03.06.1985

Eine Tracht Prügel pünktlich um sechs

SPIEGEL-Redakteur Harald Wieser über Bernhard Sinkels Filmprojekt „Väter und Söhne“ Mit Stars wie Burt Lancaster und Julie Christie dreht der Münchner Regisseur Bernhard Sinkel eine über siebenstündige Industriellensaga, die vom Aufstieg und Fall eines Familienclans im Nazi-Reich und von der Rolle der deutschen Chemie in den Weltkriegen erzählt. Politoper mit privatem Hintergrund: Einer der 1948 als Kriegsverbrecher verurteilten Direktoren des Chemiegiganten I. G. Farben war ein Verwandter des Regisseurs. *
Das Turmschloß der Bleistiftgrafen Faber-Castell in Stein an der Rednitz bei Nürnberg ist das Wahrzeichen einer versunkenen Welt. Unter den Dächern dieses Schlosses wurde in Sälen von mehreren hundert Quadratmetern gelebt; waren die Spielzimmer der Kinder allegorisch bemalte Fluchten; führt noch heute eine Marmortreppe in den ersten Stock, deren Erwerb einen Millionär vermutlich an den Bettelstab brächte. Eine Tafel im Kreuzgang beurkundet, daß das Schloß mit Palmenhaus und Kapelle nach den Wünschen "SR. Erlaucht Alexander Friedrich Lothar Grafen und Herrn von Faber-Castell" erbaut und 1906 seiner Bestimmung übergeben wurde: Flankiert von einer zeitweilen 30köpfigen Dienerschaft, residierten die Faber-Castells bis zum Kriegsausbruch 1939 in Stein.
Die Sieger nahmen das Paradies für profanere Zwecke in Beschlag. Während des Nürnberger Prozesses gegen die Nazi-Verbrecher wohnten amerikanische Ankläger und Journalisten mit ihren Familien im Steinschen Schloß, danach diente es als Offizierskasino. Seit 1953 aber steht es verwitternd und menschenleer in der Landschaft; alleine die Heizkosten könnte niemand bezahlen. Hinter gußeisernen Türen ist nur noch ein Nebenflügel bewohnt, unter anderem von einer betagten Dame, die 1928 als Hauswirtschafterin in die Dienste der Faber-Castells eingetreten war und deren wehmütige Erinnerungen an die "artigen Klänge" aus dem Musikzimmer und die "seltenen Stimmen" in der Bibliothek sich ausnehmen, als seien sie Erinnerungen nicht an die Wirklichkeit, sondern an einen alten Kinofilm.
Seit Ostern dieses Jahres sind aus dem Musikzimmer wieder Klänge und in der Bibliothek wieder Stimmen zu hören - haben grelles Scheinwerferlicht und 100 laute Komparsen die Gespenster aus dem Schloß vertrieben. Für seinen siebeneinhalbstündigen Film "Väter und Söhne", der die Geschichte (1911 bis 1947) der Industriellenfamilie des Geheimrates Carl Julius Deutz erzählt, hat sich der Münchner Regisseur Bernhard Sinkel ("Lina Braake") die Märchengruft zur Kulisse gewählt. Nach dem Unfalltod (1981) seines besten Freundes und Regiepartners Alf Brustellin war Sinkel lange Zeit "wie gelähmt". Nun ist er bis zur Arbeitsfähigkeit "über den Verlust hinweg" und riskiert, mit deutschen und ausländischen Schauspielern, das künstlerisch ehrgeizigste und politisch mutigste Projekt seiner Karriere.
Der Taxifahrer P. aus Nürnberg kennt in Stein keinen einzigen Menschen. Aber plötzlich verlangsamt er seine Fahrt und deutet auf einen Fahrradfahrer mit Schiebermütze im Gesicht, der zügig auf das Schloß zuradelt: Burt Lancaster ist mittlerweile 71, sieht jedoch auf seinem Fahrrad gut zehn Jahre jünger aus. In Sinkels "Väter und Söhne" spielt Lancaster, der Luchino-Visconti-Star aus "Der Leopard" und "Gewalt und Leidenschaft", den Geheimrat Carl Julius Deutz, und in den Drehpausen entspannt er sich mitunter sportlich. Verkehrte Welten im Zeitalter der Medien: _(Vor dem Sarg des im Ersten Weltkrieg ) _(gefallenen "Sohnes" Ulrich. Neben Julie ) _(Christie: "Enkel"-Darsteller Marcus ) _(Hetzner; hinter ihr v. r.: Dieter Laser, ) _(Bruno Ganz, Tina Engel, Komparsen. )
Von seinen Nachbarn im Nürnberger Zehn-Familien-Haus weiß Herr P. vielleicht nicht einmal die Namen; den Kinohelden aus Beverly Hills erkennt er unter Tausenden sogar an seinem Gang.
Burt Lancaster alias C. J. Deutz ist in Bernhard Sinkels 600-Seiten-Drehbuch bis zum Zylinder ein Patriarch der Gründerjahre: von den Mitarbeitern in seiner Teer- und Farbenfabrik ebenso geliebt und gefürchtet wie von seinen Kindern zu Hause. Der Geheimrat besucht seine Arbeiter noch persönlich am Krankenbett, spendet große Geldsummen für eine Lungenklinik und läßt ein Gewächshaus anlegen, um zu untersuchen, ob die Abgase seines Unternehmens, wie die Anwohner klagen, tatsächlich die Vegetation zerstören. Denn von einer Sache ist der unduldsame alte Herr, der in seiner Freizeit Orchideen züchtet und den Faustball schlägt, emphatisch überzeugt: von den Segnungen der (Arzneien und neue Impfstoffe produzierenden) Chemie. Nur möchte er damit auch Geld verdienen, und so begegnet ihm noch im Traum sein Wahlspruch: "Das Leben und die Geschäfte, das ist es, was wir zu erledigen haben."
Als der Geheimrat 1911 mit seiner Familie und seinem Freund, dem jüdischen, aber national gesinnten Bankier Bernheim (Martin Benrath), das 25jährige Jubiläum seines Unternehmens begeht, scheinen sich das Leben und die Geschäfte noch ganz nach seinen dickschädligen Plänen zu richten. Aber dann machen ihm ein Schicksalsschlag und eine bittere Enttäuschung zwei Striche durch die Rechnung. Sein ihm liebster Sohn und designierter Nachfolger Ulrich (Rüdiger Vogler), dessen kokainschnupfende Gattin Charlotte von der britischen Oscar-Preisträgerin Julie Christie gespielt wird, fällt im Ersten Weltkrieg auf dem "Felde der Ehre". Und sein Enkel Georg (Herbert Grönemeyer) verweigert sich dem Willen des Großvaters, indem er das ihm aufgezwungene Chemiestudium hinwirft, nach Berlin zur Ufa geht und als Schauspieler und Regisseur zu anderem Ruhm gelangt.
Der Erste Weltkrieg wird für den Geheimrat aber nicht nur zu einem privaten Unglück; auch sein unternehmerisches Ethos zerbricht an der neuen Zeit. Solange der konservative Griesgram kaufmännisch denken konnte, galt sein ganzer Stolz "seiner Firma" und dem Namen Deutz. Aber als die deutsche Kriegsmaschinerie 1914/15 in die Krise gerät, den kaiserlichen Soldaten die Munition und den Tanks das Benzin ausgeht, fordert (der spätere Außenminister) Walther Rathenau die konkurrierenden deutschen Chemieindustriellen zur "vaterlandsrettenden" Kooperation auf: "Finden Sie einen Weg, Ammoniak in Salpeter umzuwandeln, sonst ist das Reich verloren."
Der Geheimrat, der durchaus weiß, daß Salpeter der "Zauberstoff" für die Herstellung von Schießpulver und Dynamit ist, wehrt sich gegen die Zusammenarbeit mit der Konkurrenz. Aber in einer dramatischen Szene überredet ihn sein Sohn Friedrich (Dieter Laser) mit der Aussicht auf sagenhafte 27 Prozent Dividende. Schon wie ein Geschlagener vor seinem Schachbrett sitzend, gibt der alte Deutz sein Plazet - und kann in diesem Moment nicht ahnen, daß er damit aus seinem bequemen Ledersessel heraus dem Auftakt einer Tragödie zugestimmt hat; einer Tragödie, die den Ersten Weltkrieg um Jahre verlängern und den Zweiten erst möglich machen wird, Millionen Menschen den Tod bringt und deren Ende Auschwitz heißt.
Die zu den "oberen Hundert" zählende Familie des Chemikers Deutz hat es nie gegeben; sie wurde für den Film "Väter und Söhne" erfunden. Aber was immer diese Familie und ihre Geschäftspraktiken auf den Weg bringen, es ist historische Wahrheit. Wie auf einem Palimpsest geben sich die Deutzens von Szene zu Szene deutlicher als eine jener Firmen zu erkennen, die sich zu der später berüchtigten I.G. Farben zusammenschlossen - zu jenem Chemiegiganten also, der mittels seiner Experimente und Erfindungen (synthetisches Benzin) in beiden Weltkriegen das wirtschaftliche Rückgrat des deutschen Imperialismus war und dessen Direktoren (allesamt "führende Mäzene der Kunst, der Wohlfahrt und Religion") im Nürnberger Justizpalast 1947 der "vollständigen Mißachtung aller sittlichen und humanitären Überlegungen" angeklagt wurden: der "Sklaverei, der Plünderung und des Massenmords".
Der Industriekapitän Carl Duisberg, ein Bourgeois von seltener Skrupellosigkeit, hatte die drei größten deutschen Chemieunternehmen (Bayer Leverkusen; Farbwerke Hoechst; BASF) bereits kurz nach der Jahrhundertwende zu einer vorerst noch lockeren Interessengemeinschaft (I. G.) vereint, der sich 1916 drei kleinere Firmen anschlossen (eine dieser drei ist in "Väter und Söhne" die Firma Deutz). Wie kein anderer Konzern in der Welt konzentrierte die I. G. in ihren Laboratorien eine große Zahl hochkarätiger Wissenschaftler: unter ihnen die Nobelpreisträger Paul Ehrlich, Carl Bosch und Fritz Haber - dessen geniales Gehirn den Gaskrieg ersann: Um den Feind außer Gefecht zu setzen, erprobte das deutsche Militär am 22. April 1915 ein von Bayer Leverkusen entwickeltes Chlorgas. 15 000 französische Soldaten starben mit verätzten Lungen eines entsetzlichen Todes.
Aus den Trümmern des Kaiserreiches ohne nennenswerte Blessuren davongekommen, verwandelte Carl Bosch, nachdem es 1925 zur Fusion der bis dahin nur "kooperierenden" Firmen gekommen war, die Frankfurter Schaltstelle der I. G. Farben (die "Grüneburg") in eine autoritär geführte Kommandozentrale. Bereits im März 1933 stattete Bosch dem Reichskanzler seinen Ergebenheitsbesuch ab, bat aber, da jeder dritte der I. G.-Direktoren ein Jude war, um Schonung für die "verdienten" Kollegen. Die Worte, mit denen Hitler den _(Hermam Josef Abs (3. v. r., mit ) _(Uhrkette). )
Bittsteller zur Tür hinauskomplimentierte, sind verbürgt: So es ohne diese Leute nicht gehe, "werden wir hundert Jahre lang ohne Physik und Chemie arbeiten".
Mit diesem "Führerdiktat" war der Pakt zwischen der deutschen Chemie und dem deutschen Rassismus besiegelt. 1935 stellte Bosch seinen Posten als Generaldirektor zur Verfügung; er endete als Alkoholiker. 1937 trennte sich der Konzern von seinen jüdischen Chefs; die nichtjüdischen traten nahezu geschlossen in die NSDAP ein.
Vor dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjet-Union und um die Öl- und Buna(Reifen)-Produktion des Hauses zu steigern, errichtete die I. G. Farben 1941 ihr mörderischstes Unternehmen: die I. G. Auschwitz, ganz in der Nähe des zur gleichen Zeit im Bau befindlichen Vernichtungslagers. Die Arbeitskräfte kamen aus dem KZ und starben zu Tausenden: an Hunger, an den Schlägen, den Schikanen. Den Lohn für die Jammergestalten überwies die I. G. an die SS: für Kinder 1,50 Reichsmark pro Tag in der Hölle. Als Technischer Direktor verantwortlich für die I. G. Auschwitz war ein Chemiker, der seit 1926 als "ranghöchster Wissenschaftler" im I. G.-Vorstand saß und - wie sich die Bilder gleichen - 1956 als Aufsichtsratsvorsitzender der Bayer AG auch in der Bundesrepublik zu Ehren kam. Sein Name: Fritz ter Meer.
Als ich während meiner Gespräche mit Bernhard Sinkel den Namen dieses Mannes erwähne, gesteht Sinkel "eine gewisse Angst". In einem Buch des Amerikaners Joseph Borkin ("Die unheilige Allianz der I. G. Farben") ist ter Meer auf zwei Photographien zu sehen: inmitten des gutgelaunten I. G.-Farben-Vorstandes 1937 und vor dem Nürnberger Tribunal, das ihn 1948 zu sieben Jahren Gefängnis verurteilte. Diese Photographien sind für Sinkel nicht nur historisch interessant; sie sind Dokumente seiner eigenen Familiengeschichte. Denn Fritz ter Meer, der "Kopf" der I. G. Auschwitz und einzige Kriegsverbrecher der Frankfurter "Grüneburg", den das Gericht der Plünderung und Sklaverei für schuldig befand - dieser Experte der Menschenverachtung war ein Großonkel (und Sohn des Urgroßvaters) Bernhard Sinkels.
Aber der Regisseur setzt seine Figuren keineswegs als geborene Bestien ins Bild; er verurteilt sie nicht einmal. Sinkels Drehbuch spürt hinter den Kulissen einer spannenden Handlung vielmehr nüchtern der Frage nach, welche politischen Ereignisse den verhängnisvollen Aufstieg dieser Menschen begünstigen oder wie, nach einer Metapher Alexander Kluges, "die Artisten in der Zirkuskuppel" in die Zirkuskuppel gelangen. Eine Antwort auf die Frage ist die schillernde Laufbahn des Chemikers Heinrich Beck (Bruno Ganz), der Züge von Fritz ter Meer hat, am ehesten aber Carl Bosch ähnelt. Der charakterlich labile Heinrich, des Geheimrats Schwiegersohn, ist ein von der Alchimie der Reagenzien besessener Faust, dessen naturwissenschaftlicher Landgewinnung um jeden Preis im Kaiserreich und in der Weimarer Republik nur eine Grenze gesetzt ist: die Grenze des in der Markgesellschaft meist knappen Etats.
Mit der Machtergreifung der Nazis sieht sich Heinrich einer phantastischen Versuchung ausgesetzt. Da der neue Staat "seine" Wissenschaftler (und Künstler) ohne Rücksicht auf die Gesetze von Angebot und Nachfrage unterstützt, steht Heinrich über Nacht ein schier unerschöpfliches Reservoir an Reichsmark zur Verfügung. So wie der "Enkel" Georg (der an Gustaf Gründgens oder Veit Harlan erinnert) die Filme drehen kann, die er will, so können Heinrich und seinesgleichen nun ohne Geldsorgen forschen - und es macht für sie bald keinen Unterschied mehr, ob ihnen "im Dienst an der Wissenschaft" die Verfeinerung der Tonbandtechnik oder die Entwicklung einer chemischen Waffe gelingt. Von Selbstzweifeln nur geplagt, wenn er zu tief ins Glas schaut, wird aus Heinrich, der zu Beginn seiner stolzen Karriere die Formel für künstlichen Dünger (gegen den Hunger in der armen Welt) fand, am Ende der nicht minder stolze General einer I. G., die am Zyklon B für die Gaskammern der Mörder verdient.
Den konservativen Geheimrat (der im Film 1929 stirbt) hätte diese Verwandlung seiner Söhne und Enkel entsetzt. Und doch hat gerade er deren rechenhafte Mentalität zu prägen geholfen. Denn zeitlebens ist der Geheimrat der Regent eines Hauses, in dem ein schroffes Ordnungsdenken das ebenso vornehme wie verregelte Leben bestimmt. Die einzigen spontanen Regungen, zu denen die Deutzens fähig sind, zeigen sich als Herrschaftsallüren der Reichen: Sohn Friedrich verläßt auf seinen Reisen die Eisenbahn, wann es ihm gerade in den Sinn kommt - indem er die Notbremse zieht und den irritierten Schaffner mit ein paar Geldscheinen beruhigt.
Ansonsten aber ist das Haus der Familie Deutz eine Grabkammer der Spontaneität: Als der kleine Georg (Marcus Hetzner) versehentlich einen Ball durch die Fensterscheibe wirft, bekommt er (was unnachsichtige Härte genug wäre) die Prügel nicht etwa sofort - aus dem noch nicht abgekühlten Ärger des Großvaters heraus -, sondern Stunden später "pünktlich um sechs".
Der in englischer Sprache gedrehte Film "Väter und Söhne" kostet 18 Millionen Mark, ist eine Auftragsarbeit des WDR und wird von der Münchner Bavaria produziert; aber auch ein New Yorker Geldgeber ist beteiligt, das französische und italienische Fernsehen haben Francs und Lire investiert. In ersten Drehberichten der Boulevardpresse, aber auch der ARD-"Tagesthemen" hieß es, daß "Väter und Söhne", der im nächsten Jahr in viermal 110 Minuten Sendezeit auf den Bildschirm kommen soll, eine Art deutscher Ausgabe von "Dallas" und/oder "Denver" sei. Diese schicke Umdeutung des politisch brisanten Stoffes in eine Sex-and-crime-Story und Hysterien-Klamotte aus dem Milieu der Superreichen war zu befürchten.
Tatsächlich aber hat der Regisseur Bernhard Sinkel, 45, dessen Film mit erotischen Szenen keineswegs spart, vier Jahre Arbeit darauf verwandt, der
schwarzen Nazi-Romantik des raunenden Regisseurs Hans Jürgen Syberberg ("Hitler") ein aufklärendes Geschichtsbild entgegenzusetzen. Während Syberberg den Deutschen ihre düstere Vergangenheit aus der Sicht der Kammerdiener nahezubringen versucht, sind auf den Geschichtsbildern Sinkels hinter dem Zynismus der Mächtigen nicht Dämonen, sondern von aller Moral gereinigte Interessen zu sehen. Nach dem Thema "Heimat" von Edgar Reitz, mit dem Sinkel in München eine gemeinsame Filmwerkstatt unterhält, das Thema "Vaterland" im Deutschen Fernsehen.
Burt Lancaster, der als Resistanceheld Labiche in John Frankenheimers "The Train" 1964 schon einmal in einem Anti-Nazi-Film spielte und einer der wenigen Hollywoodstars ist, die mit der Linken sympathisieren, macht aus seiner politischen Zustimmung zu Sinkels Drehbuch kein Hehl.
Nach Nürnberg hat er sich einen Mann mitgebracht, dessen Beruf eine deutschen Filmteams fremde Spezialität ist: Neil Robinson, 50, der auch für Marcello Mastroianni arbeitet, ist Lancasters "Coach". In welchem Winkel des Faber-Castell-Schlosses sich der in den Drehpausen gelegentlich laut singende "Geheimrat" auch aufhält, der ebenso einsilbige wie hochkonzentrierte Coach ist in seiner Nähe. Robinson, der selbst einst Schauspieler war, bringt Lancaster Kaffee und nennt ihm die nächsten Termine, aber er fährt ihm, das Screenplay aufgeschlagen in der Hand, auch höflich in die Parade, wenn ihm ein Fehler unterläuft. Neil Robinson ist, nun bereits im fünften Film, Lancasters Herr und Knecht in einer Person.
Die gelassene Atmosphäre zwischen Lancaster und seinem Coach ist auch die Atmosphäre im übrigen Team. Dies zeigt sich bei den Kameraproben zu einer Szene, in welcher der Geheimrat mit acht älteren Herren beim Frühstück sitzt, um zu beraten, mit wieviel Geld sich die Industrie das Wohlwollen der bürgerlichen Parteien sichern könnte. Lancaster hat nur einen kurzen Text in die Herrenrunde zu sagen, aber es ist etwas passiert: Der Regisseur hat ihm in der Nacht zuvor eine Anweisung ins Script geschrieben, die ihn nun überrascht. Der Geheimrat soll, während er spricht, ein Ei aus dem Frühstückskorb nehmen und "die Spitze mit kleinen, gezielten Schlägen zerdeppern". Dieses synchrone Spiel kostet augenscheinlich Nerven und führt dazu, daß Lancaster, der sonst bereits Tage vor dem Auftritt in seinen Situationen zu leben pflegt und sie dann traumwandlerisch sicher darstellt, sich geschlagene zwei Stunden lang immer wieder verspricht.
Die Explosion des Stars bereitet sich über mehrere Alarmstufen vor. Die Versprecher der ersten halben Stunde entschuldigt er mit einem leisen: "I''m sorry, once again please!" Die der zweiten mit der Bitte um Geduld: "You must be patient with me." Die der dritten mit einem verzweifelten Blick auf das Ei, das "mich umbringt": "Excuse me, this business is killing me!" Erst als ihm zum x-ten Mal ein "democratic society" anstatt des gewünschten "democratic system" herausrutscht, wirft er die Arme in die Höhe und macht sich laut schimpfend Luft - nicht an die Adresse des Regisseurs, sondern an die eigene.
Dann hat Kameramann Dietrich Lohmann, der aus seinen Dreharbeiten mit Fassbinder andere Töne gewöhnt ist, die Szene endlich im Kasten. Das Team und die Technik spenden Lancaster Beifall und demonstrieren nicht nur in dieser Szene, daß die Herstellung eines Films auch ohne die branchenüblichen Brutalitäten gelingen kann.
Bevor das "Väter und Söhne"-Team das Faber-Castell-Schloß in Stein an der Rednitz vom Staub der unbehausten Jahre befreite, wurde vier Monate in Prag und eine Woche in Leuna/DDR gedreht. Auch in Prag nämlich ist die untergegangene Welt, deren Spurensicherung der Film versucht, noch vielerorts intakt. In Prag lassen sich noch Bankhäuser ohne moderne Kassenschalter besichtigen. Oder Straßen mit Kopfsteinpflaster. Oder Filmstudios mit Holzfußböden, die ganz so aussehen wie ein altes Ufa-Gelände, auf dem der "Enkel" Georg sein Glück zu machen verstand. So daß im Prag des Jahres 1985 das Berlin der 20er Jahre vorgefunden wurde.
Die Chemiefabrik in Leuna heißt heute VEB Walter Ulbricht; aber auch in Leuna scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Alles ist noch so wie bei der Gründung des Werkes: die gleichen Kräne, die gleichen Öfen, die gleichen Kompressoren, die Ammoniakanlage von damals. Die Gründung des Werkes fand 1916 statt, im Jahr, in dem Carl Duisberg die I. G. Farben aus der Taufe hob - zu den Klängen des Schlußchorals aus der Matthäus-Passion.
Das Photo des I.G.-Farben-Vorstandes aus dem Jahre 1937 sah ich mir mit Bernhard Sinkel während des Gespräches in einem Nürnberger Hotel an. Auf diesem Photo steht vor Fritz ter Meer ein anderer wichtiger Mann: Hermann Josef Abs, der seinerzeit Mitglied des Aufsichtsrates war. Aber je länger wir das Photo betrachteten, desto ferner trat die von ihm ausgehende Nachricht in eine tote Vergangenheit zurück. Doch dann beschert mir der Zufall das Goldgräberglück des Journalisten: Als ich Stunden später auf die Straße gehe, steht Polizei vor dem Hotel, und ich erfahre, man erwarte "hohen Besuch".
Ein paar Minuten später fährt eine kleine Autokolonne vor: Fast 50 Jahre älter geworden, betritt Hermann Josef Abs das Hotel, um sich anläßlich einer Nürnberger Ausstellung zum 150jährigen Jubiläum der deutschen Eisenbahn mit anderen Repräsentanten der Wirtschaft zu treffen. Mit einemmal ist das alte Photo lebendig. Und den Zaungast beschleicht eine Ahnung, was Bernhard Sinkel gemeint haben könnte, als er seine "gewisse Angst" vor dem eigenen Film gestand. Nach der exklusiven Wahrheit nämlich, welche die von Hermann Josef Abs beehrte Ausstellung verkündet, fuhren zwischen 1933 und 1945 in Deutschland keine Züge.
Vor dem Sarg des im Ersten Weltkrieg gefallenen "Sohnes" Ulrich. Neben Julie Christie: "Enkel"-Darsteller Marcus Hetzner; hinter ihr v. r.: Dieter Laser, Bruno Ganz, Tina Engel, Komparsen. Hermam Josef Abs (3. v. r., mit Uhrkette).
Von Harald Wieser

DER SPIEGEL 23/1985
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