28.01.1985

„Genosse, wir wollten euch erledigen“

Die Davongekommenen von Jalta (III): Finnland / Von SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz *
Von seinem kleinsten Nachbarn fühlte sich das große Rußland stets am meisten bedroht. Nicht weniger als 42mal, so rechnete ein Sowjet-Diplomat finnischen Gesprächspartnern einmal vor, sei Rußland in seiner Geschichte von Finnen oder schwedisch-finnischem Gebiet aus angegriffen worden.
Dreimal, so Sowjet-Außenminister Molotow in gewohnt eigenwilliger Auslegung historischer Tatsachen, hätten die Finnen sogar schon die große sozialistische Sowjet-Union überfallen.
Dennoch hat Moskau heute zu keinem Nachbarn und zu keinem anderen Staat auf der weiten Welt so gute, problemlose Beziehungen wie just zu diesem Finnland, schon gar nicht zu sozialistischen Bruderstaaten.
Was ist das Geheimnis dieser einzig wirklich funktionierenden Koexistenz, noch dazu zwischen einer so bedrohten wie bedrohlichen Weltmacht und einem so kleinen, schwachen Anrainer? Warum hat Moskau "Finnland erlaubt, unabhängig zu bleiben", wie US-Präsident Kennedy 1961 einen finnischen Diplomaten fragte?
Die Finnen haben sich "finnlandisieren" lassen, sie kuschen vor dem mächtigen Nachbarn, damit der ihnen ihre kleinen Freiheiten läßt, solange es ihm eben gefällt - so sehen es Globalstrategen von Washington bis Wildbad Kreuth.
Im bayrisch-österreichischen Abendland-Muff wurde der Begriff ja auch erfunden, der dem Sternenkrieger Weinberger so lässig von den Lippen kommt wie dem verspäteten Ostpolitiker Franz Josef Strauß: die "Finnlandisierung".
Doch außer Polen ließe sich inzwischen noch manch anderer Staat in Europa gern "finnlandisieren", und die Finnen glauben selber unterdessen, sie hätten damit wohl das beste Los beider Welten gezogen.
Von allen Betroffenen der folgenschweren Beschlüsse von Jalta im Februar 1945 ist Finnland, neben Österreich, nicht nur davongekommen, es ist letztlich sogar Nutznießer dieser unseligen Veranstaltung vor vierzig Jahren.
Gerade im Fall Finnlands grenzt das fast an ein Wunder. Sein Schicksal war, von Polen abgesehen, immer enger mit Rußland verknüpft als das jedes anderen europäischen Landes. Jahrhundertelang Aufmarschgebiet der kriegswütigen Schweden gegen das wachsende Russen-Reich, gehörte Finnland seit 1809, als Autonomes Großfürstentum, zum Imperium des Zaren.
Als 1917 die Revolution über Rußland hereinbrach, bekamen die Finnen fast als einzige, was allen Minoritäten des Reiches versprochen worden war - die Unabhängigkeit; das freilich nicht kampflos.
Denn die revolutionären Wirren hatten auch auf Finnland übergegriffen. "Weiße" und "Rote" Garden wüteten gegeneinander. Eine bürgerliche Regierung unter dem Premier Pehr Evind Svinhufvud, der die Jahre zuvor in sibirischer Verbannung verbracht hatte, und ein sozialistischer "Volksrat" stritten um die Macht im Lande, dessen Souveränität Lenin am Silvesterabend 1917 anerkannt hatte.
Die Roten beherrschten die Hauptstadt und industrielle Zentren wie Tampere im Süden Finnlands mit etwa der Hälfte der Bevölkerung. Die weiten Gebiete an der Westküste und im Norden hielten die "Weißen" mit den stärkeren Bataillonen und einem militärischen Führer, der drei Jahrzehnte und drei Kriege lang Finnlands Schicksal prägte.
Carl Gustaf Emil Freiherr von Mannerheim aus dem Landadel der schwedischen Minderheit trat 1887 in ein Garde-Kavallerie-Regiment des Zaren in St. _(Mitte: Generalfeldmarschall Keitel. )
Petersburg ein. Den eleganten Herrenreiter mit geschliffenen Manieren rief die Zarin Dagmar in ihre Chevaliersgarde.
Der finnische Baron kämpfte für den Zaren im Krieg von 1905 als Oberstleutnant gegen die Japaner. Im Juli 1906 startete er von Samarkand in Turkestan aus einen 14 000 Kilometer langen Ritt. Nur von zwei Kosaken begleitet, durchquerte Mannerheim im Auftrag des russischen Generalstabes zu Pferd die wildesten Gebirge, Wüsten und Steppen Asiens. Zwei Jahre später kam er als eine Art Marco Polo des 20. Jahrhunderts in Peking an.
Im Ersten Weltkrieg ritt der Ulanenoffizier für den Zaren gegen Deutsche und Österreicher. Die Oktoberrevolution überraschte Mannerheim als Generalleutnant und Kommandeur eines Kavalleriekorps. Der Freiherr mochte nicht den Roten dienen. Er schlug sich nach Finnland durch.
Seine Heimat hatte er in den 30 Jahren im Dienst des Zaren kaum gesehen. Mannerheim sprach Schwedisch, seine Muttersprache, Russisch, Englisch, Französisch und Deutsch, aber nur gebrochen Finnisch. Dennoch wurde der russische General Kommandeur der "Weißen Garde", die Svinhufvud kurzerhand zur finnischen Armee gemacht hatte.
Aber außer Weißen, Roten und Russen gab es noch andere Fremde, die an Finnland interessiert waren. Das wilhelminische Deutschland hatte schon seit 1915 Finnen in Schleswig-Holstein militärisch ausgebildet und als "Preußisches Jägerbataillon Nr. 27" gegen die Russen im Baltikum eingesetzt.
Während der Revolutions-Wirren bat der finnische Vertreter in Berlin, Edvard Hjelt, um deutsche Hilfe gegen die Russen. Svinhufvud und der spätere Premier und Präsident Paasikivi wollten Finnland sogar noch durch dynastische Bande an Deutschland ketten: Als Wilhelms Sohn Oskar nicht wollte, wählte der finnische Reichstag den Hessen-Prinzen und Wilhelms Schwager Friedrich Karl zum König von Finnland, der jedoch nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches auf die Würde verzichtete.
Die deutsche 12. Landwehrdivision unter General Rüdiger Graf von der Goltz landete am 3. April 1918 an der finnischen Südküste und drängte Russen und Rote nach Osten zurück. Mannerheim unterstellte auch das deutsche Korps seinem Befehl und stürmte nach Zerschlagung und Entwaffnung der Russen in Westfinnland das rote Bollwerk Tampere. Dabei gab es 2000 Tote. Am 16. Mai 1918 ritt Mannerheim hoch zu Roß als Sieger in Helsinki ein und wurde "Reichsverweser".
Die Roten hatten in ihrem Bereich 1650 politische Gegner ermordet oder hingerichtet. Die weiße Rache forderte fünfmal so viele Opfer - 8500 Hingerichtete. 10 000 von 80 000 gefangenen Rotgardisten verhungerten in Lagern. Insgesamt verschlang der finnische Bürgerkrieg 32 000 Opfer.
Der neue Staat war auch nicht das von vielen Chauvinisten erträumte "Großfinnland". Ostkarelien, die Heimat des finnischen Nationalepos "Kalevala", blieb bei Rußland. Dort hatten die daheim verfemten Roten eine Finnische Kommunistische Partei gebildet. Ihr Führer wurde Otto Ville Kuusinen, der Finnland zum "bedeutungslosen, vorübergehenden Phänomen" erklärte.
Der junge Staat geriet sofort in die Räder der großen Politik, als mit Hitler in Europa ein neuer Störenfried auftauchte.
Die Deutschen hatten nun mit den Waffenbrüdern von 1918 nichts mehr vor. Ohne Zaudern überließ Hitler in seinem Pakt mit Stalin im August 1939 Finnland den Russen als Einflußsphäre - zusammen mit Ostpolen, Bessarabien und den Baltenrepubliken.
Finnland suchte Rückhalt bei seinen skandinavischen Nachbarn. Ein skandinavischer Verteidigungsbund scheiterte aber an der Frage, wer wohl wessen Feind war. Der finnische Diplomat Max Jakobson schildert das Dilemma so:
"Finnland fürchtete Rußland, Dänemark fürchtete Deutschland. Schweden wußte nicht, wen es mehr fürchtete. Norwegen fühlte sich sicher genug, weder diesen noch jenen zu fürchten."
Daß die Furcht der Finnen vor den Russen begründet war, zeigte sich am 5. Oktober 1939. Am gleichen Tag, an dem Moskau die Baltenrepublik Lettland durch einen aufgezwungenen Beistandsvertrag an sich gefesselt hatte, lud der sowjetische Außenminister Molotow die Finnen zu Gesprächen über "konkrete
politische Fragen" ein. Sie sollten, so wollte es der Russe, binnen 48 Stunden beginnen.
Die Finnen ließen sich Zeit und schickten dann ihren Gesandten in Stockholm, Juko Kusti Paasikivi, nach Moskau. Er erhielt Order, sowjetischen Forderungen gegenüber hart zu bleiben. Helsinki berief sogar alle Reservisten zu Wehrübungen ein, eine kaum versteckte Mobilisierung.
Als die Finnen in den Kreml kamen, wartete dort neben Molotow der große Führer Stalin persönlich auf sie. Er kam sofort aufs Thema: Die Sicherheit Leningrads, das nur 32 Kilometer von der finnischen Grenze entfernt lag, verlange Veränderungen - "und weil wir Leningrad nicht verlegen können, müssen wir die Grenze verlegen". Er forderte: *___die Verpachtung der Halbinsel Hangö westlich von ____Helsinki für einen sowjetischen Flottenstützpunkt; *___die Abtrennung mehrerer Inseln im Finnischen Meerbusen; *___die Rückverlegung der finnischen Grenze etwa zwölf ____Kilometer von Leningrad weg; *___Grenzänderungen bei Petsamo am Eismeer.
Dafür bot Stalin den Finnen ein Stück Karelien an: "Wir verlangen 2700 Quadratkilometer und bieten dafür 5500 an. Würde irgendeine andere Großmacht so etwas tun? Nein, nur wir sind so blöd."
Als Paasikivi klarmachte, daß ein sowjetischer Stützpunkt auf finnischem Festland nahe der Hauptstadt untragbar sei, versprach Stalin, einen Kanal zu graben, um die Halbinsel Hangö vom Festland zu trennen - dann sie es eine Insel.
Die Finnen fuhren nach Hause, um Instruktionen einzuholen - von den Russen verwarnt, lange hätten sie nicht mehr Zeit. Am 22. Oktober kam Paasikivi wieder und bot einige kleine Grenzkorrekturen gegenüber Leningrad an. Molotow: "Wollen Sie einen Konflikt heraufbeschwören?" Die Bevölkerung von Leningrad sei mit dreieinhalb Millionen "fast so groß wie die ganz Finnlands". Moskau sei daher "geradezu verpflichtet, die Sicherheit der Stadt zu verbessern".
Vergebens suchte Finnland Beistand in Skandinavien. Schwedens Premier Hansson machte dem Nachbarn klar, daß er nicht intervenieren und im Kriegsfall auch keinerlei Hilfe leisten könne. Und Molotow verlor die Geduld mit den störrischen Finnen. Seine letzte Warnung am 3. November: "Wir Zivilisten scheinen keine Fortschritte zu machen, jetzt geht das Wort an die Soldaten."
Paasikivi wollte abreisen, da wurde er überraschend noch einmal zu Stalin gerufen. Der zeigte eine Karte Südfinnlands, auf der drei kleine Inseln rot umrandet waren. "Brauchen Sie denn diese Inseln?" fragte er. Bei Überlassung der für Finnland unbedeutenden Eilande wollte er auf Hangö verzichten. Doch das Kabinett in Helsinki lehnte auch diesen letzten Vorschlag Stalins ab: gegen den Rat Mannerheims, der als Vorsitzender des Verteidigungsrates wußte, daß Finnland in einem Konflikt keine Chance hatte, auch gegen den Rat des deutschen Militärattaches in Helsinki, der zur Nachgiebigkeit riet, da sonst "von Finnland vielleicht nichts übriggeblieben sein wird als eine Heldensage".
Die Regierung aber meinte, die Russen hätten geblufft und würden es nicht wagen, Finnland zu überfallen, schon gar nicht im Winter - dabei lief die sowjetische Kriegsplanung schon über ein Jahr.
Helsinki schickte sogar die eingezogenen Reservisten wieder nach Hause. Am 26. November, einem Sonntag, wurde Finnlands Gesandter Yrjö-Koskinen zu Molotow beordert. Der behauptete, vier sowjetische Soldaten seien durch finnisches Artilleriefeuer getötet worden. Die finnischen Truppen sollten sich sofort 25 Kilometer von der Grenze zurückziehen.
Am Morgen des 30. - die finnische Regierung beriet gerade die Lage - fielen Bomben auf Helsinki. Von der Grenze kam die Meldung, die Rote Armee greife an.
Die Sowjet-Union überfiel den kleinen Nachbarn mit vier Armeen von zusammen 450 000 Mann, 1900 Geschützen, 1000 Panzern und 800 Flugzeugen. Die Finnen konnten zwar kurzfristig 215 000 Soldaten mobilisieren, aber sie besaßen nur 75 Kampfflugzeuge, 60 alte Tanks, kaum Artillerie und knapp 100 Flugabwehrgeschütze.
Der Parteichef von Leningrad, Andrej Schdanow, der schon seit Jahren das Grenzproblem gewaltsam lösen wollte, dachte, die Finnen in einigen Tagen zu erledigen. Rotarmisten, die im Norden des Landes zur Offensive antraten, erhielten genaue Karten und Order, nicht zu weit vorzustürmen, sondern an der schwedischen Grenze anzuhalten.
Die ersten finnischen Verteidigungslinien brachen denn auch wie erwartet zusammen. Die überrumpelten Soldaten stoben vor den Panzern, gegen die sie keine Waffen hatten, teilweise in wilder Flucht davon.
Schon zog Moskau auch noch ein Kaninchen aus dem Hut, das den Überfall legalisieren sollte: Eine "Demokratische Regierung von Finnland" unter dem im sowjetischen Exil lebenden Komintern-Sekretär Otto Ville Kuusinen, die angeblich in Terijoki gegründet worden war, dem ersten "befreiten" finnischen Dorf.
Dieser Regierung wurde die Bitte um "militärische Hilfe" rückwirkend erfüllt. Schon am 2. Dezember teilte Radio Moskau mit, Kuusinen sei in Moskau eingetroffen, um einen Vertrag zu unterschreiben - "obgleich er sich wahrscheinlich niemals die Mühe gemacht hat, die Stadt zu verlassen", so Autor Jakobson
in seinem Buch "Diplomatie im finnischen Winterkrieg 1939/40".
In dem sogenannten Terijoki-Vertrag erfüllte der Genosse Kuusinen alle sowjetischen Wünsche: Er gab 4000 Quadratkilometer finnischen Territoriums im Vorfeld von Leningrad ab, verpachtete den Russen die Halbinsel Hangö für 30 Jahre, verkaufte ihnen sechs Inseln im Finnischen Meerbusen und einen strategisch wichtigen Landstreifen bei Petsamo am Eismeer und schloß einen Pakt mit Moskau. Für soviel Entgegenkommen schenkten die Sowjets Kuusinen 70 000 Quadratkilometer Ostkarelien.
Die Ratifikationsurkunden dieses Vertrages sollten, darüber waren sich die Partner einig, "in der kürzestmöglichen Zeit in der Hauptstadt Finnlands, Helsinki, ausgetauscht werden".
Daraus wurde dann doch nichts, obwohl die Russen ihrem Schützling Kuusinen auch noch ein aus Emigranten und Kareliern zusammengezaubertes "I. Armeekorps der Finnischen Volksarmee" in Stärke von 5775 Mann hinstellten, das, so ein Auftrag, "die Fahne der Demokratischen Republik Finnland auf dem Präsidentenpalast in Helsinki hissen" sollte - "zur Freude der Arbeiterschaft und zum Schrecken der Volksfeinde".
Der sowjetische Trick mit der Kuusinen-Regierung schlug auf Moskau zurück. Das finnische Volk antwortete mit grimmiger Entschlossenheit an der Front. Der Völkerbund schloß die Sowjet-Union als "Aggressor" aus.
Die Finnen, die ihren Anfangsschock überwunden hatten und nun die sowjetischen Tanks mit Benzinflaschen ausschalteten, warfen an der "Mannerheim-Linie" eine Angriffswelle der Russen nach der anderen zurück. Die Leichen gefallener Rotarmisten türmten sich vor den finnischen Stellungen zu Bergen. "Die sind so viele, und unser Land ist so klein", lautete ein Frontwitz der Finnen, "wo sollen wir sie nur alle begraben?"
"General Winter", der zwei Jahre später Hitlers Wehrmacht vor Moskau zum Verhängnis wurde, half 1939/40 den Finnen. Die Temperaturen an der Front sanken auf minus 50 Grad. Die Russen hatten nur mangelhafte Winterausrüstung, ihre Panzer und Fahrzeuge streikten bei solchen Temperaturen. Finnische Ski-Bataillone rieben binnen drei Wochen vier sowjetische Divisionen auf.
Die Welt spottete über den hilflosen russischen Bären. Stalin tobte. Er hatte den Krieg dem Wehrkreis Leningrad überlassen. Dessen Befehlshaber, Kirill Merezkow, war ein bewährter Offizier, aber die Truppe war demoralisiert. Sie hatte in den Säuberungen der vergangenen Jahre 35 000 Offiziere verloren. Der Ersatz mochte politisch die richtige Linie haben, vom Kriegführen verstand er nichts.
Stalin löste den Oberkommandierenden Woroschilow ab und machte Timoschenko zum Kommandeur. Der ließ an Material und Truppen heranschaffen, was das Land hergab.
Am 11. Februar 1940 begann Timoschenko mit einer halben Million Mann, der Hälfte der sowjetischen Gesamtstreitmacht in Europa und Westsibirien, einen Generalangriff.
Als das Eis im Finnischen Meerbusen nahe der Stadt Wyborg so stark wurde, daß die Sowjets mit Panzern übers Meer fahren konnten, gerieten die Verteidiger in die Gefahr, abgeschnitten zu werden.
Sie wandten sich verzweifelt an die Welt um Hilfe, erhielten von überall her spontane Sympathiekundgebungen. Konkrete Hilfe kam von nirgendwo - oder zu spät, wie Tausende Freiwillige aus Italien, Ungarn und anderen Ländern, denen Hitler verboten hatte, auf ihrem Weg nach Finnland durch Deutschland zu fahren.
Frankreich und England, mit Hitler im Krieg, in dem bis dahin freilich kaum geschossen wurde, hatten damals vor, Deutschland von den kriegswichtigen schwedischen Erzgruben abzuschneiden. Sie wollten mit 150 000 Mann das Erzgebiet und den norwegischen Erzhafen Narvik besetzen - aber auch mit 50 000
Soldaten den bedrängten Finnen zu Hilfe kommen. Das mag neben den hohen Verlusten Stalin bewogen haben, die Marionettenregierung Kuusinens fallen zu lassen und kurzfristig Frieden zu schließen.
Die Finnen stimmten sowjetischen Forderungen zu, die ihnen weit mehr wegnahmen, als Stalin vorher verlangt hatte: die gesamte karelische Landenge mit der Hauptstadt Wyborg, Gebiete in Ost- und Nordfinnland - insgesamt 35 000 Quadratkilometer mit elf Prozent seiner Einwohner, die binnen zwölf Tagen umgesiedelt wurden.
"Möge die Hand verdorren, die so etwas zu unterschreiben gezwungen ist", verfluchte der finnische Präsident Kallio sich selbst. Monate später lähmte ein Schlaganfall seine rechte Hand, er starb noch im gleichen Jahr.
Finnland mußte 450 000 karelische Flüchtlinge aufnehmen. 25 000 Soldaten kehrten nicht zurück, 10 000 als Krüppel. Die Sowjet-Union hatte nach eigenen Angaben 207 000 Soldaten verloren, nach ausländischen Schätzungen 273 000. Hermann Göring meinte später, die Rote Armee habe gegen die Finnen nur Krieg gespielt, um Deutschland zu täuschen.
Zwangsläufig geriet Finnland auf der Suche nach einer starken Stütze nun an Hitler, der die Finnen 1939 an die Russen verraten und Finnland durch die Besetzung von Dänemark und Norwegen im April 1940 vom Westen abgeschnitten hatte. Er selbst brauchte für seine Kriegsindustrie Nickel aus den finnischen Petsamo-Minen. Und er hatte Finnland längst in seine Ostfeldzugspläne einbezogen.
Deutsche Truppen erhielten im September 1940 Transitrecht durch Finnland nach dem besetzten Nordnorwegen, die Finnen dafür Waffen von den Deutschen. Im Januar 1941 besuchte der finnische Generalstabschef Heinrichs Berlin. Bei Militär-Konferenzen in Salzburg und Berlin vom 25. bis 27. Mai 1941 bereiteten die Generäle Jodl und Halder die Finnen schon auf den Kriegsfall vor.
Anfang Juni verschiffte die Wehrmacht eine komplette Division nach Finnland, die dann aber nicht nach Norwegen weiterfuhr, sondern in Finnisch-Lappland blieb.
Finnlands Streitkräfte machten am 17. Juni ein Sechstel der Bevölkerung mobil. Sie wurden in Angriffsstellungen an die Ostgrenze gebracht. Die Finnen taten aber noch immer so, als wüßten sie von nichts. Die Regierung beteuerte, Finnland würde "so lange wie möglich neutral bleiben". Erst als am 25. Juni sowjetische Flugzeuge finnisches Gebiet bombardierten - das zuerst deutsche Bomber auf dem Weg nach Leningrad überflogen hatten -, erklärte Finnland, es sei "angegriffen" worden, befinde sich daher "im Krieg".
Der eigenen Logik folgend, nannten die Finnen die Auseinandersetzung den "Fortsetzungskrieg" - und bleiben bis heute dabei. Ab 10. Juli überschritten die Finnen auf breiter Front die Grenze. Mit der Karelischen Armee eroberten sie bis September alles 1940 verlorene Gebiet zurück. Doch sie stießen weiter nach Sowjet-Karelien hinein, besetzten dessen Hauptstadt Petrosawodsk und hielten erst im Dezember 1941 jenseits des Swir-Flusses zwischen dem Onega- und dem Ladogasee.
Denn in einem Tagesbefehl vom 10. Juli hatte Mannerheim von einem Kriegsziel "Großfinnland" gesprochen. Nach der Niederlage wog der Marschall diese markigen Worte leichter: In einer Unterhaltung mit seinem Neffen Per Sparre im Oktober 1945 zog Mannerheim das Original des Tagesbefehls aus seinem Safe und zeigte, daß er das ursprüngliche "Suur-Suomi" in "suuri Suomi" abgeändert hatte - ein eher im übertragenen Sinn großes Finnland.
Dem Marschall reichte 1941 Karelien. Dort ließ er seine Soldaten Verteidigungsstellungen bauen. Er weigerte sich strikt, die deutschen Waffenbrüder bei ihrem Vorstoß gegen die Murmanskbahn und bei der Einschließung Leningrads zu unterstützen, obwohl, wie er Sparre sagte, "beides militärisch möglich gewesen" wäre. General Jodl, der entsprechende Forderungen Hitlers überbrachte, mußte unverrichteter Dinge nach Berlin zurückfliegen.
Finnland konnte sich das leisten. Es war mit Deutschland weder verbündet noch gab es bindende militärische oder politische Absprachen; die Finnen betrachteten sich nur als "mitkriegführend". Und Mannerheim, der Rußland kannte wie nur wenige, dachte schon an die Zeit nach dem Krieg. Er wollte Moskau nicht zu sehr reizen.
Hitler respektierte solch finnischen Eigensinn. Er beehrte Mannerheim zu dessen 75. Geburtstag am 4. Juni 1942 sogar mit einem überraschenden, bis zur letzten Stunde geheimgehaltenen Besuch und zeichnete ihn dabei mit dem höchsten deutschen Orden für Ausländer aus, dem Goldenen Großkreuz vom Deutschen Adlerorden.
Im Salonwagen des Marschalls nahe dem finnischen Hauptquartier in Mikkeli fanden die beiden ungleichen Männer nach Schilderung des deutschen Verbindungs-Generals Erfurth nach anfänglich kühler Distanz des Marschalls Gefallen aneinander. Hitler zügelte seinen üblichen Redestrom und pries "finnisches Heldentum". Mannerheim fand den Führer "ein Phänomen".
Bald nach Stalingrad bat dann die finnische Regierung freilich Schweden und Amerikaner, Kontakte nach Moskau herzustellen. Berlin erfuhr davon und sperrte den Finnen den Lebensmittelnachschub. Im März 1944 schickte Helsinki trotzdem zwei Unterhändler nach Moskau, doch die sowjetischen Bedingungen für einen Separatfrieden schienen unannehmbar: Wiederherstellung der Grenzen von 1940, dazu das Petsamo-Nickelgebiet, Internierung oder Vertreibung aller deutschen Truppen aus Finnland binnen eines Monats und 600 Millionen Dollar Reparationen. Helsinki lehnte ab.
Dann aber drohte Finnland die Katastrophe: Am 9. Juni 1944 griffen zwei _(Bei der Unterzeichnung des ) _("Terijoki"-Vertrags mit Molotow, ) _(Schdanow, Woroschilow, Stalin 1939. )
sowjetische Armeen in Gesamtstärke von einer halben Million Mann die finnischen Stellungen auf der karelischen Landenge an. Ihr Angriffsziel war die Hafenstadt Kotka, hundert Kilometer vor Helsinki.
400 Bomber und etwa 300 Geschütze pro Frontkilometer belegten die finnischen Verteidiger mit einer tagelangen Feuerwalze, einer der vernichtendsten des Zweiten Weltkrieges. Binnen fünf Tagen durchbrachen die Russen Mannerheims erste Abwehrlinie. Der Marschall erbat von den Deutschen dringendst bereits früher zugesagte Sturm- und Pakgeschütze sowie Luftunterstützung. Später, als die Lage an der Front verzweifelt, Wyborg verloren und die Munition knapp wurde, auch Truppenunterstützung.
Hitler schickte 9000 Panzerfäuste und am 23. Juni seinen Außenminister Joachim von Ribbentrop. Der verlangte für weitere Waffenhilfe von Staatspräsident Risto Ryti "ein klares, öffentliches Bekenntnis zu Deutschland" und: keinen Separat-Frieden mit den Russen.
Die Finnen wehrten sich, ihr Schicksal zu so später Stunde unrettbar mit dem Deutschlands zu verbinden. "Deutschland kann eine totale Niederlage als Volk überleben, dem finnischen Volk droht die Ausrottung", sagte Mannerheim. Stalin hatte in Erwartung eines entscheidenden Sieges erneute finnische Friedensfühler am 22. Juni grob abgewiesen und die bedingungslose Kapitulation verlangt.
Da gab Ryti die von Berlin verlangte Erklärung in einem persönlichen Brief an Hitler ab - der finnische Reichstag wurde so umgangen, der Präsident überschritt bewußt seine verfassungsmäßigen Rechte -, was es den Finnen sechs Wochen später erlaubte, sich aus der Schlinge zu ziehen.
Erst einmal lieferten die Deutschen Waffen und Munition. Später rollten auch deutsche Verbände an die Front. Unter Aufbietung aller Reserven des Vier-Millionen-Volkes, das nun 530 000 Mann unter Waffen hatte, wurde die sowjetische Großoffensive Ende Juli noch vor der Grenze angehalten. Die Russen hatten in sechs Wochen 260 000 Mann an Toten und Verwundeten eingebüßt.
Stalin wies die Forderung seiner Generäle nach Verstärkungen ab: "Ihr müßt mit dem auskommen, was ihr habt!" Denn zur gleichen Zeit hatte der Wettlauf der Alliierten nach Mitteleuropa begonnen: Die Westalliierten waren in der Normandie gelandet und marschierten auf die deutsche Grenze zu. Am 22. Juni hatten die Sowjets in Belorußland eine der größten Offensiven des Krieges begonnen, die sie bis nach Berlin führen sollte. Die 3. Ukrainische Front stieß gegen den Balkan vor.
Finnland lag nicht auf dem Weg nach Berlin, Wien, Prag, Budapest oder Bukarest. In Finnland gab es auch keine westalliierte Konkurrenz. Finnland war Nebenkriegsschauplatz geworden, zumal von dort her auch keine Gefahr mehr drohte. Statt Verstärkung zu schicken, zog Stalin seine Gardedivisionen von der Karelienfront ab und setzte sie gegen die Hauptmacht Hitlers ein.
Die Finnen, eben noch mal davongekommen, handelten sofort. Am 1. August trat Ryti zurück. Es gab nur einen Nachfolger, der die Autorität hatte, durchzusetzen, was nun getan werden mußte: Mannerheim.
Der neue Präsident unterrichtete Berlin, daß Rytis Versprechen an Hitler ihn nicht binde. Über die sowjetische Gesandtin in Stockholm, die Altbolschewistin Alexandra Kollontai, knüpften die Finnen sogleich Kontakt mit Moskau.
Nun, nach dem Scheitern seiner Offensive, bestand Stalin nicht mehr auf bedingungsloser Kapitulation. Er halbierte sogar seine Reparationsforderungen vom März auf 300 Millionen Dollar.
Am 2. September meldete Mannerheim an Hitler, Finnland werde aus dem Krieg ausscheiden. Helsinki brach die Beziehungen zu Berlin ab. Am 4. September 1944 stellten die Finnen an der ganzen Front das Feuer ein, die Russen einen Tag später. Der Zeitunterschied kostete noch 92 finnische Soldaten das Leben. Die Russen hatten weitergeschossen, weil Helsinki den Waffenstillstand nicht so verlautbart hätte, wie es abgemacht war.
Am 19. September wurde im Kreml der Waffenstillstandsvertrag unterschrieben. Er bestätigte die Friedensbedingungen von 1940. Dazu mußte Finnland Reparationen zahlen und Petsamo abtreten, verlor damit seinen Zugang zum Eismeer. 380 Quadratkilometer auf der Halbinsel Porkkala, nur 20 Kilometer von Helsinki entfernt, fielen für 50 Jahre als Stützpunkt an die UdSSR. Finnland verpflichtete sich, Kriegsverbrecher zu bestrafen - und Hitlers Soldaten binnen zwei Wochen aus Finnland zu vertreiben oder sie zu internieren und an die Russen auszuliefern. Das bedeutete Krieg gegen die bisherigen Waffenbrüder.
Aus Südfinnland zogen die dort stationierten deutschen Stäbe und Truppen ohne Zwischenfälle rechtzeitig ab. In Lappland aber stand die 20. Gebirgsarmee unter Generaloberst Rendulic, 205 000 Mann stark, mit 150 000 Tonnen Vorräten und Ausrüstung. Die 20. war in diesem späten Stadium des Krieges Hitlers beste verbliebene Armee.
Zunächst ging noch alles in alter Kameraderie weiter. Rendulic ließ Mannerheim mitteilen, er wolle freiwillig nach Norwegen abziehen, nur ginge das nicht bis zu dem von den Sowjets verlangten Termin.
Am 22. September vereinbarten Finnen und Deutsche eine Art Scheinkrieg. Da die Russen gefangene Deutsche sehen wollten (Molotow zu den Finnen: "Zeigen Sie mir einen einzigen Gefangenen - Sie haben nämlich keinen!"), wollte Rendulic sogar etliche Soldaten, die
straffällig geworden waren, an die Finnen "abgeben".
Unterdessen hatten deutsche Landungstruppen jedoch die Insel Suusari im Finnischen Meerbusen angegriffen. Dabei war es zu heftigen Kämpfen zwischen Finnen und Deutschen gekommen. Danach attackierten finnische Einheiten auch die Deutschen in Lappland.
General Siilasvuo griff die von den Deutschen gehaltene Grenzstadt Tornio an und nahm im Lazarett 150 verwundete Deutsche gefangen. General Rendulic schickte wütende Briefe an das finnische Oberkommando, in denen er Geiselnahmen androhte, falls die "feigen und hinterhältigen Überfälle" nicht aufhörten. Rendulic: "Das deutsche Oberkommando berührt dieses Vorgehen militärisch wenig, es stellt aber mit Bedauern fest, daß die finnische Wehrmacht nunmehr alles verloren hat, nicht nur die Freiheit, sondern auch die Ehre."
Die Deutschen rächten sich, indem sie bei ihrem Rückzug in Lappland verbrannte Erde hinterließen. Sie zerstörten auch die Provinzhauptstadt Rovaniemi. Den nordwestlichen Zipfel Finnlands zwischen Schweden und Norwegen hielt die Wehrmacht bis zum 24. April 1945 besetzt. Der Krieg der Kameraden kostete die Finnen 4000 Gefallene und Verwundete, die Deutschen 4400 Gefallene und Gefangene, die an die Russen übergeben wurden.
Um ihre eigene Haut zu retten, lieferten die Finnen aber auch noch Blutsverwandte aus. Während des Krieges waren 62 000 Ingrier aus Ingermanland, einem Gebiet zwischen Wolchow, Ladogasee und Leningrad, auf deutschen Wunsch hin nach Finnland umgesiedelt worden. Über tausend Mann der finnischsprechenden Ingrier hatten im 3. Ingermanländischen Bataillon gegen die Russen und im Herbst 1944 gegen die Deutschen gekämpft.
In Artikel 10 des Waffenstillstandsvertrages verlangte die Sowjet-Union die Auslieferung der Ingrier, ebenso wie die Übergabe von Ost-Kareliern und Esten, die im sogenannten Heimo-Bataillon und der "Estnischen Gruppe" gegen die UdSSR gekämpft hatten. Die Finnen schickten alle zurück, die sich nicht verbergen oder nach Schweden absetzen konnten - über 50 000 Menschen.
Die Stimmung im Lande war Ende 1944 trostlos. 90 000 Finnen waren gefallen. Kaum ein Finne mochte an die Zukunft glauben. "Wir müssen mit den Wölfen heulen", vertraute Innenminister Hillilä einem holländischen Diplomaten an. "Natürlich könnten wir alles aufgeben und uns nach Schweden absetzen. Aber irgend jemand muß ja weitermachen - und Schweden kann schließlich nicht alle von uns nehmen."
Tausende flüchteten in der Tat zum heilen Nachbarn Schweden. Die Mehrzahl der Finnen aber tat, was Finnen in Not tun: Sie machten sich mit sturer Besessenheit an die Arbeit, um ihr Land zu retten, das laut Stalin "eine ordentliche Lektion" brauchte - obwohl er zu Roosevelt in Teheran auch gesagt hatte: "Ein Land, das sich so starrsinnig verteidigt hat, verdient Rücksicht."
Am schwersten zu erfüllen waren die sowjetischen Reparationsforderungen. Nicht nur verlangten die Sowjets Lieferungen im Wert von 300 Millionen Vorkriegs-Dollar, was die Summe verdoppelte. Es war auch nicht damit getan, daß "die Finnen eben ein paar Bäume fällen", wie der Brite Churchill in Jalta vorschlug, denn die Sowjets wollten nicht Holz oder Zellulose, die traditionellen finnischen Exportprodukte, sondern Schiffe und moderne Maschinen - Güter, die Finnland selbst bis dahin kaum hergestellt hatte, für die es daher erst eine neue Industrie aufbauen mußte.
Dabei hatte Finnland zwölf Prozent seines Gebietes, 30 Prozent seiner Kraftwerke, 26 Prozent der Zellulose-Industrie und die Nickelgruben von Petsamo verloren. Investitionsgüter mußten im Westen gekauft werden.
Die Lieferungen wurden pünktlich erfüllt, obgleich finnische Ökonomen zunächst nachgewiesen hatten, daß dies unmöglich sei - worauf Molotow nur trocken geantwortet hatte, die Finnen sollten sich glücklich schätzen, so billig davongekommen zu sein, und die Experten müßten ihn erst mal davon überzeugen, daß ein Jahr Krieg für Finnland billiger wäre als ein Jahr Frieden samt Reparationen.
Im Oktober 1944 übergaben die Sowjets eine Liste mit 61 finnischen "Kriegsverbrechern", deren Aburteilung sie verlangten. Die Finnen verhafteten 34 und verurteilten etwa die Hälfte davon zu Gefängnisstrafen. Lange wehrte sich Helsinki dagegen, auch Politiker als "Kriegsverantwortliche" vor Gericht zu stellen.
Doch die "Alliierte Kontrollkommission", der neben 800 Russen zwar auch einige Briten angehörten, die aber faktisch eine sowjetische Überregierung in Helsinki war, bestand darauf. Andernfalls, so Vorsitzender Andrej Schdanow, der traditionelle Finnenfeind aus Leningrad, würden die Sowjets die Sache selber in die Hand nehmen.
Unter diesem Druck verabschiedete der Reichstag ein Sondergesetz. Acht Angeklagte, darunter Ex-Präsident Ryti, wurden zu Freiheitsstrafen zwischen zwei und zehn Jahren verurteilt, von denen sie dann maximal drei absaßen. "Hauptkriegstreiber" Ryti, der nach seinem Tod im Jahre 1956 ein Staatsbegräbnis erhielt, kommentierte seine Strafe mit den Worten: "Man kann seinem Land auch im Gefängnis dienen."
An einen Finnen trauten sich die Sowjets nicht heran - an Mannerheim. Der greise Marschall sah zwar die Zukunft Finnlands damals auch durchaus düster, bewahrte aber in allen Situationen Haltung. Als er einmal in die Kontrollkommission beordert wurde, blieb der Generaloberst Schdanow beim Eintritt Mannerheims sitzen. Der schnauzte den Russen auf russisch an: "Ist es in Ihrer Armee nicht üblich, daß ein General aufsteht, wenn ein Marschall den Raum betritt?"
Mit rotem Kopf, so Augenzeugen, sprang Schdanow auf und nahm Haltung
an. Ein andermal mokierten sich Mannerheim, Paasikivi und Außenminister Enckell, die alle hervorragend Russisch sprachen, über das "ungepflegte Russisch" des Südrussen Schdanow.
Im März 1945 wählten die Finnen einen neuen Reichstag. Die in der "Demokratischen Volksliga" zusammengeschlossenen Kommunisten und Linkssozialisten erhielten 49 Mandate und damit knapp ein Viertel der Sitze. Mit 50 Mandaten blieben die Sozialdemokraten traditionell stärkste Partei. Der Rest ging an Agrarier, Konservative, Liberale und die Schwedische Volkspartei.
In der neuen Regierung unter Paasikivi besetzten die Kommunisten sechs Posten. Innenminister wurde Yrjö Leino, verheiratet mit Hertta Kuusinen, der Tochter des finnischen Exilkommunistenführers in Moskau.
Da die KP außerdem in den Gewerkschaften maßgebenden Einfluß hatte, schien vielen Finnlands Weg in eine "Volksdemokratie" Stalinschen Zuschnitts vorgezeichnet. Manche westliche Regierungen dachten genau das: Frankreich zählte bei einer Neufestsetzung seiner Visa-Bestimmungen noch 1947 Finnland kurzerhand zu "den übrigen sowjetischen Satelliten". Und die Briten, die im Dezember 1941 Finnland der UdSSR zuliebe den Krieg erklärt hatten, ohne je einen Schuß abzufeuern, behandelten das Land nun als Sowjet-Vasallen: Sie beschlossen, Finnlands Absicht eines Uno-Beitritts zu blockieren, falls die Sowjets etwas gegen die Briten-Günstlinge Irland und Portugal einzuwenden hätten.
Die US-Gesandtschaft in Helsinki sah es für notwendig an, ihrem Außenministerium in Washington zu verklaren, daß Finnland nicht, "wie viele Amerikaner glauben", kommunistisch sei und warum das Land wahrscheinlich auch künftig kein Sowjet-Satellit wie etwa Bulgarien, Rumänien oder Ungarn sein werde:
Die Sowjets hätten Finnland nicht besetzt, weil sie im Sommer 1944 alle ihre Truppen für die Niederwerfung Deutschlands gebraucht hätten und seit dem Winterkrieg "größten Respekt vor dem Finnen als Kämpfer" hatten.
Zweitens seien die Sowjets daran interessiert, aus Finnland hochwertige Reparationsgüter zu erhalten, was aus einem besetzten Land, das womöglich aktiven und passiven Widerstand leiste, nicht möglich sei.
Drittens hätte ein nachträglicher gewaltsamer Anschluß Finnlands die UdSSR in direkte Konfrontation mit den Westalliierten gebracht sowie die neutralen Skandinavier sofort dem Westen in die Arme getrieben - was nicht im Interesse Moskaus läge. Die Russen würden es daher allenfalls den finnischen Kommunisten überlassen, das Land zu "volksdemokratisieren".
Die waren dazu aber nicht in der Lage. Die Partei war selbst gespalten in einen pro-sowjetischen Flügel - hauptsächlich aus Moskau heimgekehrte Emigranten, "Rubelkommunisten" genannt - und national gesinnte Genossen. Im Unterschied zu allen osteuropäischen Ländern widersetzte sich die Sozialdemokratie strikt jeder Zusammenarbeit mit der KP.
Im Gegenteil, die Sozialdemokratische Partei und ihr Gewerkschaftsflügel wurden die erbittertsten Gegner der Kommunisten, "eine der wichtigsten Erklärungen dafür, daß Finnland nicht sowjetisiert wurde", so der Historiker Jucka Tarkka.
Innenminister Leino gelang es zwar, die Polizei kommunistisch zu unterwandern und die Staatspolizei (Valpo) mit 4000 bewährten Genossen aufzufüllen, doch das führte, da es in Finnland eine ungebrochene demokratische Tradition gab, nicht zu Polizeiterror wie in anderen Oststaaten.
Im Waffenstillstandsvertrag hatte Moskau auch eine drastische Reduzierung der finnischen Streitkräfte auf 41 900 Mann durchgesetzt. Die Militärs, die damals noch damit rechneten, daß die Russen Finnland früher oder später doch besetzen würden, hatten im Herbst 1944 für einen künftigen Partisanenkrieg im ganzen Land Waffenverstecke für etwa 40 000 Mann angelegt.
Im Frühjahr 1945 verriet ein kommunistischer Kraftfahrer die Waffenverschwörung. Darauf ließ Innenminister Leino insgesamt 2000 Offiziere festnehmen, 6000 Militärangehörige wurden verhört. Doch die Kameraden hielten so dicht, daß nur ein geringer Teil der Verstecke gefunden wurde. Zwei an der Affäre beteiligte Offiziere wurden später Oberbefehlshaber der Armee.
So bestanden die Finnen ihre "Jahre der Gefahr", wie sie die Zeit zwischen 1944 und 1948 später nannten. Im Februar 1947 bekam Finnland seinen Friedensvertrag. Die Finnen hatten vergebens versucht, bei den Verhandlungen in Paris noch Änderungen zu erreichen, etwa in der Grenz- oder Reparationsfrage. Sowjet-Unterhändler Wyschinski fauchte sie an: "Versucht nur, mit Hilfe der Westmächte die Grenze näher an Leningrad heranzuschieben, und ihr werdet sehen, was euch passiert!"
Immerhin war Finnlands Souveränität damit wiederhergestellt, das Land damit acht Jahre vor Österreich, das seinen Staatsvertrag erst 1955 erhielt, international wieder handlungsfähig.
Und doch blieb ein Stachel: die Sowjet-Basis Porkkala. Dort, nur eine Artilleriegranate von der Hauptstadt entfernt, standen bis 1955, als die Sowjets die Basis vorzeitig räumten, 10 000 Sowjetsoldaten in einem Klein-Rußland, das Finnen nicht betreten durften. Auf der Bahnfahrt von Helsinki nach Turku über Porkkala fuhren die Finnen durch "den längsten Tunnel der Welt" - die Rolläden der Fenster mußten beim Passieren von Porkkala geschlossen werden.
Schdanow, sein Stellvertreter General Sawonenkow und der sowjetische Gesandte Orlow sagten den Finnen, wo''s lang ging, auch noch Monate nach Unterzeichnung des Friedensvertrages, und
Schdanow bügelte Finnen ab, wenn die sich über die drückenden Lasten des Waffenstillstandes beklagten: Sie sollten daran denken, welche Lasten die Leningrader während des Krieges zu tragen hatten. Warum die Finnen sich wohl einbildeten, daß sie einen höheren Lebensstandard als die Russen verdienten!
Sawonenkow sagte den Finnen, was sie zu tun hätten, als die USA Europa den Marshall-Plan anboten, den Stalin als imperialistische Offensive gegen seine Besitzergreifung Osteuropas betrachtete. Diese Information aus geheimen US-Dokumenten, die der SPIEGEL erstmals publik macht, zerstört eine finnische Lieblingslegende:
Die lautet, Präsident Paasikivi habe gegen den Willen des Reichstags und der Kabinettsmehrheit von sich aus und aus freiem Willen die Einladung zur Marshall-Plan-Konferenz in Paris abgelehnt, nachdem die tschechoslowakische Regierung auf Stalins Order hin ihren Teilnahmebeschluß rückgängig gemacht hatte. Damit hätten Paasikivi und die finnische Regierung endgültig Stalins Vertrauen gewonnen.
In Wahrheit befahl General Sawonenkow den finnischen Regierungschef Mauno Peckala am Nachmittag des 7. Juli 1947 in sein Hauptquartier und teilte ihm mit, die sowjetische Regierung wünsche nicht, daß Finnland an der Pariser Marshall-Plan-Konferenz teilnehme. Pekkala dürfe dies allerdings niemandem sagen. Der bestand darauf, er müsse die wichtigsten Mitglieder der politischen Führung des Landes informieren. Das erlaubte der Sowjetgeneral.
Und so lehnte Helsinki am 11. Juli eine Teilnahme am Marshall-Plan "bedauernd" ab, "weil dieser zur Ursache eines ernsthaften Konflikts zwischen den Großmächten geworden ist und Finnland außerhalb weltpolitischer Konflikte zu bleiben wünscht".
Es gab freilich auch damals Finnen, die ihrem Russenhaß freien Lauf ließen. Versorgungsminister Vilhula etwa trug bei der Eröffnung des Restaurants "Vakuna" in Helsinki vor beifallklatschenden Gästen antirussische Kriegs-Gedichte vor, in denen von Kugeln die Rede war, die "durch verdammte Russenköpfe" geschossen werden sollten.
Die Sowjets erfuhren davon und protestierten bei der Regierung. Premier Pekkala fragte den Minister, ob er betrunken gewesen sei - was der verneinte. Dann trug er, dazu aufgefordert, den Spruch im Kabinett noch einmal vor.
In dem Augenblick betrat der zu spät gekommene Vizeaußenminister Svento den Raum. Er glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen, und rief: "Bin ich verrückt? Ist Vilhula verrückt? Oder ist die ganze Regierung verrückt?" Worauf das Kabinett in befreiendes Gelächter ausbrach. Selbst Sowjetgeneral Sawonenkow soll, als Pekkala ihm die Geschichte berichtete, gelacht haben.
In Wahrheit machten die für Finnland Verantwortlichen damals bereits das Beste aus einer im Grunde hoffnungslosen Situation. Sie hatten gegen den übermächtigen Nachbarn Krieg geführt und verloren. Also mußten sie sich mit der nun zur Weltmacht aufgestiegenen Sowjet-Union arrangieren, auf Dauer.
Das ging nur, wenn sie Moskau überzeugen konnten, daß die Sicherheit der Sowjet-Union von Finnland her nie mehr bedroht werden würde, auch wenn das Land außerhalb des Ostblocks blieb.
Als erster hatte dies der damalige Justizminister Urho Kalevi Kekkonen erkannt. Schon im September 1944, unmittelbar nach dem Waffenstillstand, hatte er erklärt, Voraussetzung für die nationale Existenz Finnlands sei die Erkenntnis, "daß die überlegene Macht Rußlands eine absolute und fortdauernde ist". Das Vertrauen der nunmehr "führenden Macht in Europa" zu gewinnen, müsse Ziel aller finnischen Politik sein.
Staatspräsident Paasikivi, der dem 1946 zurückgetretenen Nationalhelden Mannerheim folgte, stellte dann jene Weichen für die finnische Politik, die bis heute gelten: "Es ist für das weitere Wohlergehen unserer Nation von grundlegender Bedeutung, in Zukunft die finnische Außenpolitik so zu gestalten, daß sie niemals im Widerspruch zu den Interessen der Sowjet-Union steht."
Das hörte sich nach Unterwerfung an, war aber nicht so, wie Paasikivi bewies, als Finnland 1948 noch mal in Not geriet. Am 23. Februar erhielt der Präsident ein persönliches Schreiben Stalins. Darin mahnte der sowjetische Diktator, Finnland sei der einzige europäische Nachbar der Sowjet-Union, der noch keinen Verteidigungspakt mit Moskau habe. Ob Helsinki bereit sei, mit der UdSSR einen Beistandsvertrag abzuschließen, "ähnlich jenen, welche die Sowjet-Union kürzlich mit Ungarn und Rumänien geschlossen hat".
Der Brief kam in einem kritischen Augenblick. In Prag lief eben der kommunistische Umsturz ab, der die Tschechoslowakei unwiderruflich dem Sowjetblock einverleibte. Finnland schien der letzte Dominostein, der fallen sollte. Selbst Mannerheim vertraute damals, wie aus einem geheimen US-Dokument hervorgeht, dem schwedischen Grafen Folke Bernadotte an, dies sei wohl der Anfang vom Ende. Der Marschall hatte zu der Zeit kein Amt mehr, kränkelte und lebte die meiste Zeit in Lausanne am Genfer See, wo er 1951 starb. (Die Finnen benannten die Hauptstraße Helsinkis nach ihm und setzten ihm dort ein Reiterdenkmal.)
Paasikivi aber verhandelte - freilich auf seine Weise. Am 27. Februar belehrte er Stalin, Finnlands Demokratie erfordere bei Verträgen mit fremden Staaten gewisse Prozeduren. Erst am 20. März, fast ein Monat nach Stalins Aufforderung, schickte er eine Delegation nach Moskau, der Premier Pekkala, der KP-Innenminister Leino und Kekkonen angehörten. Am 25. begannen die Verhandlungen.
Die Finnen bestanden darauf, daß Ungarn und Rumänien für sie kein Beispiel sein könnten und legten einen eigenen Entwurf vor. Hauptpunkte: "Sowjetische Unterstützung" im Verteidigungsfall nur auf ausdrücklichen finnischen Wunsch, außerdem Blockfreiheit für Finnland, sowie eine Vertragsdauer von 10 statt der von Moskau gewünschten 20 Jahre.
Zur Überraschung der Finnen erklärte sich Molotow nach neuntägigen Verhandlungen faktisch mit dem finnischen Entwurf einverstanden. Zur Unterzeichnung erschien Stalin persönlich, der einen Toast "auf die tapfere finnische Armee" ausbrachte. Dann meinte er, Molotow habe wohl allzu viele Konzessionen
gemacht. Worauf Kekkonen witzelte, die Russen wollten doch nicht behaupten, einem finnischen Diktat erlegen zu sein. Stalin: "Na ja, aber viel hat wohl nicht gefehlt!"
In Finnland selbst trieb währenddessen eine innenpolitische Krise ihrem Höhepunkt zu. Es ging um Putschgerüchte. Hertta Kuusinen, die Chefkommunistin, hätte, so hieß es in sensationellen Schlagzeilen, in einer Rede vor Genossen in der Messehalle von Helsinki erklärt, "der tschechoslowakische Weg ist auch unser Weg". Das stimmte zwar so nicht - sie hatte hinzugefügt, bevor man den gehen könne, müsse man eine Mehrheit des Volkes und im Parlament hinter sich bringen -, aber es erregte die Finnen.
Herttas Ehemann, der Innenminister Leino, sprach damals ebenfalls von Putschgerüchten, sogar zu Armeechef Sihvo - aber er meinte eine Putschgefahr von rechts.
Aus Leino, früher strikter Nichttrinker, war damals ein schwerer Alkoholiker geworden, dem die Russen bei einem Besuch in Moskau im Dezember 1947 bereits die Schuld daran zugeschoben hatten, daß die KP in Finnland auf dem Weg zur Macht nicht weiterkam. Gattin Hertta forderte den Genossen Schdanow angeblich sogar auf, Leino gleich in Moskau zu behalten.
Der Minister selbst versicherte angetrunken jedem, der es hören wollte, er sei zwar Kommunist, aber ein "finnischer Kommunist", der "das Land gerettet" habe.
In Wahrheit gab es, wie etwa der führende Sozialdemokrat Unto Varjonen dem US-Gesandten augenzwinkernd mitteilte, keinerlei konkrete Putschgefahr. Damit sollte nur die KP in der Öffentlichkeit angeschwärzt werden - was auch prompt klappte:
Bei den Wahlen im Juli fielen die Kommunisten auf 38 Sitze zurück, die Sozialdemokraten stiegen auf 54 Mandate. Innenminister Leino wurde aus der Regierung geworfen - für etwas, was er schon 1945 getan hatte: die Auslieferung von 20 "Kriegsverbrechern" russischer Nationalität an die Sowjet-Union. Darunter seien auch finnische Staatsbürger gewesen.
So wurde die KP in Finnland von der Beteiligung an der Macht verdrängt. Bei Wahlen bekommt sie inzwischen gerade noch 14 Prozent.
Außenpolitisch freilich vervollkommnete Kekkonen, über 25 Jahre lang Präsident Finnlands, die Paasikivi-Linie der Koexistenz mit der UdSSR - eine Politik, die anfangs auch im Land sehr umstritten war, heute bei Meinungsumfragen aber die Zustimmung von 90 Prozent der Bevölkerung findet.
Ausländische Kritiker nennen sie "Finnlandisierung", seit der frühere österreichische Außenminister Karl Gruber in den 50er Jahren die "Finnisierung" Österreichs ablehnte, da sein Land, damals noch vierfach besetzt, durchaus in der Lage sei, im Gegensatz zu Finnland, "eine wirklich unabhängige Existenz" zu führen.
Das Schlagwort wurde dann dazu mißbraucht, um die Ostpolitik Willy Brandts zu diskreditieren. Der Berufsabendländer Otto von Habsburg nahm es auf, konservative Politiker in Amerika charakterisierten damit europäischen Rüstungsunwillen. Für Zukunftsforscher Kahn war Finnlandisierung pauschal "der Verfall westeuropäischer Moral".
Die Finnen selbst reagierten auf den Begriff, dieses "Unkraut auf dem Felde des internationalen Journalismus", so ein Regierungsmitglied in Helsinki, anfangs gereizt. Sie verwiesen auf Kanada, das von den USA weit abhängiger sei als Finnland von der Sowjet-Union - aber niemand spreche von "Kanadisierung".
Der Weg Finnlands sei die beste Alternative zur anderen Möglichkeit gewesen, die das Land bei Kriegsende gehabt habe - den "heroischen Selbstmord". Er besage ja nichts anderes als leben und leben lassen. Die Finnen wollten nicht kommunistisch werden, aber sie seien auch nicht darauf erpicht, kommunistische Gesellschaften zu bekehren. Sie protestierten wohl nicht so laut wie andere, wenn die Sowjets etwa Afghanistan besetzten, aber, so ein finnischer Diplomat: "Das Schweigen der Finnen in solchen Fällen schadet den Opfern etwa genauso, wie westliche Proteste ihnen helfen."
Pragmatisch sehen es die Finnen heute so: In ihrer Hauptstadt treffen sich Ost und West, wenn sie miteinander reden - siehe die Europäische Sicherheitskonferenz in Helsinki 1975. Sie haben einen profitablen Handel mit der Sowjet-Union, der ihnen Rezession und Massenarbeitslosigkeit ersparte. Nicht zuletzt: Bei ihnen gibt es weder Pershings noch SS20-Raketen. Es ist, so Diplomat Jakobson, "eine Politik, die etwas erreicht, was die meisten Länder herbeisehnen, nur wenige aber jemals erlangen: Sie sichert Finnland das Beste beider Welten".
Kekkonen sagte an seinem 60. Geburtstag zu Chruschtschow, selbst wenn ganz Europa kommunistisch werde, würde Finnland seiner eigenen demokratischen Gesellschaftsform treu bleiben. Chruschtschow erwiderte, das wäre sicher sehr gut für den finnischen Tourismus. Alle Leute würden dann kommen, um dieses letzte Reservat des Kapitalismus zu bestaunen.
Im nächsten Heft
Österreich befreit und besetzt - Briten mögen die "Russenregierung" nicht - Kampf ums Öl - Sozialisten gegen Kommunisten - Nach zehn Jahren: "Österreich ist frei!"
[Grafiktext]
1939 1940 1944 Leningrad Finnland und seine Gebietsverluste (schwarz) an die UdSSR NORWEGEN Petsamo WEISSES MEER Murmansk Rovaniemi SCHWEDEN Tornio Oulu BOTTNISCHER MEERBUSEN KARELIEN FINNLAND SOWJET-UNION Wasa Petrosawodsk Tampere Ladoga-See Swir Onega-See Kotka Helsinki Wyborg Porkkala Leningrad
[GrafiktextEnde]
Mitte: Generalfeldmarschall Keitel. Bei der Unterzeichnung des "Terijoki"-Vertrags mit Molotow, Schdanow, Woroschilow, Stalin 1939.
Von Siegfried Kogelfranz

DER SPIEGEL 5/1985
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