01.07.1985

POLIZEISchwein gehabt

Allen Bedenken seines Innenministeriums zum Trotz beläßt der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht ein Wildschwein im öffentlichen Dienst. *
Ach, Luise. In "Quick" war sie schon unter den "Bildern der Woche" zu sehen, auch in "Wochenend" zwischen Lady Di und Bubi Scholz. Sogar in London und bis hin nach Delhi und Taiwan tauchte die Wildsau in den Blättern auf.
Denn keine ist wie diese. "Neue Waffe der westdeutschen Polizei", meldete entsetzt "Rude pravo", das tschechische Organ, aus "Hildesheim in der BRD". Und tatsächlich arbeitet dort im Niedersächsischen der Erste Polizeihauptkommissar Werner Franke seit Monaten daran, das Arsenal der Truppe um ein neues Abschreckungsmittel zu erweitern.
Franke, 58, leitet den "Lehrbereich Diensthundewesen" der "Polizeiausbildungsstelle für Technik und Verkehr Niedersachsen" und hat "'ne Unzahl" Schäferhunde, Airedale und Riesenschnauzer abgerichtet, Fährten zu finden, Sprengstoff und Leichen zu suchen oder Rauschgift aufzuspüren, und das sogar "auch für ausländische Behörden".
Die Arbeit führte Franke immer wieder in Tiergehege, wo er die Hunde "an die Ablenkung gewöhnen" und ihnen beibringen wollte, auch in anderer Tiere Mist zu fahnden. Und Mist genug hatte stets der Tanzlehrer Peter Deicke, der in einem ehemaligen Freizeitpark in Sottrum bei Hildesheim alle möglichen Tiere hält, darunter Wildschweine.
Deicke brachte Franke darauf, es doch mal mit so einem Tier zu versuchen, und lieh ihm aus seiner Rotte einen Frischling aus, Luise. Was Kommissar Franke mit der kleinen Sau erlebte, grenzt ans Wunderbare.
Luise, so ergab sich, besaß nicht nur "Gedächtnis und Geruchssinn wie ein Hund" und war imstande, Hasch, Heroin und Kokain aus einem dampfenden Misthaufen zu polken, in den Franke das Rauschgift zwei Spatenstiche tief vergraben hatte.
Mehr noch: Wo selbst altgediente Suchhunde mit der Nase immer von neuem auf Ritzen und Spalten gestoßen werden müssen, arbeitete das Wildschwein völlig "selbsttätig". Wo Hunde nach einer Viertelstunde schon außer Atem gerieten und hechelnd in sinnloses Stöbern gerieten, klebte Luise selbst bei starker Hitze noch mit der Schnauze am Erdboden und wühlte ungerührt weiter.
Jedenfalls zeigte sich, daß Schweine nicht nur nach Trüffeln schnüffeln können und daß mit Luise für die niedersächsische Polizei "fast schon eine Mehrzweckwaffe" heranreifte, wie "Unsere Sicherheit", eine Zeitschrift des niedersächsischen Innenministers, lobte. Kommissar Franke gedachte bereits, dem Ministerium einen dienstlichen "Verbesserungsvorschlag" einzureichen, neben Hunden künftig auch das eine oder andere Schwein im Dienst der Polizei tätig werden zu lassen.
Doch die Begeisterung war nicht in allen Etagen des Innenministeriums zu Hannover gleich groß. Der oberste Schutzpolizist des Landes, Leitender Polizeidirektor Herbert Sander, öffnete seinen Vorschriftenschrank, befand, die Hildesheimer Wildsau sei Privateigentum, befahl Franke, "mit Luise dienstlich nicht mehr in Erscheinung zu treten", und ordnete an, das Tier habe bis spätestens Mitte August das Gelände der Polizei zu verlassen.
Volker Benke, der unter Innenminister Egbert Möcklinghoff (CDU) die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Hauses leitet und auch für "Unsere Sicherheit" verantwortlich ist, in der er den "aufsehenerregenden Einfall" des Kommissars Franke wie auch die "einzigartigen Spürleistungen" von Luise gefeiert hatte, interpretierte Sanders amtliche Strenge mit dem Hinweis, daß der "ein ordentlicher Beamter" sei: "Das ist ein absolut hinreichender Grund."
Sander, so Benke, habe feststellen müssen, daß "auf landeseigenem Grundstück" ein privates Schwein sein Wesen treibe: "Da tun sich Abgründe auf." Sander selber bekräftigte in einem Interview, daß Luise "von Herrn Franke ein privates Hobby ist, so als wenn jemand einen Kanarienvogel züchtet".
Wahr ist, daß es für Wildschweine, wie verwendbar auch immer, keine Verordnung wie für Diensthunde und auch keinen Haushaltstitel gibt. Im "Kassenanschlag" der Landespolizei sind dieses Jahr 595000 Mark an "Unterhaltskosten" lediglich "für Dienstpferde und -hunde" sowie an "Aufwandsentschädigung für die Pflege" derselben ausgewiesen; Luise ist darin nicht vorgesehen.
So deutete alles darauf hin, daß die Polizei die längste Zeit ihr Schwein gehabt hatte, daß Luise im Wald ausgesetzt wird oder gar auf den Grill kommt, da rief, am Dienstag vergangener Woche, Regierungschef Ernst Albrecht seinen Innenminister Möcklinghoff zu sich. Freizeitjäger Albrecht, der sonst gern mal auf Wildschweinpirsch geht, bat, dem Tier "in Anerkennung der erfolgreichen Arbeit auch in Zukunft einen Platz im öffentlichen Dienst bereitzuhalten". Möcklinghoff entsprach dem Wunsch "selbstverständlich".
Die Beamten in der hannoverschen Staatskanzlei waren sich der Wirkung der Albrechtschen Intervention bewußt: "Ein Aufatmen wird durch die deutschen Lande gehen."

DER SPIEGEL 27/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1985
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

POLIZEI:
Schwein gehabt

  • Künstler-Knirps Mikail: 5000 Euro für ein Bild
  • Jever statt Westeros: Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil
  • Toronto: Blitz schlägt in 550-Meter-Fernsehturm ein
  • Beinaheabsturz: Planespotter fotografiert Notlandung von Regierungsflieger