22.04.1985

Abgesang für ein Empire

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über David Leans Roman-Verfilmung „Reise nach Indien“ *
Der Doktor Aziz, Assistenzarzt am Krankenhaus einer indischen Provinzstadt, ist einfach ein Tölpel. Er will (die Geschichte spielt in den zwanziger Jahren) immer schrecklich nett sein zu den weißen Herrschaften und stellt sich dabei schrecklich falsch an.
Dieses verzückte Grinsen, mit dem er noch für die herablassendste Freundlichkeit dankt, dieser gewundene Diensteifer, mit dem er sich heillos in Lügengeschichten verheddert, um gefällig zu sein, diese halb naive, halb verschlagene Unterwürfigkeit - all das ist rührend und läßt ihn doch als lächerlichen Dummkopf erscheinen, als Muster orientalischer Klebrigkeit und Ranschmeißerei.
Und bei seinen indischen Freunden, natürlich, macht er dann seiner Wut auf die britischen Herrschaften Luft.
Dieser kläglich gefallsüchtige, schwitzende, zappelnde Doktor Aziz wird, wie ihn der indische Schauspieler Victor Banerjee darstellt, in einem außerordentlichen Film zu einer außerordentlichen, tragikomisch bewegenden Kinofigur, denn die "Reise nach Indien" erzählt, wie grausam der arme Kerl für sein Verlangen nach weißem Wohlwollen gestraft wird.
Das ist, immer noch, unerledigte Geschichte. Victor Banerjee selbst hat, als es um diesen Film ging, britischen Dünkel zu spüren gekriegt: Das letzte Hindernis auf dem hindernisreichen Weg zur Verwirklichung der "Reise nach Indien" war der massive Versuch der britischen Schauspieler-Gewerkschaft, die Verpflichtung des indischen Hauptdarstellers zu torpedieren - das Opfer britischer Arroganz könne genausogut ein britischer Schauspieler verkörpern ...
Der Regisseur David Lean, ein gefürchteter alter Dickkopf, hat seinen kleinen Banerjee durchgeboxt, und mit ihm, mit allen, ist dem heute 77jährigen Lean 14 Jahre nach seinem letzten Film eine späte, grandiose Rückkehr ins Kino gelungen: Seine "Reise nach Indien" hat Kraft, Leidenschaft, Schärfe und auch die rechte Dosis von jenem majestätischen Breitwand-Pathos, das Lean als Regisseur üppiger Melodramen wie "Lawrence von Arabien" und "Doktor Schiwago" berühmt gemacht hat.
Nur einer, vermutlich, würde diesen Film mit unversöhnbarem Starrsinn ablehnen, denn er wollte Zeit seines Lebens mit Kinomenschen nichts zu tun haben: der Schriftsteller Edward Morgan Forster, Verfasser des 1924 erschienenen Romans "A Passage to India", der für die Engländer seit langem ein bewundertes (und in einer Taschenbuch-Auflage von zweieinhalb Millionen Exemplaren verbreitetes) Jahrhundertwerk ist, ein später Gipfel traditioneller Erzählkunst und ihr Indien-Roman schlechthin.
Forster hat, eine Generation nach dem heroischen Empire-Epiker Rudyard Kipling,
als einer der ersten die Verlogenheit und Brutalität der Kolonialherrlichkeit geschildert, mit pessimistischem Scharfblick, mit Schmerz und mit tiefem Empfinden für die Abgründigkeit, die Zerrissenheit Indiens selbst.
Forsters Ruhm und Nachruhm ruht auf diesem einen Buch. Was er zuvor war, wäre sonst kaum erheblich - ein Spät-Viktorianer, ein reiches und verzärteltes Muttersöhnchen, ein am feinen King''s College in Cambridge gebildeter Literat, der zu Beginn des Jahrhunderts ein paar manierliche Romane veröffentlicht hat, ein sehr englischer Feigling, den die Flucht vor der eigenen Homosexualität und die Suche nach ihr in den Orient trieb. Er war 45 Jahre alt, als "A Passage to India" _(E. M. Forster: "Auf der Suche nach ) _(Indien". Deutsch von Wolfgang von ) _(Einsiedel. S. Fischer Verlag, Frankfurt; ) _(392 Seiten; 34 Mark. )
erschien, und er hat danach noch 46 Jahre gelebt, ohne einen weiteren Roman zu schreiben. Er ist als literarischer und politischer Publizist mit streitlustigem Eigensinn zu einer geschätzten Institution des britischen Nonkonformismus geworden, die letzten Jahrzehnte als "honorary fellow" an seinem King''s College in Cambridge, und er hat all die Jahre mit Stolz jeden Versuch abgewehrt, aus "A Passage to India" einen Film zu machen.
Er ließ den großen indischen Regisseur Satyajit Ray abblitzen, der eigens nach Cambridge gereist war, um Forster für sich zu gewinnen, aber auch den britischen Filmproduzenten Lord Brabourne, der sich als Schwiegersohn des letzten Vizekönigs von Indien für das Projekt besonders qualifiziert fand.
Erst 1980, zehn Jahre nach Forsters Tod, konnte der hartnäckige Lord Brabourne die Kinorechte ergattern, und als er mühsam auch das nötige Geld zusammengebracht hatte, gab er das Kunst-Kommando David Lean, der seinerseits lange vergeblich hinter dem Stoff hergewesen war.
Lean, der herrische Detailfanatiker, wollte vom Drehbuch bis zum Feinschnitt alles allein bestimmen; für ihn - er ist, in fünfter Ehe, mit einer Indien-Engländerin verheiratet, die in der Schlußszene des Films einen kleinen Auftritt hat - wurde "A Passage to India" zur Passion der späten Jahre. Sein letzter Film ("Ryans Tochter", 1970) war ein Fiasko gewesen, und er hatte jahrelang um Projekte gekämpft, die dann von anderen verwirklicht wurden (erst Gandhi, dann ein Film über die Bounty-Meuterei); jetzt sah er die Chance, Ruhm und Erfolg seiner "Brücke am Kwai" zu erneuern.
Leans "Reise nach Indien" ist ein Veteranen-Triumph geworden; ein Regisseur, der sein Handwerk (als Cutter) noch in den letzten Stummfilmjahren gelernt hat, führt große traditionelle Kino-Erzählkunst vor. Er setzt seine Bilder scharf gegeneinander, er treibt seine Geschichte heftig voran, er dramatisiert sie ohne Abschweifung ins bloß Pittoreske, und er läßt sich dann grandios viel Zeit, die Schrecksekunden, die Gefühlsausbrüche zu ihrer Wirkung kommen zu lassen.
Es sind zwei britische Damen, die die "Reise nach Indien" unternehmen: Eine sehr alte Dame möchte noch einmal ihren Sohn wiedersehen, der als Kolonialbeamter in dem Provinzstädtchen Chandrapore Karriere zu machen hofft, und in ihrer Begleitung reist eine sehr junge Dame, die - wenn alles kommt, wie man es vorsichtig-konventionell in die Wege geleitet hat - diesen Sohn heiraten soll.
Leans Blick ist erst einmal der Blick dieser Damen: argloses Vergnügen an der satten Farbigkeit eines indischen Marktes, wo die ansässigen Engländer, angewidert, längst nur noch über Elend und Dreck wegschauen; leise Verstörung angesichts der Eitelkeitsrituale der Herrschenden.
Der fade Glanz der Nachmittage im Klub auf dem feingeschnittenen Rasen, weiße Korbstühle, Gurkensandwiches und Tee; die Lächerlichkeit der hemdsärmeligen Herren im Billardsalon, die mit dem Stock in der Hand strammstehen, wenn die Königshymne ertönt; der gespreizte Snobismus einer Gesellschaft, in der ein schweinsköpfiger Bürokrat den hohen Ton angibt - all das und die zunehmende Fassungslosigkeit in den Gesichtern der beiden Damen hält Leans Kamerablick mit genauer Lakonik fest. Die wunderbare alte Mrs. Moore (Peggy Ashcroft) muß erkennen, daß aus ihrem Sohn, den sie wohl nie sehr geliebt hat, ein ekliger Herrenmensch geworden ist; und die junge Adela Quested (Judy Davis), ein dünnes, bläßliches Geschöpf mit kleiner Seele, begreift, daß sie diesen Langweiler, auch wenn sie ihn heiratet, niemals lieben wird.
Doch es gibt noch einen anderen Lean-Blick auf die Geschichte, einen Blick, der - anfangs nur wie im Vorbeigehen - Rätselbilder festhält, unheimliche Details am Wegrand, drohende Vorzeichen. Das ist der Blick des brahmanischen Philosophen Godbole (Alec Guinness), ein fremder, in Unergründliches starrender Blick, der überall Unheil vorauszusehen scheint und alles in heiterer Weltverachtung geschehen läßt.
Adelas Neugier auf die "Geheimnisse" Indiens zieht in der Tat Unheil an. Was sie abseits vom braven Weg auf eigene Faust entdeckt - die schwellenden, nackten, kopulierenden Statuenleiber in einer Tempelruine, auf der eine schrille Affenhorde herumturnt -, löst in Adelas ängstlicher Seele Panik aus, ihr Entsetzen vor der eigenen Lust stürzt sie in eine Katastrophe - und sie reißt den armen Doktor Aziz mit. Der kleine Inder, der sich den britischen Ladys so geschmeichelt und schmeichlerisch als Touristenführer angedient hatte, soll sich an Adela vergriffen haben - und die weiße Gesellschaft nutzt, was immer da passiert sein soll, zu einem pompösen Schauprozeß der Rassenarroganz. Auf seinem dramatischen Gipfel hält Leans Film ein ganz eigentümliches, kühnes Gleichgewicht zwischen Rührstück und monströser Groteske.
Der kurze Epilog, wohl wahr, wünscht sich mit Landschaftsschönheit und Freundschaftsgesten einen Frieden herbei, von dem die Geschichte nichts weiß; was nachwirkt und bleibt, ist das Pathos von Schrecken und Schmerz, der große Kino-Roman einer Erfahrung.
E. M. Forster: "Auf der Suche nach Indien". Deutsch von Wolfgang von Einsiedel. S. Fischer Verlag, Frankfurt; 392 Seiten; 34 Mark.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 17/1985
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