31.12.1984

FUSSBALLAlle zufrieden

Wurde Italien 1982 dank Absprache Fußball-Weltmeister? Indizien aus dem Spiel Italien gegen Kamerun deuten darauf hin. Kein Offizieller mag ernsthaft nachprüfen. *
Eine Stunde war das Spiel spannungslos dahingeplätschert. Dann köpfte der Italiener Graziani, Kameruns Torwart Nkono glitt aus, Italien führte 1:0. Doch vom Anstoß spurteten die Kameruner durch eine weit geöffnete italienische Abwehr und glichen 50 Sekunden später aus. Die entscheidende Minute, behaupten zwei italienische Reporter, spiegele die Dramaturgie eines Betrugs.
Oliviero Beha von der Zeitung "la Repubblica" und Roberto Chiodi, Reporter bei "L'Europeo", haben zwei Jahre lang recherchiert und herausgefunden: Das Ergebnis des Spieles Italien gegen Kamerun bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 in Spanien sei vorher abgesprochen worden.
Eigentlich, schlußfolgerten sie, sei ein 0:0 vereinbart worden. Der Ausrutscher des ansonsten hochgerühmten Kamerun-Torhüters Nkono habe dann erfordert, das Gegentor zum 1:1 zuzulassen.
Unbestritten half das Resultat beiden: Kamerun kehrte nach drei Unentschieden unbesiegt zum großen Tamtam in Jaunde zurück; Italien gelangte in die zweite Runde, steigerte sich zu Siegen gegen Argentinien, Brasilien und die Deutschen, wurde Weltmeister.
Diese Steigerung war zum Zeitpunkt des Kamerun-Spieles noch nicht vorhersehbar. Die Italiener hatten beim WM-Turnier Startschwierigkeiten, gegen Polen nur ein 0:0 und gegen Peru ein
ebenso mühevolles 1:1 erreicht. Mindestens ein Unentschieden mußte gegen Kamerun her, um hinter Polen, das durch ein 5:1 gegen Peru uneinholbar Gruppensieger geworden war, den Klimmzug in die nächste Runde zu schaffen.
Die Italiener hatten sich schon bei ihrer ersten WM-Teilnahme 1934 im eigenen Land auf fragwürdige Weise ins Endspiel (2:1 gegen die Tschechoslowakei) gerempelt. Im Viertelfinale erreichten sie ein 1:1 gegen Spanien. Dabei traten sie so rücksichtslos zu, daß die Spanier in der Wiederholung sechs Kicker ersetzen mußten, darunter ihren Rückhalt, Torwart Ricardo Zamora.
Schiedsrichter im zweiten Spiel war der Schweizer Mercet aus dem italophilen Tessin. "Er benachteiligte die Spanier schamlos", heißt es in der "Fußball-Weltgeschichte". Die Italiener verletzten sieben Spanier ungestraft. Blessierte Spieler durften damals noch nicht ausgewechselt werden. "Dann gelingt Meazza ein irregulärer Treffer", so die "Fußball-Weltgeschichte", "den Mercet glatt anerkennt. Den einwandfreien Ausgleich der Spanier ignoriert er." Später sperrte der Schweizer Verband Mercet lebenslang.
Als Staatspräsident Pertini Italiens Stars, die nach den schmählichen Vorrunden-Spielen noch vor dem Dosenhagel ihrer enttäuschten Fans hatten fliehen müssen, nun zum Dank für den errungenen WM-Titel Orden verlieh, begannen Beha und Chiodi nachzuforschen, ob der Weg ins Finale mit Schmiergeld gepflastert worden war.
Sie fügten Indizien wie zu einem Puzzle zusammen: Vor dem fraglichen Spiel hatte die Mannschaftsleitung Kameruns Spielern die Prämien halbiert. "Stimmt", erinnerte sich Nkono. "Ich hab' nicht begriffen warum. Es war der Minister." Mittelstürmer Roger Milla, der als Profi beim französischen Proficlub SEC Bastia spielte, will seinen französischen Trainer, den Exnationalspieler Jean Vincent, beschworen haben, "anzugreifen", denn "mein Wort, Kamerun konnte gewinnen". Doch Vincent befahl, "ruhig zu bleiben".
Spieler beider Mannschaften hatten zuvor Kontakt miteinander. Fünf "haben es zugegeben", sagte Philippe Koutou, Agent des kamerunischen Geheimdienstes, der die Mannschaft nach Spanien begleitet hatte. Er nannte die Namen Nkono, Abega, Tokota, Mbida und Milla. "Das habe ich alles in meinen Bericht geschrieben."
Die italienischen Reporter befragten auch Michele Brignolo, der seit 20 Jahren in Kamerun mit Kaffee, Diamanten und Edelhölzern handelt. Er stellte den Kontakt zu Koutou her, den er während des letzten Militärputsches versteckt hatte. Brignolo: "Korruption? Na klar." Von 200 000 Dollar sei die Rede gewesen.
Vor dem Spiel, erklärte Koutou, "waren die Spieler nicht zufrieden", wohl wegen der Prämienkürzung. Nach dem Schlußpfiff dagegen fiel ihm auf, daß alle zufrieden gewesen seien. Trainer Vincent sei kurz darauf untergetaucht und habe sich bis heute nicht offiziell zu dem Verdacht geäußert.
Die Beha-Chiodi-Enthüllungen erschienen ausführlich in den Wochenzeitungen "L'Europeo", "L'Espresso" und "Epoca". Als Meldungen liefen sie um die Welt. Italiens Trainer Enzo Bearzot drohte seinen Rücktritt an, falls der Verband nicht eingreife. Der Weltverband Fifa befragte Beha und Chiodi. Ihren Film, den sie aus Material für sechs Stunden zusammengeschnitten hatten, durften sie nicht zeigen. Dann untersuchte die Fifa die Affäre mit Funktionären, denen eher daran gelegen sein mußte, den Fall zu vertuschen: mit Offiziellen der Verbände Kameruns und Italiens.
Der Weltverband mißbilligte die Skandal-Veröffentlichungen; Beweise, schloß die Fifa ihre Untersuchung, gebe es nicht.
Tatsächlich reichten die Indizien nicht hin, einen Betrüger schlüssig zu überführen. Aber auch kein Fifa-Dekret kann sie aus der Welt schaffen. Noch eine Version bietet sich an: Unabhängig von Italiens Trainer, Mannschaft und Funktionären könnte ein außenstehender Fan den Spielhandel betrieben haben. Bei Kameruns Mannschaft hielt sich während der WM ein italienischer Kronzeuge der beiden Rechercheure auf, Orlando Moscatelli aus Bastia in Korsika.
Moscatelli erzählte, ein anonymer Italiener habe ihn um Vermittlung gebeten: "Sie kennen doch Milla", Kameruns Mittelstürmer. "Fünf Spieler müßten es sein, 30 Millionen Lire pro Kopf" habe er angeboten, aber "echte Profis" brauche man dazu. Moscatelli will Milla das Angebot unterbreitet haben. Aber der Anonymus sei nicht mehr aufgetaucht; er habe wohl einen anderen Kanal gefunden.
Die Reporter schoben eine abenteuerliche Version nach: An der illegalen Londoner Wettbörse habe ein Wetter 100 Millionen Lire auf Kamerun gesetzt. Im Falle eines Sieges hätten die illegalen Buchmacher umgerechnet 18,6 Millionen Mark auszahlen müssen. Deshalb, vermuten sie, sei das Schmiergeld von der Glücksspielszene ins Spiel lanciert worden.
Falls Beha und Chiodi Ruhm und Reichtum erwartet haben sollten, wurden sie bitter enttäuscht. Behas "la Repubblica", die noch Spesen für 17 Tage Recherchen in Kamerun spendiert hatte, druckte das Ergebnis nicht einmal. "Die Beweise waren mir einfach zu dünn", gab Chefredakteur Eugenio Scalfari an. Beha, inzwischen in die Lokalredaktion strafversetzt, behauptet dagegen, Staatspräsident Pertini habe die Blattleitung angerufen und gegen die Nestbeschmutzung beeinflußt.
Unter dem Titel "Mundialgate" druckte der Verlag Feltrinelli 15 000 Buchexemplare mit dem Bestechungs-Abenteuer. Doch Druck von außen, vermutet Beha, habe die Auslieferung verhindert. Nun soll das Buch in einem kleineren Verlag herauskommen. Auch die Massenmedien, so Beha, hätten den "Skandal abgeschmettert, weil er den Weltruhm 'made in Italy' verunglimpft". Weder eine staatliche noch eine private TV-Anstalt kaufte ihren Film.
Die TV-Gesellschaft RAI, die Beha als freien Mitarbeiter beschäftigte, belegte ihn sogar auf ein Jahr mit einem, wie er es sieht, "Berufsverbot".

DER SPIEGEL 1/1985
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