01.07.1985

Viel Profit

Die Doping-Seuche breitet sich weiter aus, offenbar auch im Motorsport. Kontrollen dämmen nur die Zahl der Todesopfer ein. *
Gibt es noch eine saubere, dopingfreie Sportart? "Schach vielleicht", antwortete Professor Manfred Donike spontan, ein weltbekannter Experte, dessen Kölner Labor jährlich 3000 Doping-Tests vornimmt.
In den Testsälen des Instituts für Biochemie an der Kölner Sporthochschule arbeitete Donikes Stab an Proben vom Aachener Reitturnier. Anschließend stehen Untersuchungen nach den Titelkämpfen der Schwimmer und dem Leichtathletik-Länderkampf gegen die USA an. Die Labor-Ausrüstung hat etwa drei Millionen Mark gekostet, in einem Testapparat stecken 250000 Mark.
Tricks verfangen bei diesem Aufgebot an Analyse-Elektronik längst nicht mehr. Der gedopte Radler, der durch einen Katheter Fremd-Urin einfüllte, wurde mühelos überführt, ein Athlet, der sein Abwasser mit Orangensaft verdünnt hatte, sowieso.
Dabei brodeln bei der Analyse keine Essenzen mehr, keine farbigen Dämpfe wallen. An ein grau lackiertes Gerät stöpseln Chemiker Kanülen mit dem Kontroll-Urin. Er gelangt in 0,2 Millimeter dünne, zu Spiralen geschlungene Hohldrähte. Dann macht das Analysewerk nacheinander unzählige Substanzen dingfest, nach ergänzenden Verfahren, Gas-Chromatographie und Massenspektrometrie genannt. Wenn der Computer-Monitor verbotene Stoffe als hochschießende Zacken ausweist, ist die Probe positiv: ein neuer Doping-Fall.
Das Kölner Institut wirkt als eine Art Wellenbrecher in einem Meer von Dopingsubstanzen. Mittlerweile bekämpfen 14 international anerkannte Doping-Labors von Brisbane über Los Angeles bis Tokio die weltweit vordringende Doping-Pest, sechs weitere kommen demnächst hinzu. Alle arbeiten nach den in Köln entwickelten Verfahren. Doch aufsehenerregende Siege wie bei den Panamerikanischen Spielen 1983 mit elf ertappten Gewichthebern auf einen Schlag sind selten. Gelegentliche Funde wertet Donike als "Spitze des Eisbergs".
Denn pharmazeutische Leistungs-Manipulation greift auf immer neue Bereiche über. Sogar im Segeln fand sich ein Sünder; er hatte ein Aufputschmittel geschluckt. Beruhigungstabletten gegen die Seekrankheit haben die einst verbreitete, aber als Leistungshemmer entlarvte Rum-Ration im harten Regattasegeln abgelöst. Im Tennis sei, so Donike, vieles "von Captagon bis Heroin" im Schwange, und aus Fußball-Kabinen habe er von "Captagon-Schachteln im Papierkorb" erfahren.
Auch der Motorradprofi und viermalige Weltmeister Anton Mang äußerte jüngst, "daß sich einige Kollegen dopen", und zwar mit beruhigenden Beta-Blockern, die den Pulsschlag dämpfen. Rallyefahrer, meint Donike, ziehen Aufputschmittel wie Captagon vor. Insider wollen wissen, daß Motorsportler sogar Beta-Blocker und aufputschende Pillen zugleich einnehmen, damit der chemische Energiestoß bei geminderter Nervosität noch günstiger wirke.
"Es gibt Typen von Fahrern, denen das zugute kommt", berichtete schon der 1983 tödlich verunglückte Grand-Prix-Rennfahrer Rolf Stommelen. Der Finne Keke Rosberg habe ihm gestanden, "daß er am Start vor Nervosität kaputt geht". Mindestens zweimal war im Motorsport schon dringender Doping-Verdacht aufgekommen. Regelmäßige Kontrollen finden nicht statt.
Bei einem Formel-3-Rennen in Caserta führte die italienische Polizei das unverantwortliche Fahrverhalten einiger Teilnehmer auf Drogen zurück. Die dänische Automobilsport-Union stellte Mißbrauch von Amphetaminen bei Nacht-Rallyes fest. Ein Fahrer war bei einer Rallye in Polen zusammengebrochen und nur knapp dem Tode entronnen. Er hatte Aufputschtabletten geschluckt.
Besser "als einzuschlafen und zu verunglücken", meinte Professor Heinz Liesen, inzwischen Arzt der Fußball-Nationalmannschaft, sei es, im Rallyesport Wachhalter anzuwenden. Beta-Blocker hält er dagegen für "sehr bedenklich", denn sie setzen die Angstschwelle herab. Angesichts des anscheinend aussichtslosen Kampfes sprach sich Liesen, international nicht als einziger, schon für kontrolliertes Doping aus.
Für Donike hingegen ist eine "Freigabe keine Alternative". Die Gefahren wären "zu messen an den Hunderten von Toten in der Drogenszene". Juan Antonio Samaranch, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees
(IOC), hoffte: "Ich möchte keine Toten sehen."
Die gibt es längst. 70 Doping-Opfer kennt die medizinische Literatur im Westen. Hinzuzurechnen sind wohl die meisten von etwa 50 Sowjet-Athleten, denen Drogeneinnahme und frühzeitiger Tod gemeinsam sind.
CSSR-Mediziner L. Schmid vom Prager Institut für Sportmedizin untersuchte 780 tote Sportler. 218 von ihnen wiesen bösartige Tumore auf, vermutliche Doping-Spätfolgen. Kürzlich starb der ungarische Diskuswerfer Janos Farago, 38, an Leber- und Nierenschäden. Er hatte sein Gewicht mit pharmazeutischer Hilfe um 45 auf 130 Kilo gesteigert. Mehr als 30 Fälle von Leberkrebs, denen längere Anabolika-Behandlung vorausgegangen war, sind seit 1983 dokumentiert worden.
Dennoch sank die Hemmschwelle vieler Athleten. Sie leben in einer Gesellschaft, die täglich mit Wachhalte- und Beruhigungsmitteln umgeht, in der viele routinemäßig zu Schlafdrogen und Schmerztabletten greifen. Etwa 30 Milliarden Mark geben Bundesbürger jährlich für Medikamente aus.
Während seiner Zeit als Radprofi hatte Donike beim New Yorker Sechs-Tage-Rennen selbst im Kaufhaus Macy's "Kilo-Packungen von Drogen" entdeckt, die später auf Doping-Listen erschienen. Trotz Verbots sind Doping-Mittel weiterhin verfügbar, ob aufputschendes "Dynamit" oder Anabolika, die gegenwärtig 80 bis 90 Prozent Marktanteil unter Dopingdrogen haben. Im Ostblock gelten vor allem Ungarn, Polen und die UdSSR als Hauptlieferanten von Schmuggelpillen, im Westen die USA und Mexiko.
Offizielle, kontrollierte Einnahme im Ostblock, Empfehlungen im Westen mindern das Risikobewußtsein der Athleten. "Wow, ist das ein tolles Zeug", so empfiehlt ein anonymes "Underground Steroid Handbook for Men and Women" in den USA ein neues, synthetisches Wachstumshormon.
Im Westen entwickelten sich Bodybuilding-Studios zu Umschlagzentren. Inserate in Fachzeitschriften bieten unter wechselnden Adressen Anabolika an. Einmal alarmierte ein Zollamt das Doping-Labor: Aus Holland sollte ein Mittel namens Nerobol in großen Mengen eingeführt werden.
"Da steckt viel Profit drin", faßte Donike zusammen. Sogar Verflechtungen mit der Rauschgift-Szene kündigen sich an. US-Straßenfahrer experimentierten schon mit ephedrinhaltigen "Pep-Pillen", wie sie in einigen Discos angeboten werden. Tablettenkonsum kann süchtig machen. Die belgischen Radprofis Rik van Steenbergen und Eric de Vlaeminck gerieten nach ihrem Rücktritt unter Rauschgift-Anklage. Donike fürchtet eine "Tendenz zu Kokain".
Als unwirksam betrachtet Donike das vom IOC ebenfalls auf den Index gesetzte sogenannte Blutdoping: Dabei wird Athleten etwa ein Liter zuvor abgezapftes eigenes oder fremdes Blut vor dem Wettkampf eingespritzt. Dadurch sollen die Muskeln durch mehr rote Blutkörperchen besser mit Sauerstoff versorgt und leistungsfähiger gemacht werden.
Aus einem US-Trainingslager im Olympiajahr 1984 wurde inzwischen eine Frankensteinsche Szene bekannt: In einem Zimmer des Motels Ramada Inn in Carson (Kalifornien) ruhten im Doppelbett ein Bahnradler und ein Verwandter. Ein Arzt kontrollierte die Bluttransfusion an den Athleten.
Sieben Olympiastarter nahmen nacheinander Blut auf, John Beckman von seiner Frau. Vier, darunter Steve Hegg und Leonard Nitz, erkämpften in Los Angeles Medaillen. Drei behandelte Fahrer brachen ein. Mark Whitehead klagte: "Ich wurde krank und ruinierte mich für die Olympischen Spiele."
Das war schon dem Würzburger Werner Krammel vor dem Münchner Olympia 1972 passiert, als Ärzte an sechs bundesdeutschen Schwimmern Blutdoping ausprobierten. Nach einer Blutentnahme befiel Krammel auf dem Fahrrad-Ergometer "ein Herzstillstand von 30 Sekunden". Er verpaßte die Olympia-Teilnahme und gab auf. Der Test wurde abgebrochen, so Trainer Rainer Siewert, "weil er nichts brachte".
Das Anabolika-Problem, so Donike, "ist nur durch Kontrollen während der Trainingsphase zu lösen". 1000 zusätzliche Proben jährlich könnte sein Institut ohne zusätzliche Kosten bewältigen.
Der Ruder-Weltverband beschloß bereits Trainings-Kontrollen, 25 Nationen stimmten zu, der Ostblock war dagegen. Großbritanniens Leichtathletik-Verband stellt nur noch Athleten auf, die sich freiwilligen Proben unterwerfen.
Verbands-Präsidien und sogar Regierungen könnten Doping wirksam bekämpfen, wenn sie nur wollten. Bislang subventionieren sie weiterhin Sportarten, die Kontrollen unterlassen. Außerdem unterstützen sie auch den Verkehr mit nationalen Verbänden, die ihre Athleten ernsthaften Kontrollen entziehen.
Donike wendet sich indessen schon einem anderen Sportproblem zu. An Radsportlern erforscht er die Streßanfälligkeit, die Angst des Athleten vor dem Wettkampf.

DER SPIEGEL 27/1985
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