25.03.1985

BAYERNWenn's amal eng wird

Während die Elf des FC Bayern von Spiel zu Spiel immer weiter nach oben kommt, geht es mit dem Präsidenten des traditionsreichen Klubs, Willi Otto Hoffmann, abwärts. *
Am Mittwoch letzter Woche saß unter den 55 000 Zuschauern im Olympiastadion zu Rom ein Mann mit grauem Bart - in einer Ecke des ersten Blocks, weitab von den Reihen der Ehrentribüne. Regen prasselte auf ihn hernieder. Er war offensichtlich froh, sich hinter den Regenschirmen seiner Vordermänner verstecken zu können.
Der durchnäßte Graubart war der Präsident des erfolgreichen Fußballvereins FC Bayern München, Willi Otto Hoffmann, 54, dessen Mannschaft sich gerade unten auf dem Rasen den Eintritt in das Halbfinale um den Europa-Pokal der Pokalsieger erkämpfte. Doch kein Tor konnte den Präsidenten, der sich sonst bei Siegen gerne mit erhobenen Armen in Szene zu setzen pflegt, diesmal vom Stuhl reißen. Unauffällig verließ er sofort nach dem Spiel das Stadion.
Denn Popularität, die den Arbeitersohn aus München-Giesing im Laufe der Jahre zu einem allzeit fröhlichen "Champagner-Willi" in der heimlichen Hauptstadt verformt und ihm einen festen Platz in der schillernden Münchner Spezi- und Bazi-Gesellschaft gesichert hatte, ist dem Präsidenten des traditionsreichen Klubs seit ein paar Tagen zuwider.
"Spuits fei die Sache net so hoch", versucht er allzu Neugierige zu dämpfen. Volkmar Schwalbe, Kompagnon in Hoffmanns Münchner Steuerberatungsgesellschaft, erklärt die Zurückhaltung des Chefs so: "Jede Veröffentlichung über die Probleme Hoffmanns wirkt doch wie eine selffulfilling prophecy."
Die Sache, das ist für den Bayern-Präsidenten fürs erste nur "ein kleiner Liquiditätsengpaß". Und die Probleme Hoffmanns waren Insidern der Geldwirtschaft, die zuweilen seismographisch auf sich anbahnende Schieflagen reagieren, ohne irgendeine Veröffentlichung längst vertraut.
Als sich der einst weltweit operierende Hoffmann unlängst ein vergleichsweise bescheidenes Hotel im fränkischen Ochsenfurt zulegen wollte, wurden wie üblich Bankauskünfte über ihn eingeholt. "Als der Bankdirektor den Namen Hoffmann hörte", erinnert sich ein Vermittler, "da hat der gleich die Hände hochgerissen wie bei einem Überfall." Jedenfalls kam dann der Fußball-Präsident nicht zum Zuge.
In Wahrheit hat der Münchner Kicker-Boß zur Zeit eher Anlaß, Immobilien abzustoßen, als zu kaufen. Dazu gehören vor allem die in den letzten Wochen ins Gerede gekommenen Hotel-Objekte "Mercure" in Stuttgart, "Achental" in
Grassau und "Schillingshof" im oberbayrischen Bad Kohlgrub.
Mit fetten Steuervorteilen und Mietgarantien hatte Hoffmann fast 500 gutverdienende Geldanleger in Engagements für diese drei Bauherrenmodelle gelockt. Doch nun ranken sich nur noch einige Hoffmann-Firmen mit eindrucksvoll klingenden Namen um die teuren Objekte, alles Gesellschaften mit beschränkter Haftung und unbeschränkt geleerten Kassen - so etwa die Horesbi-GmbH und die Sporthotel Achental Betriebsgesellschaft (die beide den Eheleuten Hoffmann gehören) oder die Intra Bauplanung GmbH (an der Hoffmann-Ehefrau Ingeborg Regina zur Hälfte beteiligt ist) oder die PRG Revisions- und Treuhand Steuerberatungsgesellschaft (die Hoffmann-Partner Schwalbe gehört).
Nach einem Blick in die Kassa-Bücher der Gesellschaften stellte der Finanz-Prokurist Dieter Müller von der Novotel-Gruppe, die weltweit 500 Hotels betreibt, fest: "Da sieht es düster aus."
Entsprechend abgemagert fiel das Kaufangebot der Novotel für die drei Hoffmann-Objekte aus: Die insgesamt 31,8 Millionen Mark decken gerade die auf den Immobilien ruhenden Belastungen. Den 111 "Schillingshof"-Bauherren erklärte Müller auf der jüngsten Eigentümerversammlung klipp und klar: "Meine Damen und Herren, um es ganz einfach, aber deutlich zu sagen - Hoffmann ist pleite."
Doch das Menetekel vergällte Willi O. Hoffmann zunächst nicht die Laune, den Salvator-Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg mitzufeiern und sich am vorletzten Wochenende im Olympia-Stadion von seinen Fans ("Willi! Willi!") lauthals feiern zu lassen.
Absondern muß sich der Präsident, der sich gerne mit seinen Beiratsmitgliedern Erich Kiesl (Münchens Ex-OB) oder Karl Hillermeier (erst Justiz-, dann Innenminister) zeigt, freilich noch lange nicht. Denn die Loden- und Trachtengesellschaft an der Isar ist ja tolerant genug, um zum Beispiel bei dem Steuerberater Hoffmann eine mit 100 000 Mark Geldbuße geahndete fahrlässige Steuerhinterziehung zugunsten seines Klubs als eine Art Kavaliersdelikt hinzunehmen.
Ob der Präsident auch ein Verfahren wegen Nötigung und versuchten Betrugs völlig unberührt überstehen kann, ist nicht abzusehen. Sicher ist nur, daß die Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht München I unter dem Aktenzeichen 301 Js 15665/84 wegen der beiden Delikte seit fast einem Jahr ermittelt - und zwar "gegen Ingrid Thiele u. 1 And.".
Ingrid Thiele ist Geschäftsführerin einer "Invest Concept Vermögens- und Anlagenberatungs-GmbH", die vermutlich in Beziehung zur Hoffmann-Gruppe steht, und der diskret ungenannte andere ist, wie Leitender Oberstaatsanwalt Otto Heindl bestätigt, Willi O. Hoffmann. Die Ermittlungen ziehen sich vor allem deswegen so lange hin, weil sich "die beiden Betroffenen bisher noch nicht geäußert haben" (Heindl).
Dabei scheint der Sachverhalt, wie er sich aus der Anzeige gegen Hoffmann ergibt, gar nicht besonders kompliziert. Der Anzeigeerstatter, der Münchner Kaufmann Rolf Gerisch, hatte aus schiefgegangenen Unternehmungen lediglich sogenannte Verluste übrigbehalten. Das heißt, er konnte bis zum Ausgleich dieser Verluste Einnahmen erzielen, ohne Steuern an das Finanzamt abführen zu müssen.
Mit diesen Voraussetzungen wandte er sich an den Steuerakrobaten Hoffmann und tüftelte, so Gerisch, angeblich mit diesem ein System zur Rückholung von _(Bei einer Pressekonferenz letztes Jahr ) _(in München. )
Steuern aus. Gerisch sollte zunächst für vorgetäuschte Vermittlungstätigkeiten eine "blinde Rechnung" über 300 000 Mark an die für die Betreuung des jetzt maroden Projekts "Schillingshof" zuständige Hoffmann-Gesellschaft Intra stellen - sozusagen nur zum Schein. Fiktive Einnahmen in dieser Höhe taten Gerisch nicht weh, weil er sie den "Verlusten" gegenüberstellen konnte und so jedenfalls keine Steuern fällig wurden.
Hoffmann wiederum konnte den Rechnungsbetrag als Geschäftsunkosten verbuchen - und angeblich wollte er, wie Gerisch in seiner Anzeige darlegt, einen Teil des Erlöses an Partner Gerisch abführen. Gerisch bekam aber angeblich nur Bruchteile der vereinbarten Summe ausbezahlt und sah sich am Ende auch noch unerwarteten Rückforderungen der "Invest Concept" in Höhe von 45 000 Mark gegenüber. Gerisch: "Da habe ich mehr oder weniger in Notwehr Strafanzeige erstattet." Hoffmann sagt zu dem Komplex gar nichts - weder dem Staatsanwalt noch dem SPIEGEL.
Kaufmann Gerisch hingegen hat beim Finanzamt vorsorglich Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung erstattet, um so einem Strafverfahren zu entgehen. Die Finanzbeamten errechneten für Gerisch eine Steuernachzahlung von 60 000 Mark für die fiktiven Einnahmen. Doch bis heute erhielt Gerisch keinen Steuerbescheid über die errechnete Summe, und genauso wie Hoffmann hörte auch Gerisch weiter nichts mehr vom Staatsanwalt. Gerisch: "Ich habe natürlich kein Interesse, denen Feuer unterm Hintern zu machen."
Die Bedächtigkeit der Staatsanwaltschaft hängt vielleicht auch damit zusammen, daß das Imperium Hoffmanns in ungezählte Einzelgesellschaften mit fast undurchschaubaren Funktionen gegliedert ist. Für jede Aktivität gründete der Steuerexperte gleich eine Gesellschaft (immer mit beschränkter Haftung), in der nicht selten Ehefrau Ingeborg Regina den Löwenanteil innehatte.
So gab es neben einer exotischen "Claro Sol S.A." in Madrid eine beinahe vertraut klingende "Neue Wohnheimat GmbH" in Berlin, aber auch eine in Oberbayern ansässige "SBG Schiffahrtsbeteiligungs GmbH" und sogar eine "Uranium Gesellschaft für Uranerschließung". Mit dem Schürfen von Uran, dem Brennstoff für Kernkraftwerke und Ausgangsstoff für Atombomben, im fernen Kanada wurde es aber doch nichts. "Das war ein totgeborenes Kind", räumt Hoffmann-Partner Schwalbe ein, "weil man bei den Kanadiern ja so beschissen wird."
Und eine solche Konstellation war dem Abschreibungsjongleur Hoffmann so ungewohnt wie unannehmbar. Das können gewiß jene 450 Kommanditisten bestätigen, die sich in den siebziger Jahren unter Anleitung Hoffmanns zur Errichtung von drei Hotels an der spanischen Atlantik-Küste verleiten ließen. Versprochen wurden wie immer üppige Verlustzuweisungen und beträchtliche Gewinne, doch die drei Hotels "El Flamenco", "Chico" und "Terramar" wurden wegen Unrentabilität alsbald weiterverkauft, und das Kapital der Anleger ist so gut wie futsch.
"Wo ist das Geld - wo, wo, wo?" jammert noch heute eine Münchner Fabrikantin, die 200 000 Mark bei Hoffmann riskiert hatte. Maßgebend für ihren Entschluß war seinerzeit das Engagement des Münchner Hochschulprofessors Peter Scherpf, der damals Betriebswirtschaft und Steuerrecht lehrte und heute emeritiert ist.
Der Professor, der seinen Studenten in Erinnerung geblieben ist, weil er so gerne Jaguar fuhr (Scherpf: "Aus Gesundheitsgründen wegen meiner Lendenwirbelsäule"), wohnt wenige Häuser neben der Steuerkanzlei Hoffmanns und kennt den Meister auch persönlich.
An dem Projekt "Flamenco" war er selber mit 10 000 Mark beteiligt (einbezahlt hat er aber nur 5000 Mark), auch hat er das "Projekt öfters besucht". Spanien war ihm wohlvertraut, denn dort hatte er vor seiner wissenschaftlichen Laufbahn einen Zirkus geleitet.
Der Professor nimmt den Mißerfolg an der Costa de la Luz auf die leichte Schulter. "Die Leute sind selber schuld", sagt er, denn "die Gefahren waren doch von vornherein klar". Und außerdem: "Es hat ja nicht die Ärmsten getroffen." Ganz ähnlich klingt die Argumentation des Hoffmann-Kompagnons Schwalbe. "Die Leute selber handeln irrational", so räumt er mit entwaffnender Offenheit ein, denn eine "echte Steuerersparnis" sei doch bei all diesen Modellen "überhaupt nicht drin".
Nicht mehr viel drin scheint nun allerdings auch bei Hoffmann zu sein. Für seine Hotels "Seidlpark" in Murnau (60 Zimmer) und "Alpina" in Garmisch (40 Zimmer), die vom Novotel-Konzern gemanagt werden und in der Anlaufphase zeitweise noch Zuschüsse bräuchten, kann der Präsident auch nicht mehr zahlen. "Es kommt einfach nix", sagt Novotel-Prokurist Müller. Doch vorerst will der Hotelkonzern noch stillhalten: "Wir möchten nicht der Henker von Herrn Hoffmann werden."
Auch Steuerberater Schwalbe weiß, daß die goldenen Zeiten für seinen Partner, der einst das monatliche Haushaltsgeld für seine Frau und seine fünf Kinder auf 60 000 Mark bezifferte, ziemlich vorbei sind. "Wenn''s amal eng wird", so philosophiert der Partner, "dann wird''s eng" - da könne einen schon das Fehlen von zehn Mark umschmeißen.
Bei einer Pressekonferenz letztes Jahr in München.

DER SPIEGEL 13/1985
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