22.04.1985

Old Fox

Nach acht Dienstjahren geht Siegfried Lowitz, „Der Alte“ im ZDF, in den Ruhestand. *
Die Fernseh-Welt hat den deutschen Schutzmann sehr verehrt.
Die Lappen haben zu ihm aufgeschaut, die Argentinier, Mexikaner und die Thais. In Indien, Ghana und Uganda kam er als "Chief Inspector Castor" in der Serie "The Old Fox"; in nahezu 60 Ländern war er - englisch, spanisch und französisch synchronisiert - ein Bildschirm-Liebling. Und nun, nach acht Dienstjahren im Münchner Morddezernat, zieht der alte Fuchs die Lunte ein: Siegfried Lowitz, 70, "Der Alte" im ZDF, tritt ab, nach 100 "Alten"-Teilen.
Der Nachrücker ist schon nominiert. Rolf Schimpf wird den Seniorensitz besetzen, ein Mensch von 60 Jahren, ergraut im Dienst der Theater-Provinz und im Fernsehen bislang eher Kleindarsteller. Dem Münchner Serienfabrikanten Helmut Ringelmann, der auch den Mainzer "Derrick" produziert, hatte Schimpf in der ZDF-Reihe "Mensch Bachmann" imponiert. Der neue "Alte" sei "ein Mann mit Herz", und das, sagt Ringelmann, "ist ganz die Farbe, die in deutschsprachigen Krimiserien fehlt".
Der "Alte" ein treuherziger Opa, eine maskuline Inge Meysel? Der Erwin Köster von Lowitz war, selbst in der ödesten Serien-Routine, kein biederer Charakter-Zwerg. Er spielte, mit tiefen Kummerfalten, einen sarkastischen Knurrhahn, einen grimmigen Moralisten mit dem Hang zum Abgründigen. Und er war, wenigstens einige Jahre lang, "die erfreulichste Erscheinung" unter den deutschen TV-Detektiven, so die "Neue Zürcher Zeitung".
Der "Alte" begann im April 1977 und wurde sofort heftig angefeindet. Denn Köster erdreistete sich, mit windigen Fahndungstricks zu arbeiten. Er fälschte Aussagen und schickte seinen Assistenten Heymann zu verdächtigen Frauenspersonen ins Bett. Der "Bund Deutscher Kriminalbeamter" sah darin eine erhebliche Verunglimpfung "kriminalpolizeilicher Tätigkeit" und beklagte den "schweren Schaden", der den Ordnungskräften zugefügt worden sei. Das ZDF gab, wie gewohnt, auf der Stelle klein bei und stutzte dem wüsten Fuchs so gründlich die Krallen, daß die Presse den armen Erwin zeitweise zum "Konfektionär" zurückstufte. "Der deutsche Fernsehzuschauer", meint die Anstalt, bevorzuge eben "einen beamtenhaft-seriösen Kommissar", einen wie den Pomade-Pappkopf Derrick.
Lowitz, auch privat bärbeißig und als Freizeit-Philosoph dem Misanthropen Schopenhauer seelenverwandt, hat die Popularität, die der "Alte" ihm endlich bescherte, sichtlich genossen. In Münchner Frauenkreisen steht er im Ruf eines kreglen Schürzenjägers. Mit gerontophilen Blondinen, die sich in seinem Ruhm sonnen, turtelt er gern im Stammlokal "Kay''s Bistro". Die Kino-Nackte Isa Haller etwa ist ihm zugetan, weil er "so klug ist und immer so schöne Verse von Goethe aufsagt". Der Alte allerdings verweist lapidar auf die biologischen Grenzen der Lust, "die Libido läßt nach", man "kann nicht bis zum Ende des Lebens ein Bulle sein".
Diese wahrhaft stoische Einsicht hat Lowitz nun auch zum Abschied vom TV-Bullen bewogen; "gesundheitliche Gründe" haben mitbestimmt. Jetzt braucht er sich nicht mehr darüber zu ärgern, daß ihm als Krimi-Idol der Dritten Welt kein Honorar aus Auslandsverkäufen zugeteilt worden ist. Oft hat es ihn gegrämt, daß er im Gagen-Vergleich mit den Banausen von "Dallas" und "Denver", mit J. R. und Alexis ein armer Schlucker geblieben ist.
Im Sommer steht Lowitz ein letztes Mal vor der "Alten"-Kamera, an der Seite des neuen Kommissars. Der trauernden Köster-Gemeinde bleibt nur der Trost, daß der greise Greifer nicht mit Schimpf und Schande abtreten wird. "Erschießen werden wir unseren Alten nicht", versichert Produzent Ringelmann.
Und wenn der Faun im Alten endlich Ruhe gibt, wird sich Lowitz wohl jener Beschäftigung widmen, die ihm liebevoll die "Süddeutsche Zeitung" empfohlen hat: "Stille, Besinnung, Bühnenarbeit". Nächstes Jahr will er Turgenjews "Gnadenbrot" auf dem Tournee-Theater verzehren. _(Lowitz mit Christiane Krüger, Schimpf ) _(mit Ehefrau Ilse Zielstorff. )
Lowitz mit Christiane Krüger, Schimpf mit Ehefrau Ilse Zielstorff.

DER SPIEGEL 17/1985
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