05.08.1985

MUSIK-INDUSTRIEPhantastische Zahlen

Die vor zwei Jahren eingeführte Compact-Schallplatte verhilft den Herstellern zu prächtigen Umsätzen. *
Für Volker Thormählen, Popmusik-Moderator beim Norddeutschen Rundfunk, war es schlicht "ein historischer Augenblick". Im "Club", der bei Teens und Twens in ganz Norddeutschland beliebten Vorabendsendung, kam vor einigen Wochen zum ersten Mal die Pop-Musik von einer Compact-Schallplatte.
Es war ein Titel der Hamburger Rockgruppe "Lake". Und wenn auch ein Rundfunksender die volle Klangqualität der Compact-Scheibe gar nicht übertragen kann - besser als ein Stück vom Band oder von der herkömmlichen Platte klang es allemal, was von den Lake-Rockern durch den norddeutschen Äther ging.
Den "Zauberton der achtziger Jahre", wie die Werber der Schallplattenkonzerne ihre Compact-Technik anpreisen, haben nun auch die eher konservativen Aufnahmeleiter in den Rundfunkanstalten entdeckt. Sie folgen den vielen Musikfans, die sich schon längst begeistert dem neuen Angebot der Schallplattenindustrie zugewandt haben.
Die bierdeckelgroßen, silber-glänzenden Compact-Schallplatten - unter Kennern kurz CD genannt - sind auf dem besten Weg, die verschleißanfälligen, rumpelnden schwarzen Langspielplatten abzulösen. Die Nachfrage nach dem neuen Tonträger ist so rasch gewachsen, daß alle Firmenprognosen überrollt wurden.
Obwohl die Hersteller die Kapazität ihrer CD-Pressen ständig ausweiten, können sie längst nicht alle Kunden bedienen. Die CD, freut sich ein Manager der marktbeherrschenden Polygram-Gruppe, "entwickelt sich zum Wachstumsmotor der Schallplatten-Industrie". Mit Compact-Scheiben macht der Schallplatten-Handel 1985 - im dritten Jahr nach der Einführung - bereits gut zehn Prozent seines Umsatzes.
Der Silberling bietet der Musikindustrie, die in den letzten Jahren arg gelitten
hat, erstmals wieder Hoffnung auf schöne Umsätze und gute Gewinne. Vor allem aber: Die Europäer waren endlich mal wieder bei einer geldbringenden Innovation in der Unterhaltungselektronik von Anfang an dabei. Rechtzeitig hatte sich die Polygram - mehrheitlich im Besitz des holländischen Philips-Konzerns - zum Bau eines CD-Werks entschlossen. Am 21. August 1982 begannen im Polygram-Werk Hannover-Langenhagen die CD-Pressen ihren Betrieb.
Die Investition in die teuren CD-Maschinen erschien damals hoch riskant. Die ersten Branchen-Prognosen sprachen nämlich eher für eine Zurückhaltung. Höchstens eine halbe Million CDs meinte die Industrie im Einführungsjahr 1983 loswerden zu können. Tatsächlich aber wurden 1,3 Millionen Silberscheiben in Deutschland verkauft; im vergangenen Jahr waren es schon 2,9 Millionen. Weltweit stieg der CD-Absatz auf 17 Millionen Stück. In diesem Jahr werden es wohl 40 Millionen sein.
Bei ihren Prognosen hatten sich die Experten zunächst am traditionellen Plattenmarkt orientiert. Da kauft jeder Besitzer eines Schallplattenspielers jährlich im Schnitt vier Langspielplatten.
Von einer doppelt oder dreimal so großen Nachfrage meinten die Marketingexperten bei den Besitzern von CD-Spielern ausgehen zu können; denn die mußten sich ja erst mal nach dem Erwerb der CD-Maschine einen Grundstock von Platten anschaffen.
Doch die hochgesteckten Erwartungen wurden durch geradezu "phantastische Zahlen" (ein Polygram-Manager) überflügelt: Zur Zeit stellen sich die CD-Einsteiger im ersten Jahr rund 30 Scheiben in den Schrank. Sie geben damit noch einmal genausoviel für Platten aus, wie sie zuvor für das Abspielgerät bezahlt haben, rund tausend Mark.
Das erstaunte die Branche um so mehr, als die CD-Fans im Vergleich zu den Käufern von Langspielplatten erst unter einem vergleichsweise schmalen Angebot wählen können. In einigen Musiksparten, etwa Jazz oder Operette, ist der Katalog sogar ausgesprochen ärmlich. Insgesamt werden Ende dieses Jahres rund 8000 Titel auf der Silberscheibe verfügbar sein; bei den Langspielplatten bietet allein der Klassikkatalog eine doppelt so große Auswahl.
Doch viele Kunden kaufen nicht nur die echten Neuerscheinungen und aktuellen Hits, etwa die der US-Rockröhre Tina Turner oder der britischen Softband Dire Straits. Sie wollen vielmehr auch ihre Lieblingsmusik, die sie seit Jahren im Plattenschrank stehen haben, nun noch einmal in verschleißfreier CD-Qualität besitzen. So erleben Rock-Klassiker mit dem legendären Elvis Presley oder mit den Rolling Stones ebenso einen weiteren und für die Musikfabrikanten lukrativen Höhenflug wie historische Klassikaufnahmen mit Bruno Walter oder Wilhelm Furtwängler.
Die anfangs sehr skeptischen Plattenmanager kommen denn aus dem Staunen nicht heraus. "Es gibt weltweit", beschreibt Philips-Manager Karel Vuursteen die Erfolgskurve der CD, "kein anderes Produktbeispiel für eine so rasante Marktentwicklung vom Starttage an."
In den USA etwa nimmt der Polygram-Konzern mit dem CD-Verkauf schon genausoviel ein wie mit seinen sämtlichen Klassikern. 1989, so die immer höher fliegenden Pläne, sollen mindestens genauso viele Silberlinge wie Langspielplatten abgesetzt werden.
Noch allerdings ist die Musikindustrie für diesen Zeitpunkt nicht gerüstet. Noch haben die Hersteller gar nicht genug Maschinen, um so viele Platten zu pressen. Trotz des Booms gibt es weltweit erst einige wenige Anlagen für die CD-Herstellung. Die Umstellung verlangt Investitionen von zig Millionen Mark.
Anders als die Vinylplatten werden die Laserscheiben in absolut staubfreien und hochtechnisierten Anlagen hergestellt, ähnlich wie Computerchips. Diese Ausgaben scheuten bisher die meisten Plattenkonzerne. So beschränkt sich die Produktion in Europa - mit Ausnahme eines kleinen Betriebs der Firma Nimbus Records in England - auf das Polygram-Werk in Hannover. Bei Polygram - 60 Prozent der CD-Platten werden dort gepreßt - lassen nahezu alle Plattenfirmen ihre Scheiben herstellen.
Um den Auftragsboom zu bewältigen, mußten die Hannoveraner 600 neue Leute einstellen und zudem Schichtdienst rund um die Uhr einführen. Doch auch das reicht nun nicht mehr. Vor kurzem wurden deshalb zusätzlich 350 Arbeitslose angeheuert, die am Wochenende die Maschinen auslasten.
Die Zurückhaltung der Polygram-Konkurrenten in Sachen CD-Fertigung nutzten vor allem die Japaner. Elektronikgiganten wie Sanyo, Sony oder Matsushita, die bisher nichts oder nur wenig mit dem Plattengeschäft zu tun hatten, stampften mehr als ein halbes Dutzend CD-Fabriken aus dem Boden. Dennoch blieb der erwartete Preissturz aus. Seit Monaten pendeln die Platten konstant um die 30 Mark für Pop- und um die 35 Mark für Klassikaufnahmen.
Auch in den nächsten Monaten sind größere Preisabschläge nicht zu erwarten. Dafür werden allein schon die neuen Käuferschichten sorgen. Schon gibt es tragbare Abspielgeräte, ähnlich den Walkman-Kassettenrecordern. Und bald können auch Autofahrer vom CD-Sound beflügelt durch die Gegend fahren.

DER SPIEGEL 32/1985
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