29.10.1984

NACHRUFFRANCOIS TRUFFAUT †

Du weißt doch, du und ich, wir können nur bei der Arbeit glücklich sein, bei der Arbeit fürs Kino." So tröstet der Regisseur Francois Truffaut seinen ständig liebeskummerkranken jungen Schauspielerfreund Jean-Pierre Leaud in dem Film "Die amerikanische Nacht" (1973), in dem die beiden aus ihrer persönlichen Beziehung ein leicht ironisches Spiel gemacht haben.
Leaud war noch nicht 14 und ein konfuser, schwieriger Junge, als Truffaut ihn wie ein Ziehvater unter seine Fittiche nahm und zum Hauptdarsteller seines autobiographischen ersten Films "Sie küßten und sie schlugen ihn" (1959) machte: Da spielte Leaud den vernachlässigten, störrischen, schwererziehbaren Pariser Jungen, der Truffaut selbst einmal war. Im Film hieß er Antoine Doinel, und dieser Spiegelfigur hat Truffaut sein Leben lang Treue gehalten.
Über zwanzig Jahre hin hat er (mit Leaud als Darsteller) die Geschichte des Antoine Doinel in vier Spielfilmen und einem Kurzfilm erzählt, die Geschichte eines verspielten Chaoten, der das Leben nie meistert, weil er vor allem eins ist - ein Junge, der nicht erwachsen werden will. Als Truffaut starb, war Jean-Pierre Leaud, sein ewig junges Alter ego, der einzige unter den nahen Freunden, der von seiner heimlich tödlichen Krankheit nichts erfahren hatte.
"Wir können nur bei der Arbeit glücklich sein." Was Truffaut von dem unsteten Leichtfuß Antoine Doinel unterschied, war die absolute Kino-Besessenheit, die sein Leben von früh an bestimmt hat. Bevor er Regisseur wurde, war er schon ein in Frankreich gefürchteter junger Kritiker, der die Größen von Papas Kino mit polemischem Zorn verfolgte und ihnen vor allem eines vorwarf: mangelnde Liebe zum Kino. Später hat er gesagt: "Ich verlange von einem Film, daß er entweder die Freude am Filmemachen oder die Angst vorm Filmemachen ausdrücke, alles dazwischen interessiert mich nicht." Die Angst war das Thema seines bewunderten Vorbilds Hitchcock (der ihm 1974 den Oscar für "Die amerikanische Nacht" überreichte); Truffauts eigene Filme sind, oft überwältigend, von der Freude am Machen erfüllt.
Diese zentrale Lust und Besessenheit hat ihn befähigt, den rebellischen Jungen, den Deserteur, den Chaoten in sich zu disziplinieren und ein geduldiger, freundlich bestimmter Arbeitsfanatiker zu werden. Jedes Jahr ein Film, 23 insgesamt: Mit dieser Ausdauer ließ er seine Jugendfreunde von der "Nouvelle Vague" - Godard, Chabrol, Rivette - auf dem Weg zum Weltruhm hinter sich und stellte schließlich selbst eine Tradition dar: Erbe einer subtilen Kino-Erzählkunst, die sich gern auf ihre Vorbilder Renoir und Rossellini, Hitchcock und Lubitsch berief.
Seinem Lieblingsschriftsteller Balzac hat Truffaut im Film richtige Kult-Altäre errichtet, doch er selbst war kein Epiker, kein Romancier, sondern ein Novellist, der Maupassant des neuen französischen Kinos. Es gibt keine "großen" Truffaut-Filme. Seine Krimis, seine Komödien, seine Liebesromanzen (und fast immer mischt er die Genres) wachsen zusammen zu einem Typen- und Sitten-Panorama des französischen Bürgertums; doch die Geschichten, die er zu erzählen hat, sind immer intim: Ihre Triebkraft ist die Liebe, in ihrem romantischsten wie in ihrem trügerischsten Sinn, denn die Liebe ist bei Truffaut in der Regel - von seinem ersten Welterfolg "Jules und Jim" von 1962 bis zur "Letzten Metro" von 1980 - eine Sache, die zwischen drei Menschen spielt.
Er hatte Lieblingsschauspieler - Leaud, Oskar Werner, Charles Denner, zuletzt Depardieu -, doch vor allem war er ein Frauen-Regisseur: Jeanne Moreau, Catherine Deneuve, Isabelle Adjani, Fanny Ardant - sie verkörperten das Geheimnis, nach dem sich Truffauts Helden verzehrten, sie umschmeichelte Truffauts zärtliche Kamera, um sie zu Stars zu machen, für einen Kinoabend unsterblich. Das wirkliche Leben sei eine Abwärtsbewegung, hat Truffaut gesagt (da auch er nie ganz erwachsen werden wollte); die Kunst des Kinos hingegen, diese wunderbare "Mission der Lüge", bestehe darin, eine Aufwärtsbewegung daraus zu machen, auch wenn am Ende der Tod steht.
Am vergangenen Mittwoch haben sich Tausende von Parisern von Francois Truffaut verabschiedet - auf dem Friedhof Montmartre, wo er vor sechs Jahren heimlich eine Episode seines letzten Antoine-Doinel-Films gedreht hatte.

DER SPIEGEL 44/1984
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FRANCOIS TRUFFAUT †