22.04.1985

1945: „Absturz ins Bodenlose“

SPIEGEL-Redakteur Georg Bönisch über Kapitulation und Besatzung (III): Köln *
Bei der Lagebesprechung am 2. März 1945 im Führerbunker wies Adolf Hitler auf die vor ihm ausgebreitete Landkarte vom Westen des bröckelnden Reiches und sprach: "Hier, über den Rhein, kann ja keiner überlaufen. Das ist das Wunderbare."
Doch der deutsche Rhein hielt weder den Feind noch Hitlers Gefolgschaft auf. Als die Amerikaner zum Angriff antraten, setzten sich die Nazibonzen ab.
Josef Grohe, Gauleiter, Preußischer Staatsrat und Reichsverteidigungskommissar, schnappte sich eines der letzten noch intakten Motorboote, schipperte über den Rhein und verschwand erst einmal - als Landarbeiter Otto Gruber.
Die Clique aus Gauleitung und Stadtverwaltung desertierte in Richtung Harz, wohlversehen mit 100 Millionen Reichsmark aus der Stadtkasse, reichlich Fressalien und Schnaps, dazu noch Insulinvorräte, die eigentlich für todgeweihte Zuckerkranke bestimmt waren.
Im Vorort Niehl, unweit der Fordwerke, die nur wenig abbekommen hatten, stiegen der stellvertretende Gauleiter, Richard Schaller, und zwei Dutzend auserwählte Parteigenossen in die Kanalisation, tappten, im Gänsemarsch, 400 Meter durch einen verdreckten Düker unterm Rhein und brachten sich vorerst in Sicherheit, noch eben rechtzeitig.
Wenig später wurde der rechtsrheinische Ausgang aus der Unterwelt gesprengt. Ein 30 Mann starker Gestapo-Trupp, ebenfalls unterwegs ins Reichsinnere, kam um: auf der Flucht ertrunken.
"Den Kampf bis aufs Messer", zu dem sie aufgerufen hatte, überließ die braune Garde dem letzten Aufgebot aus Veteranen - "alte Männer, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen, Krüppel mit Glasaugen und Holzbeinen", wie sie später der US-Geheimdienst beschrieb - und Heranwachsenden.
Am 6. März 1945 rollten die ersten Kettenfahrzeuge der 3. US-Panzerdivision durch enge, trümmerübersäte Straßen in die Innenstadt - unter dem Befehl von Generalmajor Maurice Rose, Sohn eines osteuropäischen Rabbiners, der einzige jüdische Offizier dieses Ranges in der US-Armee (er fiel bei den Kämpfen um Paderborn).
"Kein Platz zum Wenden", erinnert sich ein Panzerkommandant, "keine Möglichkeit zu entkommen. Wer sich einmal zwischen diesen Häusern befand, kam sich vor wie eine freistehende Zielscheibe."
Vor dem Dom, dessen 157 Meter hohe, nur leicht verletzte Türme wie schwarze Mahnmale in den Himmel ragen, feuert gegen 16 Uhr ein deutscher "Panther"-Panzer aus halbversteckter Stellung auf den ersten "Sherman"; Volltreffer. Der zweite Amerikaner erwidert das Feuer und erledigt den Angreifer.
Um 17 Uhr schweigen die Waffen. Ein US-Offizier gibt übers tragbare Funkgerät seinem Stab durch, die Truppe habe den Rhein erreicht. Das Unternehmen "Lumberjack" (Holzfäller) war beendet, das linksrheinische Köln besetzt.
Im Oberkommando der Wehrmacht diktierte der Historiker Percy Ernst Schramm, beauftragt mit der Führung des Kriegstagebuchs: "In Köln ist der Widerstand erloschen." Die "New York Times" berichtete: "Köln leblos; Kathedrale steht."
Die Nachricht stimmte nicht ganz. Denn es gab noch Leben in diesem "toten, stumpfsinnigen Schutt, der einst Köln gewesen ist". ("Daily Express".)
Tausende hatten die letzten Monate des Krieges und vor allem den letzten Großangriff alliierter Flieger vom 2. März in Kellern oder Tiefbunkern überlebt, wie einst die Christen Roms, die sich vor den Häschern des Kaisers in den Katakomben an der Via Appia versteckt hatten.
"50 Fuß unter den Straßen", berichtete ein englischer Kriegsberichterstatter nach Hause, hatten sie "ein ganz geheimes Untergrundleben" organisiert: Es gab Fahrräder zu kaufen und Fackeln, Armagnac und Brot, Bohnen und Zucker, Porzellan und Mais.
Aber das Leben da unten war eigentlich kein Leben mehr. Erschüttert notierte der Journalist: _____" Fünfmal bin ich heute seit Tagesanbruch in dies " _____" Maulwurfsleben der Kölner hinuntergestiegen. Jedesmal hat " _____" es mich ... erschreckt, daß menschliche Wesen dem Tier so " _____" nahe kommen können und sich so wenig daraus machen. "
Und droben lag die Stadt verwüstet, wie damals, im Jahre 881, als die Normannen über sie hergefallen waren. In den fünf Kriegsjahren hatten mehr als 10 000 Flugzeuge bei 262 Angriffen über 1,5 Millionen Bomben und Minen abgeworfen, 20 000 Menschen starben, 40 000 wurden verletzt, 700 000 mußten evakuiert werden oder flüchteten.
In der Altstadt standen nur noch zwei Prozent aller Häuser von 1939 - ganze 113. Von 150 Kirchen und Kapellen wurden 91 völlig zerstört, unter ihnen die weltberühmten romanischen Basiliken. Alle fünf Brücken lagen im Rhein, 100 versenkte Schiffe blockierten die Fahrrinne und die Kais.
Von ehedem 2176 Klassenräumen der Volksschulen waren gerade noch 212 vorhanden, von 7711 Krankenhausbetten nur 1495, über 16 000 Laternen waren umgeknickt, 737 Kilometer Kanalisation an Tausenden Stellen durchlöchert. Von den über 43 000 Kraftfahrzeugen waren noch 6000 übriggeblieben.
Alles zu Fuß, "besonders Begünstigte" (Publizist Fritz Hauenstein) waren mit dem Rad oder einem Kinderwagen als Mini-Transporter unterwegs. "Alle schleppten zu jeder Tageszeit Ameisen gleich irgend etwas mit sich: Türen, Bretter, Steine ... unkenntliche Gegenstände, verbogen, zersplittert, durchlöchert, Dinge, von denen man sich nicht vorstellen konnte, daß sie noch nützlich sein könnten."
Es gab kaum Wasser, kaum Strom, kein Gas: "Dat einzije, wat he noch stemme dät", klagte Peter Fröhlich, ein Urviech der Kölner Sozialdemokratie, "wor die geografische Lage."
Zerschlagen, zerhauen, zerstört. Kaum eine andere Stadt und ihre Bewohner haben so gelitten, mag auch der Kölner Heinrich Böll "eine Art Wettstreit der deutschen Städte" über den Grad der jeweiligen Zerstörung als "deutscheste Form des Perfektions-Perversionsspiels" mißachten.
Das hillige Kölle - der größte Schutthaufen der Weltgeschichte. 30 Millionen Kubikmeter "aufgelockert", wie Statistiker festhielten, ohne zynisch sein zu wollen, "23 Millionen Kubikmeter unaufgelockert".
Tod und Trümmer überall, Stille und Staub. In der Luft hing noch Leichengeruch, fette Ratten wieselten von Ruine zu Ruine. Typhus grassierte, auch Fleckfieber, schwere Geschlechtskrankheiten erreichten Rekordziffern. Die Säuglingssterblichkeit lag bei 16 Prozent (1939: 7,2 Prozent), fast die Hälfte aller Bewohner litt an geschlossener oder offener Tuberkulose. Verbandstoffe fehlten, Sulfonamide, Arzneien, Jod, Opiate, Narkoseäther.
"Auf gesundheitlichem Gebiet sehen wir auch ein Trümmerfeld vor uns", sagte Gesundheitsdezernent Franz Vonessen, ein Mediziner, "und mit Bitterkeit und Zähneknirschen erinnern wir uns: Auch das verdanken wir dem Führer."
Auf Bezugsscheine gab es fast nichts - auf dem Schwarzmarkt vor dem Dom gab es fast alles. "Dort handelten", erinnerte sich der erste Kölner Regierungspräsident nach dem Kriege, Clemens Busch, "in aller Öffentlichkeit gegen tausend Menschen und alliierte Soldaten mit allem, was das Herz begehrt."
Amerikanische Soldaten kamen mit Zigaretten oder Nylonstrümpfen und sackten dafür Photoapparate, Uhren und Schmuck ein; ganz scharf waren sie auf Orden oder Ehrendolche von Wehrmacht und Partei.
Ein Pfund Kartoffelschalen kostete eine Reichsmark, der Zentner Kartoffeln 600 - der Bauer hatte dafür im Schnitt 100 Reichsmark bekommen, die
lukrative Spanne steckten dann die Schieber ein.
"Der Speck", schrieb der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK), Bernhard Hilgermann, "war mit 120 RM je Pfund noch verhältnismäßig billig." Eine amerikanische "Camel" brachte dem Verkäufer sieben Reichsmark, "dofür moot", weiß Fröhlich, "ne Arbeider ne janze Dach arbeide".
In dieses rheinische Karthago waren die Amerikaner gekommen wie die Erlöser. Viele Kölner beteten, manche betranken sich mit dem letzten Fusel. "Es war aber weniger Freude als vielmehr eine dumpfe Erleichterung", schreibt der Historiker Gerhard Brunn. Die Menschen hatten überlebt und begannen wieder zu leben.
Am 9. März 1945, Schlag null Uhr, nahm die Militärregierung in einem Versicherungsgebäude am Kaiser-Wilhelm-Ring ihre Geschäfte auf. Der erste Tagesbericht an den Kommandierenden General der 1. US-Armee, Courtney H. Hodges, vermeldete "vertraulich": _____" Die Bevölkerung scheint sehr hilfsbereit und weitaus " _____" freundlicher als die Zivilbevölkerung in anderen " _____" Abschnitten Deutschlands ... Sie scheinen mehr als " _____" willig, Informationen zu geben und Hilfe zu leisten. "
Baumlange, dunkelhäutige GIs, den Stahlhelm leger im Nacken, im Mundwinkel eine "Lucky Strike", verteilten Handzettel und klebten Plakate auf
brandgeschwärzte Mauern: Eisenhowers Proklamation Nr. 1 ("Alle Personen in dem besetzten Gebiet haben unverzüglich und widerspruchslos alle Befehle ... der Militärregierung zu befolgen"), Hinweise auf Entlausungsmittel DDT ("Von oben ins Hemd zu stäuben, Wirkung hält einen Monat") oder auf Ausgehzeiten ("7 bis 18 Uhr") und das strikte Verbot des Waffenbesitzes.
Offiziere des militärischen Nachrichtendienstes CIC ("Counter Intelligence Corps") fahndeten nach Fachleuten - Wasserwerkern und Elektrikern, Polizisten und Ärzten, Bäckern, Fleischern und Schweißern. Meldung ans Hauptquartier: _____" Männer der 19. Abt. unter Lt. Reber ermittelten " _____" innerhalb von 12 Stunden ungefähr 30 gute Kräfte, die " _____" unserer Zweigverwaltung halfen und weitere Möglichkeiten " _____" erschlossen. "
"Der höchste Zivilbeamte, den man sprechen konnte", meldete die Militärregierung in ihrem ersten Tagesbericht dem Hauptquartier, "war ein ehemaliger Oberinspektor" - nämlich Fritz Knaup vom Ernährungsamt. Er bekam den Auftrag, Kontakt zu Kollegen herzustellen und ein allererstes Verwaltungs-Provisorium mitaufzubauen.
Ein Hauptwachtmeister, den amerikanische Nachrichtenoffiziere durch Zufall in der Nähe ihres Büros getroffen hatten, wurde kurzerhand zum Polizeichef befördert, für eine Woche. Seine erste Amtshandlung war, 24 Hilfspolizisten anzuwerben.
Da aber auf die schnelle "eine Auslese sowie eine Überprüfung nicht möglich war", klagte später der städtische Sicherheitsdezernent Gustav Finck, "schlichen sich manche unlautere Elemente ein, die
glaubten, unter dem Deckmantel der Armbinde Geschäfte machen zu können".
Ein Hilfspolizist ließ gegen 200 Zigaretten einen Schwarzhändler laufen - zwei Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust. Ein anderer trickste, ohne Strafe, Dutzende Mitbürger aus, die geduldig vor einem Fischgeschäft warteten. "Ich will mal sehen, ob es sich für euch alle lohnt, hier zu stehen", sagte er, ging in den Laden und kam bald, mit Fisch reichlich, wieder heraus: "Es sind nur noch ein paar Portionen da - die meisten von euch kriegen nichts mehr."
Mancher Beamte wurde auf der Straße zwangsverpflichtet. So radelte der kaufmännische Angestellte Heinz Hammelstein durch den Westen der Stadt, als er einen US-Posten kreuzte. "Waren Sie Nazi?", fragte ein Officer. "No", antwortete Hammelstein. Darauf der Ami: "Schön, dann schreiben Sie mal Ihren Lebenslauf, und ich stelle Sie als Polizisten ein."
Im April rief der Chef der US-Rechtsabteilung, ein Oberst, etwa zehn Richter und knapp 40 Rechtsanwälte ins vorläufige Rathaus am Kaiser-Wilhelm-Ring. "Er erklärte", erinnerte sich der Teilnehmer Hans Floß, "die Versammlung möge drei Persönlichkeiten wählen, die als Präsident des Amtsgerichts geeignet erschienen."
Der Obrist zog sich zurück, und die Juristen "wählten nach kurzer Diskussion in geheimer Abstimmung" (Floß) die Kandidaten. Danach führte der Offizier mit allen drei kurze Einzelgespräche und bestimmte dann durch Fingerzeig den Präsidenten - Heinrich Lingemann (später OLG-Präsident in Düsseldorf).
Zufälle der ersten Stunde. Beim Aufbau der Verwaltung gingen die Besatzer dann gründlicher vor. Beste Informanten waren, wie anderswo auch, exilierte eigene Offiziere oder Geistliche.
Kölns katholischer Stadtdechant Robert Grosche, der mit 96 Glaubensbrüdern in der umgepflügten Stadt ausgeharrt hatte, nannte "Namen von 12 bis 15 Männern, die erreichbar sind und geeignet seien, eine Stadtverwaltung aufzubauen" (US-Bericht).
Länger konnte Grosches Liste nicht sein, denn es war noch oberstes Prinzip der Amerikaner, niemanden, "der zu irgendeiner Zeit Mitglied der NSDAP, der SA oder SS gewesen ist, aus welchem Grund auch immer, bei der Stadtverwaltung oder einer ihrer Amtsstellen" zu beschäftigen.
Mehr als 90 Prozent aller Beamten aber waren Parteigenossen gewesen, 60 Prozent der städtischen Angestellten, die Hälfte aller Lehrer, ein Viertel der Handwerker. Schon bald sollte sich herausstellen, daß die pauschale Entnazifizierung genauso zur Überlebensfrage geriet wie das Ernährungsproblem.
Zu Grosches Favoriten zählte natürlich, auch wenn kein Aktenvermerk und keine Protokollnotiz es offiziell festhält, Konrad Adenauer - Kölns mächtiger und gut dotierter Oberbürgermeister aus Vor-Hitler-Zeiten, den die Nazis nach der Reichstagswahl 1933 aus dem Amt gejagt, 1944 für ein paar Wochen ins KZ und ins Gefängnis geworfen hatten.
Zum Widerstand hatte Adenauer nie gehört. "Das System von innen aufzubrechen", hielt er für aussichtslos, so versuchte er es erst gar nicht. Aber seine stramme Anti-Nazi-Haltung war genauso bekannt wie seine Abneigung gegen Kommunisten - auch bei den Amerikanern.
Der mittlerweile 69jährige stand als einer von etwa 1500 Deutschen auf der im Dezember 1944 erstellten amerikanischen "White List of Persons in Germany believed to be Anti-Nazi or Non-Nazi" - als unbelastet, vertrauenswürdig und akzeptabel für jedes Amt.
Daß er auf der Liste "für Deutschland" als "Number one" stand, mag Adenauer bis zu seinem Tod geglaubt haben. In einem Interview stellte der frühere US-Offizier und Ex-Diplomat Alexander A. Klieforth jedoch klar: "Im Bereich, wo ich tätig war, war Adenauer Nummer eins, und das war lediglich der Kölner Raum."
Klieforth, dessen Vater vor dem Krieg als Generalkonsul der Vereinigten Staaten in Köln amtierte und der in der Max-Bruch-Straße gegenüber den Adenauers wohnte, hatte den Auftrag, den Alten zu suchen und nach Köln zu bringen. Er forschte erst in der Eifel, weil er "nicht glaubte, daß sich Konrad Adenauer dorthin absetzen würde, wo er am leichtesten zu finden wäre, also in Rhöndorf". Mitte März 1945 kam Klieforth dann, "um zu sehen, ob ich noch am Leben sei" (Adenauer).
Tatsächlich war Adenauer kurz zuvor nur knapp dem Tod entronnen, als er, von seinem Garten aus, den amerikanischen
Vormarsch auf dem linksrheinischen Ufer beobachtete. Da will der notorische Zivilist aus "einer Entfernung von etwa 300 Metern" allen Ernstes "eine Granate" auf sich "zufliegen" gesehen haben. Konrad Adenauer in seinen "Erinnerungen": "Ich warf mich sofort zu Boden. Wir wußten aus Erfahrung, daß die Amerikaner in der Regel drei Granaten nach demselben Ziel schossen."
Die erste Granate schlug zwölf Meter neben Adenauer ein. "Sie war, wie alle amerikanischen Granaten, hoch brisant, ihre Splitter gingen über mich hinweg". Die zweite krachte sieben Meter neben ihm in den Garten, die dritte nur noch fünf.
Dann sprang der Alte auf und rannte ins Haus zurück. "Abgesehen davon, daß mein Gehör noch längere Zeit erheblich beeinträchtig blieb, war mir nichts geschehen."
Und jetzt, nur wenige Tage nach dem gefährlichen Zwischenfall, chauffierten zwei amerikanische Offiziere ihn und seine Frau im offenen Jeep zum Kölner Stadtkommandanten Raymond L. Hiles. Der kam schnell zur Sache: "Sie werden wieder Oberbürgermeister von Köln, Doktor Adenauer."
Adenauer, der die Ernennung als selbstverständlich erachtete, erinnert sich: "Ich bat, davon abzusehen. Ich hätte drei Söhne an der deutschen Front. Sie würden sicher von den Nazis erschossen werden, wenn bekannt würde, daß ich von den Amerikanern ernannt sei."
Zurückhaltung war auch dringend geboten. Am Tag, als Adenauer (vorerst) ablehnte, wurde jenes "Werwolf"-Kommando hinter die Front geflogen, das am 25. März 1945 den Aachener Oberbürgermeister Franz Oppenhoff ermordete; ihn hatten die US-Besatzer im Herbst 1944 eingesetzt.
Nach dem Treff mit den Militärs streifte Adenauer durch die Stadt: "Alles leer, öde, zerstört." Über nur notdürftig geräumte Straßen zog er zur früheren Gestapo-Zentrale hinterm Gerichtssitz, am Appellhofplatz, um sich "die Räuberhöhle" auszuschauen:
"Der Mensch ist merkwürdig. Das ganze Haus war doch eine Quelle der Qual für mich gewesen. Aber es kam mir der Gedanke, für mich und meine Angehörigen ein Andenken mitzunehmen." Adenauer suchte sich einen Tischleuchter aus, "einfach und edel in der Form".
Obgleich Konrad Adenauer erst am 4. Mai sein Amt offiziell antrat - auch der rechtsrheinische Teil Kölns war zu diesem Zeitpunkt besetzt -, war er doch seit seinem Auftauchen der heimliche Oberbürgermeister, mal Elder statesman bei Verhandlungen mit den Offizieren ("Dat jing immer jut"), mal pragmatischer Anpacker und schon längst wieder der alte Klüngler.
Formal führte zwar sein Schwager Willi Suth, bis 1933 Stadtkämmerer, die Stadtverwaltung. Suth mußte am 26. März auch den "Instruktionsbrief" der Militärs entgegennehmen, eine Art Grundgesetz für das administrative und politische Vakuum der ersten Monate.
Dieser Befehl des Obristen John K. Patterson degradierte zwar das Amt des ersten Bürgers vorerst zur bloßen Handlangerei ("Sie werden verantwortlich sein für die Ausführung der allgemeinen und speziellen Richtlinien"), doch er offenbarte bereits ein Stück Freizügigkeit. "Sie werden", schrieb er Suth, "dafür haften, daß unter den Leitern wichtiger Abteilungen Vertreter aller nichtverbotenen politischen Überzeugungen und Wirtschaftsgruppen vorhanden sind."
Es mag an der Sympathie der Amerikaner für die neuen alten Herren gelegen haben oder an ihrem politischen Amateurstatus, oder vielleicht war es sogar Absicht: Adenauers Schatten-OB Suth konnte trotz der Weisung Pattersons nach pluraler Aufteilung ein kommunales Kabinett einberufen, das stark konservativ ausgerichtet war.
Fünf der elf Spitzenleute waren ehemalige Zentrumsleute, drei hatten früher der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und zwei der Deutschen Volkspartei (DVP) angehört. Nach der Sitzordnung von Weimar stand die Stadtführung also fast geschlossen Mitte-Rechts.
Rheinische Gewerkschafter, die im englischen Exil gelebt hatten und bereits
Ende März nach Deutschland zurückkehren durften, um als Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes OSS ("Office of Strategie Services") Besatzungsoffiziere zu beraten, meldeten ihren Freunden entsetzt diese politische Schlagseite.
Der Gewerkschafter Alfred Kiss schrieb am 23. April: "Köln von Zentrum beherrscht. Gesamtstimmung der Bevölkerung gegen Zentrum, besonders auch wegen der vom Zentrum betriebenen Machtpolitik."
Unter seinem Pseudonym Wilhelm Heidorn notierte Werner Hansen, später SPD-Bundestagsabgeordneter und DGB-Vorständler: "Zentrumsklüngel in Köln läßt niemand in die Verwaltung. Besonders schlimm sei Adenauers Rückkehr. Erbitterung bei allen Arbeitern, die in negative Kritik getrieben werden."
Ein Unbekannter: "Hier ist es, ganz milde gesagt, Scheiße ... Und es sieht schon jetzt so aus, als ob die, die nicht gearbeitet haben, sondern hübsch leise getreten sind, jetzt mit ihrer großen Schnauze obenauf sind. Aber noch viel schlimmer ist es zu sehen, wie verhakenkreuzt die Schwarzen sind."
Zwar war es den Sozis gelungen, Ende April "in größerer Zahl in die Stadtverwaltung einzudringen" (Kiss), doch eine Spitzenposition hielt lediglich Personaldezernent Josef Brisch, der frühere SPD-Oberbürgermeister von Solingen - wenige Wochen. Dann kehrte er enttäuscht wieder ins Bergische zurück, weil er den "Kampf gegen die Adenauer-Clique aufgegeben hat" (Hansen).
Auch kommunistische Funktionäre, die sich jahrelang in der Altstadt vor den Nazis versteckt hatten, liefen erfolglos gegen Adenauers Machtblock an. Als Hein Niesen, der kommissarische Erste Sekretär des KPD-Bezirks Mittelrhein, beim Kommandanten Patterson vorstellig wurde und die Mitarbeit seiner Leute anbot, antwortete der Offizier lakonisch: "Die wichtigsten Verwaltungsbeamten sind bereits eingesetzt."
Kölner KZler, die Konrad Adenauer aus Buchenwald hatten abholen lassen, reichten auf Bitten des Oberbürgermeisters eine Liste von 15 "aufrechten antifaschistischen Kämpfern für den Dienst in der Stadtverwaltung ein" - genommen wurden "sage und schreibe", erregte sich KP-Funktionär Hermann Zilles, "vier Kameraden" in subalterne Positionen.
Gewerkschafter, die sich bereits Ende März zu ersten Besprechungen zusammengefunden hatten, blieben ebenso einflußlos bei der Frage, wer ins obere und mittlere Management der Stadt einziehen dürfe. Adenauer vor leitenden Beamten der Stadtverwaltung: _____" Die Vertreter dä Jewerkschafte erhoben den Anspruch, " _____" dat kein Mensch vom Jeneraldirektor bis zum letzten " _____" Hilfsarbeiter eine Arbeit bekommen dürfe, ohne Mitjlied " _____" dä Jewerkschaften zu sein. Ich hab'' den Herrn erklärt, " _____" dann jeh ich nach Moskau, dann hab'' ich mehr Freiheit als " _____" bei euch. Die Herrn ham den Anspruch fallenjelassen. "
Der neue Oberbürgermeister konnte sich die lockere Handhabung des "Instruktionsbriefes" offenbar leisten, weil die Amerikaner selbst nicht so recht von ihrem Papier überzeugt waren. Viele US-Militärs, später auch ihre britischen Kameraden, "befürchteten", urteilt der Kölner Historiker Reinhold Billstein, "eine Stärkung kommunistischer und linkssozialistischer Positionen". Das Gros habe "kein Hehl daraus gemacht", den gewerkschaftlichen Anfängen wie "überhaupt den lokalen Repräsentanten der Arbeiterbewegung" mit Vorsicht und Mißtrauen gegenüberzustehen.
Ob die Abschottung vor progressiven Kräften, wie Betroffene argwöhnten, den Wiederaufbau der Stadt behinderte, kann nicht hinlänglich belegt werden. Auf jeden Fall begünstigte die Haltung ein politisch-soziales Phänomen jener Tage, das, wie in Köln, typisch war für die ersten Monate nach dem Zusammenbruch.
Es entstanden "aus mehr oder minder wilder Wurzel" (Historiker Horst Matzerath) die sogenannten Ortsausschüsse. Ihre Mitglieder kamen aus allen Schichten: Kapläne und Professoren, Arbeiter und Handwerksmeister, ein Zeitungshändler gehörte dazu wie auch, im rechtsrheinischen Stadtteil Deutz, ein Dompteur.
Die Ortsausschüsse kümmerten sich um die Evakuierten, die trotz strikter Verbote täglich zu Tausenden zurückströmten und in der zerbombten Stadt Unterkünfte suchten. Sie schoben Wache an dunklen Stellen, wenn Übergriffe marodierender Displaced Persons (DP) oder Terrorakte des "Werwolfs" zu befürchten waren; sie versuchten, mit Schippen und Handkarren so gut wie möglich die ersten Trümmer zu beseitigen, reparierten notdürftig Gas-, Strom- und Wasserleitungen.
Wie die offizielle Administration auch, besorgten die Wurzeldemokraten Kartoffeln, Obst und Getreide. Während OB Adenauer kurzerhand alle noch im Stadtgebiet vorhandenen Fahrzeuge beschlagnahmen ließ, sie zu den Bauern ins Vorgebirge südwestlich von Köln schickte und zäh mit den Amis über jedes Kilo Kartoffeln verhandelte ("Die haben geholfen, wo sie dazu in der Lage waren"), versuchte es die Basis mit der Nachbarschaftshilfe. So gelang es Ende Juni dem Ortsausschuß Köln-Ostheim, "ortsansässige Bauern zu bewegen, 200 Zentner Kartoffeln zusätzlich anzupflanzen, was ohne unsere Initiative unterblieben wäre".
Hilfe war dringend nötig. Im ersten Nachkriegssommer sank die durchschnittliche Kalorienmenge auf unter 700 - kaum genug zum Leben, gerade zuviel zum Sterben.
Die Ostheimer stellten den Bauern auch Dreschmaschine und Arbeiter - _(1945 vor dem Kölner Rathaus. )
"sonst wären auf den Feldern Hunderte Zentner von Getreide umgekommen". Sie pflückten von 150 Bäumen Kirschen, die "dem Vogelfraß preisgegeben" waren.
Im Stadtteil Dünnwald gründete sich ein Ausschuß, "um dem Ort wieder ein friedensmäßiges Aussehen zu geben". Kollegen im linksrheinischen Riehl schrieben unter Punkt 3 ins Programm: "Feststellung aller Schieber, die auf Kosten der Allgemeinheit lebensnotwendige Ware zu Wucherpreisen verkaufen". Punkt 9 lautete schlicht: "Beseitigung der Rattenplage".
Vor dem 1. Mai 1945 hatten sich bereits zwölf Ortsausschüsse etabliert, im August gab es 28, später sogar 45. Aber da waren sie der Administration bereits nachgeordnet und fast kompetenzlos - allenfalls noch "Anlaufstelle für die Bürger oder Instrument von Zielsetzungen der Stadtverwaltung" (Matzerath).
Anfangs versuchten umtriebige KPD-Funktionäre vor allem in die linksrheinischen Führungszirkel der Ausschüsse einzudringen und eine Mini-Volksfront unter ihrer Herrschaft aufzubauen. Die Absicht schlug fehl, weil die Sozialdemokraten als gewiefte Kommunisten-Kritiker aufpaßten; viele ließen sich, wie etwa Theo Burauen, als Bremser in die Ausschüsse delegieren.
Der langjährige Kölner SPD-Oberbürgermeister (1956 bis 1973) und Landtagsabgeordnete wollte "eigentlich gar nicht in die Politik". Dann aber fand er es "ausgesprochen fies", wie die Kommunisten "kleine Pg unter Druck setzten". Als Organisationsleiter im Ortsausschuß Mitte warf er "zwei unverschämte KP-Leute einfach raus".
Auch Adenauer und seine Leute in der Verwaltung beäugten die Volksbewegung mißtrauisch, wenn sie auch, wohl zum Gefallen der Militärregierung, in der Öffentlichkeit Lob streuten. "Es könne ''im großen und ganzen'' gesagt werden", urteilt ein städtisches Papier im August 1945, "daß die Bildung der Ortsausschüsse eine dringende Notwendigkeit" gewesen sei.
Personaldezernent Ernst Schwering, ein Bruder des alten Zentrum-Mannes und ersten Chefs der rheinischen CDU, Leo Schwering, beschrieb sie blumig als "erste zarte Keime demokratischer Ideen aus dem vom Nationalsozialismus beinahe in Stein verwandelten Boden - wie nach einem langen Winter".
Wenig später hielt er, unverblümt, in einem Aktenvermerk fest: "Die Zeit des Terrors ist noch keineswegs vorüber. Es scheint nur dieser Terror in gewissem
Sinne durch neue Terrorerscheinungen abgelöst."
Ihm mißfiel, daß Ortsausschüsse sich Kompetenzen von Verwaltung und Polizei anmaßten und ihre Mitglieder nicht daran hinderten, weit übers Ziel hinauszuschießen. Oft hagelte es falsche Anschuldigungen, wild wurde denunziert, Knappes wie Benzin oder Butter wurde schon mal nach Gutdünken verteilt, man brach die Fensterrahmen leerstehender Schulen heraus oder deckte die Dächer verwaister Häuser ab.
Am weitesten aber stießen die Ortsausschüßler in der sogenannten Pg-Frage vor. Sie hatten hautnah miterlebt, wie die Nachbarn um die Ecke im tausendjährigen Reich auftraten - "sehr rühriger Aktivist", "sehr frecher Pg", "sehr gemeiner Pg", "Nazi-Schwerverdiener".
Die Besatzer hatten zu Beginn der Aufbauphase kategorisch verlangt, nur Nicht-Parteimitglieder "einzustellen oder weiterzubeschäftigen". Und Konrad Adenauer vertrat, anfangs, die gleiche Meinung: "Alle Parteigenossen sind schuldig durch ihre Feigheit. Wenn sich das Volk von Anfang an gewehrt hätte, wäre die ganze Geschichte unmöglich gewesen."
Aber selbst prominente Anti-Nazis hielten solche Personalpolitik, angesichts der Trümmerberge und der katastrophalen Versorgungslage, bald für falsch. Was die Amerikaner machten, kritisierte Regierungspräsident Busch, sei die Taktik der Hitlers "mit umgekehrtem Vorzeichen: Wer nicht Pg war, insbesondere wer von den Nazis verfolgt wurde, eignet sich für jeden Posten in der Verwaltung. Alle möglichen Leute drängen sich heran und versuchen, an die Krippe zu gelangen".
Busch schrieb in sein nie gedrucktes Tagebuch, dies sei "eine verfehlte Politik, die eine Menge unzufriedener, ja verzweifelter Menschen schafft und sie zu den Kommunisten oder zurück zum Nationalsozialismus treibt".
Der spätere Gewerkschaftsboß Hans Böckler empfahl bei der Säuberung des Beamtenapparates Zurückhaltung. "Seinen Hauptauftrieb hat der Nationalsozialismus nicht von dort, sondern aus der Geschäftswelt bekommen", sagte er. "Die unzähligen Kneipen zum Beispiel sind reine Brutstätten des Hitlertums gewesen, und zwar unter dem Einfluß der Gastwirte."
Im September 1945 sah auch Konrad Adenauer ein, daß es "falsch" sei, "jeden kleinen Beamten, der formell der NSDAP" angehörte, zur "Rechenschaft zu ziehen" und andererseits "Geschäftsleute ungeschoren zu lassen, die scheffelweise Geld für die Partei hergaben". Und sein Forum täuschte er zur eigenen
Rechtfertigung, darauf habe er "vom ersten Tag an in Köln hingewiesen".
"Bei uns", klagte Hauptgeschäftsführer Hilgermann von der Industrie- und Handelskammer, "durften nicht mal SA-Anwärter oder Mitglieder des Bundes Deutscher Mädel arbeiten".
In Düsseldorf hingegen arbeiten "alle Pg, in Wuppertal wurden die von der Stadt Hinausgeworfenen auf Befehl der Militärregierung wieder hereingeholt", so ein Aktenvermerk des Adenauer-Schwagers Willi Suth.
Egal, auf welchem Weg Ex-Nazis namentlich bekannt gemacht wurden - die Gleichmacherei traf oft genug die Falschen.
In Köln hatte sich schon 1938 eine Widerstandsgruppe ("Nationalkomitee der Volksfront") gegen die Nazis aufgebaut - bereit, "mit allen Mitteln, auch mit der Waffe in der Hand, gegen den Faschismus zu kämpfen".
Einer der mutigsten Männer war der Handwerker Heinrich Tesch - Parteigenosse seit 1932, SA-Mann, aber von der "Sturmabteilung" gemaßregelt und 1936 nach mehreren Verwarnungen ausgestoßen. Er blieb Parteimitglied und im Besitz eines Waffeneinkaufsscheins - den er für die Aufrüstung seiner Gruppe nutzte.
Im November 1944 gelang es der Gestapo, die Gruppe auszuheben. Alle wurden zum Tode verurteilt, dann aber von den Alliierten befreit. Die Militärregierung entschied, den Pg Tesch in "kein offizielles Amt zu lassen"; seine Leute protestierten: _____" Wir sind der Ansicht, daß gerade die Zukunft den " _____" Einsatz wirklicher Antifaschisten, im Kampf bewährter " _____" Männer, verlangt. Wir können uns des Eindrucks nicht " _____" erwehren, daß die Militärregierung ihre Entscheidung über " _____" die Ablehnung der Person ... nur aus der Tatsache heraus " _____" gefällt hat, daß T. Mitglied der NSDAP war, ohne über die " _____" wirklichen Verhältnisse unterrichtet zu sein. "
Andere schlüpften durchs Netz, weil sie Glück hatten oder dringend gebraucht wurden.
Einem Anstreicher, Pg schon vor 1933, stellte die Militärregierung einen Lastwagen voller Fensterglas zur Verfügung, weil er im vornehmen Stadtteil Marienburg Honoratioren-Wohnungen reparieren mußte.
Ein Wein- und Schnapshändler bekam die Konzession, obgleich er seit 1924 Pg war und, wie ein privater Rechercheur der Verwaltung mitteilte, "längst vor der Bestellung Hitlers als Reichskanzler jedem Käufer ein Plakat in die Hand drückte, er solle Hitler wählen".
Im Herbst wollte ein 22jähriger mit vier Freunden im Alter zwischen 17 und 21 den Akkordeonklub "Colibri" gründen, um, wie es in seinem Antrag hieß, "der berufstätigen Bevölkerung in kleinen Konzerten und Veranstaltungen etwas Abwechslung zu bringen". Der Musiker war Oberkameradschaftsführer der Hitlerjugend gewesen, ein Kollege Zugführer beim Jungvolk.
Genehmigung verweigert: "Es kann nicht geduldet werden, daß sich solche jungen Leute zu Vereinen zusammenschließen, in denen sich frühere Führer der HJ sogar als Vorsitzende betätigen können." Oberkameradschaftsführer war einer der niedrigsten Ränge.
Der Gewerbeoberlehrerin Mine Härtle, Jahrgang 1888 und SPD-Mitglied seit 1920, war eine Stelle als Regierungsrätin zugesichert worden. Als sie den Job antreten wollte, saß da eine Parteigenossin. Verbittert verließ sie die Behörde: "12 Jahre habe ich es erfolgreich abgelehnt, mit Nazis zusammenzuarbeiten. Jetzt, nach der Reinigung, lehne ich es ebenso ab."
"Wir stehen vor der Groteske", beklagte Suth, "daß bei den untersten Behörden zum Teil rigoros, zum Teil sehr milde vorgegangen wird, während bei den höheren Verwaltungsbehörden Pg in den wichtigsten und verantwortungsvollsten Stellen sitzen."
Suth, Oberstadtdirektor von Köln zwischen 1946 und 1953, benannte in einer vertraulichen Notiz die Bonner Landwirtschaftskammer, das Landesernährungsamt, die Kölner Bezirksregierung und das Oberpräsidium. Parteilose Beamte, die aus dem Osten geflüchtet waren und bei diesen Behörden arbeiten wollten, mußten vielfach "draußen bleiben, während die Pg in den höchsten Stellen" (Suth) weiter ihr Geld verdienten.
Am 21. Juni 1945 war Wachablösung in Köln. Die Amerikaner rückten ab, die Briten übernahmen das Kommando. Eine Ehrenkompanie der Irish Guards nahm Aufstellung vor dem Hauptquartier. Der Union Jack ging hoch, und die Musik spielte "God save the King".
Die Briten waren schon einmal am Rhein gewesen als Besatzer, nach dem Ersten Weltkrieg. Sie traten weniger in Erscheinung als die umtriebigen Amerikaner, aber sie nahmen die Verwaltung enger an die Kandare.
Gleich bei seiner ersten Begegnung rüffelte der neue Kommandant des Kölner Regierungsbezirks, Oberst Muirhead, ein rothaariger Schotte, den Oberbürgermeister, "er sei erschreckt über den Eindruck, den die Stadt Köln mache". Sie sehe "furchtbar schmutzig aus, Unrat in allen Straßen, der Domplatz mit seinen Schmutz- und Abfall- oder Trümmerhaufen sei eine Schande".
Adenauer rückblickend: "Mit den maßgebenden britischen Offizieren geriet ich bald in Konflikt."
Im August 1945 besuchte Fallschirmjäger-Brigadier John Ashworth Barraclough
die Domstadt. Er war, nach dreißig Jahren Kriegs- und Kolonialdienst an den Brandherden des britischen Weltreichs, nun Militärgouverneur im nördlichen Abschnitt der alten Rheinprovinz.
Sein erster Eindruck von Adenauer: "Der Bursche schwätzt Politisches. Der höchstbezahlte Verwaltungsbeamte hat den Kopf in den Wolken." Der OB solle sich gefälligst um die Ausbesserung der Leitungen kümmern, die Trümmer abräumen und Wohnraum beschaffen.
Aber auch umgekehrt konnte Adenauer von den Briten wenig Rat und Tat erwarten. Die hatten, wie sie selber zugaben, oft nur junge und unbeholfene Besatzer an den Rhein geschickt; die besseren kamen in das Ruhrgebiet.
Ein Kontrolloffizier war im Zivilberuf Versicherungsvertreter, ein anderer Kassierer bei den Stadtwerken, ein dritter, als bekannter Stadtplaner avisiert, war in Wirklichkeit Glasgroßhändler.
Kölns neuer Stadtkommandant, Major J. Alan Prior, gerade 29, war daheim Industrieberater. Oberst Muirhead, der Adenauer sogleich angenommen hatte, gab freimütig zu verstehen, von Verwaltung verstünde er nichts, und erkundigte sich nach "Jagd- und Fischgelegenheit".
Die Militärs gaben Befehl, Bäume im Grüngürtel zu fällen, den Umweltschützer Adenauer schon in den zwanziger Jahren angelegt hatte. Der OB widersprach: "Ein Tropfen auf einen heißen Stein. Die Brennstoffnot wäre auf keinen Fall auch nur annähernd beseitigt worden. Der Stadt wäre ein unabsehbarer Schaden zugefügt worden, der in Jahrzehnten nicht wiedergutgemacht werden könnte."
Statt dessen verlangte er, beschlagnahmte Kohlenvorräte für die Zivilbevölkerung freizugeben - Barraclough in kleinem Kreis: "Unverschämtheit!"
Adenauer forderte die Zuteilung von Sand, Steinen und Zement, um die Bruchbuden winterfest zu machen - die Militärregierung lehnte ab und konfiszierte neue Gebäude für die Truppe.
"Die wollen uns", klagte der OB, "versacken lassen." Joseph Frings, der Kölner Erzbischof, drohte mit einem Sitzstreik in den Ruinen seiner Residenz, falls weitere Wohnungen requiriert würden. Adenauer verglich die amerikanischen und die britischen Besatzer: "Das alte Kreuz war entschieden besser."
Unterdessen blieben die Trümmer liegen. Offiziere beschwerten sich in Barracloughs Düsseldorfer Hauptquartier, daß sie mit ihren Jeeps steckenblieben, trotz Allradantriebs.
Der Brigadier mahnte und warnte. "Barraclough wollte", erinnert sich der langjährige, in den Stand der Lords erhobene Vizekanzler der Universität London und damalige Polit-Offizier Noel Annan, "a sober German Beamter, tüchtig und fleißig" - einen Befehlsempfänger.
In die gespannte Lage platzten zwei weitere Ereignisse. Zum einen kursierten längst, trotz des Sperrvermerks "streng vertraulich" flächendeckend gestreut, Kopien eines "Berichtes über die Stimmung der Bevölkerung in der Stadt Köln". Autor war der SPD-Politiker Robert Görlinger, schon vor 1933 Adenauers Widerpart, eigentlicher Adressat der britische Geheimdienst.
Görlinger ließ seine Labour-Freunde wissen, die "frühere sozialdemokratische Arbeiterschaft und auch die kommunistische Arbeiterschaft" seien "aufs tiefste entrüstet" über Adenauers Politik. Er habe "nicht die Voraussetzungen geschaffen für eine Zusammenarbeit aller ... demokratischen Kreise".
Dann wurde Barraclough Ende September ein Memorandum des Ex-Generals Sir Charles Fergusson gesteckt, der nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sieben Monate britischer Militärgouverneur in Köln gewesen war.
Adenauer sei "ein fähiger Mann" mit "wahrscheinlich immer noch großem Einfluß", dokumentierte der pensionierte Offizier, aber das waren die einzigen Freundlichkeiten. "Er haßte uns mit leidenschaftlicher Bitterkeit", schrieb Fergusson. "Er ist clever, listig, ein geborener Intrigant und gefährlich."
Fast zur gleichen Zeit ließ sich General Gerald Templer, Commanding Officer der Britischen Zone, durch sein Herrschaftsgebiet chauffieren. Nach der Tour informierte er seinen Untergebenen Barraclough: "Köln hält den Minusrekord bei der Trümmerbeseitigung."
Die Feststellung Templers war Barraclough offenbar Befehl. Anfang Oktober diktierte er Adenauers Entlassungsschreiben. Mit seinen zwölf Punkten ist es heute einer der meistzitierten Rausschmisse der Weltgeschichte. Barraclough an Adenauer: _____" Ich kenne die Schwierigkeiten hinsichtlich der Frage " _____" der Arbeitskräfte in Köln. Ich bin mir der Lage " _____" hinsichtlich des Verkehrswesens, der Kohlenknappheit, der " _____" Knappheit an Transportmitteln etc. etc. in " _____" vollem Umfang bewußt. Ich bin jedoch überzeugt, daß " _____" mit richtiger Überwachung und Energie auf Ihrer Seite " _____" mehr hätte getan werden können, um diese Probleme zu " _____" lösen, als tatsächlich geschehen ist. " _____" Nach meiner Ansicht haben Sie Ihre Pflicht gegenüber " _____" der Bevölkerung Kölns nicht erfüllt. " _____" Sie werden daher heute aus Ihrem Amte als " _____" Oberbürgermeister von Köln entlassen. "
Barraclough formulierte ein Verbot jedweder politischer Betätigung, wies den Ex-OB aus der Stadt und drohte bei Zuwiderhandlung mit einem "Prozeß durch das Militärgericht". Das Aktenstück blieb vorerst im Schreibtisch des Brigadiers. Ein präzises Datum oben rechts war nicht eingetragen - nur der Monat und das Jahr: Oct ''45.
Sekretärinnen wissen, was das bedeutet. Ein Brief mit Chefdatierung kann im Papierkorb landen oder ausgehändigt werden, je nach Laune oder Gebot.
Am 5. Oktober gab Adenauer in Rhöndorf dem Deutschland-Korrespondenten der "News Chronicle" und einer AP-Journalistin ein Interview. Adenauer: _____" Ich habe ihnen in sehr unterstrichener Weise meine " _____" Befürchtungen wegen der Absicht der Alliierten, der " _____" deutschen Bevölkerung keine Kohle zum Kochen zu geben, " _____" zur Kenntnis gebracht ... Ich habe ihnen weiter gesagt, " _____" de Gaulle habe in diesen Tagen eine Rede in Saarbrücken " _____" gehalten und laut Londoner Sender in ihr gesagt, " _____" Franzosen und Deutsche müßten einen Strich unter die " _____" Vergangenheit machen, zusammenarbeiten und eingedenk " _____" sein, daß sie Europäer seien. Die Journalisten sagten ... " _____" de Gaulle habe sogar gesagt, Franzosen und Deutsche " _____" müßten eingedenk sein, daß sie Westeuropäer seien. Ich " _____" erwiderte, ich wollte, daß einmal ein englischer " _____" Staatsmann von uns als Westeuropäer gesprochen hätte. "
O-Ton Lord Annan: "A German official giving a press interview not six months since the surrender of the Wehrmacht in itself might well have been regarded by Brigadier Barraclough as unerhört." _(Übersetzung: "Daß ein deutscher Beamter ) _(nicht einmal sechs Monate nach der ) _(Kapitulation der Wehrmacht ein Interview ) _(gibt, müßte Brigadier Barraclough an ) _(sich als unerhört betrachten." )
Tags darauf holte Barraclough das Schreiben hervor, strich bei Punkt 3 zwei Worte und schrieb ein neues drüber, setzte als Datum eine 6 ein und zeichnete es ab. Dann befahl er dem stellvertretenden Kölner Stadtkommandanten Colin Lawson telephonisch, Adenauer sofort im Hauptquartier vorzuführen.
Der Oberbürgermeister war nicht in seinen Diensträumen. Lawson schickte eine Militärstreife. Adenauer, der auf dem Weg nach Koblenz war, wurde vor Remagen gestoppt und nach Köln eskortiert.
Die MP brachte ihn in den dritten Stock und führte ihn in ein Zimmer. Dort saß Barraclough, rechts hinter ihm stand Lawson, links Oberst Charrington aus dem bekannten Brauerei-Clan, und etwas abseits die hübsche Dolmetscherin
Gerda Goldkuhle. Adenauer sah sich nach einer Sitzgelegenheit um, aber Barraclough fuhr ihn an: "Stehenbleiben!"
Colin Lawson: "Es gab keine Vorrede, kein Händeschütteln, kein höfliches Wort." Barraclough zog das Entlassungspapier vor, las es auf englisch und ließ es übersetzen. "Adenauers mongolenhaftes Gesicht zeigte nicht die Spur einer Regung", so Augenzeuge Lawson. "Er stand mit gefalteten Händen direkt vor Barraclough."
Die ganze Zeit hatte er nicht ein Wort gesprochen. Als der Brigadier ihm das Schreiben über den Tisch schob, kramte er aus der Innentasche seines Jacketts einen Füllfederhalter und setzte links seine Unterschrift drunter. Barracloughs Frage, ob er noch etwas zu sagen habe, beantwortete Adenauer mit knappem "Nein!"
Der abgelöste Oberbürgermeister fuhr nach Rhöndorf, sammelte mehrere Dokumente zu einem Aktenstück zusammen und schrieb darauf: "Entlassung durch die Befreier." Den Faszikel legte er auf einen zweiten. Der trug den angestaubten Titel: "Entlassung durch die Nazis".
Kölns Stadtkommandant Prior flitterte gerade in der Heimat, als die "Times" Adenauers Entlassung meldete. Mit einer der nächsten Militärmaschinen ließ er sich nach Köln fliegen.
"Warum zum Teufel hast du diesen verdammten Narren Barraclough nicht stoppen können?" fuhr Prior seinen Freund und Vize Lawson an. "Ich habe es bis zum Augenblick, als Adenauer das Zimmer betrat, versucht", verteidigte sich der Major. "Mehr konnte ich nicht tun."
Prior, dessen Namen sich die Kölner so gut merken konnten, weil ein wohlbekannter Karnevalsfunktionär der wilhelminischen Ära so hieß, war ein mutiger Mann - das hatte er nicht nur als Divisions-Stabsoffizier bei der Landung in Nordafrika und bei der Befreiung von Den Haag bewiesen.
In einem der üblichen Monatsberichte an Barracloughs Hauptquartier schrieb er: "Sie haben keine Ahnung von Verwaltung oder politischen Abläufen. Sie haben sich die unglaublichste Dummheit einem Mann gegenüber geleistet, der vor Hitler großes Ansehen unter den deutschen Politikern genossen hat. Sie sind für dieses Amt nicht geeignet".
Priors anstehende Beförderung wurde gestoppt, wenig später entließ ihn die Armee. Zum angedrohten Verfahren vor einem Militärgericht wegen Insubordination kam es nicht mehr.
In seinem letzten Monatsbericht notierte der Kölner Stadtkommandant: "Der einzige Parteipolitiker, den ich getroffen habe und der das Zeug dazu hat, der erste deutsche Nachkriegskanzler zu werden, ist Dr. Adenauer."
Es mag sein, daß es dem im weniger zerstörten Düsseldorf residierenden Gouverneur Barraclough so schien, als komme zu langsam Ordnung ins Kölner Chaos - die Wirklichkeit sah, Adenauer entlastend, aber anders aus.
"Man vergesse nicht", sagte in Adenauers Entlassungsmonat der Ernährungsdezernent Rolf Kattanek, "daß wir über 2000 Tage Krieg hinter uns haben, fürchterlichste Kriegstage, und daß seitdem erst 220 Tage vergangen sind, Tage, die man nach dem total verlorenen Krieg mit allen seinen Auswirkungen bestimmt noch nicht als Tage des tiefsten Friedens ansprechen kann."
Natürlich sei es "leichter", fügte Kattanek hinzu, "25 Kleinstädte mit je 20 000 Einwohnern zu versorgen als eine Großstadt, wo von 780 000 Einwohnern sich mehr als die Hälfte wieder eingefunden hat".
Obschon an allem Mangel herrschte, "an gutem Stammpersonal, an ersten Fachkräften, an gesunden, kräftigen und gut genährten Hilfsarbeitern" (Baudezernent Carl Schweyer), an Papier, Fahrzeugen, Werkzeug, waren Fortschritte sichtbar:
Als Adenauer wegen "Unfähigkeit" gehen mußte, konnten weit über die _(Mit Mauersteinen für die Reparatur der ) _(Schulen. )
Hälfte aller Bürger wieder mit Wasser und fast alle wieder mit Strom versorgt werden; *___bestand die Verwaltung aus fast 10 000 Mitarbeitern, ____die Hälfte des früheren Ist-Bestandes, *___wurden pro Tag 1500 Obdachlose und Rückkehrer kostenlos ____verpflegt, in zwölf Bunkern waren 3244 Betten ____vorhanden; *___arbeiteten 2600 Männer an 30 Kippstellen den Schutt ____weg, *___standen in 17 Krankenhäusern 2507 Betten zur Verfügung, ____ein Drittel des letzten Friedensjahres, *___hatte das Güterverkehrsaufkommen 50 Prozent des ____Vorkriegsstandes erreicht.
Mehr als 30 000 Jungen und Mädel hatten wieder Unterricht (im letzten Friedensjahr waren es 55 000 gewesen). Ende Juli waren die ersten 11 000 Sechsbis Zehnjährigen eingeschult worden. "Die hatten nichts", erinnert sich der alte Schulmann Robert Frohn, "keine Tafeln, keine Kreide, keinen Bleistift."
Jedes Kind mußte einen behauenen Stein mitbringen, um "das Schulhaus einigermaßen wiederherstellen zu können" (Frohn). Die Kleinen schafften auch Gips heran, Zement und "alte Schlüssel", die von den Lehrern zurechtgefeilt wurden, um wenigstens einige Räume abschließen zu können.
Die Verwaltung verteilte Cebiontabletten gegen den Vitaminmangel, Mitte Dezember begann die Schulspeisung: Ein halber Liter warme Suppe, "abwechselnd Nudelsuppe, Erbsenmehlsuppe und Biskuitsuppe". Dazu zweimal wöchentlich Süßigkeiten, für die Zwölfjährigen und die Älteren zusätzlich ein Brötchen.
Wirt Hugo in der Friesenstraße, der an der Theke Dünnbier und im Hinterzimmer selbstgebrannten Rübenschnaps ("Knolli-Brandy") verkaufte, hatte ein Herz für die Kleinen gegenüber seiner Kneipe in der Volksschule. Er ließ jeden Tag einen Kessel Gemüsesuppe kochen: "Ich kann nicht mitansehen, wie die Kinder hungern."
Sie hungerten nicht nur. Viele kamen im Herbst nicht mehr zur Schule, weil sie keine Schuhe hatten. Aus der Chronik: "Wenn Geschwister zu verschiedenen Zeiten Unterricht haben, wird oft das gleiche Paar Schuhe von ihnen abwechselnd getragen."
Die Lehrer gingen den Unterricht locker an. Nach den bitteren Kriegsjahren wollten sie "ein frohes Jugendreich schaffen" - mit Musik und Sport, Tanz und dann erst Einmaleins. Und so hatte Bildungsdezernent Josef Kroll, Professor der Klassischen Philosophie, seine helle Freude, alter Art: _____" Es war ein beglückendes Erlebnis, die sauberen " _____" Kleinen in ihren Bänken zu sehen, wie sie mit gläubigem " _____" Blicke zu ihren Lehrern aufblickten, und sie von dem " _____" Schönen und Erhabenen auf Erden deklamieren und fröhlich " _____" singen zu hören. "
Da wurde "einem sinnfällig, daß der Wiederaufstieg begonnen hat".
Im Winter 1945 ging es auch an der Kölner Universität wieder los. Das Hauptgebäude hatte schwere Bombentreffer abbekommen, die Institute ringsum lagen in Schutt und Asche.
Die Hörsäle wurden mit Kanonenöfen beheizt, deren Rohre sich die Wände entlangschlängelten und dann durch ein Loch in den dürftigen Plastikscheiben nach draußen reichten. Stand der Wind ungünstig, drückte er den beißenden Qualm in den Raum zurück, die Vorlesung mußte abgebrochen werden.
Unter den Bewerbern wurde "stark gesiebt", um "wirklich Befähigten und Berufenen" nicht das ohnehin "magere Licht" (Kroll) wegzunehmen. 1500 durften sich immatrikulieren.
Fachliteratur war kaum vorhanden. Jurastudenten schrieben in Tag- und Nachtarbeit mit der Hand die ersten drei Teile des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) ab. Die wurden dann hektographiert.
Wichtige Vorlesungen, etwa die von Hermann Jahrreiß über Staatsrecht (Hörsaal IV), wurden mitstenographiert, in Reinschrift übertragen, vervielfältigt und verkauft - Preis: 50 Reichsmark.
Die Professoren sorgten sich um ihre Reputation, weil die Studenten oft genug Bolzen bauten. "Schon bald gab es authentische, also vom Dozenten abgezeichnete und freie Skripte", erinnert sich der Senatspräsident am Oberlandesgericht in Köln, Adolf Klein. "Die mit der Unterschrift waren natürlich teurer."
1945 feierten die Kölner das erste friedliche Weihnachtsfest seit sechs Jahren. Der aus dem Exil heimgekehrte Sozialdemokrat Heinz Kühn, später SPD-Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, stellte für sich und seine Eltern ein besonderes Menü zusammen: Suppe mit spärlicher Einlage, aber doch ein paar Fettaugen, Bratkartoffeln mit wenig Fett, aber einer Scheibe Cornedbeef, dann eine Ölsardine auf gebutterter Brotscheibe, zum Schluß eine Tasse echten Bohnenkaffee.
Die Kühns hatten auch einen Tannenbaum, aus Papier, zusammenklappbar - wie man ihn, so Kühn, "den Soldaten in den Schnee Rußlands oder in die Bunker des Atlantiks" geschickt hatte.
Im nächsten Heft
Passau 1945: "Stunde Null" in der bayrischen Provinz - Der Klerus füllt das politische Vakuum
1945 vor dem Kölner Rathaus. Übersetzung: "Daß ein deutscher Beamter nicht einmal sechs Monate nach der Kapitulation der Wehrmacht ein Interview gibt, müßte Brigadier Barraclough an sich als unerhört betrachten." Mit Mauersteinen für die Reparatur der Schulen.
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 17/1985
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1945: „Absturz ins Bodenlose“