26.11.1984

MEXIKOPraktisch ausradiert

Hunderte Tote, unzählige Verletzte, 250 000 Evakuierte, 700 zerstörte Häuser - vorläufige Bilanz mehrerer Gasexplosionen. *
Die Nacht wurde plötzlich zum Tag", erzählten Buspassagiere am vorigen Montag nach ihrer Ankunft in Mexiko-Stadt. "Wir glaubten schon, ein Krieg sei ausgebrochen."
In San Juanico, am Nordrand der Hauptstadt, schien die Welt zu explodieren: Feuerbälle stiegen senkrecht gen Himmel und Felsbrocken rollten den Berg herunter, Ziegelsteine flogen durch die Luft - über Mexiko brach die größte Katastrophe seiner neueren Geschichte herein.
Um 5.42 Uhr explodierten in dem Vorort vier Gastanks der Ölgesellschaft "Petroleos Mexicanos" (Pemex), mehr als zwölf Millionen Liter Flüssiggas verbrannten in bis zu 300 Meter hohen Stichflammen.
Die Slums mit ihren Holz-, Papp- und Blechhütten, die sich bis an die Umzäunung des Pemex-Areals drängten, verwandelten sich in ein Inferno. Mindestens 700 Häuser wurden zerstört, viele schmolzen in der gewaltigen Hitze sekundenschnell zu Klumpen.
Die Regierung ordnete den Einsatz sämtlicher Rettungsverbände der Hauptstadt an: Feuerwehr, Ärzte, Rotes Kreuz, Pfadfinder, Polizei, Armee. 27 Hektar wurden "praktisch ausradiert", so der verantwortliche Polizeichef.
Hunderte Tote gruben die Hilfsmannschaften aus den Trümmern, viele waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt oder verstümmelt. Mehr als 2000 Schwerverletzte wurden in überfüllten Krankenhäusern versorgt. Hubschrauber, Lastwagen, und U-Bahn-Sonderzüge evakuierten binnen sechs Stunden 250 000 Menschen aus der Gefahrenzone.
Feuerwehrleute pumpten tonnenweise Wasser in das Katastrophengebiet, um einen dramatischen Temperaturanstieg zu verhindern, der weitere Explosionen hätte auslösen können. Nur wenig entfernt lagerten in einem noch unversehrten Behälter mehrere Millionen Liter Flüssiggas.
Zu Hunderten wallfahrteten die Überlebenden in die "Basilica de Nuestra Senora de Guadalupe", der Schutzpatronin Mexikos. In der modernen Basilika las ein Priester eine Trostmesse, während in der nebenan gelegenen alten Kolonialkirche Ärzte 400 Verletzte behandelten und im Innenhof 600 Kinder auf ihre vermißten Eltern warteten.
Die Pemex-Leitung wies jede Verantwortung für das Desaster weit von sich. Die Unglücksursache sei außerhalb der eigenen Anlage zu suchen, behaupteten Vertreter der Ölgesellschaft, jedoch ohne dafür einen Beweis zu erbringen. Anwohner berichteten, daß bereits zwei Stunden vor Ausbruch der Katastrophe die Luft von starkem Gasgeruch erfüllt und die Sicherheitsfackel der Pemex-Anlage, die sonst immer brennt, erloschen war.
Bereits vor einem Jahr hatte eine britische Kommission in einem Report gewarnt: "Eines Tages werden die Auswirkungen eines Flüssiggasbrandes Hiobsbotschaften auf den Titelseiten und nicht nur Fußnoten im Innenteil der Zeitungen sein."
Schon 1978 waren 215 Touristen, unter ihnen viele Deutsche, auf dem spanischen Campingplatz von Los Alfaques verbrannt, als ein Gas-Tanklastzug explodierte. Über 500 Menschen kamen Anfang dieses Jahres in einem ähnlichen Unglück bei Sao Paulo ums Leben.
Das Ausmaß der Katastrophe von Mexiko ist auch auf das rasante Wachstum der 17-Millionen-Metropole zurückzuführen. Täglich, so Schätzungen, steigt die Einwohnerzahl um zwei- bis dreitausend Zuwanderer.
So wurden viele der insgesamt 75 heute im Stadtgebiet gelegenen Lager für Gas und Rohöl vor 30, 40 und 50 Jahren weit außerhalb der Hauptstadt gebaut. Doch um die Industriezentren wucherten die Elendsquartiere zu einem unübersehbaren Ballungsgebiet. Auch die 700 000-Einwohner-Vorstadt Tlalnepantla, zu dem der Unglücksort San Juanico gehört, entstand erst in den letzten Jahren.
"Es ist nicht klug, große Mengen von Gas in der Nähe von Wohnsiedlungen zu lagern", warnte ein Diplomat in Mexiko. "Die Sicherheitsmaßnahmen haben mit dem Wachstum der Stadt nicht Schritt gehalten." Aber diesen Punkt hat die Regierung bisher noch nicht einmal erwähnt.

DER SPIEGEL 48/1984
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