sühne der Täter verzichtet haben. All diese großen und kleinen Rachefeldzüge der Israelis gegen die Araber haben etwas Lächerliches und Perverses. Gegen ihre eigentlichen Mörder, die Deutschen und Österreicher, wurde nichts unternommen, keine Rache, keine Vergeltung, nicht einmal Wut; höchstens Verzweiflung und Trauer.
Einzig der Eichmann-Prozeß. Einer der wenigen Österreicher, die wenigstens zum Tode verurteilt wurden. Aber was ist sonst geschehen? Nichts! Wir, die Opfer, wollten Geld. Eine Bezahlung für das Gas, das wir atmen mußten, und das Feuer, das uns verbrannte. Wenn wir sie aus Rache getötet hätten, wer hätte dann noch wiedergutmachen können?
Jedesmal, wenn so ein mieser Nazi freigesprochen wurde, protestierten wir und mit uns die liberalen und linken Intellektuellen. Aber niemand lauerte diesem Schwein auf, um es umzulegen. Der geht nach Hause, läßt sich von seiner Frau umarmen, und alles ist erledigt. Wahrscheinlich veranstaltete er noch eine kleine Party mit Freunden, um seinen Sieg zu feiern.
Warum tötet in diesem Land niemand aus Trauer, Empörung oder Verzweiflung? Warum nur auf Befehl und aufgrund einer Vorschrift? Was hier in Österreich und Deutschland nach 1945 geschah, ist ein Freibrief für zukünftige Mörder. Und trotzdem oder gerade deshalb lebe ich hier in Wien. All diese Spannungen, diese Wut, die mich immer _(Bei der Urteilsverkündung im Jerusalemer ) _(Prozeß, 1961. )
wieder ergreift, sind Quellen der Lebensenergie und auch die Grundlage meines Schreibens.
Manchmal vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit irgend jemandem zusammenkrache, sei es der Taxifahrer oder die Obstfrau. Ich streite mit den Leuten, schreie herum und beschimpfe sie, wenn immer ich nur die geringsten Anzeichen von Nazitum, Antisemitismus oder Ausländerfeindlichkeit entdecke.
Auch meine journalistische Tätigkeit beschäftigt sich hauptsächlich mit diesen Themen. Nicht, daß ich die Hoffnung habe, die Menschen zu verändern, aber sie sollen es nicht zu leicht haben. Sie sollen spüren, daß es jemanden gibt, der es wagt, sie anzubrüllen, wenn sie irgendeinen Scheiß sagen.
Ich habe auch versucht, in Israel zu leben. Nach dem Studium fuhr ich hin. Schon vorher hatte ich immer wieder betont, daß dieses Land für mich keine Bedeutung habe. Ich bin eine Jüdin, aber keine Israelin, das war immer mein Spruch. Dann stand ich dort vor der Klagemauer zum ersten Mal in meinem Leben und bekam einen Weinkrampf. Brach zusammen und war vollkommen verzweifelt.
Ich kann noch heute kaum darüber sprechen, aber es war so ein intensives Erlebnis, wie ich es nie zuvor hatte. Ich blieb dann ein ganzes Jahr in Israel. Es wurde zu einer großen Enttäuschung, aber zu einem wichtigen Erlebnis.
Letzten Endes mußte ich erkennen, daß es nicht das Land war, wie es meine Eltern und Freunde immer wieder beschrieben. Es war nicht das Land, in dem die Juden so miteinander umgehen, als wären sie endlich froh, unter sich zu sein. Auch meine ganz naiven Vorstellungen von dem auserwählten Volk im Lande Israel wurden enttäuscht. Es war ein Land wie jedes andere auch: mit Dieben, Räubern, Mördern und Prostituierten.
Als Kind war es für mich undenkbar, daß Juden auch schlechte Menschen sein könnten. Böse waren immer nur die anderen, die uns Juden alles wegnahmen und uns umbrachten. Wenn es also keine anderen gab, dürfte es auch keine Bösen geben. Das war die Logik eines Kindes. Die Erlebnisse waren dann ganz andere, aber auch für viele andere Juden aus europäischen Ländern.
Als ich von Israel zurück nach Wien kam, bot man mir eine sehr interessante Stelle bei einer großen Zeitschrift an. Auch hier hatte ich ein Erlebnis, das meine Naivität gegenüber Juden beschreiben könnte. Da gab es einen Kollegen, der war auch Jude. Ich suchte natürlich seine Nähe und war froh, wenigstens einen der unsrigen als Kollegen zu haben. Er war auch sehr freundlich und nett, und ich vertraute mich ihm voll an.
Durch einen Zufall erfuhr ich später, daß er es war, der gegen mich intrigierte, als ich versuchte, eine sehr wichtige, ihm vorgesetzte Stelle zu bekommen. Es war ein schreckliches Erlebnis für mich. Vor allem über meine eigene Blödheit war ich erschüttert. Warum hatte ich ihm blindlings vertraut? Nur weil er beschnitten war?
Wir Juden hier in Wien haben niemanden, nicht einmal uns Juden. Unser Leben ist wie ein Hafturlaub. Die, die überlebten, dürfen jetzt ein wenig die Freiheit genießen. Aber es kann täglich der Ruf für uns kommen: Zurück in die Zelle!
Vielleicht leben wir deshalb so intensiv und übertreiben alles ein wenig. Der kleine jüdische Goldschmied ist genauso fanatisch und hat in wenigen Jahren ein großes Geschäft wie ein Arzt, der schneller als alle anderen Professor wird. Wir schaffen uns einen neuen Judenhaß dadurch, daß die wenigen von uns, die heute in Wien leben, übermäßig fleißig und erfolgreich sind.
Aber die anderen verstehen uns nicht. Sie wollen nicht begreifen, daß wir nicht so viel Zeit wie sie haben. Denn irgendwann einmal wird wieder einer auf die Idee kommen, uns alles wegzunehmen und uns alle umzubringen. Und es werden wieder alle mittun. Vor allem hier in Wien. Mit der Grausamkeit der Menschen in Österreich muß ich immer rechnen.
Aber für uns Juden ist das Leben hier auf der Erde wichtig. Es gibt keine Hölle und kein Paradies. Und so lächerliche Figuren wie der Teufel bei den Christen machen uns keine Angst. Dieses goische Theater mit Blasengeln und Empfang mit Handschlag am Tor zum Paradies. Wir müssen warten bis zum Jüngsten Tag, bis der Messias kommt. Und bis dahin werden wir in unseren Holzkoffern liegen. Wir Juden haben ein ganz anderes Verhältnis zu unserem Gott als die Christen. Wozu soll er uns nach dem Tode besser leben lassen als vorher?
Nur seit der Nazi-Zeit ist alles anders. Mit einem Gott, der zürnt, kann man keine Verträge schließen. Ich bin von meinen Eltern sehr religiös erzogen worden. Wir waren regelmäßig in der Synagoge. Aber seitdem ich selbst denken kann, bin ich mir nicht mehr sicher, ob es einen Gott gibt. Und wenn es ihn gibt, dann hat er das Böse in die Welt sickern lassen.
Die guten Menschen sterben aus. Mein Lieblingsvorbild ist Egon Friedell. Als die Gestapo in sein Haus stürzte, er wohnte im dritten Stock, machte er das Fenster auf und schrie hinunter: "Achtung,
bringen Sie sich in Sicherheit!" Dann sprang er. Diese Rücksicht, diese Sensibilität.
Vielleicht sind wir ein zum Aussterben verurteiltes Volk. Seit dem jüdischen Krieg gegen die Römer bis zur Gründung des Staates Israel gab es keine kriegerische Geschichte der Juden. Das Kriegshandwerk war das am meisten inißachtete, das Allerblödeste, was man tun konnte. Am zweitblödesten ist das Handeln; das einzige, was taugt, ist das Studieren der Bibel. Wie kann ein solches Volk unter lauter Barbaren überleben?
David
Meine Großmutter, die Mutter meiner Mutter, lebt noch. Der Großvater ist verschollen, irgendwo in Rußland, glaube ich. Der Vater meines Vaters hat angeblich während des Krieges immer hier in Deutschland in einem Bunker gesessen und gelesen. Als der Krieg aus war, war er blind. Irgendwann ist er dann gestorben. Meine beiden Großväter habe ich nie gesehen. Eigentlich habe ich keine Ahnung, wer sie waren, was sie taten und von wo sie kamen.
Von den Großmüttern weiß ich etwas mehr. Die Mutter meiner Mutter zum Beispiel hat das Judentum nie so ernst genommen. Vielleicht hat sie deshalb überlebt?
Im Grunde genommen weiß ich sehr wenig über die Generation vor meinen Eltern. Wie das kommt? Keine Ahnung. Es liegt halt auch alles schon sehr lange zurück.
Ich bin hier in Berlin geboren, 1969. Habe immer hier gelebt und gehe jetzt in die 10. Klasse.
Bis vor kurzem war das Judentum in unserer Familie eigentlich nie eine große Diskussion. Es war immer selbstverständlich, daß man in die Synagoge geht. Jeden Freitag, zu Jom Kippur (Versöhnungstag, der höchste jüdische Feiertag) und zu all den anderen Festen. Das war ganz normal für mich.
Aber ich kann nicht sagen, daß ich immer gern hingegangen bin. Meine Mutter wollte es, und ich machte mit, ohne viel darüber nachzudenken. Die Pflege der Tradition hat für mich nicht den Wert wie für meine Mutter. Außerdem glaube ich nicht an Gott! Ich bin ein Naturwissenschaftler, mich interessieren die Technik und Mathematik.
Das sind ja alles Widersprüche zum Glauben. Also bleibt nur noch die Tradition. Aber die alleine ist zuwenig, um Jude zu sein. Jedenfalls für mich. Es war immer das gleiche in der Synagoge. Nie passierte etwas, das mir bestätigte, daß ich Jude bin oder sein soll. Wozu dann das alles?
Eine Antwort darauf hab'' ich nie bekommen. Jude bin ich und bleibe ich auch ohne Synagoge. Ich erlebe dort einfach kein Gemeinschaftsgefühl, ich bin da nicht einer unter vielen. Ich stehe dort herum und warte, bis alles vorbei ist, gefühlsmäßig spielt sich da nicht viel ab. Sicher, ich weiß, es gibt andere in meinem Alter, die ganz anders denken. Aber ich kann mich nicht zu etwas zwingen, was einfach nicht da ist.
Ich war im jüdischen Kindergarten und auch im jüdischen Hort. Dort gab es genügend Kinder, die nie etwas in Frage gestellt haben. Wahrscheinlich kamen die aus orthodoxen Familien. Da überlegt man nichts und wehrt sich auch nicht. Für die war immer alles so einfach und selbstverständlich.
Irgendwo haben es die sogar einfacher als ich. Der Glaube und die Tradition wurden an die Kinder weitergegeben ohne Wenn und Aber, die Kinder sind genauso religiös wie die Eltern. Ich geh'' auch nicht in die ZJD (Zionistische Jugend Deutschlands). Zuerst wußte ich nicht, was die machen, aber heute weiß ich es und geh'' erst recht nicht hin.
Ich traf einmal einen Jugendleiter von der ZJD. Der war als Betreuer für den Sportverein mit; in den gehe ich noch. Einmal saßen wir so am Abend beisammen, als er mich plötzlich fragte, ob ich schon wüßte, wo ich nach dem Abitur in Israel leben möchte. Ich sagte ihm, ich geh'' nicht nach Israel, ich lebe hier in Berlin und möchte auch hierbleiben. Er war ganz erstaunt und riet mir, unbedingt _(Am Grab des Rebbe von Stolin in ) _(Frankfurt. )
in die ZJD zu gehen, alle dort würden nach dem Abitur nach Israel gehen.
Da hatte ich genug. Genug von der ZJD, irgendwelchen Jugendleitern usw. Vor allem die Überheblichkeit und dieses herablassende Gehabe gegenüber den anderen Juden, die nicht in der ZJD waren, haben mich erschreckt.
Die glauben, sie sind die Elite der Elite. Jude sein ist noch lange nicht genug. Es gibt noch bessere unter den Juden, jene der ZJD. Die Jugendlichen dort kapseln sich auch ganz ab von den anderen, gehen jeden Tag in ihren Verein und kennen niemanden sonst. Das einzige Thema, das sie haben, ist Israel. Das Komische ist nur, daß ich von den älteren weiß, daß die auch nicht nach dem Abitur nach Israel gehen. Die reden nur groß und glauben, sie sind was Besonderes.
Ich fühle mich dort auf jeden Fall weder zu Hause noch besonders wohl. Das sind zwar Juden, aber die akzeptieren mich weniger als meine nichtjüdischen Freunde. Die lassen mich wenigstens mit Israel in Ruhe. Was habe ich mit diesem Land zu tun? Vielleicht ganz hinten im Kopf tut sich da etwas in mir. Aber sonst ist es ein Land wie jedes andere.
In den jüdischen Sportverein gehe ich gern. Da kommt auch all das nicht zur Sprache. Wir trainieren und spielen unser Spiel, oft weiß nicht einmal der Gegner, daß wir eine jüdische Mannschaft sind. Ist halt irgendein Verein mit einem komischen Namen. Niemand denkt an Juden.
Und wenn einer uns fragt, was "Mackabi" bedeutet, und wir erklären es ihm, sind die meisten ganz erstaunt. Juden sehen sie sonst höchstens im Fernsehen und jüdische Sportler schon gar nicht. Die wissen nichts von Juden, sehen nie einen, und alles, was sie erfahren haben, ist ihre Vernichtung während der Nazi-Zeit, wenn überhaupt etwas.
Es ist nicht leicht, in Deutschland ein bewußter Jude zu sein. Ich geh in der letzten Zeit nicht mehr sehr oft in die Synagoge. Es war nicht eine so spontane Entscheidung, aber ich überleg mir, ob ich überhaupt noch hingehen soll.
Ich möchte Jude sein ohne Verpflichtungen und Vorteile. Ich möchte auch am Sabbat und zu Jom Kippur in die Schule gehen, so wie alle anderen. All die strengen Gesetze, die mich von den anderen abhalten, will ich nicht. Natürlich wäre es anders, wenn es hier viele Juden gäbe, die alle das gleiche machen. Aber es ist eben nicht so.
Wenn ich zu Jom Kippur zu Hause bleibe, bin ich der einzige in der Klasse, der das tut. Ich komm dann am nächsten Tag und sag, ich war leider gestern nicht in der Schule, weil Jom Kippur war. Alle schauen mich blöd an, und ich muß wieder erklären, den Lehrern, den Schülern, immer wieder rechtfertigen und erläutern, warum, wieso usw. Ich will das nicht! Ich will auch so leben wie die anderen.
Nicht, daß ich Angst hätte vor den Schülern und Lehrern, die wissen ja, daß ich Jude bin. Aber ich will keine Vorteile gegenüber den anderen. Wenn die in die Schule gehen müssen, dann gehe ich auch. Ich werde deshalb trotzdem immer ein Jude bleiben. Und es ist mir sogar angenehm, einer Minderheit anzugehören. Man ist auch ein klein wenig etwas Besonderes. Aber im Grunde genommen bin ich so wie jeder andere, wie ein Christ, ein Moslem oder Hindu.
Wir haben auch einen Moslem in der Klasse. An dem ist nichts anders, außer sein Name. Der spielt genausogut oder schlecht Fußball wie die anderen, macht seine Prüfungen und bohrt in der Nase. Der hat nie den Wunsch oder die Vorstellung, etwas Besonderes zu sein. Der redet auch nie davon, nach dem Abitur in den Iran oder sonstwohin zu gehen. Er lebt sein Leben wie jeder deutsche Mitschüler. Er ist ein Berliner genauso wie ich.
Wenn ich reihen müßte, was ich bin, würde ich sagen: Berliner - Jude - Deutscher. Deutschland zuletzt, dazu habe ich keine Beziehung. Was ist schon dran an Deutschland außer Berlin. Patriot bin ich keiner, aber hier in Berlin würde ich gern bleiben.
Eine Jüdin heiraten? Das wäre nicht wichtig für mich. Ob Christin oder sonst eine Religion oder gar keine, das bedeutet doch nichts. Auch meine Kinder würde ich so behandeln. Sie sollten sich es selbst einmal aussuchen, ob sie traditionell leben oder nicht. Vielleicht heirate ich sogar eine Christin und sie werden getauft. Alles ist möglich. Ich hätte da keine Bedenken.
Sicher würde ich den Kindern von meiner Vergangenheit erzählen, mit ihnen in die Synagoge gehen und ihnen das weitergeben, was ich weiß. Obwohl das nicht viel ist, das ist mir schon klar. Manchmal tut es mir auch leid, daß ich so wenig weiß. Falls meine Kinder Juden sind, das hängt ja von der Mutter ab, sollen sie es halten, wie sie wollen. Sie sollen ihr eigenes Judentum finden und nicht das von anderen übernehmen.
Aber vielleicht sehe ich das alles anders, wenn ich älter bin. Ich will gar nicht sagen, daß meine Meinung jetzt für alle Zeiten gleich bleibt. Ich suche ja erst einen neuen Weg. Einen Weg, der mich Jude sein läßt, ohne ständig das zu befolgen, was andere mir vorschreiben.
Manchmal denke ich schon, was wäre, wenn wieder alles so wie früher ist. Der Rassismus, der Haß auf die Juden. Ich wüßte gar nicht, was ich tun sollte, wenn zum Beispiel meine Klassenkameraden zu mir sagen würden: Mit dir spielen wir nicht mehr, du bist Jude.
Ich kann es mir nicht vorstellen, daß es wieder so kommen könnte, und will auch gar nicht daran denken. Ein wenig Angst ist da schon dabei. Ich seh ja den Ausländerhaß der Bevölkerung, und der kann auch schnell umschlagen.
Aber der Regierung, der trau ich das nicht zu. Die würde diesmal rechtzeitig eingreifen, und zwar auf unserer Seite. Die würde uns schützen, da bin ich sicher. Die würden eine Wiederholung des Holocaust nicht zulassen. Auch die anderen Länder nicht. Und wenn die Deutschen wieder anfangen würden, gäbe es einen Aufstand in der ganzen Welt.
Aber ich weiß, es könnte wieder so schlimm werden, trotz meiner Zuversicht. Ich würde in so einer Situation _(Oberkantor Estrongo Nachama mit dem ) _(Schofar (Widderhorn). )
nicht gleich davonlaufen. Ich würde mich wie ein ganz normaler Mensch geben, halt nicht mehr in die Synagoge gehen und nicht unnötig provozieren.
Einige würden sicher weiter in die Synagoge gehen und an ihren Ritualen festhalten. Aber das sind die ganz orthodoxen, die nur zeigen wollen, wie fest sie am Judentum halten. Ich würde das nicht tun. Eher würde ich mich zurückziehen und alles, was jüdisch ist, aufgeben. Ich möchte nicht von hier weg. Ich bin gern hier. Es wäre schrecklich, wenn ich einfach fliehen müßte wie ein Verbrecher.
Das ist eigentlich die einzige große Angst, die ich habe. Diese Stadt einmal verlassen zu müssen, dazu gezwungen zu werden. Es ist so ein Trend jetzt in Deutschland. Wenn sich die Deutschen wieder als Deutsche fühlen und hier in Deutschland nur Deutsche leben würden, könnte es unangenehm werden.
Obwohl ich nicht glaube, daß es hier in Deutschland wieder eine Judenverfolgung geben könnte; aber wenn es sie gäbe, wehren würden sich die Juden wieder nicht. Die meisten Erwachsenen, die ich kenne, sind so reich geworden und so selbstsicher, die würden nie glauben, daß irgend jemand gegen sie vorgehen würde. Die würden ganz ruhig warten, bis man sie umbringt. Sie würden es als ihr Schicksal sehen, als Juden zu sterben.
Außer den paar Linken und Intellektuellen, die den Durchblick haben. So wie die Berliner, die haben alle den Durchblick! Die paar Typen, die nicht in den Gemeinden sind und ihr eigenes Leben als Juden leben, sind die Widerstandskämpfer von morgen. Die glauben auch nicht alle an Gott, würden aber für ihr Judentum sogar kämpfen.
Das möchte ich auch irgendwie erreichen, Jude zu sein, ohne an Gott zu glauben. Die Männer in der Synagoge mit ihren schwarzen Gewändern, wie sie so in sich hineinmurmeln, was haben die noch mit mir zu tun? Die sind mir genauso fremd wie andere Gläubige anderer Religionen.
Und die Jungen sprechen mich hebräisch an und machen ein langes Gesicht, wenn ich sie nicht verstehe, lassen mich es spüren, daß sie mich verachten. Was sind die denn schon? Kinder reicher Eltern. Und was haben sie dafür getan? Nichts. Aus welchem Grund tragen die die Nase hoch?
Auf diese Art von Jüdischsein kann ich verzichten. Wenn die nicht imstande sind, auf ihre eigenen Brüder und Schwestern zuzugehen, dann sollen sie bleiben, wo der Pfeffer wächst. Die kommen mir vor wie einer von der anderen Seite, der angeblich gesagt hat: Wer Jude ist, bestimme ich!
Da bin ich lieber ein Jude, so wie es mir paßt, auch ohne die anderen.
Edith
Mein Vater kam als Sieger zurück nach Deutschland, in der Uniform der amerikanischen Armee. Als er 1938 Deutschland verließ, als einziger seiner Familie, war er der Besiegte, Verjagte und Gedemütigte. Rannte um sein Leben und konnte nur aufgrund eines Hinweises eines deutschen Polizisten noch flüchten, bevor ihn die SS erwischte.
Über die Schweiz, Frankreich und Portugal gelangte er nach den USA, wo er sich sofort zur Armee melden wollte, um gegen die Deutschen zu kämpfen. Es war zu Beginn gar nicht so einfach, aber schließlich wurde er als Soldat in die amerikanische Armee aufgenommen und besiegte letzten Endes seine Feinde.
Für mich ist diese Geschichte meines Vaters sehr wichtig. Er kam nicht hierher zurück, weil er Sehnsucht nach Deutschland, einer imaginären Heimat, hatte, oder auf die Wiedergutmachungsgelder scharf war. Er kam zurück, um die zu schlagen, die sich ihm und seinen Verwandten gegenüber wie wilde Tiere verhalten haben.
Er landete mit den Amerikanern in Sizilien und näherte sich Schritt für Schritt seiner verlorenen Heimat, bis er eines Tages die deutsche Grenze überschritt, was einer der wichtigsten Augenblicke in seinem Leben war.
Doch der Einmarsch in Deutschland war auch mit einer großen Enttäuschung verbunden. Er war nicht der willkommene Befreier, wurde nicht umjubelt von
der Bevölkerung wie noch in Italien zum Beispiel, wo jeder froh war, von den Deutschen befreit worden zu sein. Sie dankten ihm nicht, die Deutschen, daß er mithalf, sie von den Nazis zu erlösen. Im Gegenteil, oft genug gab es Situationen, in denen man ihm Verrat vorwarf und Kollaboration mit dem Feind.
Viele Jahre nach dem Krieg hörte auch ich es, beim Einkaufen, von den Lehrern, so kleine Bemerkungen, scheinbar achtlos hingeworfen, zufällig, oft gar nicht im Zusammenhang mit dem Gesprochenen stehend. Dein Vater, na ja, der hat ja bei den anderen gekämpft, gegen uns, war natürlich sehr tapfer von ihm, ja, das muß man schon sagen, aber ...
Immer dieses "aber", dieses "gegen uns". Unter "wir" verstanden die die Wehrmacht, die eigenen Väter und Söhne. Und mein Vater hatte vielleicht einen von ihnen getötet, den Mann der Bäckerin oder deren Sohn. Daß er sie von einer Diktatur befreit hatte, kam nie zur Sprache.
Nach dem Krieg blieb mein Vater in Deutschland, verließ nach zwei Jahren die Armee und lebt seit damals hier, als Deutscher. Er lernte hier auch meine Mutter kennen, die aus einem Lager kam, in dem sie drei Jahre interniert war.
Sie sprach nie davon, und niemand fragte sie. Das wenige, das ich mehr durch Zufall erfuhr, stammt aus Gesprächen von meiner Mutter mit Bekannten und Verwandten. Daß sie z. B. mit ihrer Mutter zusammen abtransportiert wurde, diese im Lager auch starb und sie nur durchkam, weil sie eine ausgezeichnete Musikerin war. Sie spielte Geige, auch im Lager. Sie hat diesen Irrsinn überlebt und hat sich alle Eigenschaften bewahrt, die für ein glückliches Leben notwendig sind, trotz dieses Wahnsinns.
Für mich ist das irreal. Ich vermeide auch heute noch jeden Film über KZ-Lager, lese keine Bücher über diese Zeit und geh all diesen Schilderungen der Überlebenden aus dem Weg. Ich bin meiner Mutter sogar dankbar, daß sie mich mit Schilderungen aus ihrem Lagerleben verschont hat.
Ich wurde 1950 geboren. Wuchs auf in einer jüdischen Familie mit allen Ritualen und Feierlichkeiten, mit dem Wunsch und dem Auftrag meiner Eltern, diese Tradition zu bewahren und weiterzuleben. So waren ihre Wünsche und Phantasien, doch die Realität war leider anders. Es war nicht möglich, in diesem Land der Wiedergutmacher als Tochter von Wiedergutgemachten so einfach als Jüdin zu leben, das wurde mir sehr bald klar.
Ich habe erst kürzlich mit meinen Eltern darüber gesprochen. Ich sagte ihnen, daß ich als Kind in einer Atmosphäre der Angst aufgewachsen sei. Daß ich ihre Angst spürte und mich dementsprechend verhielt. Das Lebensprinzip war Kleinmachen und niemandem zu verstehen geben, daß wir etwas anderes sind. Ich habe euch ängstlich erlebt, sagte ich ihnen immer wieder.
Sie waren betroffen und gekränkt. Im Gegenteil, sagte mein Vater, und er war sehr erregt, es war genau umgekehrt! Als ich zurückkam, waren die anderen ganz klein, und deine Mutter und ich waren stolz und mutig. Wir wollten hier mithelfen, ein neues Deutschland aufzubauen, ein anderes, eines, in dem man in Frieden leben kann.
Mag sein, daß sie diese Euphorie hatten, kurz nach dem Krieg. Aber es hat nicht lange gedauert, und man machte sie wieder klein und ängstlich.
Schon die Geschichte meines ersten Schultages zeigt, wie hilflos ich damals auf das Problem Jüdischsein reagierte. Wir standen also dort, alle Mädchen in netten Kleidern, und die Lehrerin erzählte uns ein paar organisatorische Dinge, daß wir sie nicht duzen dürften usw.
Und dann, als alles schon vorbei schien, sollten wir uns noch für den Religionsunterricht anmelden. Wir warteten in einer Schlange, jedes Kind trat vor und sagte römisch-katholisch, evangelisch, römisch-katholisch, evangelisch, nur die beiden Worte fielen. Ich stand ganz hinten und war völlig verdattert. Wovon sprachen die alle? Die Lehrerin kam näher und näher, und ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Keine sagte hier, sie sei Jüdin, nie fiel dieses Wort, und ich wußte auch nicht, ob ich dies hier sagen durfte. Als ich dann vor der Lehrerin stand und sie mich fragte, fing ich zu stottern, bis ich ihr sagte, ich sei gar nichts.
Meine Mutter ging dann in die Schule, nachdem ich ihr das erzählte, und sprach mit der Lehrerin. Ich war schon damals nicht in der Lage, so einfach locker das Wort Jüdin oder jüdisch in den Mund zu nehmen. Meine Eltern sagten sogar, ich hätte das ganz richtig gemacht, die anderen müßten ja nicht unbedingt davon wissen. Und heute wundern sie sich, wenn ich ihnen erzähle, ich hätte sie ängstlich erlebt.
Ich war zwölf, als ich mehr durch Zufall erfuhr, daß meine Mutter in einem Konzentrationslager war. Damals wurde mir plötzlich klar, daß wir es sind, denen dieser ganze Schrecken galt, daß es meine Mutter war, die das alles selbst erlebt hatte, daß es meine Großeltern waren, die in die Waggons gestoßen, mit Gas ermordet wurden. All die Grausamkeiten, die ich bis dahin oft nur ganz
zufällig irgendwo sah oder hörte, betrafen plötzlich mich, meine eigene Familie.
Je älter ich wurde, desto stärker wurde nun mein jüdisches Bewußtsein. Entscheidend war eine Reise nach Israel mit meinen Eltern, als ich 15 Jahre alt war. Dort in Israel waren auf einmal alle so wie meine Eltern. Vor allem der Tonfall, die Musik und der Rhythmus der Sprache, alles war mir plötzlich vertraut und bekannt.
Hier in diesem Land stimmte alles, es paßte alles zueinander. Wenn jemand sich aufregte, bewegten sich seine Arme und Hände, wie es auch meine Eltern taten. Sie lachten so wie meine Eltern, und ärgerten sich so, und ich war ein Teil von ihnen, ging unter in einer Masse von Ähnlichkeiten und Wiederholungen. Es war ein herrliches Gefühl.
Was mich besonders faszinierte, war dieses Ignorieren jeder Obrigkeit. Als ich mit meinen Eltern in einem Park spazierenging und der Weg so eng war, daß eine Tafel darauf hinwies, nur in einer Richtung zu gehen, kamen uns, die wir uns an das Gebot hielten, Hunderte entgegen. Eine Ampel, die Rot zeigte, war eine Provokation sowie jede andere Vorschrift. Alles wurde in Frage gestellt, nichts war sicher und von Anfang an akzeptiert.
Israel war ein wichtiges Erlebnis für mich. Zwei Dinge wurden mir damals klar. Erstens ist man nicht so allein, wie ich bis jetzt immer glaubte; auch wenn man oft die einzige Jüdin in einer Gruppe ist. Und zweitens ist man anders als die anderen, und sie werden einen nie verstehen.
Wenn meine Mitschüler mir Judenwitze erzählten und dabei versuchten, so wie die Juden zu reden, klang es lächerlich und hatte nichts mit der Sprache zu tun, wie ich sie sprach oder von anderen Juden kannte. Und wenn sie mir sagten, toll, diese Juden. Die können aus allem Geld machen und halten immer zusammen, hatte es ebenfalls nichts mit mir zu tun.
Meine Eltern hatten immer Geldschwierigkeiten, und von einer engen Freundschaft mit den anderen Juden hier in der Stadt konnte keine Rede sein. Alles, was sie sagten, hatte nichts mit mir zu tun, und doch war es immer an mich gerichtet.
Ich war dann ab 16 in der jüdischen Jugendgruppe, und die Gespräche dort verstärkten dieses Bewußtsein, fremd, unverstanden und von emotionalen Holzklötzen umgeben zu sein. Meine jüdischen Freunde waren mir der einzige Halt. Es gab zwar die heißesten politischen Diskussionen, aber rein gefühlsmäßig war man sozusagen unter sich.
Nach dem Abitur reiste ich in der Welt herum. Ich genoß dieses ständige Unterwegssein. Überall als Fremde lebend und doch ohne Erinnerungen an die Vergangenheit. Das war ein sehr angenehmes Gefühl, eine Art Geborgenheit in der totalen Fremdheit. In Hongkong war der blonde Schwede, mit dem ich als dunkle
Jüdin eine Zeitlang unterwegs war, genauso ein Fremder, ganz egal wie er aussah, wie er sprach, wer seine Eltern waren und ob er beschnitten war oder nicht.
Als ich zurückkam, wollte ich studieren. Ich war zwanzig und ganz begeistert von der Studentenbewegung. Eine Zeitlang überlegte ich, ob ich an einer ausländischen Universität studieren sollte, um mir Deutschland zu ersparen, aber es ging nicht. Die deutsche Sprache war mir zu wichtig.
Hebräisch und Englisch konnte ich genügend, um zu lesen und zu schreiben, aber beides war nicht vergleichbar mit der deutschen Sprache, wie ich sie liebte. All diese kleinen Nuancen, die Doppelbödigkeit, die Zweideutigkeit, was eben so eine Sprache ausmacht, fehlten mir sowohl im Englischen als auch in Hebräisch. So ging ich nach Berlin, um zu studieren, in das linke Mekka.
Berlin, das war damals ein Traum von mir. Dort kann ich noch was lernen, dort gibt es Freunde und Menschen, die eine politische Einstellung haben, die meiner entspricht, einen Aufbruch hatte ich erwartet. Eine euphorische Stimmung hatte ich erhofft und bin voll auf die Nase gefallen.
1972/73 war in Berlin alles in linker Hand. Die Studentenrevolte war vorbei, und überall saßen linke Professoren. Das Studium war sehr frei, so daß ich mir die Vorlesungen und Seminare aussuchen konnte. Und ich stürzte mich in diese Veranstaltungen mit einem Heißhunger auf alles, was kritisch und revolutionär war. Damals griffen Studenten auch noch in den Unterricht ein, und ich war zu Beginn ganz aufgeregt, das Diskutieren und Streiten mitten im Unterricht war mir neu.
Aber ich bin ins offene Messer gelaufen. Meine Naivität, die lautete: Links ist gleich antifaschistisch, und antifaschistisch ist nie antisemitisch. Aber die jungen Linken, die hier herumliefen, waren links, weil ihre Eltern rechts waren. Von Antisemitismus oder gar Judentum hatten die keine Ahnung und auch kein Gefühl dafür.
Immer wieder lasen wir Texte, die eindeutig antisemitisch waren. Und immer wieder saß ich da und habe gewartet, daß alle in Empörung ausbrechen, ich eigentlich gar nichts dazu sagen müßte, ich war doch unter lauter linken Genossen, Mitkämpfern und Neudenkern.
Aber nichts kam, kein Wort. Und irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich nicht mehr zurückhalten konnte, und ich war aufgeregt und gereizt und sagte denen, was hier los ist. Die Reaktion der anderen war betretenes Schweigen.
Die haben mich angeguckt mit großen Augen, und es kamen so halblaute Bemerkungen wie: die Supersensible, leicht neurotisch, Graswachsen-Hörende, emotional nicht ganz zurechnungsfähige Betroffene usw.
Die schlimmsten Beispiele sitzen mir heute noch unter der Haut. In einem Seminar über Massenliteratur lasen wir den "Arzt von Stalingrad" von Konsalik. Das spielt sich dort so ab: Deutsche in einem Gefangenenlager, harte Männer, ehrliche Soldaten. Recht anständige Russen, ein bißchen primitiv und barbarisch, aber brav und sauber. Dann eine russische Ärztin. Ein animalisches bolschewistisches Vollweib, leidenschaftlich mit blitzenden Zähnen, und ein russischer Arzt, der ist eigentlich auch in Ordnung.
Und dann kommt noch ein besonderer Typ vor. Schlitzäugig, klein, wieselflink, mit schmutzigen Haaren, von allen abgelehnt. So eine kleine schleimige Ratte. Das war ein jüdischer Dolmetscher.
Wir gehen also in die Arbeitsgruppen, und es wird stundenlang der Rassismus gegen die Russen analysiert und interpretiert. Doch kein Wort über den Juden. Und wieder mische ich mich ein und frage, ob denn niemandem auffalle, wie hier der Jude dargestellt werde? Betretenes Schweigen. Die sitzen da und sagen nichts.
Es gab dann eine endlos lange Diskussion, ob dieser Punkt überhaupt in das gemeinsame Papier aufgenommen werden sollte. Und als das Papier im Plenum vorgelesen wurde - wieder Schweigen, kein Wort darüber.
Die hatten nichts gelernt in den letzten Jahren. Ein paar vorgekaute Sätze nachplappern, ja, das schon, vor allem, wenn sie dadurch als links galten, so ganz böse im Vergleich zu ihren Eltern. Aber ein Gefühl, eine Art Spürsinn für Rassismus oder Antisemitismus? Nein, nichts!
Und so ging es weiter von einem Seminar zum anderen. Die junge Generation, die neuen Linken, die so stolz auf ihr neues Bewußtsein waren, übten sich in Wiederholungen mit anderen Vorzeichen. Sie waren begeistert über den Ärger, den sie bei ihren Eltern verursachten, wie wenn der kleine Franz zum ersten Mal vor dem Papi Scheiße sagt, so sprudelte ihnen das linke Vokabular aus dem Mund.
Aber geändert hatte sich nichts. Juden, Judentum, Antisemitismus, mit all dem wollten sie eigentlich nichts zu tun haben. Die neue israelische Regierung war ihrer Meinung nach sowieso so schlimm wie die Faschisten. Galinski, der Leiter der Gemeinde in Berlin, ein Rechtsextremer, also warum sollte man sein eigenes Verhältnis zum Antisemitismus in Frage stellten. Und immer wieder und überall die verlogene Logik: Wir sind Linke. Und Linke können keine Antisemiten sein.
Ohne es bewußt zu merken, wurde ich durch diese Erlebnisse immer mehr zur Jüdin. Zur Jüdin, die sich nicht mehr versteckte. Ich trat zwar selbstsicherer auf, aber ich litt auch unter der ständigen Konfrontation mit der Vergangenheit. Denn Jüdischsein wurde für mich hier in Deutschland eine ständige Erinnerung an Tod und Verfolgung. Und an eine Bevölkerung, die sich nur sehr wenig geändert hatte, wenn überhaupt. Vielleicht auch durch mein Aussehen, aber ich provozierte, egal, wo ich war, andere, über dieses Thema zu sprechen. Ich fuhr damals oft mit der Bahn nach Wien, und ich konnte sicher sein, daß im Abteil eine alte Frau oder ein Mann saßen, die über die Nazi-Zeit, Juden usw. redeten.
Es holte mich ein, egal wo ich war, es überfiel mich regelrecht. Ob es mein Hausmeister war, ein widerlicher Typ, schon über achtzig, der mir beteuerte, daß damals alles nicht so schlimm gewesen sei für die Juden. Oder die Frau im Eisenbahnabteil, die mir sofort erzählte, wem sie alles geholfen hatte. In einem Lokal, einem Restaurant, am Nebentisch, in der U-Bahn. Immer spitzte ich die Ohren, und da passierte es wieder. Einer, eine sagte einen blöden Satz, und ich war fertig für den Tag, fing an zu schlucken, und schluckte und schluckte.
Ich gehe ins Theater, es gibt den "Kaufmann von Berlin" von Mehring. Der Jude, der darin vorkommt, kommt aus dem Osten mit nur 100 Dollar in der Tasche und wird stinkreich. Aber das Schlimmste war der Schauspieler. Man klebte ihm die Pejes (Schläfenlocken) an, hing ihm einen schwarzen Kaftan über, und er sah aus wie eine schlechte "Stürmer-Karikatur". Er konnte kein Wort Jiddisch und sprach mit einem vollkommen verblödeten Dialekt, der überhaupt nichts mit Jiddisch zu tun hatte.
Da stellt man einen angeblichen Juden auf die Bühne, und es wird eine Verhöhnung daraus. Aus einem angeblich sozialkritischen Stück eine Geschmacklosigkeit. Keiner merkt es, und ich könnte vor Wut heulen. Aber außer still in mich hineinzuweinen, tat ich auch nichts.
Und in der Pause stehen die schicken Menschen herum, und ich hör eine Frau sagen, wunderschön mit Spray im Haar und glitzerndem Schmuck: Schon eigenartig, was diese Juden für eine Sprache haben.
Auch in der Frauenbewegung gab es Tendenzen, die mir unbehaglich waren. Viele versuchten, die Geschichte der Frauen im Dritten Reich neu zu begreifen.
Diese ganze BDM-Ideologie war plötzlich gar nicht mehr so schlimm. Das war eine Möglichkeit, von zu Hause loszukommen und Rad zu fahren. Lauter Frauen unter sich. Und irgendwelche Frauenzeitschriften schrieben dann von "positiven Elementen" im BDM, und man dürfe den Frauen nicht alle Schuld unterschieben, die hätten es auch schwer gehabt, so allein, ohne die Männer, haben dann alles alleine geschafft.
Das bekam dann eine ganz miese absolutierende Tendenz. Vergessen die Mädels vor dem Führer mit glänzenden Augen, die KZ-Wächterinnen in den Frauenlagern, der hohe Prozentsatz an Frauenstimmen bei den Nazis, alles war wie weggewischt.
Sie waren tapfer, unsere Mütter, und wir sollten nicht so über sie reden. Was die ganzen Feministinnen nicht begriffen, war, daß sie damit so eine generelle Versöhnung mit den Eltern einleiteten. Das Verständnis löste die Verachtung und auch die Kritik ab. Alles wurde plötzlich erklärbar und damit entschuldbar.
Vor allem lösten sie das einzelne Schicksal einer Mutter oder Großmutter aus dem Gesamtgeschehen heraus. Meine Mutter hat damals die Windeln im kalten Wasser waschen müssen, es gab höchstens einmal pro Monat Fleisch, und die Milch holte sie sich heimlich von den Bauern! Toll, was!
Aber verdammt noch einmal, sie schickten ihre Kinder in den Krieg, jubelten einem Verbrecher zu und sahen zu, wie andere Mütter vergast oder sonstwie umgebracht wurden. Diese deutschen Mütter haben einen Scheiß dagegen getan!
Aber es kam noch schlimmer. Einige Journalistinnen entdeckten plötzlich, daß es ja außer den Juden noch andere gab, die ins KZ mußten. Vor allem andere Frauen. Und sie schrieben Artikel, von denen einer z. B. ungefähr so begann: Als damals die Prostituierten, Lesben und Jüdinnen aus den Häusern getrieben wurden usw., usw.
Es war nun klar. Wir Frauen wurden eben schon immer verfolgt, egal ob Jüdin, Lesbe, Prostituierte oder Linke. Die hat meine ermordete Großmutter dazu verwendet, um selbst als Opfer dazustehen. Der ganze Artikel war in einem pseudojiddischen Jargon geschrieben, aber in einer so lockeren Scheißsprache, daß einem schlecht werden konnte. Und natürlich in einer linken Zeitschrift erschienen.
Da war dann noch so ein Satz: Dieses Lied haben die Mütter ihren Söhnen vorgesungen, bevor sie vergast worden sind ... Also, man muß sich vorstellen. Kein neonazistisches Schmähblatt, das die Opfer verhöhnt. Linke Journalisten in einem linken Blatt schreiben so etwas.
Jeder, der nur einen winzigen Rest von Anstand hat, wäre nicht imstande gewesen, diesen Satz zu schreiben! Im Gas standen sie, die jiddischen Mamas, mit ihren Söhnen im Arm und sangen ihnen jiddische Lieder vor. Ich hätte heulen können vor Wut, als ich das damals las.
Dieser lächerliche, verzweifelte Versuch dieser Generation, mit allen Mitteln zu verbergen, daß sie die Nachkommen der Täter sind. Da stehen sie vor dem Kleider-Kasten, in dem die Leiche hängt, und weinen und jammern und hoffen, so davon abzulenken, hoffen, daß nur ja niemand in den Kasten schaut.
Otto Normalverbraucher ist eine gängige Bezeichnung des Bürgers hier in Deutschland. Wir haben es oft in Otto Normalvergaser umgetauft. Bei den Juden haben sie alle das Bedürfnis, sich selbst zu Opfern zu machen. Rechts und Links reagiert da manchmal vollkommen gleich.
Und immer wieder erscheinen mir die Juden hier in Deutschland wie lebende Tote.
Ende
In einem Rüstungsbetrieb im deutschbesetzten Polen. Bei der Urteilsverkündung im Jerusalemer Prozeß, 1961. Am Grab des Rebbe von Stolin in Frankfurt. Oberkantor Estrongo Nachama mit dem Schofar (Widderhorn).
Von Peter Sichrovsky

DER SPIEGEL 12/1985
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