03.06.1985

SOWJET-UNIONWider die Natur

Nur ein paar tausend Sowjetbürger sind orthodoxe „Altgläubige“. Doch die Regierung respektiert sie. *
Am Sonntagabend, kurz vor 17 Uhr, belebt sich die "Rogoschskoje-Siedlung", ein kleiner Platz in Moskau. Ältere Frauen mit wollenen Kopftüchern gehen zu einer buntbemalten, überfüllten Kirche in der Nähe des Friedhofs. Auf dem Weg verweilen sie kurz an einem zweiten Gotteshaus, wenige Meter daneben, bekreuzigen sich und eilen weiter: In dieser Kirche sammeln sich nur wenige Gläubige. Ein kleiner Chor singt ohne Pause gegen die Leere an.
Die Anwesenden fallen mit ihren Knien auf kleine Kissen vor sich oder verbeugen sich tief. Ein Kirchendiener in schwarzem Kaftan eilt während des Gottesdienstes hin und her, der Priester mit grauem Rauschebart schwenkt Weihrauch - wie in allen Kirchen Rußlands.
Doch in den beiden Andachtsstätten beten "Altgläubige", eine von der Orthodoxie abgefallene Denomination, untereinander auch noch gespalten in zwei Gemeinden und zwei Kirchlein - mit sechs verschiedenen Richtungen unter den 6000 Gläubigen in Moskau.
Rund 450 Gemeinden gibt es in der UdSSR, insgesamt eine nur nach Tausenden zählende Schar neben den vielen Millionen, die sich zu den "Rechtgläubigen", der Orthodoxie, bekennen - Abtrünnige in der Sicht der Altgläubigen.
Im 17. Jahrhundert hatte der Patriarch Nikon die religiösen Bräuche der Kirche modernisieren wollen, doch ein Teil des Kirchenvolkes zog nicht mit, sondern blieb dem alten Glauben treu - dafür mußten sie büßen. Nach dem Schisma wurden viele ihrer Priester gehängt, die Gemeindemitglieder beruflich benachteiligt. Der Zar versperrte ihnen den Zugang zu höheren Staatsämtern.
Die glaubensfesten "Raskolniki", die der Zahl nach zu einer kleinen Sekte absanken, gewöhnten sich an Verfolgungen und waren somit auch unter den Atheisten Lenins widerstandsfähiger als die offizielle Staatskirche, die nach vielen Leiden wieder nur durch Anpassung überlebte.
Bei den Altgläubigen dürfen Männer sich nicht rasieren, Frauen keine Hosen tragen. Das Kopftuch, auf besondere Weise gebunden, müssen sie selbst in der Wohnung umbehalten. Für beide Geschlechter ist Rauchen verboten, sogar der Gebrauch neumodischer Elektrizität, auch wenn mancher Sündige sich einen Fernsehapparat angeschafft hat.
Dafür dauern die Gottesdienste länger als bei der russisch-orthodoxen Glaubens-Konkurrenz, und auch die Fastenzeiten, beteuern die altgläubigen Christen, hielten sie strenger ein. Die Devise des Gemeindeältesten von der Pokrowski-Kathedrale, Andrej Maslennikow: "Die Leute sollen regelmäßig beten und bescheiden sein."
Solch strenge Moral gefällt den Regierenden von heute. Sie genehmigen den Druck eines Kalenders mit liturgischen Texten der Altgäubigen, Auflage 7000. Dafür stifteten die Altgläubigen für das geplante Denkmal zum Sieg vor 40 Jahren 40 000 Rubel - 20 Jahreslöhne.
"Wir werden nicht verfolgt", sagt der Moskauer Erzpriester Alexander Berestnjow, 68, ein Mann mit wallendem weißen Haar, der in einer Villa neben
der Kirche residiert. Die Altgläubigen, so beteuern die Gottlosen von der Partei, seien selbst in den Zeiten geschont worden, als das System gegen andere Gottesleute rabiat vorging. "Sie zu verfolgen hätte keinen Sinn gehabt", sagt der zuständige Sachbearbeiter des Staatlichen Rates für religiöse Angelegenheiten, Wjatscheslaw Rodschebjakin: weil die Frommen schon unter dem Zaren Bürger dritter Klasse waren.
Vielleicht haben sich die Sowjets auch eines prominenten Altgläubigen erinnert, der die Bolschewiki im Untergrund Anfang des Jahrhunderts subventionierte und Revolutionäre vor den zaristischen Häschern versteckte: Der steinreiche Textil-Kaufmann Sawwa Morosow, dessen Grab auf dem Rogoschskoje-Friedhof zu besichtigen ist. Ein Gemälde seiner Glaubensschwester und Namens-Cousine Feodossija Morosowa von ihrer Abfahrt in die sibirische Verbannung, das in der Moskauer Tretjakow-Galerie hängt, wird in den Schulen behandelt.
Neuerdings ist für jeden Sowjetbürger der Altglaube ein Begriff - seit die Sowjetpresse über eine altgläubige Familie berichtet, die sich in den dreißiger Jahren in die sibirische Wildnis zurückzog und dort eine Robinsonade wider die Natur bestand.
Geologen entdeckten 1978 die Eremiten 350 Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt. Seitdem verfolgt die Nation das Schicksal der beiden Überlebenden der ursprünglich sechsköpfigen Gruppe. Der 87jährige Karp Lykow und seine Tochter Agafja, 43, haben mittlerweile etwas von ihrer Scheu gegen Ungläubige verloren. Letzte Nachricht: Die früher als unchristlich abgelehnte Hilfe durch einen Arzt haben die beiden Gottesleute nun akzeptiert.
Andernorts bekennt sich nicht jeder Altgläubige öffentlich zu seiner Religion. Handwerker Wladimir Demidow, 45, verschwieg an seinem früheren Arbeitsplatz sein Bekenntnis, "um die Gespräche und Fragen zu vermeiden".
Derzeit arbeitet Demidow als Chef-Mechaniker in der gemeindeeigenen Kerzenwerkstatt. Er benutzt mit seinen Helfern keinen Elektromotor, keine Glühbirne erhellt ihm den Arbeitsplatz: Dies wäre ein Verstoß gegen Gottes Wort.
Die Kerzen (Kilo-Preis 20 Rubel, drei Tageslöhne) sind neben der Kollekte die wichtigste Einnahmequelle der Kirche. Mit rund einer Million Rubel beziffert Priester Berestnjow die Einkünfte seiner Gemeinde. Er selbst erhält monatlich 400 Rubel - mehr als den doppelten Durchschnittslohn eines Arbeiters, weniger als das Gehalt eines russisch-orthodoxen Amtsbruders seines Ranges.
Eine Finanzspritze haben die Altgläubigen jüngst verschmäht. Ein Platten-Studio wollte die alten Kirchenlieder aufnehmen, um sie der Nachwelt zu erhalten und dabei Toleranz gegenüber den Gläubigen zu demonstrieren. Doch die Gemeinde empfand Mikrophone in der Kirche als Gotteslästerung, sie wollte ihre liturgischen Gesänge auch nicht für profane Zwecke entweihen.
So gibt sie ihre Melodien weiterhin ausschließlich direkt von Generation zu Generation weiter, gesungen nach einem jahrhundertealten Notensystem, das nur Eingeweihte entziffern können.
Die Altgläubigen finden aneinander Genüge, die Sowjet-Umwelt schert sie nicht, sogar die Vertreter der verschiedenen Flügel haben miteinander kaum Kontakt. Erzpriester Berestnjow besuchte jüngst zum erstenmal in seiner langjährigen Amtszeit den Erzbischof Flawian, Hirt der hundertköpfigen Gemeinde andersgläubiger Altgläubiger in der Kirche gleich nebenan.
Kontakte zur offiziellen orthodoxen Kirche bleiben ohnehin verpönt. Zwar nehmen ihr die Altgläubigen aus Not Bibel-Neudrucke ab, doch als das russisch-orthodoxe Kirchenoberhaupt, der regimetreue Patriarch Pimen, als Gast bei ihnen predigte, verließen die Gläubigen demonstrativ den Raum. So etwas widerfuhr dem Patriarchen seitens der ungläubigen Parteigenossen noch nie.

DER SPIEGEL 23/1985
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